Birke Dockhorn

Viel Freizeitsport in einem Haus

Das Chungnang-gu Bürgersportzentrum


SportzentrumChungnang-Bürgersportzentrum, abends, kurz vor 20.00 Uhr. Ich tausche am Empfang meine Mitgliedskarte gegen einen Schrankschlüssel und betrete - natürlich ohne Schuhe - den Umkleideraum neben dem Fitnessraum im Erdgeschoss. Links Waschbecken und Tische mit Kämmen, Bürsten, Ohrstäbchen und Fönen vor einer großen Spiegelwand. Auch eine Waage ist da. Rechts stehen schmale Garderobenschränke, an den Wänden entlang oder auch Rücken an Rücken, immer zwei Reihen übereinander. Geradeaus geht es durch eine Glastür in den Duschraum, ein paar Handtücher sind davorgelegt. Der Boden ist trocken und sehr sauber, eine Reinemachefrau und viele Schilder sorgen dafür, dass das auch so bleibt. Um diese Zeit, kurz vor Beginn eines der vielen Kurse, herrscht ein reges Treiben. Eine Gruppe von Frauen begrüßt sich fröhlich und plaudert über den Tag. Lebhaft tauschen sie sich darüber aus, ob sie tagsüber wieder mal zuviel gegessen und deshalb zugenommen haben. Die meisten von ihnen sehen sich täglich hier beim Aerobic-Kurs, und das oft auch schon jahrelang. Ein perfektes Outfit gehört - wie bei so vielen koreanischen Freizeitsportlern - dazu: sehr kurze Oberteile - einfarbig oder auch mal im Leopardenmuster -, manchmal ein kurzes Röckchen oder ein sehr knappes Höschen, Strumpfhosen,  Stulpen und Stirnbänder. Das ist zwar nichts im Vergleich zur Bauchtanzgruppe, die nach uns um 21.00 kommen wird, aber alles ist sehr schick und farblich passend aufeinander abgestimmt. Aussehen, Kleidung und Gewicht werden dann auch lautstark kommentiert, alle reden durcheinander und erinnern sich gegenseitig an die Schrittfolgen vom Vorabend, die sie auch gleich nochmal üben um dann wirklich eine gute Figur machen zu können. Ein letzter prüfender Blick in den Spiegel und ab in den Saal, möglichst in die erste Reihe direkt vor der auch dort vorhandenen Spiegelwand. Und dann beginnt auch alles ganz pünktlich: Zu meist koreanischen temporeichen Pop-Rhythmen geht es von Aufwärmübungen über das Training bestimmter Muskeln und Aerobic-typischer Bewegungen weiter zu choreografisch wirklich  anspruchsvollen Bewegungsfolgen, bis sich alle am Ende nochmal zu Gymnastik aufschwingen um dann endlich beim yogaartigen Stretching entspannen und aufatmen zu können. Die Lehrerin, eine schlanke und muskulöse Powerfrau mit einer lauten heiseren Stimme schafft es Abend für Abend, dass alle noch das Letzte aus sich herausholen.

Ich wirke unter all diesen Koreanerinnen immer ein bisschen anders. Nicht nur, dass meine Sportsachen nicht besonders modisch sind, nein, ich gehe auch immer mit Absicht in die allerletzte Reihe. Bloß nicht so genau im Spiegel sehen, wie unelegant ich da herumturne! Ich komme auch nicht jeden Tag. Zugegeben, da wäre ich wohl sicher viel besser - aber der Ehrgeiz fehlt mir bis heute. Es soll nur Spaß machen und an meine persönlichen Grenzen gehen, beweisen muss ich mich woanders. Trotzdem komme ich natürlich gern dorthin, dreimal in der Woche. Das Sportzentrum liegt nur 15 Minuten zu Fuß von unserer Wohnung entfernt, und ich finde, es war ein Glücksfall, dass ich es entdeckt habe. Ich weiß gar nicht mehr, wie wir es gefunden haben, wahrscheinlich zufällig beim Spazierengehen in unserer Wohngegend.

Das war vor fast einem Jahr. Damals wollte ich endlich wieder regelmäßig Sport machen. Joggen kommt für mich in der schlechten Seouler Luft nicht in Frage, und ich bin auch nicht gerade ein Freund von Fitness-Zentren. Es ist mir einfach zu langweilig, dort so vor mich hin zu sporteln und dabei einen Fernseher oder eine Wand anzustarren. Außerdem macht es mir, außer beim Schwimmen, auch keinen Spaß allein Sport zu machen. Da ist so ein Sportzentrum eine gute Alternative: erstens kann man in Kursen mit anderen zusammen Sport machen und zweitens ist das Angebot sehr vielfältig. Ich lasse mich gern eines Besseren belehren, aber in Deutschland gibt es das wohl nicht: Ein Haus voller Sporteinrichtungen, von der Schwimmhalle bis zur Basketballhalle.

Ein Prospekt gibt Auskunft über das Programm unseres Sportzentrums. Erwachsene können Schwimm-, Aquarobic-, Fitness-, Badminton-, Yoga-, Kendo-, Inline-Skating-, Aerobic und diverse Tanzkurse belegen. Diese Tanzkurse unterteilen sich noch einmal. Da gibt es etwas, was wir eigentlich unter einem Tanzkurs verstehen und was auf Neukoreanisch dancesports heißt. Also ein Kurs für Cha-cha-cha, Rumba, Jive u.a. Bauchtanz wird ebenfalls zu den Tanzkursen gerechnet, kurioserweise gibt es Kurse für Hausfrauen und für arbeitende Frauen. Nightdance wird noch angeboten, für mich aber ebenso undurchsichtig wie bangsongdance - bangsong bedeutet "Radio" oder "Sendung", ja, aber bangsongdance??

Für Kinder gibt es ebenfalls ein reichhaltiges Kursangebot: Schwimmen natürlich, Basketball, Kendo, Ballett, Jazzballett, Inline-Skating, Hallenfußball und "fröhliches Seilspringen nach Musik". Ich erinnere mich jetzt auch, dass sich nach dem Yoga-Kurs, den ich mal am Nachmittag belegt habe, die Halle mit lauter Knirpsen füllte, alle mit scheinbar viel zu langen Springseilen in der Hand. Ich habe sie dann leider nie springen sehen.

Die Kurse für Kinder finden vorzugsweise nachmittags und abends statt, offenbar werden sogar extra Busse bereitgestellt, um die Kleinen zum Sport und dann wieder nach Hause zu bringen. Für Erwachsene beginnen die ersten der meist einstündigen Kurse morgens um 6.00 Uhr, die letzten enden abends um 22.00 Uhr. Es gibt auch Zeiten für "freien Sport", d.h. man schreibt sich nicht für einen Kurs mit Kursleitung, festen Zeiten und zu einer Monatsgebühr ein, sondern zahlt ein geringes Entgelt um eine Stunde zu schwimmen, in der Sporthalle Ball oder Badminton zu spielen oder natürlich ins Fitnesszentrum zu gehen.

Wenn man sich für einen Kurs anmelden möchte, kann man das jeden Monat in einem bestimmten Zeitraum tun. Man tut gut daran Koreanisch zu können oder, wenn das nicht der Fall ist, sich wenigstens zur Anmeldung und zu Kursbeginn einen sprachlichen Beistand mitzunehmen. Für mich war die ganze Prozedur am Anfang nicht so einfach zu durchschauen. Es gibt zwei Anmeldefristen, eine für bereits eingeschriebene Teilnehmer, eine für Neuanmeldungen. Die bereits eingetragenen Mitglieder haben sozusagen das Vorrecht, im nächsten Monat wieder an ihren Kursen teilzunehmen. Erst dann können sich neue Teilnehmer für den Kurs einschreiben. Und wenn man plötzlich feststellt, dass man im laufenden Monat nicht mehr kommen kann, dann kann man sich auch abmelden und bekommt den Restbetrag zurückerstattet. Allerdings gilt man dann für den nächsten Monat wieder als Neuteilnehmer und kommt nicht in den Genuss des Anmeldevorrechts.

Aber selbst wenn man keinen Antrag auf Rückerstattung des Restbetrags stellt, bedeutet das keine große finanzielle Einbuße. Die Preise für die Kurse sind wirklich sehr moderat, sie liegen im Durchschnitt bei 40.000 Won im Monat. Mein Aerobic-Kurs kostet beispielsweise 40.400 Won für 5x pro Woche.

Solche Sportzentren (gungmin cheyuk senteo) gibt es in jedem Seouler Stadtbezirk (gu) und möglicherweise auch in anderen Städten Koreas. Sie sind wahrscheinlich für Ausländer nicht so leicht zu finden, die englischsprachigen Informationen auf den Homepages sind meist dürftig. Man findet die Links zu ihnen im Internet meist auf den Seiten des Rathause (gucheong). Die Vorteile eines solchen Hauses voller Sporteinrichtungen liegen wohl auf der Hand. Im Vergleich zu Fitnesszentren ist das Angebot vielfältig, wahrscheinlich kann jeder etwas Passendes für sich finden und hat auch noch Alternativen, wenn der Wunschkurs ausgebucht ist. Außerdem sind die Kurse erschwinglich und von recht guter Qualität, soweit ich das nach meinen Erfahrungen beurteilen kann. Man kann sich natürlich sicher darüber streiten, ob man als Yoga nun unbedingt die beliebte koreanische Variante "Diät-Yoga" machen möchte. Aber die Kursleiter sind alle qualifiziert und auch sehr motiviert, so dass zumindest ich immer was lerne. Und obwohl ich Ausländerin bin, wurde ich doch in den Kursen immer sehr offen aufgenommen, sowohl von Seiten der Lehrer als auch von Seiten der anderen TeilnehmerInnen, mit denen sich hier und da auch Gespräche ergeben. All das ist natürlich leichter, weil ich Koreanisch spreche, aber ich bin durchaus nicht die einzige Fremde dort.

Auf der anderen Seite gab es auch vieles, das ich sehr gewöhnungsbedürftig fand und immer noch finde. Die eben erwähnte Motivation der Kursleiter beispielsweise ist mir manchmal etwas zu hoch. Es stört mich durchaus, dass ich von ihnen nicht immer als Freizeitsport treibende Erwachsene anerkannt werde, und ich bin der Meinung, dass ich niemandem Rechenschaft darüber schulde, dass ich nicht zu allen Kursterminen in der Woche kommen kann. Das formale Lehrer-Schüler-Verhältnis ist in Korea eben doch noch sehr stark ausgeprägt. Auch die Kurse laufen ein wenig anders ab, als ich es gewöhnt war. Das beste Beispiel dafür ist der Schwimmkurs, der nun für mich nach einigem Herumexperimentieren mit verschiedenen Kursen und Zeiten zum festen Programm gehört. Immer dienstags und donnerstags gehe ich nun nach meinem Aerobic-Workout zum Schwimmen. Die Schwimmhalle ist im Keller, mit ihren 25-Meter-Bahnen ist sie nicht besonders groß und mit maximal 1,30 m auch nicht besonders tief. Auf sieben verschiedenen Bahnen lernen Gruppen verschiedener Niveaus diverse Schwimmstile. Ganz vorne die Anfänger, dann die, die schon mehr können bis hin zu den hinteren Bahnen, auf denen die Könner ein bestimmtes Pensum abschwimmen. Als ich das erste Mal dorthin kam, war ich in Erklärungsnot. Warum ich, wo ich doch schwimmen kann, keinen Freistil könne? Tja, warum fangen wir in Deutschland mit Brustschwimmen an und nicht mit Freistil? Keine Ahnung! So bin ich jetzt immer noch bei den Anfängern und lerne Freistil - man lebt ja schließlich, um neue Erfahrungen zu machen. Und ich freue mich dabei auf die Wassergymnastik und die zehn Minuten freies Schwimmen am Ende des Abends. Zu wenig? Ich würde sagen, besser als nichts, und auch besser als zu den freien Schwimmzeiten inmitten der Massen rücksichtsloser Koreaner. Und ich wenn zwischendurch vom Freistil-Üben genug habe, dann schwimme ich eben irgendwas anderes, auch wenn das nicht gruppenkonform ist. Als Ausländer kann man ja oft auch Dinge tun, die sonst niemand macht, wenn man sich einfach ein dickes Fell zulegt. Das dicke Fell brauche ich natürlich auch, um mich seelisch unbeschadet durch die Scharen von koreanischen Kindern zu kämpfen, die mich immer anstarren und mir "Hello" hinterher rufen.

Wenn man sich an all diese Dinge gewöhnt hat, dann kann man die Vorteile wirklich genießen. Und wenn ich dann nach getanem Sport frisch geduscht und mit klarem Kopf nach Hause gehe, dann denke ich manchmal: Wo werde ich Sport machen, wenn ich mal nicht mehr in Korea bin?


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DaF-Szene Korea Nr. 26

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