Lebt man in Deutschland, so ist die Mitgliedschaft in einem Verein etwas völlig normales. Man ist quasi automatisch oder gar von Geburt an im Kaninchenzuchtverein, im Schützenverein, im Verein zur Rettung einsturzgefährdeter Fachwerkhäuser und natürlich in einem Fußballverein. Der größte eingetragene deutsche Verein ist übrigens der Deutsche Fußball Bund (DFB), hat sechs Millionen Mitglieder und steht damit zahlenmäßig an Weltspitze. Der Deutsche, das weiß die ganze Welt, ist ein Vereinsmensch. Denn Vereine dienen dazu, Leute kennen zu lernen, gesellschaftlich aktiv zu werden oder einfach seine Freizeit sinnvoll auszufüllen.
Was macht nun ein Deutsch-Lektor, fern der Heimat in Asien tätig, dem es seinem Nationalcharakter gemäß danach gelüstet, in einem Verein zu sein oder gar darin ein Ehrenamt auszuüben? Er sucht einen. Fündig wird man da, besonders in Korea, aber kaum. Denn Sport betreibt man hierzulande eher in Sportschulen, und das anderweitige deutschsprachige Angebot ist aufgrund der wenigen Deutschen sehr begrenzt. Also gründet man selbst einen Verein, oder man versucht es zumindest. Ob man es schafft, hängt von den Vorschriften und Gesetzen seines Gastlandes ab, oft genug auch vom Geld, denn das regiert auch in Asien die Welt. Außerdem spricht ein Beamter des Gastlandes nicht immer die Sprache des Gastes, oder der Gast die des Gastlandes, und so ist der Kampf mit der Bürokratie, bzw. der Versuch ein bescheidenes Plätzchen im lokalen Vereinsregister zu ergattern, gnadenlos und oft nicht zu gewinnen. Sollte man dennoch starrköpfig bleiben, so gibt es drei unvermeidliche Schritte:
1. Schritt: Die Suche nach Mitstreitern, die ähnliches im Sinn haben, ähnliche Tätigkeiten ausüben und denen vielleicht sogar ähnliche Ziele vorschweben.
Problem: Mancher Deutsche, der im Ausland lebt, wollte möglicherweise dem Deutschen (Vereins-) Wesen entfliehen und ist darum nur sehr schwer zu einem Beitritt zu bewegen. Problemlösung: Man nennt sich nicht Verein, sondern wählt eine offene neutrale Bezeichnung wie Club, Vereinigung, Wissenschaftliche Gesellschaft, … Das ist natürlich bürokratisch auch viel einfacher.
2. Schritt: Man muss etwas machen. Irgendetwas. Egal was. Es gibt Vereine (Vereinigungen, …), die veranstalten jedes Jahr eine große Party, verjubeln dabei das Vereinsgeld, und das war's. Damit kann man nichts falsch machen, findet den Beifall der Mitglieder, die Freude ist groß und der Aufwand relativ gering. Als Lektoren-Vereinigung hat man aber auch einen etwas gehobenen, vielleicht sogar wissenschaftlichen Anspruch. Man organisiert Vereinstreffen, und da man beruflich mit Dingen wie Ausbildung und Unterricht zu tun hat, sollten die Vereins-Treffen auch in diese Inhalte haben. Die gesellige Komponente, Urkeimzelle deutscher Vereine, darf dabei aber auf keinen Fall zu kurz kommen.
3. Hat man einen Verein, so braucht man Leute, die dafür arbeiten, auch „Vorstand“ genannt. Es gibt die altbekannten und begehrten Posten wie Präsident, Vorsitzender, stellvertretender Vorsitzender, Schatzmeister, stellvertretender Schatzmeister, Schriftführer, Gerätewart usw.. Nennt man sich nur „Vereinigung“, so kann man sich über diesen ganzen Kram hinwegsetzten, außerdem ist für die Zusammenarbeit und die Kommunikation mit dem koreanischen Umfeld und mit koreanischen Vereinen sowieso nur ein „Präsident“ wichtig. Im Laufe der Jahre hatte unser Verein bzw. unsere Vereinigung schon etliche „Präsidenten“ (die hießen dann eigentlich „Vorsitzender“, oder „Vorstandssprecher“ oder „Vorstandsprecherin“), und wenn man dann irgendwo eingeladen wird, muss man als „Präsident“ ein Grußwort sprechen oder sollte zumindest repräsentativ ein Weinglas halten können. Man steht im Rampenlicht, der Name und die E-Mail-Adresse sind auf der Website zu finden.
Man bekommt täglich viele E-Mails („Viagra jetzt endlich billiger!“), und die wichtigsten Informationen leitet man an die KollegInnen weiter. Man bekommt auch andere Mails mit Anfragen „Hallo, wie geht's? Ich habe im Internet gelesen, dass Sie so was ähnliches wie eine Schule haben. Ich bin zwar Chemielaborant, habe aber auch Lehrerfahrung (Gitarrenunterricht für Grundschüler) und möchte darum fragen, ob ich bei Ihnen arbeiten kann, denn Korea interessiert mich sehr. Lebenslauf hängt im Attachment!“
All dieses sind schöne Ämter, mit denen man seine großzügig bemessenen Freizeit ausfüllen kann. Wir wissen allerdings aus der DaF-Szene Nr. 2, Oktober 1995, S. 15, dass ein Lektor mitunter 70-80 Stunden in der Woche im Dienst ist!
Den Gründer der LVK habe ich übrigens ein halbes Jahr nach seinem Wegzug aus Korea in Berlin besucht, da war er Vorsitzender eines Kleingärtner-Vereins.
Copyright © 2007 by Michael Menke