Der Titel des diesjährigen Internationalen Symposiums der KGDaF hatte im Vorfeld eine gewisse Verwirrung gestiftet: In der fremdsprachendidaktischen Szene sowie im sich mit ihr partiell überschneidenden Umfeld der Sprachlehr- und -lernforschung wird ja unter dem Begriff „Deutsch als Zweitsprache“ in der Regel ein Erwerbskontext verstanden, der im Wesentlichen bestimmt ist von „ungesteuerten“, also nicht unterrichtlich organisierten Formen der Aneignung einer Nicht-Erstsprache. Aus dieser Sicht stellte sich daher folgerichtig die Frage, welchen Sinn eine Tagung mit dieser Schwerpunktsetzung in einem Land haben sollte, in dem der Erwerb deutscher Sprachkenntnisse außerhalb des Unterrichts so gut wie bedeutungslos ist. Psycholinguistische Ansätze – und der Leiter des diesjährigen KGDaF-Symposiums, Prof. Dr. Rainer Dietrich (HU Berlin), ist zu den prominenten Vertretern eines solchen im deutschen Sprachraum zu zählen – unterscheiden jedoch demgegenüber weniger prinzipiell zwischen gesteuerten und ungesteuerten Erwerbskontexten. Aus dieser Perspektive bildet der Fremdsprachenunterricht eher einen von vielen möglichen variablen Faktoren, die den Fortgang des Erwerbs einer Nicht-Erstsprache beeinflussen, so dass hier die Begriffe Fremdsprache und Zweitsprache entweder aus-tauschbar verwendet werden oder aber der Begriff Zweitsprache als Oberbegriff gilt.
Dennoch drückte sich im Tagungstitel natürlich eine Ausrichtung vieler Beiträge, insbesondere der zentralen Beiträge des Tagungsleiters selbst aus, die deutlich über das hinauswies, was in fremdsprachen-didaktischen Kreisen üblicherweise diskutiert wird: Der einleitende Vortrag Zweitsprachenerwerb – Sein und Schein (Rainer Dietrich, Mitarbeit: Friederike Niedthner, cand. Phil.) umriss – dankenswerterweise in auch für Nicht-Psycholinguisten gut verständlicher Weise zunächst die beiden grundlegenden theoretischen Ansätze zur Erklärung des ‚Zweitsprachen’-Erwerbsverlaufs: Während funktionalistische Ansätze davon ausgehen, dass der Erwerbsprozess vor allem durch die in sozialen Handlungskontexten entstehenden und sich mit fortschreitendem Erwerb weiter ausdifferenzierenden Ausdrucksbedürfnisse vorangetrieben wird, postulieren insbesondere die im Rahmen generativer Ansätze Chomskyscher Prägung entwickelten universalgrammatischen Ansätze ein angeborenes sprachbezogenes (universal-grammatisches) Wissen, das den Erwerbsverlauf in wesentlichen Punkten vorherbestimmt. Dementsprechend bildet die Frage, ob und in welcher Weise ein solches Wissen welche Aspekte des Erwerbs einer zweiten Sprache experimentell nachweisbar beeinflusst, ein zentrales Thema psycholinguistischer Forschung. Wenn auch (vor allem methodische Details) solcher Experimente für den Sprachdidaktiker oft nur schwer durchschaubar sind, gilt – so Dietrich - für die Ergebnisse eher das Gegenteil. Er widmete daher den zweiten Teil seines Vortrages der Darstellung eines Experiments, dessen Resultate u. a. darauf hinweisen, dass (a) Zweitsprachenlerner anders als Erstsprachen-Lerner bestimmte syntaktische Regeln (Stellung des finiten Verbs) erst deutlich nach dem Erwerb der Verbflexion beherrschen, nämlich auf dem Niveau der früheren Mittelstufe und (b) der Erwerb dieser Regeln durch universalgrammatisches Wissen gesteuert sein könnte. In der Tat können solche Ergebnisse von der Sprachdidaktik nicht gut ignoriert werden. Insofern lieferte dieses einleitende Referat eine plausible Legitimation für den thematischen Schwerpunkt der Tagung und überzeugte durchaus als Plädoyer für eine engere Zusammenarbeit von Zweitsprachenerwerbsforschung und Fremdsprachendidaktik. Die Frage allerdings, welche Antwort die Didaktik auf Ergebnisse psycholinguistischer Forschung zu geben hätte, wird ihr von der Psycholinguistik aber nicht abgenommen.
Das Symposium litt insgesamt unter einem zu umfangreichen und thematisch sehr in die Breite gehenden Programm: Die verhältnismäßig zahlreichen Beiträge können hier daher auch zumeist nur flüchtig gewürdigt werden. Grob ordnen lassen sie sich in vier Themenkreise: 1. Kognitive Grundlagen und Prozesse des Zweit-/Fremdsprachenerwerbs 2. Inhalte des DaF-Unterrichts 3. Lehr-/ Lernverfahren und –mittel 4. Bewertung und Beurteilung von Lehr-/Lernprozessen.
Mit den kognitiven Grundlagen und Prozessen des Fremd-/Zweitspracherwerbs beschäftigten sich neben dem einleitenden Referat ein weiterer Beitrag von Rainer Dietrich (Entwicklungen in der empirischen Untersuchung des Zweitspracherwerbs) sowie zwei Referate von Myung-Won Choi, Upyong Hong und Yu-Sun Nam (Zur Anbindung von Relativsätzen im Deutschen als Zweitsprache und Morphologische Verarbeitung im Deutschen als Zweitsprache). Dietrich erörterte in einem Überblick über die letzten 15 Jahre psycholinguistischer Forschung zum Zweitsprachenerwerb u.a. die ineinandergreifenden Konzepte der Interimsprache (interlanguage), der universalen Erwerbsprinzipien und der Erwerbsreihenfolge. Sie beziehen sich auf die Tatsache, dass der Erwerb von Sprachkompetenzen in der Zweit-/Fremdsprache universalen Prinzipien folgt, so dass sich grob bestimmte Erwerbsphasen unterscheiden lassen, die durch die Art der strukturellen Organisation der für sie typischen sprachlichen Äußerungen (anders gesagt: durch eine je eigene, relativ autonome lernersprachliche Grammatik) charakterisierbar sind. Die Aneignung bestimmter struktureller Regelhaftigkeiten in der Zielsprache setzt die Beherrschung bestimmter anderer voraus, so dass sich relativ feste Reihenfolgen des schrittweisen Erwerbs je einzelner Strukturbereiche beschreiben lassen, die durch äußere Faktoren (auch durch den Fremdsprachenunterricht) nicht grundsätzlich veränderbar ist. äußere Faktoren (und Fremdsprachenunterricht) wirken vielmehr im positiven Falle beschleunigend, im negativen Falle verlangsamend oder gar verhindernd. Allerdings sind auch hier mögliche didaktische Schlussfolgerungen alles andere als eindeutig: Klar ist allenfalls, dass man (bei spontaner Produktion) die (annähernd) fehlerlose Beherrschung bestimmter Regelhaftigkeiten auf einem bestimmten Sprachniveau nicht erwarten darf (s. o. das Beispiel zur Verbstellung). Ob man daraus den Schluss ziehen sollte, entsprechende Regeln unterhalb dieses Niveaus gar nicht zu behandeln oder z. B. nur für den Einsatz bei nicht-spontaner (schriftlicher) Sprachverwendung und ob sich durch letzteres der Erwerbsverlauf beschleunigen lässt, ist empirisch nicht geklärt und wird solange ungeklärt bleiben, wie die Didaktik sich damit begnügt, ihre Entscheidungen auf methodisch wenig kontrollierbar zusammengetragenes Erfahrungswissen und mehr oder weniger ideologische Postulate zu gründen. Der Appell, die Auswirkungen methodischer Vorgehensweisen im Fremdsprachenunterricht auf der Grundlage wissenschaftlicher Standards empirischer Forschung zu untersuchen, um didaktische Entscheidungen besser begründen zu können, bildete denn auch ein latentes Leitmotiv vieler Diskussionsbeiträge Dietrichs zu weiteren Beiträgen des Symposiums.
Die von Choi, Hong und Nam vorgestellte Studie zur morphologischen Verarbeitung bot ebenfalls Anknüpfungspunkte für die Sprachdidaktik: Sie bestätigte Ergebnisse anderer Studien, dass die Verarbeitung morphologisch komplexer Wörter durch ‚Zweitsprachenlerner’ nur bei semantisch transparenten und formal regelmäßigen Bildungen auf ent-sprechende mentale ‚Regeln’ zurückgreift, während unregelmäßige und intransparente Bildungen holistisch gespeichert und abgerufen werden. Damit stellt sich aus didaktischer Sicht zum Beispiel die Frage, inwieweit und auf welche Weise sich der Fremdsprachenunterricht bei der Behandlung morphologisch komplexer Wörter/Wortformen und den Regeln ihrer Bildung an diesem Befund orientieren sollte.
Ein Workshop zu Methoden der Zweitspracherwerbsforschung, der für die letzte Sitzung der Tagung angesetzt war und der vielleicht hätte deutlicher machen können, wie die Psycholinguistik des Zweit-/ Fremdsprachenerwerbs und die Unterrichtspraxis bzw. deren Erforschung sich gegenseitig befruchten könnten, musste leider ausfallen, da das gedrängte Programm, das für jedes Referat nur 30 Minuten einschließlich Diskussion vorsah, unvermeidlich zu zeitlichen Verzögerungen führte. So blieb wohl gerade für die Teilnehmer, die der Psycholinguistik weniger nahe standen, die Frage im Vagen, wie gewinnbringend sich die mühsame Auseinandersetzung mit der psycholinguistischen Zweitspracherwerbsforschung für den Unterrichtspraktiker am Ende darstellt.
Im weiteren Verlauf des Symposiums wurden Fragen der Auswahl, Organisation und/oder Aufbereitung des Lernstoffs behandelt von Fumiya Hirakata, Keio-Universität, (Kontaktsituationen japanischer DaF-Lerner in Deutschland – Schlussfolgerungen für den Unterricht), von Su-Jeong Jeong, Seoul Nationaluniversität, (Phraseolexeme mit Eigennamen im Deutschen – unter besonderer Berücksichtigung einer Lerner-Lexikographie), weiter von Elisabeth Piirainen, Universität Münster, (Wortspiel in der Phraseologie des Deutschen) sowie von Ilpo Tapani Piirainen, ebenfalls Universität Münster, (Usus und Norm: Die deutsche Rechtschreibung als Gegenstand von Reformen). Hirataka zeigte anhand einer Fragebogenuntersuchung mit japanischen Gaststudenten in Deutschland, wie sich empirische Daten zu Kontaktsituationen (aufgegliedert nach Domänen und Schauplätzen, Kommunikationstypen, Themen und Inhalten) bei der Planung und Erstellung von Lehrwerken umsetzen lassen und welche Probleme sich dabei stellen. Jeongs Referat führte systematisch in die Typologie von Phrasemen ein, um dann zu zeigen, für wie wenig hilfreich sich die Bedeutungs- und Verwendungsangaben in gängigen phraseologischen Nachschlagewerken für nicht-erstsprachliche Lerner des Deutschen darstellen. Auch Elisabeth Piirainen hob die große Bedeutung zumindest rezeptiver phraseologischer Kenntnisse für fortgeschrittene DaF-Lerner hervor, zumal spontane ebenso wie usualisierte Wortspiele auf der Basis von Phraseologismen ein überaus frequentes Phänomen besonders in journalistischen Texten darstellen.
Dem Themenkomplex Lehr-/ Lernverfahren und –mittel widmeten sich u. a. der Beitrag von Jianhua Zhu, Dongji-Universität, (Entwicklung der komplexen Sprachfertigkeiten durch kulturorientierte Lehrwerksentwicklung), in dem ein neues chinesisches DaF-Lehrwerk („Klick auf Deutsch“) vorgestellt wurde, das aktuelle didaktische Konzepte wie Interkulturalität und Handlungsorientierung in adäquater Form für die regionale Lehr-/Lernsituation an chinesischen Hochschulen umzusetzen versucht. Dieser Versuch verdient aus der Perspektive der DaF-Szene in Korea insofern besondere Beachtung, als hierzulande solche Konzeptionen bisher kaum prägenden Einfluss auf die Lehrwerksgestaltung gewonnen haben. Weitere Beiträge zu Lehr-/Lernverfahren und –mitteln lieferten Kai Rohs, Hanshin-Universität, (Auswirkungen der Erkenntnisse der Tertiärsprachenforschung auf die Gestaltung von DaF-Lehrwerken), Chae Yon-Suk, Kyungbook Nationaluniversität, (Zur Theorie und Praxis multimedialer Vermittlung von Filmen im Deutschunterricht – Ein Unterrichtsmodell anhand des Spielfilms „Pünktchen und Anton“ nach einem Roman Erich Kästners), Reinhold Rauh, Chosun-Universität, (Die Relevanz der Kombination von Sprache und filmischem Bild für den Fremdsprachenunterricht) und Holger Steidele, Sungshin-Frauen-Universität (Ent-deckendes Lernen und lernendes Lehren mittels „Werbung“ im DaF-Unterricht).
Zwei Beiträge, die sich mit Fragen der Beurteilung und Bewertung von erworbenen Fremdsprachenkenntnissen beschäftigten, rundeten das breite thematische Spektrum des Symposiums ab: Martin Praxenthaler, Pusan Nationaluniversität, (Ein Sprachenportfolio für Korea?!) stellte das im Zusammenhang mit dem Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen entwickelte Sprachenportfolio vor, das sowohl als ein Instrument der Dokumentation von erworbenen Fremdsprachenkenntnissen als auch als eines der (lernerautonomen) Selbstkontrolle und Selbststeuerung von Fremdsprachenlernprozessen anzusehen ist. Besonders unter letzterem Aspekt sei der Einsatz des Portfolios auch in Korea – bei behutsamer Heranführung an die notwendigen Arbeitsweisen – nicht nur machbar, sondern vor allem außerordentlich gewinnbringend.
Marcus Stein, Chung-Ang-Universität, (Der Sprachtest Deutsch im Rahmen der zentralen Universitätszugangsprüfung: Überlegungen zu Funktion, Wirkung und Alternative ) wies in seiner Analyse der Testaufgaben des im Referatstitel genannten Sprachtestes auf gravierende Schwachstellen hin und plädierte – v. a. im Hinblick auf erwartbare positive Auswirkungen auf den Deutschunterricht an den Allgemeinen Oberschulen für eine Abschaffung des Testes in seiner bisherigen Gestalt.
In der von Rainer Dietrich geleiteten Abschlussdiskussion des Symposiums wurde noch einmal deutlich, dass das dichtgedrängte, thematisch heterogene und in manchen Teilen für eine Reihe von Teilnehmern nicht unmittelbar als DaF-relevant wahrgenommene Programm zu deutlicher Erschöpfung bei vielen geführt hatte. Die Organisatoren zukünftiger KGDaF-Symposien wären gut beraten, für deutliche Entzerrung der verschiedenen Bereiche und eine klarere Konzentration auf bestimmte Schwerpunkte zu sorgen.
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