„Medien und ihre Narrative“ war das Thema des 14. Sorak-Symposiums, das vom 27.- 30. September diesen Jahres im Hotel Sorak Park stattfand.
Auf der Tagung ging es auch einmal mehr um den Versuch einer Standortbestimmung der Germanistik. Die Themenwahl zielte nämlich nicht zuletzt darauf ab, den möglichen Beitrag der Philologien zu einer Medienkulturwissenschaft auszuloten. Es galt aufzuzeigen, inwieweit Erkenntnisse aus Kernbereichen der Literaturwissenschaft, wie eben beispielweise der Narratologie, zur Analyse anderer Medien herangezogen werden können. Mit Franziska Schößler (Trier), Anton Kaes (Berkley), Kaiko Kamazaki (Kobe), Brigitte Rath und Sebastian Donat (München) konnten auch eine Reihe von internationalen Teilnehmern für das Symposium gewonnen werden.
Ein Schwerpunkt der Referate lag zum einen auf der Beschäftigung mit dem Medium Film. Bei der Analyse von Literaturverfilmungen handelt es sich sicherlich um den medialen Bereich, in dem die Anwendbarkeit philologischer Methoden in der Vergangenheit bereits am weitesten erprobt worden ist. Dass damit die Grenzen der Anwendbarkeit narrativer Schemata über die Literaturwissenschaft hinaus jedoch noch nicht erschöpft sind, zeigten die Vorträge des Symposiums, die sich unter anderem mit dem Zusammenhang von Narrativität und Performanz, etwa auf dem Gebiet der Fotographie oder der digitalen Literatur, beschäftigten, oder den menschlichen Körper als Medium der Narration begriffen. Zum anderen wurden die Auseinandersetzungen mit medialen Entwicklungen und deren Auswirkungen in der literarischen Produktion selbst untersucht.
In ihrem Eröffnungsvortrag umriss Franziska Schößler zunächst die wichtigsten theoretischen Zugänge zum Feld einer Medienkulturwissenschaft, indem sie noch einmal die Ansätze der Diskursanalyse, der Anthropologie, der Systemtheorie, der Narratologie und der Intermedialitätsforschung zusammenfasste. Sie steckte damit gleichsam den theoretischen Rahmen für die kommenden Vorträge und Diskussionen ab.
Am ersten Tag des Symposiums beschäftigten sich dann zwei Referate mit performativen Aspekten im Bereich Medien und Narrativität: Keiko Hamazaki griff in ihrem Vortrag mit dem autobiographischen Erzählen eine besondere narratologische Form auf. Sie demonstrierte am Beispiel der Texte von Yoko Tawada und der fotographischen Selbstportraits von Yasumasa Morimura, wie in Auseinandersetzung mit der europäischen Tradition der autobiographischen Darstellung einer linearen Ich-Entwicklung andere, dekonstruktive Inszenierungen des Ichs in verschiedenen Medien möglich sind.
Yim Han-Soon (SNU) führte dann das Thema der Tagung auf das Gebiet der Literatur zurück, indem er detailliert die „performative Medialität des Rhythmus in lyrischen Texten Goethes, C.F. Meyers und Brechts“ untersuchte.
In ihrem Plenarvortrag zu Beginn des zweiten Tages setzte sich Franziska Schößler mit intermedialen Bezügen im Theater des 20. Jahrhunderts auseinander. Am Beispiel von Brechts ästhetik der Unterbrechung und postdramatischen Formen des Theaters seit den 1990er Jahren wies sie nach, dass das Zusammenspiel von Theater und elektronischen Medien zu einer ästhetik der Heterogenität und Fragmentierung der Theaterinszenierungen führt, die sich gegen lineare Narrative und Illusionsästhetik stellt und die Aktivierung des Zuschauers anstrebt.
In zwei Sektionen widmeten sich die Vorträge anschließend der „Geschichte und Theorie der medialen Narration“, sowie dem Thema „Narration im Film“.
Eine grundsätzliche theoretische Fundierung des Untersuchungsgegenstandes lieferte Brigitte Rath, indem sie in ihrem Beitrag über das „narrative Schema“ die Narratologie aus kognitionswissenschaftlicher Sicht betrachtete. Sie begriff narratives Verstehen als besondere Form des Verstehens, die sich, „modelliert zu einem narrativen Schema“, tatsächlich medienübergreifend anwenden lässt. Narratives Verstehen bestimmt dann die Rezeption von Romanen genau so wie die von TV-Serien, Spielfilmen oder mündlichen Erzählungen.
Yoo Hyun-Joo (Yonsei Univ.) untersuchte anhand von Beispielen interaktiver Literatur in den digitalen Medien die Inszenierungsstragien von hypermedialen Werken. Dabei wurden zum einen verschiedene Formen theatralischer Simulation betrachtet, zum anderen Formen von Verkörperungen, in denen der Leser zu einer handelnden Figur im fiktionalen Geschehen wird.
Noh Hee-Jik (HUFS) beschäftigte sich mit verschiedenen Ebenen der Narrativität in Geschichte und Geschichtsschreibung. Es wurde deutlich, dass Narrativik zum einen unter anthropologischem Blickwinkel eine entscheidende Rolle als Methode des Wirklichkeitsverständnisses spielt. Zum anderen zeigte Noh, unter anderem im Rückgriff auf die Theorien Paul Riceurs, dass die Narrativik auf der Ebene der Geschichtsschreibung die Ausgangsbasis zur Erfassung von geschichtswissenschaftlichen Problemen und ihrer Erforschung bildet.
Shin Hyun-Sook (Seoul Frauenuni) setzte sich mit dem Begriff des Sehens im Spannungsverhältnis von Wahrnehmung und Erkenntnis auseinander. Shin griff vor allem auf Texte Goethes und Elias Canettis zurück, um zu zeigen, inwiefern ersterer einen ganzheitlichen Zugang zur Erkenntnis durch sinnliche Wahrnehmung anstrebt, während Canetti über diesen Ansatz hinausgeht, indem er in seinen Werken eine „Symbiose von sinnlichem und geistigem Sehen“ propagiert.
Tom Tywkers Literaturverfilmung „Das Parfum“ nach Patrik Süskinds Roman stand im Mittelpunkt von gleich zwei Referaten. Goak Jeong-Yeon (Seoul Frauenuni) und Nam Wan-Seok (Woosuk Univ.) ging es jeweils um die medialen Differenzen, die bei der übertragung des literarischen Stoffes in das Medium Film deutlich werden. Goak machte diese Differenzen an bestimmten Dramatisierungsstrategien des Film fest. Sie verglich die Dramatisierungsstrategien in Tywkers Film mit denjenigen in Michael Hanekes Verfilmung von Elfriede Jelineks Roman „Die Klavierspielerin“. Dabei hob sie hervor, welche Konsequenzen die unterschiedlichen dramaturgischen Vorgehensweisen für die Darstellung der Hauptpersonen und die Schilderung der Liebesthematik in beiden Filmen im Vergleich zur jeweiligen literarischen Vorlage haben. Nam verglich dagegen die schriftliche und die visuelle Gestaltung des Geruchsinns in Süskinds Roman und Tywkers Film.Er kam zu dem Ergebnis, dass es Süskind durch die Kombination widersprüchlicher Wörter und durch eine Visualisierung des Riechens, gewissermaßen einer „olfaktorische[n] Mauerschau“, gelingt, Gerüche darzustellen. Tywkers Versuch einer Darstellung des Geruchs mit filmspezifischen Mitteln findet ihren Ausdruck in der Montage von Einstellungen, die Dinge zeigen, welche bestimmte Gerüche assoziieren sollen, und freien Kamerafahrten, die die Gerüche verfolgen. Er bleibt damit innerhalb der Grenzen der modernen Filmsprache. Auffällig war, das sowohl Goak als auch Nam Tywkers Umsetzung des Romans letztlich als gescheitert ansahen.
Kim Kyunghee (Yonsei Univ.) näherte sich dem Problem der Intermedialität im Film, indem sie einerseits das Zusammenspiel von Fotographie und Film in Michelangelo Antonionis Film „Blow up“, andererseits das Phänomen von Film im Film in Francois Truffauts „La nuit américaine“ analysierte. Diese Filme transportieren nicht einfach die Medien Fotographie und Film, es kommt vielmehr zu einer neuen Generierung dieser Medien und, im Fall von „La nuit américaine“, durch die Verschachtelung des Films im Film, zu intermedialen Reflexionen.
Hong Jin Ho (SNU) widmete sich in seinem Vortrag Artur Schnitzlers „Traumnovelle“ und der Verfilmung „Eyes Wide Shut“ durch Stanley Kubrick. Dabei konzentrierte er sich auf den Aspekt der Traumhaftigkeit der Vorlage, d.h. der Thematik von Wirklichkeit im Traum und Traum in der Wirklichkeit, und zeigte auf, wie diese wesentlichen Momente der Novelle im Film konsequent beseitigt werden, indem Kubrick dem Zuschauer rationale Erkärungsmuster für das Geschehen anbietet.
In zwei weiteren Sektionen beschäftigten sich die Referenten mit den Themen „Mediale und narrative Grenzüberschreitungen“, sowie „Narratologie der modernen Medien / Narratologie des Körpers“.
In der ersten Sektion zeigte Oh Soon-Hee (SNU) am Beispiel der „Camera obscura bei Goethe“ wie es dem Autor in der produktiven Auseinandersetzung mit neuen Medien gelang, nicht nur technologische Entwicklungen für sein humanwissenschaftliches Erkenntnisinteresse fruchtbar zu machen, sondern auch die Narrative dieser Medien in seine literarischen Texte, so etwa bei den „Wahlverwandtschaften“, zu integrieren.
Kim Youn-Sin (Sogang Univ.) wies an den Texten Jean Pauls (“Leben Fibels“) und Ludwig Tiecks („Das alte Buch und die Reise ins Blaue hinein“) nach, wie hypertextuelle Strukturen, die allgemein mit den digitalen Medien in Verbindung gebracht werden, bereits in der (buch)literarischen Produktion der Romantiker als Erzählstrategie vorweggenommen wurden.
Sebastian Donat beschäftigte sich mit Klabunds Lyrikpublikation „Die Harfenjule“ aus den 20er Jahren. Dabei handelt es sich um eine Veröffentlichung seiner Gedichte in Prosaform, gedruckt in billig hergestellten Heftchen auf schlechtem Zeitungspapier, um sie als Groschenhefte zu tarnen. Das Irritationspotential dieser Prosa-Camouflage wird deutlich, wenn man sich die Schwierigkeiten vor Augen führt, die die Editoren verschiedener Klabund-Ausgaben hatten, die ursprüngliche Versform der Gedichte zu rekonstruieren.
Lee Sinae (SNU) erläuterte vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Situation in der Bundesrepublik der Adenauer-Ära die Bedeutung von Alfred Anderschs „Radio-Essays“. Lee sieht in ihnen ein Indiz für die Rolle des Rundfunks als intellektuelles Medium in den 50er Jahren. Gleichzeitig untersuchte sie narrative Differenzen und Gemeinsamkeiten des Radio-Essays mit der traditionellen literarischen Essay-Form.
In der Sektion zu „Narratologie der modernen Medien / Narratologie des Körpers“ befasste sich Kim Ihmku (SNU) zunächst mit Patrick Roths Erzählung „Meine Reise zu Chaplin“. Roth stellt in diesem Text in der Auseinandersetzung des Ich-Erzählers mit Chaplins Film „City Lights“ die Frage, wie und mit welchen Folgen das Mediale aus dem Medium den Empfänger erreicht. Dabei entwickelt er eine filmische Hermeneutik, in der, indem sich das materielle Medium negiert, die reine Medialität, ein „archaischer Sinn“, freigesetzt wird, der für den Rezipienten durchaus auch lebenspraktische Folgen zeigen kann.
Während Friedhelm Bertulies (Daegu Univ.) sich der Analyse wissenschaftlicher Medien, in diesem Fall Index, Zitat und Fußnote, in exemplarischen Narrativen der Moderne widmete, beleuchteten Lee Young-Im (Soonchunhyang Univ.) und Ahn Mi-Hyun (Hankuk Univ.) unter verschiedenen Perspektiven den Körper als Medium. Lee interessierte der Köper als effektvolles Medium um intendierte Inhalte direkt darzustellen, wie sie anhand von beispielhaft ausgewählten Musicals zeigte. Ahn analysierte die Rolle des weiblichen Körpers in der zeitgenössischen Frauenliteratur und beschrieb ihn in verschiedenen Kategorien als Träger unterschiedlicher Zuschreibungen und weiblicher Narrationen.
Zum Abschluss des Symposiums ging es dann um „Medien und Narrative in der Wirklichkeit“. Michael Weitz (HUFS) wies unter kulturwissenschaftlicher Perspektive nach, wie sich moralistische Topoi wie „Geschicklichkeit“ und „Klugheit“ als narrative Elemente durch die Texte der deutschen Romantik ziehen. Er plädierte mit der Analyse dieser Topoi, die sich aus dem 16. und 17. Jahrhundert herleiten lassen, dafür, angesichts der zuletzt oft konstatierten kulturellen Umbrüche um 1800 und der daran anschließenden Forschungsansätze, die Erforschung von kulturellen Kontinuitäten und konstanten Denk- und Narrationsmustern, nicht gänzlich aus den Augen zu verlieren.
Sönke Wortmanns Spielfilm „Das Wunder von Bern“ war Thema des Referats von Kai Köhler (SNU). Dabei stand die Frage im Mittelpunkt, mit welchen filmischen und dramaturgischen Mitteln Wortmann die Geschichte des WM-Finals von 1954, die gleichzeitig zu den Gründungsmythen der Bundesrepublik gehört, so inszeniert, dass er, ohne die nationalsozialistische Vergangenheit auszublenden, ein modernisiertes Modell von Nation entwerfen kann.
Zum Abschluss der Tagung stellte Chae Yon-Suk (Kyungpook Univ.) mit dem Gebiet der Poesie- und Bibliotherapie ein relativ junges Forschungsgebiet vor.
In der Abschlussdiskussion wurde ein sehr positives Fazit der Tagung gezogen. Die Referate und Diskussionsbeiträge hatten gezeigt, dass die Germanistik durchaus in der Lage ist, sich neuen kulturwissenschaftlichen Feldern zu öffnen, ohne dabei jedoch ihre eigenen Stärken und Kompetenzen zu vernachlässigen.
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