Eine besonders für Lehrkräfte empfehlenswerte Art der Freizeitgestaltung ist körperliche Betätigung und Ertüchtigung, kurz Sport. Bei vielen Schülern und Studenten ist Sport sehr beliebt, es folgt nach unserer spontanen Schätzung gleich hinter Computerspielen. Auch viele Koreaner, die fest im Berufsleben stehen, betätigen sich bei Gelegenheit gerne sportlich, angefangen beim Badminton auf dem Supermarktparkplatz und Inlineskating am Flussufer über das kollektive Bergwandern und dem Jogi Chukgu, der Sonntagsmorgenfußball (siehe „Amateurfußball in Korea“, in dieser Ausgabe), bis hin zum teuren Besuch einer Golf- oder Skianlage. Daneben bestehen die meisten Angebote für Trendsportarten (z.B. Taekwondo, Tanzen, Yoga, Pilates, Fitness) aus privaten Sportinstituten, die ähnlich wie die allgegenwärtigen Hagweons organisiert sind und sich oftmals im selben Gebäude befinden. Darüber hinaus gibt es in jedem Gu-Bezirk eine öffentliche Einrichtung für Kulturelles aller Art, in der neben Koch- und Samulnori-Kursen oft auch Sportkurse (z.B. für Tanzen, Kumdo) angeboten werden, zu konkurrenzlos günstigen Tarifen und zu Angestellten entgegen kommenden Uhrzeiten.
Lektoren haben den Sportbetrieb aber meist direkt vor der Nase (und während des Unterrichts oft in den Ohren). An einer Highschool wird man(n) nicht selten von den eigenen Schülern aufgefordert, beim Fußball, Basketball, Tischtennis oder Badminton mitzuspielen. An einer Uni ist das Mitmachen oft nicht so problemlos, weil der koreanische Unisport vor allem auf Leistungssport konzentriert ist. Wer aber als fitter Lektor aus alter Gewohnheit Sportvereine nach deutschem Muster sucht, wird in Korea nicht fündig werden, denn Sport ist hierzulande grundsätzlich anders organisiert als in Europa, speziell in deutschsprachigen Ländern. Warum ist das hier so anders als bei uns?
Um die Gegenwart zu verstehen, ist es hilfreich, zu erkennen, wie sie sich aus der Vergangenheit herauskristallisiert hat. Im Folgenden soll daher versucht werden, gewisse Eigentümlichkeiten der koreanischen Sportkultur historisch nachzuzeichnen. Zu diesem Thema liegen uns zwei relevante deutschsprachige Bücher vor, beides ursprünglich Doktorarbeiten an der Deutschen Sporthochschule Köln: Song Hyeong-Seok, Zur Sportentwicklung in Südkorea, Hamburg 1996, sowie Jung Koo-Chul, Erziehung und Sport in Korea im Kreuzpunkt fremder Kulturen und Mächte, Köln 1996. überraschenderweise zitieren sich die beiden parallel geschriebenen Arbeiten mit keiner Silbe gegenseitig. Sie weisen bei großer thematischer Überschneidung völlig eigenständige Literaturverzeichnisse auf, kommen aber im Großen und Ganzen zu den gleichen Ergebnissen. Sie ergänzen sich gegenseitig fast ideal: während man bei der umfangreicheren historischen Arbeit von Jung mit Details derart überhäuft wird, dass bisweilen der Zusammenhang aus dem Fokus gerät, findet man bei Songs pointierterer analytischer Arbeit die entsprechenden Zusammenhänge herausgestellt, unter Verzicht auf exemplarische Beispiele. Wenn wir im Folgenden also hauptsächlich von diesen Untersuchungen ausgehen, verzichten wir aber weitgehend auf Zitate und Referenzen, weil uns das zu sehr aufhalten würde. In Sachen Taekwondo und andere Kampfsportarten erscheinen uns Jungs Ausführungen aber ungenau bis falsch; hier beziehen wir uns auf andersartige Erkenntnisse, die sich in den letzten Jahren durchgesetzt haben (siehe z.B. de.wikipedia.org/wiki/taekwondo). Speziell für die Olympischen Spiele in Seoul 1988 gibt es zahlreiche (englischsprachige) Darstellungen; hier sei vor allem Park Seh-jik, The Seoul Olympics. The Inside Story, London 1991, empfohlen. Darüber hinaus sind die Bücher von Andrew Jennings in Sachen IOC und Olympische Spiele immer sowohl informativ als auch unterhaltsam.
Spiel- und Körperkultur waren in der frühen altkoreanischen Gesellschaft wahrscheinlich weit verbreitet, was sich heute noch im Hwarang-Mythos sowie in gewissen schamanistischen Riten und Bräuchen zeigt. Durch die Übernahme des Neo-Konfuzianismus als Staatsideologie im 14. Jahrhundert ging diese Kultur jedoch weitgehend verloren. Ausnahmen gab es vor allem in den unteren Schichten, die ihre traditionellen Spiele weiterhin auf Volksfesten zelebrierten, und im (nach chinesischer Anleitung ausgebildeten) Militär, genauer bei den einfachen Soldaten. Die höhere Militärbeamtenklasse beschäftigte sich hingegen eher mit Kriegsstrategie und versuchte, sich von unwürdiger körperlicher Anstrengung genauso fern zu halten wie die Zivilbeamtenklasse. Solange Korea bis zum Ende der Joseon-Zeit unter chinesischem Schutz stand, gab es außerdem noch keinen Bedarf nach einer allgemein wehrtüchtigen Bürgerschicht.
Das änderte sich, als ab Ende des 19. Jahrhunderts immer mehr Ausländer ins Land
kamen und Korea sich gezwungen sah, selbstständig mit ihnen umzugehen. Neue
pädagogische Impulse und Bedürfnisse kamen auf, nachdem seit 1876 immer mehr
Privatschulen, meist Missionsschulen und Sprachschulen für die
Dolmetscherausbildung, eröffnet wurden. Mit ihnen kamen Leibesübungen, die im
traditionellen (neo-)konfuzianistischen Bildungskanon noch keinen Platz hatten,
erstmals in den Schullehrplan. Diese Privatschulen orientierten sich vornehmlich
am US-amerikanischem Curriculum, das auch das Vorbild für die erste Schulreform
von 1895 darstellte. Dabei wurde Turn- und Sportunterricht erstmals in der
Grundschule eingeführt, später auch an Mittel- und Oberschulen. Mangels
ausreichend ausgebildeter Leibeserzieher wurden vielfach Soldaten eingesetzt,
die nach Jungs Recherchen Deutsches Turnen seit 1884 über in Japan ausgebildete
Offiziere an der koreanischen Militärakademie kennen lernen konnten. So wurden
aus schulischen Leibesübungen, ähnlich wie im Deutschen Kaiserreich,
militärähnliche Übungen, ein Erbe, dessen Spuren sich im koreanischen Schulsport
bis heute finden.
Während in den Schulen hauptsächlich Turnen und Gymnastik unterrichtet wurde, fand die Einführung von Sportspielen in außerschulischen Sportclubs statt. Ab 1906 wurden landesweite Sportvereine und -verbände gegründet, meist durch evangelische Kirchengemeinden, wobei der Seouler YMCA als Vermittler zwischen Schul- und Vereinssport eine tragende Rolle spielte. Dazu zielte er speziell auf Jugendliche der Yangban-Oberschicht. So machte er noch vor der Jahrhundertwende Tennis, Leichtathletik und Schwimmen, bis zur japanischen Okkupation Basketball, Baseball, Eislaufen, Radsport und Reiten, später auch noch Boxen, Volleyball, Rudern, Tischtennis, Ski und Hockey populär. Im Jahr 1907 etwa organisierte der YMCA 56 Fußballspiele und 33 Basketballspiele zwischen Schulmannschaften. Offenbar zogen derartige Sportveranstaltungen, besonders aber Turnen, Judo und Baseball, mehr Teilnehmer an als Veranstaltungen mit religiösen Themen. 1916 etwa, nach der Eröffnung der ersten YMCA-Sporthalle, nahmen fast 25.000 aktive Teilnehmer an Veranstaltungen in der Halle teil. Der YMCA ermöglichte Judoka, Fußballern, Basketballern und Leichtathleten sogar Reisen nach Japan, China, Hawaii und in die USA. Aber er popularisierte nicht nur westlichen Sport, sondern auch traditionelle koreanische Spiele, z.B. Ssireum, Bogenschießen und Seilspiele der Frauen.
Sportclubs waren damals Teil der Aufklärungsbewegung und entwickelten sich unter dem zunehmenden japanischen Imperialismus zu Quellen nationalen Selbstverständnisses und des Widerstands. Sport wurde zum letzten Medium, Japaner besiegen zu dürfen, zur letzten Zuflucht des nationalen wie privaten Selbstwertgefühls. Bereits hier entstand also die ideologische, nationalistische Aufgeladenheit des Sports in Korea, die bei entsprechender Gelegenheit heute noch ausbricht. Im Erziehungswesen, somit auch im Schulsport, übernahmen die Japaner aber schnell die Kontrolle und wandelten den halbmilitärischen Unterricht gleich in paramilitärische Übungsstunden um. Die Absicht war, hier den Nachwuchs für die künftige japanische imperiale Armee heranzuzüchten. Neben dem Militarismus waren Gesundheit und Hygiene die Hauptthemen im „japanischen“ Schulsport.
Nach den brutal von Japan niedergeschlagenen Märzdemonstrationen 1919 lockerte Japan die militärischen Zügel etwas, und es wurde ein Jahr später die Chosun Amateur Sports Association (CASA) gegründet, der erste landesweite Sportdachverband. Es kam zu relativ regelmäßigem Sportverkehr, und es zahlte sich sportlich aus: 1932 nahmen erstmals Koreaner (für Japan) bei den Olympischen Spielen in Los Angeles teil, und bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin schafften zwei Koreaner überraschend den Sprung aufs Treppchen, als Sohn Kee-chung (jap. „Kitei Son“) mit neuer Weltbestzeit Gold und sein Kollege Nam Seung-ryong Bronze im Marathon erliefen. Koreanische Zeitungen retuschierten das Siegerfoto, sodass Sohn mit einem rein weißen Sportdress anstelle des japanischen Sonnensymbols abgedruckt war, was zu seiner unmittelbaren Verhaftung führte, als er nach Korea zurückkehrte. Danach wurden Sportveranstaltungen nur noch erlaubt, wenn sie zur Kriegsunterstützung beitrugen, doch zwei Jahre später wurde Sport für normale Koreaner gänzlich verboten und die CASA aufgelöst. Schulen wurden praktisch zu Kasernen umfunktioniert, es wurde ‚Körperabhärtung’ inklusive Granatenwerfen und Kendo unterrichtet, und ab 1942 übernahmen aktive Offiziere den Schulbetrieb. Sport wurde also sowohl von den Besatzern als auch von denen, die Widerstand leisteten, als politisches Instrument verstanden und eingesetzt.
Die raschen Neugründungen des Koreanischen Sportbundes CASA und vieler Sportverbände nach der Befreiung 1945 zeigen an, dass die Sportarten niemals wirklich in Vergessenheit geraten waren. Die Sportlehrer waren noch in Japan ausgebildet worden, die den militärischen Impetus im Sport weitgehend beibehielten. Auch die amerikanische Militärregierung verfolgte mangels alternativer Ressourcen das japanische Erziehungssystem größtenteils weiter. Ihr Konzept des College Sport konnten sie jedoch relativ erfolgreich in die Tat umsetzen. Der Schulsport war aber weiterhin militärisch ausgerichtet und zu einem Gutteil auf Aspekte der Gesundheits- und Hygieneerziehung ausgerichtet, die die Amerikaner damals für besonders dringlich hielten. Schulsport wurde nach Koreanisch zum zweitwichtigsten Fach.
Das änderte sich auch nicht besonders in der Ersten Republik Rhee Syngmans, der außer der Einführung von Taekwondo im Militär und einer Regulative seines ersten Kultusministers An Ho-sang keine spezielle Sportpolitik vorgab. An war Absolvent der Uni Jena in der Vor-Nazizeit und hatte dort den deutschen Turndrill kennen gelernt. Schulsport als paramilitärische Übung war für ihn eine Selbstverständlichkeit. Dafür sollten Armeeoffiziere an den Schulen eingestellt werden. Weil es damals aber zuwenig Offiziere gab, eröffnete An Sportlehrern die Möglichkeit, in Schnellkursen zu Spezialoffizieren ernannt zu werden, um mit Offizierstitel von der Schule wieder eingestellt zu werden. Außerhalb des Schulsports hatten Einzelpersonen große Freiheiten, den Sport zu unterstützen und zu fördern, was von alten, reichen Japan-Kollaborateuren, die sich ein sauberes Image erkaufen wollten, durch Sponsoring von Teams und Meisterschaften ausgenutzt wurde. Mit Gründung der Ersten Republik 1948 erfolgte außerdem die Umbenennung der CASA in KASA, Korean Amateur Sports Association.
Anfangs gab es noch einen gewissen Sportbetrieb mit Mannschaften aus dem Norden, bis der Süden 1946 sein eigenes NOK gründete, das ein Jahr später vom IOC anerkannt wurde. Trotz mangelnder staatlicher Unterstützung (aber 80.000 $ durch Spenden und Sammlungen) nahmen 1948 bereits 67 Südkoreaner an den Olympischen Spielen in London teil, sie erkämpften sich Bronze im Boxen und Gewichtheben. Auch 1952, inmitten der Wirren des Korea-Kriegs (1950-53), fanden 43 Sportler den Weg zu den Olympischen Spielen in Helsinki (an denen übrigens Deutschland nach dem Krieg erstmals wieder teilnahm), immer noch ohne staatliche Förderung, ebenso wie 1954 bei der Fußballweltmeisterschaft in der Schweiz. Auch hier sprangen Parteibonzen als private Sponsoren ein. 1955 wurde Lee Ki-bung, Vize-Präsident und Vorsitzender des KASA, zum ersten koreanischen IOC-Mitglied ernannt. Im selben Jahr kreierte Generalmajor Choi Hong-hi den Namen Taekwondo, das vor allem im Militär verbreitet wurde. Zwei Jahre später erkannte das IOC das NOK Nordkoreas an, das allerdings erst 15 Jahre später die ersten nordkoreanischen Sportler zu Olympischen Spielen schickte. Bestrebungen des IOC um eine gesamtkoreanische Mannschaft, ähnlich wie die gesamtdeutschen Olympiamannschaften von 1956-64, stießen auf komplettes Desinteresse auf beiden Seiten.
Erst nach der Machtübernahme durch General Park Chung-hee wurde Sport als offizielles Mittel der Politik wiederentdeckt, insbesondere als Plattform für den Anti-Kommunismus, indem der Schulsport vor allem dazu missbraucht wurde, um SchülerInnen soldatische Ordnung und Disziplin einzutrichtern.. Hilfreich für die politische Instrumentalisierung des Sports war sicherlich auch die Begeisterung koreanischer Zuschauer bei sportlichen Veranstaltungen; so war der Showwrestler Kim Il (1929-2006), der Ende der 1950er bei dem Koreaner Yokdosan (siehe „Eastern in Korea“, DaF-Szene 22) in Japan in die Lehre gegangen war, in den 1960er und 70er Jahren berühmt wie ein Popstar. 1962 wurde das erste Gesetz zur Förderung des Leistungssports erlassen. Aufkommende Fernsehübertragungen der Olympischen Spiele und Fußballweltmeisterschaften ließen staatliche Fördergelder vor allem in die Sportarten fließen, die die Zuschauer dort bewundern konnten. Bis weit in die 1980er Jahre hinein entwickelte sich so der südkoreanische Leistungssport ohne Breitensportbasis, planwirtschaftlich gesteuert, als Anti-Kommunismus vermarktet und als Projektionsfläche für die Masse der Bevölkerung, die weder Zeit noch Geld für eigenen Freizeitsport hätte aufbringen können. Wie im alten Rom wurde Sport als Zuschauersport gefördert, denn das lenkte die Bevölkerung bequem von innenpolitischen Schwierigkeiten ab. Auch wurden Sportgruppen an den Universitäten (für Leistungssportler) unterstützt, in der Hoffnung, das würde die studentische Tatkraft ebenso bequem von politischen Aktivitäten fernhalten.
Das allgemein als überaus peinlich empfundene Abschneiden südkoreanischer Sportler bei der Olympiade 1964 beim Erzfeind in Tokio (2 x Silber, 1 x Bronze; zum Vergleich: 16 x Gold, 5 x Silber, 8 x Bronze für Japan) regte zur Idee eines nationalen Trainingszentrums an, das zwei Jahre später in Taereung im Nordosten Seouls eröffnet wurde und dem weitere sportpädagogische, -wissenschaftliche und -praktische Institute in den kommenden Jahren folgten. Doch es war das wirtschaftlich damals weiter entwickelte Nordkorea, das bei den Olympischen Spielen 1972 in München die erste Goldmedaille für ein koreanisches Land (und zwar im Schießen) erkämpfte. Die Förderung für Spitzensportler wurde daraufhin massiv ausgeweitet (Befreiung vom Militärdienst, Monatsrenten und Stipendien sowie, besonders reizvoll, Bonuspunkte bei Uni-Aufnahmeprüfungen für Medaillengewinner), und vier Jahre später, in Montréal, holte Südkorea endlich seine erste „eigene“ Goldmedaille (im Ringen). Eine Woche nach dem Ende der Montréal-Olympiade forderte Präsident Park die Gründung einer nationalen Sportuniversität, die sich schnell (und bis heute) als Medaillenschmiede etablierte.
Nicht weniger stark als im Ostblock war der Spitzensport in der Militärdiktatur Südkorea zum Instrument des ideologischen Machtkampfes zwischen Staatssystemen geworden. Und ähnlich wie die „Staatsamateure“ im Ostblock wurden südkoreanische Spitzensportler via Anbindung an große Firmen herangezüchtet, eigentlich gegen die damaligen Statuten des IOC. Spezielle Gesetze schrieben damals Sportmannschaften in Schulen, Bezirken und Betrieben zwingend vor. Nach Song wurde auch „Turnen für den nationalen Wiederaufbau“ eingeführt: „Damals betrieb die Mehrheit der Koreaner das Turnen zwei Mal täglich (am Vor- und Nachmittag) nach einem Kommando aus dem Radio in Fabriken, Schulen und Büros verteilt über das ganze Land“ (65). Der einzige Unterschied zu Nordkorea war der explizite Antikommunismus.
In diesem Klima wurde 1971 mit Taekwondo eine Sportart zum „Nationalsport“ ausgewählt, die damals nur im Militär verbreitet war, aber weder im Schul- noch im Vereinssport (und damals auch in Nordkorea noch gänzlich unbekannt war): in der Schule kam Taekwondo nicht vor 1974 in den Lehrplan, und 1970 gab es erst knapp 33.000 Schwarzgurtträger, nicht viel mehr als Bewohner einer neugeplanten Apartmentsiedlung (und nicht viel mehr als heutzutage Schwarzgurtträger (aller Taekwondo-Verbände zusammen genommen) im deutschsprachigen Raum). Die Auswahl war also nur sehr eingeschränkt sachlich gerechtfertigt. Erst danach kam Schwung in den Betrieb: 1980 gab es schon etwa zehnmal soviele Schwarzgurtträger, 1990 fast anderthalb Millionen (2005: über 2,5 Mio). Ein Grund für diesen rasanten Aufstieg war, dass Taekwondo (und, in seinem Schatten, andere Kampfsportarten) beinahe der einzige Sport war, den Schüler und Studenten in (privaten) Instituten in ihrer Freizeit betreiben konnten. (Das bezieht sich nur auf Jungen, also auf die künftigen Soldaten; für Frauen, Alte und Behinderte gab es praktisch keine Angebote.) Bis 1980 gab es außerhalb von Schulen, Unis und Betrieben praktisch keine Sport- und Spielanlagen, Sport war fest in staatlicher Hand und wurde als antikommunistisches Erziehungsmittel zweckentfremdet. So nutzte der Staat den Sport aus; aber Sportvereine und -verbände benutzten gleichzeitig auch gern die staatliche Unterstützung.
Die Olympischen Spiele 1976 in Montréal waren für die Stadt und ganz Kanada ein finanzielles Desaster, das sie noch über 20 Jahre später abzahlen mussten. Keine Stadt wollte sich beim IOC danach noch als Austragungsort bewerben. Nur in Korea kam man auf die verrückte Idee, es zu versuchen, und noch in der ära Park Chug-hees wurde beschlossen, Seoul als Austragungsort für die Olympischen Spiele 1988 (1980 und 1984 standen bereits fest) vorzuschlagen. Das wirtschaftliche Risiko schreckte sie wenig, man sah es vielmehr als Chance, im ideologischen Konflikt mit dem nördlichen Bruderstaat endgültig die Oberhand zu gewinnen und das internationale Ansehen Koreas zu stärken. Die Bewerbungsunterlagen gerade noch rechtzeitig eingereicht, glänzte man auf der 84. IOC-Session am 30.9.1981 in Baden-Baden mit einer selbstbewussten, kreativen Präsentation, die den einzigen Mitbewerber, das japanische Nagoya, dessen Vertreter sich schon als sichere Sieger wähnten und kaum Anstrengungen unternahmen, blass aussehen ließ. (Bei dieser Session wurden mehrere in der Bundesrepublik stationierte koreanische Taekwondo-Meister als inoffizielle Security-Mannschaft gegen eventuelle nordkoreanische Sabotageaktionen abkommandiert. Es gab aber keine derartigen Vorfälle.)
Das Resultat der Abstimmung war eine satte Mehrheit für Seoul, und es bedeutete Segen und Fluch zugleich. Die neue Militärregierung erklärte „nationale Repräsentation“ (Song) zum neuen, expliziten Ziel staatlicher Sportpolitik, und sie nutzte im „olympischen Staat“ (Jung), also während ihrer gesamten Amtszeit, die Aussicht auf die Spiele, um bei der Bevölkerung ihre mangelnde Anerkennung einzufordern. Gleichzeitig nutzte sie diese Vorbereitungszeit aus, um unliebsame Repressalien im Volk durchzusetzen, wie Zwangsenteignungen und -umsiedlungen, um Platz für die neuen Olympiaanlagen (Apartmentkomplexe, Straßen) zu machen, oder die Rekrutierung zigtausender freiwilliger Helfer, vielfach noch Schüler, oder auch die Einführung einer zweijährigen „Sommerzeit“, weil sich die Zeitplanung während der Olympischen Spiele den Sehgewohnheiten US-amerikanischer Fernsehzuschauer unterordnen musste. Seit Los Angeles 1984 stellte man nämlich überraschend fest, dass sich mit einer Olympiade sehr viel Geld verdienen lässt, wenn man die Fernsehübertragungsrechte gut an US-amerikanische Sender verkaufen kann. Seoul verdiente dadurch ca. 350 Mio $, weit weniger als erhofft, aber am Ende reichte es für einen fetten Gewinn.
Diese Olympische Fixierung resultierte in noch stärkerer Förderung des Leistungssports, und zwar hauptsächlich dort, wo man Medaillen erwartete, also besonders bei Individualsportarten wie Judo, Ringen, Boxen, Gewichtheben, Bogenschießen, Schießen und Taekwondo (1988 erstmals Demonstrationssport), aber auch bei einigen Mannschaftssportarten wie Frauenvolleyball und Frauenhandball sowie diverse Mischungen (Tischtennis, Badminton). Diesen neuen Bedürfnissen passte sich auch der schulische Leistungssport schnell an, der bis zum Ende der 1970er Jahre noch überwiegend auf Mannschaftssportarten wie Fußball, Basketball, Baseball, Volleyball u.ä ausgerichtet war. Weitere Maßnahmen waren die Gründung des Sportministeriums 1982, die Etablierung der ersten asiatischen Profi-Fußballliga 1983 und die Formierung einer militärischen Sondereinheit für den Leistungssport 1984. Nach Song priesen die vom Militärregime kontrollierten Massenmedien das Jahr 1988 von Anfang an als Wendepunkt an, der das Entwicklungsland Südkorea in eine entwickelte Industrienation verwandelt. Selbst die „Frankfurter Rundschau“ zitierte General Chun Doo-hwan: „Darauf haben wir 5.000 Jahre gewartet.“ (FR, 5.9.89; nach Song)
Die Bereitschaft und Zielstrebigkeit beinahe aller Koreaner, ihre privaten und sozialen Bedürfnisse zugunsten dieses wichtigsten aller Ereignisse zurückzustellen, erinnert frappierend an die Art, wie sich hiesige SchülerInnen auf das Suneug, die zentrale Uni-Aufnahmeprüfung, vorbereiten. Und wie die cleveren Koreaner diese Prüfung oft zweimal (oder öfter) machen, so erprobte man seine organisatorischen Fähigkeiten erst einmal an dem kleineren Beispiel der Asian Games, die 1986 in Seoul, größtenteils an den gleichen Stätten wie zwei Jahre später die Olympiade, durchgeführt wurden. Bei den Asienspielen hatte sich Südkorea 1982 in Neu-Delhi bereits auf den dritten Platz des Medaillenspiegels hochgearbeitet, 1986 verbesserte man sich auf Platz 2. Das weckte große Erwartungen für die Olympiade zwei Jahre später.
Die Organisation der Olympischen Spiele 1988 in Seoul verlief schließlich zwar nicht ohne Reibungen, aber Dank des koreanischen Improvisationstalents weitaus besser, als man es erwartet hatte. Insbesondere blieben befürchtete Interventionen Nordkoreas aus, das noch ein Jahr zuvor eine Korean Air-Maschine abgeschossen hatten und als einziges Land (zusammen mit Kuba) die Spiele 1988 boykottierte; es organisierte stattdessen ein Jahr später in Pyeongyang die im Westen wenig beachteten „Weltfestspiele der Jugend“. Sportlich gesehen sprang für Südkorea Rang vier in der Medaillenwertung heraus, bei der Rekordzahl von 12 Goldmedaillen (ohne die 9 Taekwondo-Goldmedaillen), eine mehr übrigens als für die Bundesrepublik. Die politische Ernte dieser nationalen Begeisterung für die Seoul-Spiele wurde bereits vorher eingefahren, als ihr großer Promoter während der Vorbereitungszeit, General Roh Tae-woo, bereits im vorolympischen Jahr vom Volk zum 6. südkoreanischen Präsidenten gewählt worden war.
Nach den Seoul-Spielen, nach der Wende zur Demokratie, nach dem weltweiten Fall des Kommunismus und während des aufkommenden Computerwohlstands kam es zum Boom des Sports und der Körperertüchtigung als kommerzielles Freizeitprodukt in Korea. Möglicherweise spielten die privaten Taekwondo-Institute hier eine Vorreiterrolle. In einem Bericht aus der Zeit der Seoul-Spiele ist noch von „wenige(n) privaten Taekwondo-Schulen“ (Konstanin Gil, „Reiseeindrücke aus Korea“, Taekwondo Aktuell 2/1989, 11-18, hier 12) die Rede. Seit 1994 verschwand Taekwondo aus dem Schulsport, auch im Militär wurde es weniger wichtig. Als Ersatz eröffneten überall private Kampfsport-Schulen, wie wir sie heute kennen. Inzwischen ist Taekwondo, und in seinem Windschatten andere Kampfarten wie Hapkido oder Kumdo, mehr Kommerz als Kultur, mehr Profit als Politik. So ist z.B. das World Taekwondo Headquarter, das Kukkiwon in Seoul, inzwischen zu einer Massenabfertigungsanlage für Taekwondomeister geworden, wo Schwarzgurte jedes Wochenende am Fließband produziert werden.
Der Sporthistoriker Ha Woong-yong von der Nationalen Sportuniversität in Seoul sieht die Zeit ab den 1990er Jahren als die zweite große Wende in der koreanischen Sportkultur seit der Befreiung von der japanischen Zwangsherrschaft. Er beschreibt die Entwicklung zunächt als Wechsel vom Zuschauer- zum Teilnehmersport und weiter zu „enjoyable sports“ („The History of Modern Korean Sport Culture“, Korean Journal of History for Physical Education, Sport and Dance, 9/2002, 40-54, hier 54). Der Schrecken des Kommunismus war quasi besiegt, die Lebensqualität war plötzlich höher, die Leute konnten sich Autos und Farbfernseher kaufen, es gab freie Wahlen und damit endlich echte Demokratie, die Freizeit überstieg in den 1990ern quantitativ (im Durchschnitt) erstmals die Arbeitszeit, und am wichtigsten: die Aufnahmeprüfung in den Kreis der führenden Industriestaaten, die Seoul-Olympiade von 1988, wurde erfolgreich bestanden. 1996 wurde Südkorea ordentliches OECD-Mitglied. Jetzt war die Zeit reif, in der Koreaner beginnen konnten, ihre individuellen Bedürfnisse auszuleben.
Seitdem haben sowohl Nachfrage nach Trendsportarten als auch entsprechende Angebote durch die auffälligen Privatinstitute explosionsartig zugenommen. Beispiele dafür kann man in jeder Gegend finden, in der es geschäftig zugeht. Positiv ist wenigstens anzumerken, dass sich seitdem der Fokus vom Militarismus im Freizeitsport zu einem Health- und Wellbeing-Bewusstsein verschoben hat. Vielleicht ein Lichtblick im Land der Hektik?
Copyright © 2007 by Thomas Kuklinski-Rhee