Spätestens durch den
koreanischen Film "Joint Security Area" (J.S.A.), der 2001 in die Kinos kam,
wurde man daran erinnert, dass seit Ende des Koreakriegs 1953 eine
schweizerische Abordnung an der innerkoreanischen Grenze Dienst tut. Diese
Gruppe ist Teil der "Neutral Nations Supervisory Commission" (NNSC).
Das Waffenstillstandsabkommen zwischen den kriegsführenden Parteien – im Süden das UN Command, im Norden die Korean People Army und die Chinese People Volunteers – wies der NNSC ursprünglich Kontroll-, Beobachtungs-, Inspektions- und Untersuchungsfunktion zu. Diese weit reichenden Funktionen wurden jedoch bereits zu Beginn der Mission darauf reduziert, an einzelnen Kontrollposten den Nachschub von Militärpersonal und Kriegsmaterial nach Nord- und Südkorea zu überwachen sowie vermutete oder gemeldete Verletzungen des Waffenstillstandes zu untersuchen.
Am Anfang beteiligten sich vier Nationen: Schweden und die Schweiz (vom UN Command vorgeschlagen), Polen und die Tschechoslowakei (von Nordkorea nominiert). Es waren dies Länder, die selbst nicht am Koreakrieg teilgenommen hatten und damit neutral waren. Die vier Staaten erfüllten ihre Aufgaben gemeinsam: Zur Überwachung der Kontrollposten in Süd- und Nordkorea bildete man Inspektionsteams. Sie waren und sind aber keine UN-Blauhelme, denn die UNO war im Koreakrieg kriegsführende Partei auf Seiten Südkoreas, geführt von den USA mit Beteiligung weiterer Länder wie Kanada, Australien, Großbritannien, Frankreich, Südafrika, Belgien oder Luxemburg. Als Armeeangehörige ihres Landes haben die NNSC Delegierten ihren militärisch-diplomatischen Auftrag unparteiisch zu erfüllen.
Zu Beginn dieses Einsatzes war das Kontingent noch umfangreich, so reisten 1953 etappenweise 146 Schweizer nach Korea. Ab 1956 wurden von der NNSC keine eigenständigen Kontrollen mehr durchgeführt, sondern lediglich Berichte verifiziert und an die Waffenstillstandskommission weitergeleitet. Damit reduzierte sich auch die Zahl des Personals, 1956 je Land 14 Mitglieder, 1960 neun, 1978 sechs Personen. Nach dem Umbruch in Osteuropa und dem Ende des sozialistischen Systems mussten sich 1993 die Tschechoslowakei und 1995 Polen auf Druck Nordkoreas aus der Kommission zurückziehen. Polen entsendet in aller Regel zweimal pro Jahr eine Delegation für eine Plenarsitzung der NNSC nach Panmunjom. Die Delegation reist aufgrund der politischen Wetterlage allerdings über Südkorea ein.
Es bleiben bis heute je fünf Schweizer und Schweden, die an der innerkoreanischen Grenze in Panmunjom stationiert sind. Ihre Hauptaufgabe besteht aktuell darin, Präsenz zu zeigen und zu verdeutlichen, dass das Waffenstillstandsabkommen immer noch gültig ist. Seit 2005 erfüllen die NNSC Offiziere zusätzliche Aufgaben, welche der Aufrechterhaltung des Waffenstillstandes dienen, indem sie z. B. die jährlichen Manöver der südkoreanischen und amerikanischen Streitkräfte überwachen oder an der Inspektion der Beobachtungs- und Wachtposten auf der Südseite der militärischen Demarkationslinie mitwirken. Das Schweizer Kontingent setzt sich aus einem Diplomaten, welcher der Gruppe vorsteht und drei bis fünf Jahre bleibt, sowie aus vier Reserveoffizieren, die ein oder zwei Jahre Dienst tun, zusammen.
Wir wollten wissen, ob diese Aufgabe jemals so heikel war, wie es im Film "J.S.A." zu sehen ist. Vielleicht erinnert sich der Leser an den markanten Satz des Schweizer Generalmajors Botta, in dem auch das einzige deutsche Wort im Film zu hören ist: "This armed chair is not so comfortable anymore after this nasty incident. Scheiße!”
Herr Winzenried, wir haben dazu noch einige Fragen: Wie wird das Personal in der Schweiz für diesen Dienst rekrutiert? Meldet man sich freiwillig zu diesem Dienst? Was sind die Voraussetzungen? Hatten Sie persönlich den Wunsch nach Korea zu gehen?
Bei den Schweizer Delegationsmitgliedern handelt es sich ausschließlich um Freiwillige. Voraussetzungen für einen Einsatz in der NNSC sind gute Englischkenntnisse, mindestens den Grad eines Hauptmannes in der schweizerischen Armee, eine stabile psychische Verfassung sowie das Bestehen eines vierwöchigen Vorbereitungskurses. Ich persönlich habe, bevor ich nach Korea gekommen bin, 17 Jahre in einer Bank gearbeitet. Ich wollte nun aber einerseits nochmals eine Tätigkeit außerhalb der Schweiz (ich habe vorher bereits unter anderem in den Niederlanden, Großbritannien und den USA gearbeitet) aufnehmen und – auch ganz bewusst als Alternative zu meiner bisherigen Tätigkeit – einen Einsatz im Bereich der Friedensförderung leisten.
Welchen militärischen Rang haben die Personen, die diesen Dienst ausführen?
Zurzeit leisten ein Major General als Delegationschef, ein Oberst als stellvertretender Delegationschef, ein Major als Sekretär, ein Major als Quartiermeister und ein Hauptmann als Camp- und Operationsoffizier Dienst in der Schweizer Delegation.
Was sind heute Ihre konkreten Aufgaben oder Ihre Tätigkeitsfelder? Als Außenstehender würde ich annehmen, dass für Ihre eigentliche Aufgabe (Beobachtung von Waffenstillstandverletzungen, …) nicht so viel Arbeit anfällt.
Neben den bereits erwähnten Aufgaben, welche einerseits im Armistice Agreement aus dem Jahre 1953 definiert oder 2005 neu zugeteilt wurden, besteht ein großer Teil unserer Arbeit aus "Öffentlichkeitsarbeit”. Wir empfangen pro Jahr viele Delegationen mit "offiziellen Besuchern” (z.B. Regierungs- und Parlamentsmitglieder, Militärs, Vertreter der Wirtschaft) aus aller Herren Länder und informieren diese Besucher über den Waffenstillstand, die gegenwärtige politische Situation auf der koreanischen Halbinsel sowie die Aufgaben der NNSC.
Besteht für Ihren Dienst in Korea noch eine reale Notwendigkeit, oder ist die Tätigkeit der NNSC eine eher "historisch gewachsene" Aufgabe (mir fällt da als anderes Beispiel, das vielleicht etwas hinkt, die Schweizergarde des Papstes, ein)?
Es ist richtig, dass ein Teil der Aufgaben der NNSC vor allem symbolischen Charakter hat. Da die von uns wahrgenommenen Kontroll- und Informationsaufgaben nach Ansicht des UN Commands und der Regierungen Schwedens und der Schweiz der Aufrechterhaltung des Waffenstillstandes dienen, steht eine Aufhebung der NNSC gegenwärtig nicht zur Diskussion.
Ihr "Arbeitsplatz" in Korea liegt, im Gegensatz zu dem anderer Ausländern, die in Seoul oder anderen Städten tätig sind, in einem eher spärlich besiedelten Gebiet. Gibt es da manchmal so etwas wie Langeweile?
Ich persönlich bin seit Mitte September 2006 in Korea im Einsatz und mir war es in der ganzen Zeit bisher noch nie langweilig. Unsere Arbeitszeiten und damit auch die Belastung lässt sich durchaus mit der Belastung in unseren früheren Tätigkeiten in der Schweiz vergleichen. Für die Freizeit verfügen wir über eine sehr gute Infrastruktur und verbringen die freien Stunden mit Lesen, im Fitnessraum, beim Fernsehen und natürlich auch mit der Kontaktpflege mit den Familien/Freunden über E-Mail in der Schweiz. Die Wochenenden verbringen wir in aller Regel in Seoul. Wir haben nämlich auch in Seoul, mitten in der Stadt, eine Unterkunft, welche wir von Freitagabend bis Sonntagabend benutzen.
Wenn ich es richtig verstanden habe, ist Ihr Einsatzort direkt im Grenzbereich. Die Schweiz wurde damals von Südkorea vorgeschlagen, an der NNSC teilzunehmen. Heißt das aber auch, dass Sie die innerkoreanische Grenze überqueren können? (Ich habe da den Status der alliierten Truppen in Berlin im Kopf, die sich seinerzeit in allen Berliner Sektoren bewegen konnten). Haben Sie dann auch Kontakte zu Nordkoreanern, oder beschränkt sich Ihre Aufgabe auf die "Südseite"?
Seit 1995 haben die NNSC Offiziere keine Kontakte mehr mit den Nordkoreanern. Wir arbeiten ausschließlich mit der Military Armistice Commission der UN (UNCMAC), also der Südseite zusammen. Seit 1995 überqueren wir auch die Military Demarcation Line nicht mehr.
Ist Ihre Tätigkeit in Korea in der Schweiz bekannt?
Ja, in der Schweiz erscheinen gelegentlich Presseberichte über die Schweizer Beteiligung in der NNSC. Gerade im Anschluss an den Nukleartest der Nordkoreaner im Oktober 2006 gab es diverse Artikel in den wichtigsten Zeitungen der Schweiz. Durch regelmäßige Besuche von Schweizer Parlamentariern und hohen Offizieren der Schweizer Armee wird die NNSC als wichtiger, langjähriger Beitrag der Schweiz zu Frieden erhaltenden Missionen in Erinnerung gerufen.
Haben Sie den Film JSA gesehen?
Ja, natürlich. Das Ansehen des Films ist ein Bestandteil unseres Einführungsprogramms hier in Korea. Wir werden auch heute noch, also mehr als sechs Jahre nach dem Erscheinen des Films, von vielen Koreanern auf den Inhalt des Films angesprochen.
Gab es in der Vergangenheit irgendwelche Zwischenfälle?
Glücklicherweise gab es seit Bestehen der NNSC keinen einzigen Zwischenfall im NNSC Camp. Die letzten gravierenden Zwischenfälle in der Joint Security Area liegen schon viele Jahre zurück.
Herr Generalmajor, vielen Dank!
Copyright © 2007 by Michael Menke