Michael Menke

Klassische Musik – eine Freizeitgestaltung?


In nahezu jeder koreanischen Familie gibt es ein Musikinstrument, sei es Flöte, Geige, Cello, der Renner ist allerdings das Klavier, auf dem die Sprösslinge zumeist klassische europäische Musik ausüben.

Musikunterricht findet in Korea natürlich in der Schule statt, aber es gibt auch viele private Musiklehrer und Musikschulen, einige davon sehr prestigeträchtig, wie z.B. die Musikschule der Moon-Sekte in Seoul. Der Musikunterricht wäre also im Prinzip eine Gestaltung der Freizeit, ist es aber eigentlich auch wieder nicht. Denn man kann davon ausgehen, dass bei weitem nicht jeder Schüler oder jede Schülerin, die Schubert oder Beethoven übt, aus eigenem Antrieb spielt. Sicherlich steckt eher ein erzieherisches Prinzip hinter dem weit verbreiteten Musikunterricht, welches das künstlerische Moment eher in den Hintergrund stellt, dafür aber Werte wie Konzentration, Disziplin und Übung betont.

Der in Korea gespielte Kanon von Werken der klassischen Musik ist relativ beschränkt. Es gibt in den meisten großen Buchhandlungen eine Notenabteilung, wo musikalische Literatur zum Verkauf steht. Einmal sind es die „Renner“ wie Für Elise, kleine einfachere Stücke von Chopin und Beethoven, interessanterweise handelt es sich aber auch oft um diejenigen weitaus schwierigeren und anspruchsvollen Kompositionen, die später zu den Eintrittsprüfungen in die Musikabteilungen der Hochschulen vorgetragen werden müssen.

KlavierstundeEs wird mit der in Korea üblichen Beharrlichkeit geübt, und wer in einem Hochhaus wohnt und dünne Wände hat, wird sicherlich häufiger aus irgendeiner Richtung Tonleitern und oft wiederholte Musikbruchstücke hören. Gerade kleine Kinder müssen regelmäßig irgendwo vorspielen, natürlich auch vor den stolzen Eltern. So beherrscht eine erstaunlich große Anzahl junger und jüngster Koreaner zumindest die technische Seite des Musizieren auf hohem Niveau.

Aufgrund der großen Zahl von Musikschülern ergibt sich eine ebenso große Zahl von Musiklehrern, die mehr oder weniger gut von dieser Arbeit leben können. Es gibt viele Musiklehrer, weil es viele Schüler gibt, oder vielleicht auch andersrum: Es gibt viele Schüler, weil es so viele Lehrer gibt. Damit diese zukünftigen Musiklehrer eine gute Ausbildung bekommen, gehen sie gern ins Ausland, besonders auch nach Deutschland und Österreich. So ist die Zahl koreanischer Musikstudenten an deutschen Musikhochschulen erstaunlich hoch, nach den Chinesen stellen sie in vielen Musikabteilungen die zweitgrößte Gruppe. Dass die Absolventen eher eine Laufbahn als zukünftige Musiklehrer planen, weniger als zukünftige Konzertmusiker, liegt auf der Hand. Denn der koreanische Musikbetrieb sieht, was Beschäftigungs-Chancen im Orchester oder an Theatern betrifft, noch viel düsterer aus als in Europa, gibt es doch für solche Einrichtungen kaum staatliche Subventionen oder andere Unterstützungen. So leben auch die Orchestermusiker weitgehend von einer Nebentätigkeit als Musiklehrer.

Sicherlich gibt es unter den vielen tausend jungen und älteren Musikausübenden in Korea auch diejenigen, denen Musik Freude macht und für die Musik einen intellektuellen und sinnlichen Genuss bedeutet. Andererseits wird aber eben die Verwertbarkeit und der kommerzielle Gewinn bei der Musikausübung gesehen, was nicht unbedingt immer etwas mit Freizeit zu tun hat.


Copyright © 2007 by Michael Menke


DaF-Szene Korea Nr. 26

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