Claire Horst

Freizeit in Korea


Eine meiner ersten Fragen an die Studenten war: “Was macht ihr am Wochenende?” In den ersten Wochen war die Antwort immer: Lernen. Studieren. Mit den Eltern sprechen. Schlafen. Bei mir hat das zuerst zu einer leichten Depression geführt: Was mache ich dann in dieser Stadt am Wochenende? Und: Worüber kann ich mit diesen Menschen sprechen, die höchstens zehn Jahre jünger sind als ich? Außerdem: Wie bekommen wir einen größeren Wortschatz hin?

Goethe-T-ShirtLangsam kamen dann weitere Antworten dazu: Lesen. Computer spielen. Singen. Und, zuerst bei den männlichen Studenten: Trinken. Go Stop spielen. Filme sehen.

Daran konnte ich ablesen, dass sie nicht mehr ganz so viel Angst hatten, ein schlechtes Bild von sich zu präsentieren. Für mich war dieser Respekt überhaupt ein Problem: In Deutschland hatte ich an kleinen Projekten unterrichtet, in denen die Distanz zwischen Lehrenden und Lernenden nicht sehr groß war. Meistens haben wir uns mit Vornamen angesprochen. In Korea habe ich ein Schild an der Tür: Professor Horst. Das führt zu Anreden wie: Hat Frau Professor gegessen? Ich fühle mich dann sehr aristokratisch, aber es erschwerte zumindest am Anfang den Kontakt zu den Studenten.

Zum Glück gibt es an meiner Uni aber regelmäßig Veranstaltungen im Fachbereich, an denen alle teilnehmen und bei denen gemeinsam gegessen und getrunken wird. Zuerst war da das MT (Membership Training), bei dem die Studenten von den Studentinnen als Frauen verkleidet werden und drei Tage lang ziemlich viel getrunken wird. So konnte ich gleich im ersten Monat die Freizeitbeschäftigung “Soju trinken” kennen lernen. Auch beim Unifestival und bei verschiedenen gemeinsamen Essen gab es immer mehr Kontakte. Trotzdem, die Sprachbarriere bleibt. Meine Studenten sprechen wenig Deutsch bzw. Englisch, und mein Koreanisch macht leider nur langsame Fortschritte. Also beschränken sich die Gespräche meistens auf Hobbys, Wochenende, Reisen in Deutschland und Korea und die Uni.

Anders als geplant habe ich inzwischen viele Freunde, die auch aus anderen Ländern kommen, vor allem Englischlehrer, die ich im Koreanischkurs des YMCA kennen gelernt habe (dem einzigen Kurs, den es in Cheongju gibt). Meine Ansichten über Parallelgesellschaften haben sich dadurch ein bisschen verändert, ich weiß jetzt genau, wieso sie entstehen.

Unsere Freizeitbeschäftigungen unterscheiden sich nicht so sehr von denen meiner Studenten. Ich gehe sehr gern ins DVD-Bang, Norae-Bang, gehe viel häufiger essen als zu Hause (ist ja auch billiger als Kochen), oder bergwandern. Ich reise sehr viel in Korea herum – die langen Ferien sind ein großer Vorteil des Professorendaseins! Mit koreanischen Freunden gehe ich essen, wir treffen uns zu Hause – genau wie in Deutschland eigentlich. Ich vermisse eigentlich vor allem das Ausgehen in Berlin (ich wohne eben nicht in Seoul) und etwas tiefergehende Gespräche in den Kursen – Politik und Gesellschaft gehen aber über meinen und ihren sprachlichen Horizont.

Und ich habe ein neues Hobby entwickelt: T-Shirts lesen. Das funktioniert auf jeder koreanischen Straße, bei Regen in der U-Bahn oder im Kaufhaus. Mein Favorit bisher: Ein Goethe-Gedicht auf einem T-Shirt auf dem Namdaemun-Markt. (Wanderers Nachtlied: “über allen Gipfeln ist Ruh…”) Auch gut: “Schwarze Wolken türmen sich am Himmel auf. Es sieht nach Regen aus.” Mein größter Wunsch ist es seither, ein paar T-Shirt-Designer zu treffen und zu befragen, wo sie ihre Texte finden. Informationen bitte an mich weiterleiten!


Copyright © 2007 by Claire Horst


DaF-Szene Korea Nr. 26

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