Wer die Republik Korea besucht, wird rasch feststellen, dass hier vieles ähnlich ist wie in Deutschland, nicht nur was den Lebensstandard betrifft. Schließlich ist diese kleine asiatische Nation schon lange kein Entwicklungsland mehr, sondern gehört zu den wichtigsten Industrieländern der Welt und belegt in dieser Hinsicht sogar den elften Rang. Trotzdem gibt es neben den vielen Gemeinsamkeiten natürlich zahlreiche Unterschiede. Besonders ins Auge sticht dabei sicherlich das Thema „Freizeit“. Sowohl die verfügbare Menge an Freizeit als auch deren Gestaltung zeigen neben deutlichen Parallelen vor allem starke Trennlinien zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Südkorea.
Deutsche gelten zwar als arbeitsam und fleißig, so wie Asiaten im Allgemeinen auch. Doch nicht zuletzt in Sachen Freizeit spielen die Deutschen ebenfalls ganz oben mit – nach wie vor. Auf stattliche 28 bis 30 Urlaubstage bringen sie es im Jahr, dazu kommen noch diverse öffentliche Feiertage. Durchaus anders sieht es für koreanische Arbeitnehmer aus. Sie müssen in der Regel mit weit weniger Urlaub zufrieden sein; dort sind es schlappe 10 Tage pro Jahr. Doch nicht nur in Sachen Urlaub schlägt die BRD die Republik Korea haushoch, auch in puncto Arbeitszeiten sind wir besser dran. Deutsche arbeiteten im Jahr 2004 etwa 36 Stunden pro Woche, in Südkorea sollen es 48 Stunden sein.
Wie gestalten nun aber Deutsche ihre so üppig bemessene Freizeit? Und was machen Koreaner in ihren offensichtlich nur wenigen Mußestunden? Freizeit ist nicht gleich ‚freie Zeit’. Das zeigt das große Engagement vieler Menschen im Ehrenamt. Mehr als 23,4 Millionen Deutsche haben sich 2004 ehrenamtlich betätigt, viele davon gleich in mehrfacher Funktion. Die zweite Umfrage der Bundesregierung zur Freiwilligenarbeit macht insbesondere in Bezug auf die Gruppe der Jugendlichen klar: „Junge Menschen zwischen 14 und 24 Jahren sind eine der aktivsten Gruppen der Bevölkerung mit einer stabilen Engagementquote.“ Demnach übten 36 Prozent aller Jugendlichen eine ehrenamtliche Tätigkeit aus. Für Korea liegen hierzu leider keine genauen Vergleichszahlen vor, aber man kann auch hier im Alltag ein weitläufiges ehrenamtliches Engagement vieler Bürger beobachten: Beispielsweise helfen in der U-Bahn oft Mittel- oder Oberschüler den Passagieren beim Bedienen der Fahrkartenautomaten. Doch nicht nur Jugendliche engagieren sich. Gleiches gilt auch für ältere koreanische Bürger, zum Beispiel für die Damen in vielen der kleineren Touristeninformationen, die oftmals ihre Beratungsarbeit ebenfalls entgeltlos ausüben. Oder wenn an der zu bewundernden Sehenswürdigkeit selbst ein freundlicher Senior nach dem Rechten sieht und somit etwaigen Beschädigungen des Kulturgutes vorbeugen soll. In Bezug auf den Willen zum gesellschaftlichen Engagement unterscheiden sich alte und junge Koreaner also anscheinend wenig.
Größere Unterschiede findet man jedoch, wenn es um „echte“ Freizeitgestaltung im Sinne von privaten Vergnügungen geht. Trifft man junge Koreaner in ihrer Freizeit zumeist in Cafés, Bars oder PC-Bangs an, so fällt auf, dass die koreanischen Senioren lieber die zahlreichen National- und Provinzialparks bevölkern und es offensichtlich vorziehen, wandern zu gehen. Junge Erwachsene wiederum – insbesondere solche mit Familie – zieht es hingegen eher in die Amusementparks und nicht selten auch in die vielen preiswerten und oft mit kindgerechtem Angebot ausgestatteten Museen. Nur geringfügig anders verhalten sich die Deutschen. Auch bei uns gilt Wandern tendenziell als eine Freizeitbeschäftigung für die Großeltern-, allerhöchstens noch die Elterngeneration. Freizeitparks sind jedoch nicht so weit verbreitet wie in Korea, und deutsche Museen haben bekanntermaßen mitunter erhebliche Mühe, überhaupt Besucher anzulocken. Nicht so aber die Institutionen des Nightlife, die auch in Deutschland unter jüngerem Publikum meistens erste Wahl sind.
Ein wesentlicher Unterschied zwischen beiden Ländern ist allerdings die
Vereinskultur. Während es in Deutschland jede Menge Vereine gibt, die von
Basketball bis Ziehharmonikaspielen alle möglichen Freizeitangebote im Programm
haben, ist dies in Korea so nicht der Fall. Zwar gibt es auch hier solche
Angebote, aber meistens werden diese über die Zugehörigkeit zu anderen
Institutionen wie Schule oder Universität geregelt. Gleichwohl unternehmen
koreanische Studenten viele ihrer Freizeitaktivitäten im Kollektiv. Besonders zu
erwähnen sind in diesem Zusammenhang die so genannten „Membership-Trainings“,
eine Art Stammtisch mit unterschiedlichen Peer-Groups aus dem Institut, an dem
man studiert, der Fakultät oder der gesamten Universität. Obwohl es bei diesen
Zusammenkommen oberflächlich betrachtet um geselliges Zusammensein,
Einanderkennenlernen und das Treffen neuer Leute geht – natürlich begleitet von
jeder Menge Bier und Soju – stehen dahinter doch handfeste Absichten, nämlich
das Knüpfen von Netzwerken und Beziehungen, die später der eigenen Karriere
förderlich sein sollen. Es ist also leicht erkennbar: Eine so deutliche Trennung
zwischen Beruflichem und Freizeit, wie wir Deutschen sie gewohnt sind, kennen
Koreaner in dieser Form gar nicht. Denn in seinem späteren Berufsleben macht der
Koreaner mit den Membership-Trainings oft nahtlos weiter, wenn auch vielleicht
nicht immer ganz freiwillig und unter anderer Bezeichnung: Koreanische
Arbeitnehmer gehen bisweilen mehrmals die Woche abteilungsweise zum Abendessen
und ziehen unter Umständen danach noch weiter in den nächsten Noraebang. (Manche
Firmen nutzen diese Art der Geselligkeit sogar systematisch als Gemeinsamkeit
stiftende Maßnahme!)
Die koreanischen Oberschüler haben es hingegen nicht ganz so gut. Denn der Wettkampf um die besten Abiturnoten und damit die besten Zukunftschancen ist hart und beginnt früh. Die Schreckensnachrichten von zweistelligen Lernpensen – vormittags an den öffentlichen Schulen, nachmittags am Hagwon – sind auch in Europa schon hinlänglich bekannt und leider tatsächlich Realität. Dennoch haben auch koreanische Jugendliche irgendwann Freizeit, die sie weder mit Pauken noch mit der Tätigkeit in einem Ehrenamt füllen, genauso wie ihre deutschen Altersgenossen. Doch auch was sie dann unternehmen, weicht von dem Freizeitverhalten der Deutschen in frappierender Weise ab: Laut der Shell-Jugendstudie 2006 gibt es in Deutschland eine deutliche Trennung zwischen dem Freizeitverhalten von Jugendlichen aus der so genannten Oberschicht und Jugendlichen aus der so genannten Unterschicht. „Jugendliche aus den oberen Sozialschichten beschäftigen sich in ihrer Freizeit besonders häufig mit Lesen, mit kreativen oder künstlerischen Aktivitäten und pflegen ihre sozialen Kontakte.“ Dies scheint für koreanische Jugendliche und junge Erwachsene so nicht zu gelten: Die drei am häufigsten angeführten Freizeitbeschäftigungen, welche – auch von Frauen (!) – immer wieder genannt werden, sind zwar einerseits Freunde treffen, andererseits aber Fernsehen und Computer spielen. Danach kommt interessanterweise Essen und nur vereinzelt tauchen nach deutschem Verständnis „echte“ Hobbys wie Bücherlesen, Fußballspielen oder ähnliches auf. Damit weisen koreanische Studenten und Studentinnen eher ein Freizeitverhalten auf, welches nach der Shell-Studie für deutsche Jugendliche aus schwächeren sozialen Schichten typisch ist: „Insbesondere männliche Jugendliche aus der Unterschicht bilden die Gruppe der Technikfreaks, die ihre Freizeit vorrangig mit Computerspielen und Fernsehen verbringen.“ Einen Grund hierfür mögen die weithin großstädtischen Lebensverhältnisse und die kaum vorhandene Vereinskultur in Korea darstellen. Nicht zuletzt kommt aber wohl vor allem eines zum Tragen: Durch den meist überbordenden Bildungskonsum, zu dem koreanische Kinder und Jugendliche angehalten werden und der zu dem weltbekannten Hagwon-Paukschulsystem geführt hat, fehlt es jungen Koreanern schlicht an der nötigen Zeit zum Betreiben oder auch nur Ausfindig-Machen eines „echten“ Hobbys, das über passiven Medienkonsum hinausgeht.
Die Folgen dieses Verhaltens sind durchaus schmerzlich und das merkt man insbesondere im DaF-Unterricht, wo es ja nicht selten auf einen guten Schuss Kreativität ankommt, um den Gebrauch des Werkzeugs Sprache ordentlich zu erlernen. Neben den nachvollziehbaren sprachlichen Schwierigkeiten fällt es doch häufig auf, wie verhältnismäßig schwer sich die Kursteilnehmer tun, wenn es darum geht, eigene Ideen zu entwickeln. Offensichtlich rächen sich die großen Einschränkungen, denen man in Kindheit und Jugend unterlag, später nachhaltig. Kreativität muss erlernt werden und wer das in jungen Jahren nicht schafft, dem gelingt es in späterer Zeit nurmehr schwer. Außerdem braucht Kreativität auch Langeweile. Denn ein gesundes Maß an regelmäßiger Unterbeschäftigung ist anscheinend nötig, um das eigene Kreativitätspotenzial aufzubauen und zu erhalten, wie neuere Forschungen beweisen. Wer sich ständig von Funk, Fernsehen und Musik berieseln lässt, gönnt sich zweifelsohne nicht die erforderlichen Ruhepausen, in denen keine neu eintreffenden Informationen gesichtet, sortiert und verarbeitet werden müssen. Und an Ablenkung fehlt es, wie gezeigt, im High-Tech-Land Südkorea kaum, zumindest nicht in den urbanen Zentren.
Doch reift langsam auch in Korea die Einsicht, dass Freizeit kein purer Luxus ist oder mindestens vergeudete Zeit, sondern letztlich eine ziemlich wichtige Bildungsinvestition darstellt. Vordenker und -kämpfer für diese Sicht sind momentan aber noch vorwiegend die Betroffenen selbst: die koreanischen Schüler. Sie gingen in der jüngsten Vergangenheit vermehrt auf die Straße, um ihrem Unmut friedlich Gehör zu verschaffen. Zwar wissen auch sie im Moment noch nicht, was an die Stelle des derzeitigen Unterrichtssystems treten soll, aber man mag ihnen bei ihrem Vorhaben, ein humaneres Bildungssystem zu schaffen, nur viel Erfolg wünschen und hoffen, dass sich diesem Umdenken auch Eltern, Lehrer und Bildungspolitiker anschließen werden. Dann dürfte ein Vergleich zwischen Deutschland und Korea zum Thema „Freizeit“ in Zukunft wohl anders ausfallen.
Copyright © 2007 by Benjamin Barthold