Mechthild Duppel-Takayama

und die Teilnehmer des Schreibkurses für Anfänger, Institut für Germanistik, Keio-Universität Tokyo

Zehn Elfchen, ganz ruhig

Auf der Suche nach Freizeit in Japan


Freizeit in Japan. Hat man die? Oh ja, natürlich. Keiner kann ununterbrochen arbeiten. Und nach der Arbeit beginnt die Freizeit. So weit hatte ich das Manuskript vor zwei Wochen geschrieben. Dann aber hakte es schon. Arbeitszeit versus Freizeit, diese strikte Trennung, das ist doch ein westliches Konzept. Ich dachte an all die kleinen Geschäfte, deren Besitzer mit ihren Familien hinter dem Verkaufsraum wohnen und bis spät abends vom Essen oder Fernsehen aufstehen und nach vorne kommen, wenn sich Kunden einfinden. Wann genau beginnt ihre Freizeit? Die Angestellten, die mit ihren Kollegen nach Büroschluss durch die Kneipen ziehen – tun sie das in ihrer Freizeit? Es scheint also zumindest einen fließenden übergang zwischen Arbeit und Freizeit zu geben. Und auch das soziale Umfeld in der Freizeit unterscheidet sich nicht unbedingt von dem während der Arbeit. Viele meiner Studenten verbringen die Abende und Wochenenden (und den frühen Morgen!) in den Clubräumen auf dem Campus. Haben sie nicht das Bedürfnis, auch mal Abstand von der Uni zu bekommen, ihre Freizeit anderswo und mit anderen Leuten als den Kommilitonen zu verbringen? Was ist Freizeit für sie?

Ich fragte im Unterricht, was das Wort Freizeit auf Japanisch heißt. „Jiyu jikan“ war die spontane Antwort, also „freie Zeit“, wortwörtlich. Aber ist das nicht zu allgemein? Und vor allem: Mit „jiyu jikan“ wird im Japanischen nichts Weitergehendes konnotiert, nichts, was dem westlichen Freizeitbegriff nahe käme. „Yasumi“ war der nächste Vorschlag, doch „yasumi“ bedeutet Ferien oder Pause, zum Beispiel Mittagspause. Freizeit ist etwas anderes. Ein letzter übersetzungsversuch kam mit „hima“, unausgefüllte Zeit. Da schüttelten die anderen aber alle gleich den Kopf, nein, „hima“ ist langweilig, „hima“ kommt ungeplant und muss irgendwie überbrückt werden. Freizeit dagegen hat man gerne, darüber herrschte Einvernehmen. Doch abgesehen vom positiven Image schien Freizeit reichlich unklar zu sein. Ein Fremdwort.

Sollte ich den Studenten nun einen Vortrag halten über mein Verständnis von Freizeit? Darüber, dass der – deutsche – Mensch arbeitet und ruht und diese beiden Phasen säuberlich auseinander hält? Dass die Ruhephase aber auch mit einer sinnvollen Tätigkeit verbracht werden soll, was dann Freizeitbeschäftigung genannt und von der Freizeitindustrie bedient wird? Für letzteres, die sportlich-aktiv und outdoor verbrachte Freizeit, verwendet man in Japan übrigens wirklich ein Fremdwort: „leisure“. Hatte ich als richtige Studentenantwort etwa „leisure“ erwartet? Doch ich hatte um eine sprachliche Übertragung gebeten, nicht um eine kulturelle. Und außerdem wollte ich ja wissen, was Freizeit für meine Studenten ist.

Also kein Vortrag, sondern eine Hausaufgabe: „Schreiben Sie ein Elfchen zum Thema Freizeit.“ Keine weiteren Kommentare, nur die Form war vorgegeben: elf Wörter auf fünf Zeilen, beginnend mit einem Wort, dann zwei, drei, vier und zum Schluss wieder eins. „Es ist schwer, ein Elfchen über Freizeit schreiben“, mailte mir ein Student, doch eine Woche später standen an der Tafel zehn Elfchen, die von der Gruppe lachend begutachtet und nach eingehender Diskussion in eine Reihenfolge gebracht wurden. Entstanden sind Stimmungsbilder, Momentaufnahmen von freier Zeit, von kurzen Pausen im Alltag, unausgefüllte Augenblicke, mal ganz unbeschwert, mal melancholisch gebrochen. Erst später bemerkte ich, dass darin sehr viel geschlafen wird. Freizeit in Japan.

Nachmittag
Am Sonntag
Kommst du mit?
Es ist schönes Wetter
Tschüs
(TK)

langsam
im Bett
friedlich und erwartend
ich strecke mich aus
aufwachen
(NM)

ausschlafen
spazieren gehen
den Film sehen
Apfelkuchen backen und essen
ausschlafen
(TY)

schlafen
Fernsehen gucken
ins Kino gehen
viele Bücher lesen ruhig
munter
(KF)

fernsehen
Bücher lesen
so lang schlafen
ich trinke allein Bier
faulenzen
(YK)

freizeit
ich mag
auf dem Bett
ich schlafe sehr lang
ruhig
(KKo)

Sonne
Blauer Himmel
Es ist warm
Im Park spazieren gehen
Glücklich
(YS)

Bier
am Abend
mit meinen Freunden
ich kann nichts verstehen
betrunken
(HB)

lustig
die Freizeit
es ist traurig
ich verlasse die Freizeit
Erinnerungen
(TT)

Plötzlich
merke ich
dass meine Freizeit
schon zu Ende ist
schade
(KKu)


Copyright © 2007 by Mechthild Duppel-Takayama


DaF-Szene Korea Nr. 26

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