Thomas Kuklinski-Rhee

Freizeit mit Kleinkindern in Korea


Zu Anfang eine Beobachtung: Junge Mütter mit Babys scheinen in Südkorea weitgehend von der Bildfläche zu verschwinden, bis die Kinder alt genug sind, in einer privaten Kindertagesstätte, dem Noribang („Spielbude“), abgegeben zu werden. Allenfalls sieht man mal, wie Kleinkinder beim Einkaufen mitgeschleppt oder von der Großmutter (meist auf dem Rücken gebunden) durch die Gegend getragen werden. Ansonsten bleiben sie und die Mutter meist einfach zuhause. Die in Deutschland traditionelle wie moderne bevorzugte Freizeitaktivität mit Babys und Kleinkindern, das Spazierengehen, scheint nicht oder kaum verbreitet zu sein. Gibt es in Korea keinen entsprechenden Bedarf? Oder Ersatzangebote?

Wenn Koreaner spazieren gehen, suchen sie dafür die Berge auf. Dabei Babys und Kinder mitnehmen ist nicht nur anstrengend, sondern auch gefährlich. Schließlich gibt es meist keine gepflasterten Wege, auf denen man Kinderwagen schieben könnte (die in Korea außerdem nicht sehr verbreitet sind), und wenn man ein Baby trägt, kann der kleinste Ausrutscher fatale Folgen haben. In der Stadt ist das Spazierengehen mit dem Nachwuchs allein schon wegen der hohen Luftverschmutzung, dem Lärm und dem ewig dichten Verkehr abzuraten. Aber auch hier gilt: oft gibt es keine kinderwagengerechten Fußgängerwege, die sich aufgrund tückischer Schlaglöcher und Stolperkanten oft auch nicht leichtfüßig begehen lassen. In ländlichen Gegenden ist Spazierengehen mit einer weiteren Schwierigkeit konfrontiert: Straßen sind in der Regel einlinig gebaut, und man achtet zwangsweise mehr auf überholende sowie entgegen kommende Autos und Kleinlaster als auf die Natur. (Das liegt einfach daran, dass es früher sehr wenig Autos in Südkorea gab: 1966 unter 50.000, 1980 knapp über 500.000 Stück, da war kein Bedarf nach breiten Straßen vorhanden. 10 Jahre später waren es schon fast 3,4 Millionen Autos, weitere 10 Jahre später über 12 Millionen, aber die ländlichen Gebiete wurden seitdem nie neu strukturiert.)

Wie sieht es mit Naherholungsgebieten aus? Parkanlagen sind leider oft recht weit vom Schuss, man muss schon irgendwie mobil sein, um dorthin zu kommen. Doch damit beginnen die Probleme erst. Mit einem Baby im Auto im Stadtverkehr zu stecken ist bereits kein Vergnügen, schlimmer wird es aber noch, wenn man in den notorisch engen Parklücken zu wenig Spielraum hat, um an den Baby-/Kindersitz zu gelangen. Die Alternative Busfahren mag für Erwachsene ein Abenteuer sein, für Kinder, Alte und Kranke dagegen ist es eine Zumutung, mit Kinderwagen (und Rollstuhl) ein Ding der Unmöglichkeit. U-Bahnfahren mit Kinderwagen funktioniert nur in den jüngst renovierten U-Bahnhöfen relativ problemlos, in denen Aufzüge nachträglich eingebaut wurden, denn ursprünglich waren sie bisher nie eingeplant. Rolltreppen sind schon eine große Hilfe, aber man findet sie nur in neueren U-Bahnhöfen (Faustregel für Seoul: ab Linie 6 aufwärts, gebaut im Hinblick auf die Fußball-WM 2002).

Diese Erschwernisse sind eigentlich sehr schade, denn U-Bahnfahren ist nicht nur vergleichsweise günstig und schnell, sondern kann auch mit Kleinkindern ein positives Erlebnis sein, wenn die Bahn nicht überfüllt ist. Erfahrungsgemäß finden Kinder die Bahnfahrt meistens interessant, und oft begegnen sie dabei anderen Kindern, das ist dann schon mal die halbe Miete. Darüber hinaus ist die U-Bahnfahrt beinahe die beste Gelegenheit, die koreanische Begeisterung für Kinder kennenzulernen. Es dürfte anderen Völkern auf der weiten Welt sehr schwer gelingen, Südkoreaner, gleich welchen Geschlechts und Alters, in ihrem Ausdruck für Kinderliebe zu übertreffen. Sie sind hin und weg, sobald sie Babys oder Kleinkinder sehen, gehen ganz in ihrer Freude auf, versuchen auf entzückendste Art und Weise, Kontakt zu ihnen herzustellen. Sie haben den übermächtigen Drang, das Baby bzw. Kleinkind zu berühren, wobei Schulmädchen meist selbst dabei zusammen zucken, und ältere Koreanerinnen und Koreaner empfinden es als höchste Freude, das Kind selbst einmal auf dem Arm tragen zu dürfen. Manchmal wird einem das Baby quasi aus den Händen gerissen. Größeren Kleinkindern wird neben Keksen und Süßigkeiten auch schon mal Geld zugesteckt, und es ist zwecklos, sich als Eltern dagegen zu wehren. Eigentlich ist diese ganze Show auch für die Eltern vergnüglich, aber langfristig wird bei den Kindern so eine Erwartungshaltung erweckt, die nicht sein müsste, insbesondere in Bezug auf Geld und Konsumartikel.

Wenn man das Verkehrsproblem irgendwie gelöst hat, dann bleibt noch die Frage nach dem Ziel. Die großen Vergnügungsparks wie Lotte World, Seoul Land, Everland usw. scheiden pauschal aus, sie sind für Babys und Kleinkinder einfach nicht gemacht. Besser geeignet erscheinen da kleinere Freizeitanlagen wie Schwimmbäder und Jimjjeul-bang sowie Freizeitparks, inklusive Children’s Grand Park und dem Olympiapark in Seoul, exklusive Sportstadien, Museen, Kinokomplexe und reine Saunas. An diesen Orten haben Kleinkinder, die gerade das Laufen entdecken, weitgehend ungestört ihre Freiheiten, und auch mit Babys kann man dort meist etwas anfangen, und sei es nur Spazierengehen oder im Wasser herumtragen. Von Schwimmbädern abgesehen wird hier oft nicht das große Geld gemacht, dann sind sie meist etwas altbacken, ein sicheres Zeichen für das Fehlen von Vätern zugänglichen Wickelplätzen. Das größte Manko ist hier aber, dass es dort meist an jeder Ecke etwas zu konsumieren gibt, und zwar in der Regel ungesunde Schnell-Nahrung, chemisch angereicherte Getränke und Ramsch als Spielzeug und Souvenirs. Im Endeffekt verliert man bei solchen Besuchen immer ein erstaunliches Sümmchen Geld, oder wahlweise die Nerven.

Weitgehend ohne Kosten verbunden ist der Besuch eines Schulspielplatzes nach Feierabend oder am Wochenende. Die meisten Schulen lassen dann ihre Tore geöffnet (allerdings nur die kleinen für Fußgänger; die Eingangstore zu den Autoparkplätzen bleiben hingegen verschlossen). Glücklich ist also, wer eine solche Schule in der Nachbarschaft hat. Viele Grundschulen haben einen Parcours aus diversen Kletter- und anderen Spielgeräten, und sie sind der Treffpunkt der Kinder aus der Nachbarschaft. In unmittelbarer Schulgegend gibt es aufgrund strenger gesetzlicher Vorschriften keine billigen Konsumbuden. Nichtsdestotrotz kommen viele Kinder mit Chipstüten und bunten Getränken in der Hand auf den Spielplatz. Auch hier werden aktive, spieleifrige Kleinkinder oft unverhofft mit dem Glitzer der schnellen Konsumwelt konfrontiert.

SpielplatzBesser geeignet für Kleinkinder sind aber noch die öffentlichen Spielplätze innerhalb moderner Apartmentanlagen. Je moderner, desto mehr verkehren die Autos der Anwohner unterhalb der Erdoberfläche, und desto mehr wurde darauf Wert gelegt, oberhalb der Erdoberfläche reizvolle Grünanlagen zu schaffen. Wer es sich finanziell und sozial-ästhetisch leisten kann, hier zu wohnen, hat seinen privaten Spazierparcours direkt vor der Haustür, mit Anschluss an mehrere, thematisch unterschiedlich gestaltete Spielplätze. Daher erscheint uns dies als erste Wahl bei der Suche nach Freizeitmöglichkeiten für Babys und Kleinkinder. Hier trifft man in der Regel auf viele Gleichgesinnte, meist natürlich Mütter, und selbst wenn man nicht viel mit ihnen zu tun hat, etwa aufgrund von Kommunikationsschwierigkeiten, so ist es doch schon beruhigend, zu wissen, dass es auch andere Leute mit ähnlichen Schwierigkeiten gibt. Mütter und Väter sind hier erfahrungsgemäß meist zu zurückhaltend, um einen anzusprechen, aber mit den (älteren) Kindern kommt man schnell ins Gespräch. Einzelne Kinder sprechen erstaunlich gutes Englisch, und der Rest korrigiert einem unter viel Gelächter die koreanische Aussprache.

Wer nicht selbst in einem solchen Komplex wohnt, kann ihn dennoch besuchen, sei es zu Fuß oder mit dem Auto. Apartmentkomplexe werden zwar immer von einer kleinen Armee von mit Funkgerät bewaffneten Ajosis bewacht, die angehalten sind, nur Anwohner, Besucher oder Lieferanten hereinzulassen. In jedem Komplex gibt es aber Kindertagesstätten, Klavier- und Englischunterricht, und normalerweise lassen die Herren des Schlagbaums einen herein, wenn man das richtige Stichwort nennt und nicht gerade dort übernachten will. (Sämtliche Autokennzeichen der Anwohner sind registriert, und es gibt jede Nacht Kontrollgänge.)

Doch auf allen Spielplätzen, selbst auf nagelneuen, ist grundsätzlich Vorsicht angeraten, gab es doch schon mehrfach Begegnungen mit hervorstehenden Nägeln, verfaulenden Holzgerüsten und splitternden Kletterbalken. Es gibt nun einmal leider keinen koreanischen TüV. Das größte Problem ist aber, dass es hier nirgends (wie auch sonst kaum) Abfalleimer gibt, so dass alte Eisstiele, Chipstüten und Coladosen der Kinderkonkurrenz munter als Sandkastenspielzeug reaktiviert werden, während ihr klebriger Inhalt oft bereits großflächig auf Rutschen und Schaukeln verteilt wurde.

Was aber tun bei schlechtem Wetter? Bei entsprechender Tageszeit könnte man an einen Restaurantbesuch denken, aber wirklich entspannend wird das nur da, wo es auch Kinderspielecken gibt, also meist in irgendeinem Fast-Food-Laden. Die letzte Rettung trägt aber Namen wie E-Mart, Lotte Mart, Homever etc. Hier gibt es nicht nur meistens einen KiTa-Bereich (für größere Kleinkinder, ab ca. 1.000 Won pro Stunde; im Outlet 2001 ist dieser Bereich umsonst und in den Verkaufsraum integriert), sondern auch einen Foodcourt, wo es sich relativ familienfreundlich dinieren lässt. Darüber hinaus finden alle jungen und jung gebliebenen Leute Einkaufen aufregend, nicht nur in der Spielwarenabteilung, wo man sie beinahe unbehelligt laufen lassen kann, während man selbst schicke Billigkrawatten oder teure Plasma-Fernseher inspiziert. (Noch nie hat sich in Südkorea jemand dahingehend beschwert, die Kinder könnten etwas kaputt machen.) Sondern auch in der Lebensmittelabteilung, wo es an jeder Ecke etwas anderes, auch hoch qualitative, gesunde Sachen zum Probieren gibt und man sich so locker das halbe Abendessen (für die Kleinen) sparen kann. Aus vielfacher Erfahrung können wir unterstreichen, dass die VerkäuferInnen Kindern gegenüber durchwegs superfreundlich und entgegenkommend sind und ihnen lieber ein Stück Wurst, eine halbe Banane oder einen kleinen Becher Milch mehr in die Hand drücken, als sie achtlos vorüberziehen zu lassen. Der große Nachteil an dieser Strategie: Kinder wollen, dass man alles kauft, besonders Spielzeug, und hier besonders den teuren, pädagogisch nur sehr eingeschränkt wertvollen Klimbim. (überhaupt wäre das südkoreanische Angebot an Spielzeug in den großen Einkaufsmärkten mal ein Thema für sich: Ein ganzes Arsenal täuschend echter Spielzeug-Schusswaffen, Militär- und Anti-Terror-Sets beim LEGO-Imitat „Oxford“ und, am absurdesten, ganze Regale voller Merchandise-Müll à la Power Rangers.) Also: ausgerechnet da, wo es am besten läuft, lauert die größte Gefahr.

Das Fazit lautet: Abseits der modernen, teuren Apartmentkomplexe erkauft man sich in Südkorea halbwegs erholsame Freizeit mit Babys und Kleinkindern fast automatisch mit dem Eintauchen in die Glitzerwelt der billigen, schnellen Konsumwirtschaft. Volkswirtschaftlich mag das sinnvoll sein, volksgesundheitlich sicher nicht, denn diese Konsumartikel bergen die Keime sogenannter Zivilisationskrankheiten wie Allergien, Konzentrationsschwäche und Ängste aller Art. In Korea ist jedoch seit der Park-Ära die Wirtschaft wichtiger als die Gesundheit, ein gegenläufiges Alternativbewusstsein wartet noch auf seine Ausprägung.

Wie ist es dazu gekommen? In der vorindustriellen Großfamilie (ca. 4 Generationen unter einem Dach) gab es die Situation vermutlich gar nicht, dass Eltern mit ihren Sprösslingen im Schlepptau auf Erholungssuche gingen. Aufgrund des Wirtschaftswunders kam es zur massiven Landflucht, Verkleinerung der Familien, Verringerung der Geburtenrate von über 4,5 (1970) auf unter 1,1 (2005), die geringste Geburtenrate auf der OECD-Welt. Zwischen Familiengröße und Geburtenrate besteht also eine hohe negative Korrelation.

Resultiert das einseitige Freizeitangebot für junge Familien also aus einem Mangel an Nachfrage? Sicher nicht. Aber andersrum wird ein Schuh draus: Es ist sehr leicht vorstellbar, dass junge Leute weniger Kinder in die Welt setzen, wenn sie nicht wissen, wie sie mit ihnen die (zur Erholung notwendige) Zeit verbringen sollen. Teure Apartmentkomplexe sind keine Lösung, denn die kann man sich nur mit einem überdurchschnittlich guten Job leisten. Besonders ernst ist die Lage daher für Alleinerziehende (meist Mütter), deren Anzahl aufgrund der steigenden Scheidungsquoten (interessanterweise gerade in Apartmentkomplexen) ebenfalls zunimmt.

Wenn man in Südkorea also die Geburtenrate signifikant steigern will, wird man nicht darum herum kommen, auf dem Gebiet Freizeitangebote für junge Familien entscheidende Stellweichen anders auszurichten. Zunächst wäre es schon ein Fortschritt, wenn man die penetrante Billigkonsumwirtschaft aus diesem Gebiet weitgehend heraushalten könnte.


Copyright © 2007 by Thomas Kuklinski-Rhee


DaF-Szene Korea Nr. 26

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