In der Nähe meiner Wohnung gibt es den Freizeitpark „Lotte World“. Dieser Park ist ein Teil des Lotte-Konzerns, der 1948 von einem koreanischstämmigen Japaner namens Shin Kyuk-Ho gegründet wurde. Herr Shin war ein ausgesprochener Goethe-Fan, und so benannte er seine Firma nach der weiblichen Hauptfigur aus „Die Leiden des jungen Werthers“. „Lotte“ macht Kaugummis, baut Häuser, hat Kaufhäuser und Hotels und eben auch den Vergnügungspark „Lotte World“ im Süden von Seoul.
Als ich unser Haus bezog, war das Hotel „Lotte World“, das gleich neben dem Park und dem Kaufhaus steht, noch das höchste Gebäude in der ganzen Gegend, heute ist es eingekreist von Hunderten ebenso hoher Wohnblocks. Dennoch ist „Lotte World“ mit seinem künstlichen See und der Insel im See, die Teil des Vergnügungsparks ist, eine kleine Oase in der Seouler Betonwüste. Die Kundschaft des Parks besteht vorwiegend aus jungen Leuten, in der Woche Studenten und kleine Kinder mit ihren Müttern sowie japanischen und chinesischen Touristen. Sie sind scheinbar die einzigen, die über einen größeren Anteil an Freizeit verfügen. Am Wochenende sind auch Oberschüler da, von denen viele aus den Appartements der Nachbarschaft kommen und die eine relativ günstige Jahreskarte besitzen.
In „Lotte World“ kann man sich vergnügen
wie auf einem europäischen Rummelplatz, es gibt Fahrgeschäfte wie Achterbahnen,
Karrussels, Autoscooter, Restaurants und Verkaufsstände für Süßigkeiten und
Andenken. Mehrmals am Tag gibt es eine Show, in der Tänzer (Koreaner und meist
europäisch aussehende Russen) verschiedene Nationen darstellen und deren
traditionelle Kostüme (oder was man dafür hält) tragen. Es gibt also Chinesen,
Japaner, Spanier, Russen, Südamerikaner und Deutsche zu bewundern.
Interessanterweise fehlen Engländer und Amerikaner, vielleicht glaubt man die
schon zu kennen, denn US-Soldaten gibt es ja in Korea „in natura“. Die
„Deutschen“ tragen übrigens immer Lederhosen (Herren) oder Dirndl (Damen) und
treten verstärkt zur Oktoberfest-Zeit in Erscheinung. Didaktischer Sinn von
„Lotte World“ ist daher vielleicht auch, den koreanischen Gästen die Welt (daher
der Name) zu zeigen. Auch die Gebäude der Restaurants sind typisch für die
obengenannten Länder (das deutsche heißt Baden-Baden), die Speisen sind
allerdings eher internationales Fast-Food. Manchmal gibt es auch kleine
Ausstellungen, wie z.B. von Insekten oder Briefmarken. Auf der Insel ist ein
phantasievoller Nachbau eines romantischen deutschen Schlosses zu sehen
(Neuschwanstein?), auf allen Giebeln weht die schwarz-rot-goldene Flagge.
Gezeichnete Phantasiepersonen, die überall wieder auftauchen, sorgen für
internationales Kolorit, für Deutschland springt da ein rundlicher
„Burgermeister“ in die Bresche.
„Lotte World“ ist nicht der einzige Vergnügungspark in Seoul. Am Stadtrand und in der Umgebung gibt es noch mehrere solcher Einrichtungen. Auch bei denen ist zu sehen, dass man trotz Vergnügens immer auch etwas „Bildung“ mit einstreuen möchte, mal ist ein (wirklich gutes) Museum gleich nebenan, mal ein Zoo. So ist der Aspekt des Lernens nicht ganz von der Hand zu weisen, doch der Schwerpunkt liegt sicherlich im Vergnügen und Entspannen - etwas, das vor allem die Oberschüler nach einer stressigen Beschulungs-Woche samt abendlicher Nachhilfe dringend nötig haben.
Nicht ganz so lern- und stressfrei geht es auf der Eisbahn unter der riesigen Kuppel von „Lotte World“ zu, hier kann man abends Horden kleinerer Schüler beobachten, die von ihren Trainern im Speed-Skating angewiesen werden. Hier teilt sich die Besucherschaft dann in diejenigen, die sprinten müssen und die, die von den Restaurants am Rande aus zuschauen.
Copyright © 2007 by Michael Menke