Hendrik Weinert

Deutsche Lehrauffassung trifft koreanische Universitätstradition

Erfahrungsbericht über den 1 1/2 jährigen Aufenthalt als Dozent an der Keimyung Universität Daegu, Fachbereich Visuelle Kommunikation


Von September 2005 bis Februar 2007 arbeitete ich zusammen mit meiner Kollegin Carmen Menzel als Dozent im Bereich Visuelle Kommunikation der Keimyung Universität Daegu.

Wie kam es dazu? Auf einer Design-Konferenz in Bremen im Frühjahr 2005 hielten Frau Menzel und ich einen kurzen Vortrag über unsere damalige Tätigkeit. Das weckte bei einigen koreanischen Professoren im Publikum Interesse. So entstand der Kontakt, der zu einer Einladung verbunden mit dem Angebot einer Lehrtätigkeit an der Keimyung Universität führte. Meinem Arbeitsaufenthalt in Südkorea lag also kein Austausch mit einer deutschen Universität oder die Vermittlung des DAAD zugrunde, sondern ein direkter Kontakt. Die Beweggründe von koreanischer Seite aus waren vor allem der in den Universitäten herrschende hohe Druck zur Internationalisierung der Lehre. Unter anderem im Bereich Design hat Deutschland in Südkorea einen sehr guten Ruf und so besteht ein starkes Interesse an einer Zusammenarbeit.

Angesichts des schwierigen deutschen Stellenmarktes und der Perspektive auf eine spannende Tätigkeit zögerte ich nicht lange, dieses Angebot anzunehmen. In direkter Verhandlung mit der Uni fixierten wir zuerst einen Halbjahresvertrag, um uns und auch der koreanischen Seite eine Annäherung zu ermöglichen.

Der Empfang in Daegu war herzlich und beidseitig etwas unsicher. Meine Kollegin und ich bekamen jeder ein Appartement zur Verfügung gestellt. Von koreanischer Seite erfuhren wir, dass im Design-Bereich zum ersten Mal ausländische Dozenten in Korea tätig wurden (mir ist inzwischen eine weitere deutsche Lehrperson in diesem Bereich an einer Seouler Universität bekannt, aber tatsächlich gilt der Kunst- und Design Bereich an den Koreanischen Hochschulen als sehr geschlossen und ist normalerweise durch koreanische Dozenten mit Auslandserfahrung besetzt.)

Klare Absprachen über die Art und Weise unserer Tätigkeit an der Uni gab es im Vorhinein nicht. Nach Eintreffen an der Uni wurde jeder von uns gebeten, eine Vorlesungsreihe zum Thema „Design Planning & Management“ zu halten. Wir bezogen unsere Büros und schon ging der Arbeitsalltag los. Eine erklärende Einführung in den Fachbereich und in die Strukturen der Universität fand leider nicht statt. Sie wäre für uns sehr hilfreich gewesen. Auf viele Fragen unsererseits zu Lehrinhalten, der Organisation der Uni sowie zu den in unserem Vertrag fixierten weiteren Tätigkeiten neben der Lehre (Mithilfe bei der Veränderung des Curriculums, Mithilfe beim Aufbau eines fachbereichseigenen Institutes) bekamen wir etwas stereotyp folgende Antwort: „You just need to teach.“ und „Take it easy!“

Vor ca. 70 Studenten hielt ich also meine Vorlesung und gab übungen aus. Die Vorlesung und der gesamte Unterricht erfolgte auf Englisch und wurde durch den Fachbereichleiter ins Koreanische übersetzt, da die Englischkenntnisse der meisten Studenten nicht ausreichend waren. Leider war die Lehre in diesem Semester durch die Lehrform der Vorlesung, die hohe Sprachbarriere, durch sehr unterschiedliche Wissenshintergründe der Studenten und nicht zuletzt durch viele Unklarheiten auf beiden Seiten (von meiner Seite aus: Was ist der Lebenshintergrund der Studenten? Welche berufliche Zukunft erwartet sie in Korea?) in ihrem Nutzen für die Studenten sehr begrenzt und blieb auch für mich unbefriedigend.

Trotz wiederholter Nachfrage war über das Leistungsniveau der Studenten, die Lehrziele und –prämissen des Studienganges sowie die Pläne des Fachbereiches zu unserem Aufenthalt nichts zu erfahren und so tappten wir von Beginn an etwas im Dunkeln und tasteten uns nach dem „Try and Error“-Prinzip vorwärts. Leider erhielten wir auch keine Unterstützung bei unserem Wunsch, Koreanisch zu lernen, was uns sehr behinderte einen tieferen Einblick in die alltäglichen und gesellschaftlichen Strukturen Südkoreas zu bekommen oder einfach einen besseren Kontakt zu den Kollegen und Studenten aufbauen zu können.

Andererseits konnten wie die Lehrinhalte völlig frei bestimmen, bekamen Unterstützung bei Wünschen (z.B. einen Workshop für die Studenten zu organisieren, eine Exkursion mit den Studenten durchzuführen). An Geld und gutem Willen mangelte es also nicht. Umso irritierender war die fortlaufende Behandlung als Außenstehender oder Fremder: die nicht Einbeziehung in das Kollegium, z.B. in Institutsitzungen, an denen sonst alle Dozenten teilnahmen, das sehr späte oder gar nicht Bekanntgeben und Informieren über wichtige Termine und Ereignisse.

Wir versuchten uns nach bestem Wissen und Gewissen den Gepflogenheiten und Verhaltensweisen in Südkorea anzupassen. Im Alltag und im (seltenen) direkten Kontakt mit den Studenten gelang uns das zunehmend. Da es keinerlei Lehrmaterialien für die Lehrinhalte gab, informierte ich die Studenten regelmäßig per E-Mail, damit sie dem Unterricht besser folgen konnten. Ich versuchte eine persönlichere Ebene zwischen mir und den Studenten aufzubauen, was durch die Anonymität der großen Gruppe (70 Studenten) stark behindert wurde. Im Kontakt mit unseren Kollegen blieb ein formaler Umgang bestimmend. Eine Zusammenarbeit – auf welcher Ebene auch immer – entwickelte sich trotz unserer offenen Angebote über die gesamte Zeit unseres Aufenthaltes leider nicht.

Unter der Vorraussetzung, in kleineren Gruppen mit bis zu 20 Studenten und ohne übersetzer unterrichten zu können, sowie mit einer Absprache über die zu unterrichtenden Lehrgebiete verlängerten meine Kollegin und ich unsere Verträge um 2 Semester.

Im 2. Semester gestaltete sich der Unterricht positiver. Die Begrenzung der Kursteilnehmer auf ca. 20 und der Wegfall der übersetzung erzwang geradezu einen direkten Kontakt zwischen Dozent und Studenten, was den Austausch und die Dynamik im Unterricht stark förderte. Die hohe Sprachbarriere und die „Angst“ der Studenten vor dem Englischsprechen konnte so nach und nach eingedämmt und teilweise überwunden werden. Als sehr hilfreich erwies sich der direkte E-Mail Kontakt zu den Studenten. Sie bekamen alle wichtigen Informationen noch einmal schriftlich von mir zugeschickt und konnten sich so die Inhalte erarbeiten. Der persönliche Kontakt und ein gutes und interessiertes Verhältnis zu den Studenten erwies sich als sehr wichtige Basis in der täglichen Arbeit, auf der all die auftretenden Schwierigkeiten gemeistert werden konnten.

In diesem Semester unterrichtete ich Studenten des ersten Semesters (Freshman) in „Grundlagen des Designs“ sowie Studenten des achten Semesters im Fach „Multimedia“. Die meisten Studenten waren sehr offen, wissbegierig und interessiert. Zunehmend entwickelte sich eine gute Lerndynamik. Die Studenten versuchten trotz der Überforderung durch die Benutzung der Fremdsprache, die Andersartigkeit der im Unterricht angesprochenen Fragen und trotz der vielen parallelen, zeitintensiven Kurse ihre Übungen und Aufgaben gut zu bearbeiten und eigene Ideen einzubringen. Gegen Ende des Semesters konnte ich dann mit allen Studenten eine kleine Ausstellung der Arbeitsergebnisse des Kurses organisieren, die die Studenten mächtig stolz machte.

Im 3. Semester hatte ich das Glück ca. 2/3 der Studenten weiter in meinen Kursen, diesmal „Environmental Design“, unterrichten zu können. Dadurch ergab sich eine gute Basis für den Unterricht. Viele Anforderungen und Verhaltensweisen waren schon vertraut, so der „Zwang“ zum offenen Statement im Unterricht, Dinge öffentlich in der Gruppe zu betrachten oder Ideen während des Unterrichts vor und mit allen zu teilen, zu hinterfragen und weiterzuentwickeln. (Das sind ja typische europäische oder westliche Verhaltensweisen, die für die koreanischen Studenten in einer „offiziellen“ Unterrichtssituation sehr ungewohnt sind.) Auch nötige fachlichen Grundlagen waren nun bekannt, so dass die inhaltliche Arbeit schneller in Gang kam.

Durch einen Kontakt zur Deutschen Botschaft in Seoul war es uns möglich, mit den Studenten zwei Projekte für die Deutsche Botschaft zu erarbeiten. Die Ergebnisse dieser Projekte erreichten ein vorzeigbares Niveau und wurden von Dezember 2006 bis Februar 2007 im Foyer der deutschen Botschaft ausgestellt. Durch diese Ergebnisse wird erkennbar, was in einer Gruppenarbeit trotz großer sprachlicher und kultureller Verständigungsschwierigkeiten, Zeitproblemen und unterschiedlichen Erfahrungshintergründen erreicht werden kann.

Die Erfahrung, an der Keimyung Universität zu unterrichten ist eine ganz besondere. Am tiefsten ist mir das Interesse und Engagement der Studenten und ihr Drang nach Neuem, für sie Interessantem in Erinnerung geblieben.

Viele organisatorische und die Arbeit betreffenden Fragen waren schwer zu besprechen und manchmal kaum zu lösen. Sie verursachten vorübergehend erhebliche Irritationen und Probleme. In der Regel entschuldigten sich die koreanischen Kollegen für die auftretenden Schwierigkeiten mit den in Südkorea vorherrschenden kulturelle Verhaltensweisen (Hierarchie, Distanz) und den ungeschriebenen Gesetzen („Korean Style“). Tatsächlich stehen diese Traditionen einer international gängigen Zusammenarbeit teilweise entgegen. Angesichts der hochgesteckten Ziele der koreanischen Hochschulen in Hinblick auf eine internationale Zusammenarbeit sowie das hohe Maß an vorhandenen Auslandserfahrungen der koreanischen Dozenten ist eine solche Haltung allerdings wenig nachvollziehbar. Ich hätte mir manchmal einen souveräneren bzw. internationaleren Umgang bei der Klärung offener Fragen gewünscht. Stattdessen blieb leider eine anhaltend spürbare Reserviertheit der Kollegen gegenüber uns ausländischen Gastdozenten über die gesamte Zeit unseres Aufenthaltes erhalten und verstärkte sich sogar noch.

Wir versuchten durch eine fortwährende Bereitschaft und Offenheit zur Verständigung und zum Verstehen des Anderen alle auftretenden Probleme zu meistern. Mit dieser Grundhaltung konnten meine Kollegin und ich eine schöne und erlebnisreiche Zeit in Südkorea verleben. Zu der Entscheidung, meinen Aufenthalt in Südkorea nach 1 1/2 Jahren zu beenden, führten die an der Keimyung Universität nicht vorhandene bzw. nicht erkennbare Möglichkeit zur fachlichen Weiterentwicklung, der hohe Energieaufwand bei der Bewältigung offener Fragen und nicht zuletzt persönliche Gründe.

Abschließend bleibt festzustellen, dass in Südkorea im Bereich des Designs ein sehr großes Potenzial für die Zusammenarbeit mit Deutschland besteht, welches derzeit kaum erschlossen ist. Eine Verstärkung der Aktivitäten Deutschlands auf diesem Gebiet könnte auch das Interesse an der deutschen Kultur und Sprache in Südkorea nachhaltig auffrischen.


Copyright © 2007 by Hendrik Weinert


DaF-Szene Korea Nr. 25

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