Thomas Kuklinski-Rhee

Amateurfußball in Korea


Am Sonntagmorgen geht ein freizeithungriger Koreaner in die Kirche oder zur Schule – aber nicht, um zu lernen, sondern zum Jogi Chukgu. Das bedeutet wörtlich etwa „Früh-Fußball“, der organisierte Amateurfußball in Südkorea. Ich habe das bis vor zweieinhalb Jahren selbst zwei Jahre lang betrieben und möchte deshalb ein wenig davon berichten. Meine vorausgegangenen Fußballerfahrungen in Deutschland umfassen neben lebenslanger Straßenkickerei den in unserer Gegend (Hochsauerland) beinahe obligatorischen Besuch des lokalen DFB-Fußballvereins als Schüler, als Student ereignisreiche, mit einem Aufstieg gekrönte Saisonen in der unabhängigen Bielefelder „Wilden Liga“ (de.wikipedia.org/wiki/Freizeitfußball) und schließlich fröhliche Kickerei mit dem Team der in Bielefeld ansässigen Koreaner. Damals hatte ich mich immer gewundert, warum die Koreaner sich immer ausgerechnet am Sonntagmorgen zum Fußballspielen trafen. In der „Wilden Liga“ war das der denkbar schlechteste Zeitpunkt für sportliche Höchstleistungen: die Hälfte der Mannschaft tauchte erst im Verlauf der regulären Spielzeit auf und war dann noch halbblau oder auf dem Heimweg oder beides.

Für den Amateurfußball in Korea ist die Zeit am Sonntagmorgen zwischen sieben und acht aber Standard. Das hat heute vor allem den praktischen Grund, dass um diese Zeit die wenigsten Schüler zum Selbstlernen in die (Ober-)Schulen kommen. Denn in Korea befinden sich (fast) alle Sportplätze auf Schul-, Universitäts- und Firmengrundstücken, und Schulen haben die Order, ihre Plätze an den Wochenenden der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Praktisch jede Mittel- und Oberschule (Sportplätze der Grundschulen sind oft zu klein) hat ein Stammteam (manchmal auch mehrere), das sich an diesem Ort regelmäßig zum Training trifft. Bei mir war es naheliegenderweise das Team Parang-Sae („blauer Vogel“) an der Oberschule, an der ich damals unterrichtete (obwohl ich der einzige war, der dort seine Arbeits- und Freizeit verbrachte, bei meinen Lehrerkollegen galt das Thema als Tabu). Ab Mittag war die halbe Schule allerdings von SchülerInnen belegt (sie kamen zum Selbstlernen, in Zivilkleidung), sodass wir schon vor 11:00 Uhr, vor Prüfungen auch früher, aus Lärmschutzgründen fertig sein mussten. (Manche Teams treffen sich auch unter der Woche vor Schulbeginn, aber so verrückt war ich dann doch nie.) Die Teams identifizieren sich gegenseitig zwar über ihren Schulstandort, haben aber weder organisatorisch noch finanziell irgendwelche Verbindungen mit der Schule. Sie haben oft fantasievolle Eigennamen, einen von der Schule unabhängigen Farbcode und werden von der Schulleitung mehr eher geduldet als geliebt.

Der Kick in aller Herrgottsfrüh könnte auch ein Hinweis darauf sein, woher der koreanische Amateurfußball letztlich stammt: von den Treffen an den Missionsschulen um die vorletzte Jahrhundertwende vor dem Sonntagsgottesdienst, wahrscheinlich um die Leute anzulocken (siehe „Sport in Korea“ in dieser Ausgabe). In den Jahrzehnten des wirtschaftlichen Aufschwungs nach dem Koreakrieg war die Zeit sonntags morgens aber auch der einzige freie Termin für die hart arbeitende Bürgerschicht. Bisweilen keimt heutzutage allerdings auch der Verdacht auf, manche koreanische Männer würden diese Zeit vor allem dazu nutzen, sie nicht bei der Familie verbringen zu müssen, wenn sie regelmäßig versuchen, das Treffen durch Restaurantbesuche u.ä. ad infinitum in die Länge zu ziehen.

AmateureDer Amateurfußball ist ausschließlich eine Sache der Männer, und dementsprechend geht es dort zu: laut, direkt, rauher Ton, viel Gelächter, viel Action, hierarchische Struktur und natürlich die Etablierung und Pflege von „Vitamin B“. Die Teams sind ähnlich wie Vereine organisiert, es gibt einen Präsidenten, einen Kassenwart und einen Trainer, bei Bedarf auch weitere Posten. Die Vereinsgebühr lag bei uns bei 30.000 Won pro Monat, dafür war das Mannschaftstrikot inklusive (2 Shirts, für Sommer- und Wintersaison). Neben dem Spielfeldrand stand in der Regel immer ein großer Gaskocher samt riesigem Topf mit heißem Wasser, wo man sich nach Bedarf mit Tütenkaffee und Ramyeon stärken konnte (alles inklusive). Wer kommt, macht selbstständig Aufwärmübungen, dann wird unter fachkundiger Anleitung trainiert, den sportlichen Abschluss bildet ein ausgiebiges Trainingsspiel oder ein Match gegen ein anderes Team, wohin man, falls es auswärts ist, mit privaten PKW anreist. Auf das Match folgt meist an Ort und Stelle ein improvisiertes Mittagessen aus Reis, Gimchi, Tofu, Jeon, oft auch eine Eintopfsuppe und diverses Fleisch, abgerundet mit einer Obstauswahl. Dazu diverse Sportgetränke und nicht selten auch Soju, damit man bis zum Abendessen noch was davon hat. Die Getränke, inklusive Tütenkaffee und Ramyeon, werden vom Vereinsbeauftragten organisiert, die Speisen (vermutlich) von den Ehefrauen.

Es gibt im koreanischen Amateurfußball verschiedene Leistungsklassen, ich selbst habe aber nur Erfahrung in der unteren, eher weniger formalisierten Klasse. Am Ende ist unser Team sogar aufgestiegen, aber da war alles durchorganisiert wie im DFB: Spielerpass, uniformiertes Schiedsrichterteam, registrierte Ersatzspieler, bestellte Beobachter für den Spielbericht usw. Das war für mich dann das Aus, denn Ausländer konnten dort aus verwaltungstechnischen (so hieß es damals) Gründen nicht teilnehmen. In der unteren Klasse trafen wir bei einem Turnier einmal auf eine Mannschaft, in der ein Amerikaner mitspielte, ansonsten war das immer eine rein koreanische Angelegenheit.

In unserer Leistungsklasse dauerten die Fußballspiele idealerweise 2 x 45 Minuten, bei elf gegen elf Spielern plus ein Schiedsrichter. Allerdings gab es diese Idealbedingungen meist nicht, und so variierte die je nach der Zahl der zur Verfügung stehenden Mitspieler. Hatte eine Mannschaft zu wenig Spieler auf dem Platz, konnte sie sich manchmal auch Ersatzleute aus dem gegnerischen Team „ausleihen“, was den Spaß an der Sache natürlich erhöhte. Auch wurde bisweilen mangels Ressourcen ein aktiver Spieler zum höchst unparteiischen Dienst an der Pfeife abkommandiert, aber fairerweise in jeder Halbzeit aus einer anderen Mannschaft. Bisweilen kamen aber auch über 30, 40 Leute, die alle spielen wollten; dann wurde die reguläre Spielzeit kurzerhand um eine oder zwei komplette Halbzeiten verlängert.

TeamgeistNormalerweise war der ganze Spaß spätestens zum Mittagessen vorbei. Doch manchmal gab es Turniere mit vielen Mannschaften, die bis zum Abend dauern konnten. Dort war alles durchorganisiert: Turnierplan, Pokale, Mannschaftszelte, Notebook-Arbeitsplätze für die Turnierleitung, Musik- und Lautsprecheranlagen, Wasserversorgung, Mahlzeiten (komplett mit legalen Leistungsförderungsmitteln wie Bier und Soju). Was es jedoch niemals gab, waren Duschen und Umkleideräume, ein Thema für sich. Denn die scheinen in der koreanischen Sportkultur nur in Ausnahmefällen vorhanden zu sein, selbst in Schul- und Unisportanlagen sind sie meist nicht vorgesehen. So zieht man sich in der Regel schon zuhause um und kommt in kompletter Montur zum Training bzw. Spiel. Aus diesem Grund sieht man so viele Kinder im Taekwondo-, Kendo- und Fußballdress auf den Straßen herumlaufen. Oder man erledigt das Umziehen an Ort und Stelle, mitten im Dojang oder am Rand des Sportplatzes, was meist kein Problem darstellt, weil es sowieso nur männliche Teilnehmer gibt. ärztliche Versorgungsmöglichkeiten haben wir bei unseren drei, vier Turnierteilnahmen niemals gesehen; zum Glück ist nichts passiert.

Die Teilnehmer unserer sowie der gegnerischen Mannschaft waren größtenteils Arbeiter und Angestellte in ihren 30ern und 40ern, vereinzelt Studenten, aber niemals Schüler. Der Sonntagsfußball scheint ein Treffpunkt der Mittelschichtler zu sein. In unserem Team gab es z.B. Einzelhändler, Büro- und Verwaltungsangestellte, einen Barbetreiber, den Inhaber einer Taekwondoschule, Polizisten, ärzte, Anwälte, einen Kameramann (Kinofilme) und, wofür unser Team weithin berühmt war, den damals amtierenden koreanischen Gesundheitsminister Kim Geun-tae. Wenn man es nicht gewusst hätte, hätte man ihn für einen einfachen Mitspieler halten können. Er hatte keine besondere Funktion in der Mannschaftsleitung inne, agierte wie jeder andere, hielt aber bei jedem Auftritt unserer Mannschaft eine kleine Rede (m. E. zu kurz, um sonderlich politisch zu sein). Er kam normalerweise ganz alleine im Taxi zum Sportplatz, blieb größtenteils schweigsam, war trotzdem immer freundlich und zugänglich, schien nur am Fußballspielen interessiert zu sein und hat niemals, soweit ich das beurteilen kann, politisch agitiert. (Sicherlich hat er das Treffen aber dazu genutzt, um dem (Fußball-)Volk aufs Maul zu schauen.)

Wir waren Sturmkollegen, und ich darf sagen, dass wir ganz gut miteinander harmonierten. Jeder hatte zwar Respekt vor ihm, doch er war ein ziemlich normales Mannschaftsmitglied, der sich den Anweisungen des Trainers fügte und im Eifer des Gefechts auch schon mal den Ball dorthin bekam, wo es nur Männer nachempfinden können. Er spricht sehr gutes Englisch. Nur einmal haben wir über Politik gesprochen, und er erklärte, dass ihn unter deutschen Politikern Wolfgang Thierse am meisten beeindruckte, weil dieser „wie ein einfacher Bauer“ auftrete. Persönlich wünscht er sich die koreanische Wiedervereinigung so schnell wie möglich, denn nur so habe Korea langfristig eine Chance, zwischen den Riesen China und Japan zu bestehen.

Man sieht also, Jogi Chukgu kann sowohl für den Körper als auch für den Geist anregend sein. Und auch für die Seele: Ich habe mich auf dem Schulgelände viel wohler in der Fußballtruppe gefühlt als inmitten des Lehrerkollegiums. Das ist ja das Wunderbare am Sport: Wenn es Spannungen im Team gibt, lassen sie sich oftmals sozialkompatibel abreagieren. In der Schulsituation gibt es diese Möglichkeit meist leider nicht.

Offensichtlich angelehnt am Konzept des Jogi Chukgu gibt es seit 2002 die ursprünglich aus vier, inzwischen aus 15 Teams bestehende Seoul Sunday Football League (SSFL; siehe www.ssflkorea.com), über die z.B. regelmäßig im „Korea Herald“ berichtet wird. Sie ist von der Korea Football Association anerkannt und mittlerweile in zwei Divisionen eingeteilt. Die Teams wie “Seoul United”, “Daejeon de la Cuba”, “Incheon Shooters” oder “Lokomotiv Goyang”, bestehen größtenteils aus Soldaten und Englischlehrern, aber auch viele Koreaner sind darunter, meist Amateure oder auch Halb-Profis. Das vermutlich einzige deutsche Fußballteam in Korea sind die „Kimchi Kickers“ (www.kimchi-kickers.com), die sich aus (männlichen) Mitgliedern der Deutschen Botschaft, Deutschen Schule und der deutschen Industrie zusammensetzen. Höchste Zeit also für ein zweites deutsches Fußballteam, die „Lektoren United“, wahlweise auch „German kicks ass“! Man könnte mit einer solchen Mannschaft z.B. durch Oberschulen tingeln, vielleicht ließe sich das sogar vom DAAD und/oder DFB sponsorn. Als Alleinstellungsmerkmal dürften hier durchaus auch Frauen teilnehmen, haben die deutschen Fußballdamen der Welt doch jüngst erst gezeigt, was sie auf dem Platz bewegen können.


Copyright © 2007 by Thomas Kuklinski-Rhee


DaF-Szene Korea Nr. 26

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