Das deutsche Wort „Freizeit“ geht auf den spätmittelalterlichen Rechtsbegriff „frey zeyt“ zurück, der im 14. Jahrhundert die „Marktfriedenszeit“ beschrieb. In jenem Zeitabschnitt wurde Marktreisenden und -besuchern Sicherheit vor Gewalt und Störungen aller Art, einschließlich Zwangshandlungen wie Verhaftungen und Vorladungen, gewährleistet. „Frey zeyt“ war damals somit eine temporäre Friedenszeit – Frieden für die Gemeinschaft und Frieden für den Einzelnen. In den folgenden Jahrhunderten änderte sich das: Im Zuge der Industrialisierung schwoll die Arbeitszeit drastisch an, die Zeit für Muße und Entspannung schrumpfte im Gegenzug. Erst als Staat und Fabrikherren nach viel Widerstand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einzusehen begannen, dass der Gesundheitszustand der Arbeiter sich durch immer mehr Arbeit und Ausnutzung bedenklich verschlechterte, kam die Idee der rechtlich verankerten Freizeit wieder auf. In Europa wird das heute durch Tarifverträge geregelt, und auch in Korea haben die Gewerkschaften mittlerweile einen großen Einfluss darauf, wie lange und für wie viel Geld gearbeitet werden soll.
Betrachtet man Korea, so steht das Thema Freizeit allerdings längst nicht so zur Debatte. Koreaner sind als „workoholics“ bekannt, vor allem die Männer sind oft bis zum Abend in ihrer Firma. Vor dem Chef den Arbeitsplatz zu verlassen gilt als unhöflich, und oft darf oder muss man nach Dienstschluss noch geschlossen mit den Kollegen in die Kneipe gehen.
ähnliches gilt auch für junge Koreaner, die noch nicht im Berufsleben stehen. Schüler, besonders die Oberschüler, sind bis zum späten Nachmittag in der Schule, anschließend besuchen fast alle eine Nachhilfeschule, und wer vor der Abschlussprüfung täglich mehr als vier Stunden schläft, gilt sowieso als potentieller Versager.
Die einzigen, die Freizeit haben, sind Kinder vor dem Kindergarten, denn dort geht es mit der „Aus-Bildung“ bereits los, alte Menschen und Studenten.
Die Universität gilt, besonders nach den Paukjahren in der Highschool, als Hort der Glückseligkeit und Muße. So können vor allem Lehrende an der Universität ein Lied davon singen, dass ihnen zwar oft erzählt wird, wie „hart“ gerade wieder studiert wurde, die Leistung und die Lehrerfolge aber oft das Gegenteil besagen. Inzwischen wird auch von Studenten eingesehen, dass ein Studium nutzbringend sein soll und dass man sich darum auch bemühen muss. Fragen wir die Studenten nach dem Berufswunsch, so taucht vielfach die Antwort „in einer ausländischen Firma“ auf, verbunden mit der Erklärung „mehr Urlaub, keine Arbeit am Samstag, mehr Freizeit.“
Wie wird nun Freizeit in Korea gesehen? Und inwiefern gibt es Unterschiede zu Deutschland oder Europa? Ist es nur die Abwesenheit von Arbeit oder Lernen? Fragen wir unsere Studenten, so bekommen wir Antworten, die oftmals durch die Lehrbücher vorgegeben werden. Freizeit ist Lesen, Musik hören, Sport betreiben oder ins Kino gehen. Sprechen wir mit Ihnen im Unterricht über das vergangene Wochenende, müssen wir die Perfektformen zahlreicher starker Verben dank ständiger Wiederholung bald nicht mehr korrigieren: „Ich habe Freunde getroffen, Samgyeopsal gegessen, Soju getrunken und einen Film gesehen“ oder ganz einfach „geschlafen.“ Zahlreiche Studenten sind auch noch „in die Kirche gegangen“ – den ganzen Tag lang, und das ist dann eben wie bei vielen anderen jüngeren und älteren Koreanern auch Freizeitgestaltung.
ähnlich wie in Deutschland hören wir in Korea Sätze wie „Müßiggang ist aller Laster Anfang“. In Korea wie in Deutschland ist die Arbeit, Betätigung oder das Lernen etwas Edles, Sinnvolles. Damit gerät das Gegenteil, also die Freizeit, leicht in den Ruch des Negativen: Faul-sein, Nichts-tun, Zeit verschwenden. So versucht man vielleicht auch, die Freizeit etwas mit nutzbringender Beschäftigung zu verbinden. Es muss ja nicht gleich so wie in manchen Gegenden Deutschlands so aussehen, dass jedes zweite Auto, das am Sonntagabend im Stau steht, mindestens ein Surfbrett oder mehrere Paar Ski auf dem Dach hat. Sieht man sich aber die scheinbar sprunghaft zunehmende Zahl von Mountainbikern – auch wenn sie sich vorwiegend auf achtspurigen Straßen vorwärts bewegen – und die Shops trendiger Outdoor-Ausrüster an, so zeigen die Zeichen doch eindeutig in eine ähnliche Richtung: Wenn da nur nicht die viele Arbeit im Büro, der Kollegen-Stammtisch, die zahlreichen Jahrgangsabschluss- und sonstigen Treffen und der karge Urlaub wäre.
Fragen Sie einfach mal Ihre Studenten, was sie über Freizeit denken, wie sie den Sinn von Freizeit einschätzen, und versuchen Sie vielleicht auch, die Texte aus dieser Ausgabe mit ihnen zu diskutieren und als Gesprächsanlass für den Unterricht zu verwenden.
Copyright © 2007 by Michael Menke