Kwang-Sook Lie

Die Vermittlung koreanischer Literatur in deutschsprachigen Massenmedien


Im Oktober 2005 war Korea Gastland der Frankfurter Buchmesse. Dies war eine gute Gelegenheit, die internationale Rezeption der koreanischen Literatur zu fördern. Um diese Gelegenheit zu nutzen, reicht es nicht aus, gute Literatur gut zu übersetzen und brauchbare Informationsmaterialien zusammenzustellen. Eine den deutschen Lesern noch fremde Literatur ist stets auch auf die Vermittlung in deutschen Medien angewiesen. In diesem Beitrag wird untersucht, inwieweit deutsche Journalisten dabei helfen konnten, wo die Grenzen ihrer Vermittlungstätigkeiten lagen und welche Strategien von koreanischer Seite künftig die Verbreitung koreanischer Literatur fördern können.

In den untersuchten deutschsprachigen Massenmedien werden insgesamt 47 koreanische Autoren (31 Prosaautoren und 16 Lyriker) und 60 Werke (48 Romane bzw. Erzählungen und 12 Gedichte) vorgestellt. Das Untersuchungsmaterial umfasst vorwiegend Zeitungen und Zeitschriften aus Deutschland, Österreich und der Schweiz und der Untersuchungszeitraum erstreckt sich vom 8. Okt. bis 25. Nov. 2005. Unter den Romanen sind "Die Geschichte des Herrn Han" und "Der ferne Garten" von Hwang Suk-Yong und unter den Gedichten ist "Die Sterne über dem Land der Väter" von Ko Un am meisten erwähnt.

Die Vorstellung koreanischer Literatur wird häufig von der Erklärung historischer, sozialer und kultureller Hintergründe begleitet wie der japanischen Kolonialzeit (1910-1945), dem Koreakrieg (1950-1953) und der Teilung, der Militärdiktatur (1961-1987), dem Aufstand von Kwangju (1980) bzw. der Publikationssituation von heute.

Im Hinblick auf die Gattung werden Romane und Gedichte berücksichtigt, wobei das Schwergewicht auf den ersteren liegt.

Ein epochaler Einschnitt für die Literatur wird um die 90er Jahre herum gesetzt. In der Literatur vor den 90er Jahren herrschen traditionelle Themen wie Krieg, Armut, geteilte Familien, gesellschaftliche Hierarchie vor. Auch soziale und politische Konflikte, die einzelne Individuen oder die ganze Gesellschaft erlebt haben, werden dabei realistisch dargestellt. In Folge der rapiden wirtschaftlichen Entwicklung seit den 90er Jahren erlebte Korea einen raschen Wandel der Gesellschaft. Das traditionelle Familiensystem und die konfuzianische Hierarchie befinden sich in Auflösung. Jüngere Autoren behandeln Probleme der Großstadt, Verfall der Großfamilien, Tendenzen der Individualisierung, Unfähigkeit zur Kommunikation, Einsamkeit, Umweltprobleme und sexueller Missbrauch. Solche Themen sind Lesern in deutschsprachigen Ländern nicht fremd, während die traditionellen, sozialen und politischen Themen ihnen oft Verständnisschwierigkeiten bereiten. Deutsche haben auch zwar den zweiten Weltkrieg erlebt, aber danach keinen Bruderkrieg. Deutschland erreichte 1990 die Wiedervereinigung und solche politische und gesellschaftliche Erlebnisse können auch Ursache von Verständnisproblemen sein.

Man sollte beachten, dass die Erzählungen, die in den Verlagen dtv und Suhrkamp erschienen sind, häufig erwähnt werden, denn sie spielen bei der Orientierung unter den Werken solch fremder Länder wie Korea eine große Rolle.

Autorinnen werden nach 90er Jahren immer mehr, sind aber noch in der Minderheit. Sie gestalten neben Liebesthemen gerne psychologische Auswirkungen unterdrückter Gefühle. Es ist für deutsche Leser auffallend, dass Gedichte in Korea sehr beliebt sind. Es wird vermutet, dass dies auf das Prüfungssystem früherer Dynastien zurückzuführen ist, das von Prüflingen das kreative Schreiben von Gedichten verlangte. Darüber hinaus übernahm die Dichtung über verschiedenen politischen Phasen hinweg eine sozialkritische Funktion, die zwar Gesellschaft gern ausfüllen wollte, aber nicht konnte. Romane, Erzählungen und die koreanische Literatur insgesamt leisteten somit einen Beitrag zur Entwicklung des Landes. Autoren und Dichter sind allgemein anerkannt und genießen noch heute hohes Ansehen.

Ein kurioser Umstand ist, dass koreanische Literatur aus der Perspektive der Deutschen beurteilt wird. Beispielsweise wird Hwang als der koreanische Günter Grass vorgestellt, „Die Früchte meiner Frau„ von Han Kang wird mit der „Verwandlung„ von Kafka und „Vögel„ von Oh Jung Hee mit „Hänsel und Gretel„ verglichen.

Die deutschsprachigen Medien hinterlassen den Eindruck, dass sie sich bei der Vorstellung an den Kenntnissen ihrer Leser orientieren und so die politischen Ereignisse Koreas, die konfuzianische Hierarchie, die Diskriminierung der Geschlechter, die rapide Industrialisierung des Landes in den Mittelpunkt stellen. Dies hängt sicher mit der Pflicht oder dem Ziel der Medien zusammen, das Interesse der Leser zu befriedigen.

Koreanische Literatur wird im ganzen richtig betrachtet, ich vermisse jedoch eine eingehendere Beurteilung oder Einschätzung. Vor allem wurden nicht sehr viele koreanische Werke vor der Frankfurter Messe übersetzt. Man hat daher wenig Orientierungsmaterialien sowohl zum überblick über die Literatur als auch zur intensiven Auseinandersetzung mit einzelnen Werken.

Von den Erwartungen des koreanischen Volkes an die Literatur war in den Medien keine Rede. Koreanische Literatur hat nach meiner Einschätzung keinen geringen Einfluss auf die Gesellschaft, indem sie die Erlebnisse Einzelner oder von Gruppen sprachlich zum Ausdruck bringt und zum Mitgefühl auffordert. Anklage und Kritik werden direkt oder indirekt gegen negative Kräfte in der Gesellschaft und Politik formuliert. Dadurch werden die Wünsche und Bedürfnisse der Leser, die ihre innere Einstellung zeigen wollen, zum Ausdruck gebracht. Dieses sogenannte Engagement hat seinen Höhepunkt in den 80er Jahren erreicht. Insofern leistete die koreanische Literatur einen Beitrag für die Demokratisierung des Landes. Sie vertrat den Zeitgeist, fungierte als wichtiger Kritiker und galt dem Volk als geistige Stütze. Bis in die 90er Jahre wurden darin Konflikte mit dem politischen System, Machtmissbrauch der Regierenden, die Kluft zwischen Arm und Reich und die Härte des Überlebens im Alltag offen thematisiert. Koreanische Leser möchten gerne in Werken das Leben der anderen verstehen und sich empathisch in ihre Situation versetzen. Dabei können sie sich vergleichen und versuchen, Trost finden und hoffen, ihr Leben zu verbessern.

Die Literatur seit den 90er Jahren beschäftigt sich entsprechend häufig mit inneren Gefühlen und psychologischen Konflikten, was auch in der Literatur anderer Ländern der Welt zu sehen ist. Insofern zeigt die koreanische Literatur von heute gewisse globale Gemeinsamkeiten.

Man sollte für die Bekanntmachung und Verbreitung der koreanischen Literatur eine Strategie entwickeln. Zuerst sollte man repräsentative Werke aus den literarischen Epochen auswählen, die in die japanische Zeit, die Liberalisierungsphase danach, die Militärregierungszeit und die Zeit der Demokratisierung einzuteilen sind. Vor allem bedarf es zum überblick einer historischen Darstellung der koreanischen Literatur in Fremdsprachen. Es wäre wünschenswert, solchen Vorarbeiten in Übersetzungsprojekten nachzugehen. Auch sollte man berücksichtigen, dass Medien Interesse an Werken von Frauen zeigen. Eine Geschichte der Literatur von koreanischen Autorinnen sollte deshalb auch in Übersetzung erscheinen.

Die Übersetzungen sollten sich nicht auf rein literarische Werke beschränken, sondern auch Essays aus allen Lebensbereichen einschließen. Diese gehören zwar in eine andere literarische Gattung, sind aber in allen Schichten sehr beliebt, so dass sie Einstellungen von Koreanern zum Leben und zur Kultur vermitteln können.

Die koreanische Gesellschaft befindet sich in einem raschen Wandel. Moderne Medientechnologie rund um Internet und Handy werden wie kaum in einem anderen Land mit einem solchen Tempo verbreitet. Die koreanische Literatur sollte auch solche Strömungen aufgreifen. Sie sollte hinsichtlich der Themen und Darstellung überregionale Tendenzen berücksichtigen und zukunftsweisende Perspektive haben. Sie sollte weniger kommerziell interessiert sein und ihre Aufmerksamkeit nicht mehr nur auf Inlandsleser richten. Literaten sollten Themen und Beschreibungstechniken entwickeln, die auch ausländische Leser verstehen und mitempfinden können. Um die koreanische Literatur mit der Weltliteratur zu verbinden, sollten Literaten versuchen, ihre Kenntnisse und Erlebnisse auch in Bezug auf die Kultur, das Land und die Sprache fremder Länder zu erweitern. Dies würde eine Brücke aufbauen, die nicht nur die Literatur, sondern auch die Kultur zwischen Ost und West verbinden könnte. Die Schriftsteller sollten sich verpflichtet fühlen, hierin ihre Aufgabe zu finden.


Copyright © 2007 by Kwang-Sook Lie


DaF-Szene Korea Nr. 26

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