Mit der Vorinformation, dass ich unter anderem auch einen “Konversationskurs” im dritten Studienjahr unterrichten würde, kam ich Ende Februar 2007 in Korea an. In Deutschland hatte ich schon einige Jahre lang Deutsch als Fremdsprache unterrichtet, und blöderweise schloss ich aus dieser Erfahrung auf die Kenntnisse der Lernenden. Für die erste Stunde hatte ich einen wundervollen und witzigen Text vorbereitet, „Deutsch für Ausländer“ von Wladimir Kaminer. Der russisch-deutsche Autor erzählt darin von seinen Lernerfahrungen. Ich dachte, wir könnten dann über eigene Erfahrungen sprechen, vergleichen, uns kennen lernen…
Nach zwei Minuten, in denen ich viele verwirrte Blicke auffing, war mir klar: Keine einzige Person verstand ein Wort von dem, was sie lasen!
Für die nächste Stunde musste ich in meiner Verzweiflung schnell improvisieren (den Text einfach abzubrechen, wäre auch kein guter Anfang gewesen). Statt einer Diskussion habe ich einzelne Wörter aus dem Text auf Kärtchen geschrieben und auf Deutsch erklären lassen. In zwei Gruppen mussten die Studis die Begriffe erraten – auch bekannt als „Tabu-Spiel“. Auf den Karten stand dann z.B. „Baum“, und eine Studentin erklärte: “da!“ (zeigt) „Apfel“ , „groß“. Die Klasse konnte jedenfalls alles erraten.
Nach diesen ersten beiden Stunden war ich ziemlich abrupt in der Realität angelangt. Es ist natürlich vollkommen unrealistisch, von Menschen, die wöchentlich zwei Stunden Deutsch lernen, eine Diskussion wie in einem Intensivkurs im deutschsprachigen Raum zu erwarten.
Der Rest des ersten Semesters verlief genauso holprig. Anders als im ersten und zweiten Studienjahr benutze ich im dritten Jahr kein Lehrbuch. Sozusagen als Leitmotiv (weil mich das selber interessierte und ich kaum etwas über Korea wusste), hangelte ich mich am Thema „Stereotypen“ entlang. Meistens mit ziemlich zweifelhaftem Erfolg. Irgendwie hatte ich das Gefühl, seltsame festgesetzte Erwartungen nur zu verstärken.
Ein Beispiel. Vielleicht geht es anderen KollegInnen auch so: Ich kann bestimmte Assoziationen nicht mehr hören. Deutschland ist: schön, grün, voller Schlösser, man liest dort Goethe, Schiller und Heine und hört Beethoven und Mozart. Klar, Hitler und Ballack wären vielleicht unangenehmer, aber das gehört auch dazu, oder? Und die Bildzeitung hat meiner Meinung nach mehr Einfluss auf die Bevölkerung als Faust I und II…
Um ein realistisches (oder jedenfalls anderes) Bild von Berlin zu vermitteln,
haben wir „Berlin“ von Ideal gehört, gepuzzelt, gesungen, erklärt...
(Ausschnitt:
Graue Häuser, ein Junkie im Tran,
es riecht nach Oliven und Majoran.
Zum Kanal an Ruinen vorbei,
dahinten das Büro der Partei.
Auf dem Gehweg Hundekot,
ich trink Kaffee im Morgenrot.
Später dann in die alte Fabrik,
die mit dem Ost-West-Überblick.
Zweiter Stock, vierter Hinterhof,
neben mir wohnt ein Philosoph.
Fenster auf, ich hör' Türkenmelodien…)
Auf die Frage, welches Bild sie jetzt von Berlin haben, sagte ein Student: „Berlin hat viele grüne Wälder.“
Also auch kein großer Erfolg. Das war alles einfach viel zu schwierig.
Jetzt, im zweiten Semester, beschäftigen wir uns mit Werbung und allem, was
damit zu tun hat. Also: einkaufen, verkaufen (viele Rollenspiele), Bilder
beschreiben, Werbespots sehen und selber schreiben und zeichnen. Das macht den
meisten StudentInnen Spaß, und auch die Zurückhaltenden können an der
Gruppenarbeit teilnehmen – sie zeichnen dann eben oder übernehmen die Arbeit mit
dem Wörterbuch. Außerdem kann ich unterschiedliche Medien einsetzen (TV, Radio,
Zeitung…) und alle Fertigkeiten trainieren.
Angefangen haben wir mit TV-Spots. In Gruppen haben die Studierenden Spots zu Ende geschrieben, Personen beschrieben und schließlich einen eigenen Spot geschrieben und präsentiert, teilweise sogar als Sketch vorgespielt.
In der Zwischenprüfung mussten sie zu zweit Verkaufsgespräche führen (die sie zu ihrer Enttäuschung nicht vorher auswendig lernen konnten), und als nächstes behandeln wir Radiowerbung. Ich bin gespannt, wie das funktioniert – auf jeden Fall wird es komplizierter. Bilder gibt es dann nicht mehr…
Ich habe auf jeden Fall gelernt: Auch Studenten, die jahrelang nur für die Abschlussprüfung Informationen auswendig gelernt haben, können wahnsinnig kreativ sein. Außerdem lerne ich ständig, was ich demnächst anders mache (um es mal positiv zu formulieren). In einer Stunde habe ich Salat und Brot mitgebracht, um mit dem Kurs zusammen zu essen. Nebenher habe ich Fotos aus Deutschland gezeigt (meine Freunde, Frühstück in meiner WG, eine Hochzeit usw.). Keiner aß – obwohl ich gegessen habe. Erst in der Pause stürzten sich alle auf das Essen. Im Nachhinein habe ich kapiert: Ich stand die ganze Zeit an der Tafel, um die Bilder mit dem Beamer zu zeigen. Natürlich isst kein koreanischer Student, während die Lehrerin redet. Ich glaube, sie hielten mich für verrückt – ich bringe Essen mit und rede dann die ganze Zeit.
Zumindest ich lerne hier dauernd dazu – ich hoffe, die Studenten auch.
Copyright © 2007 by Claire Horst