Benjamin Barthold

Eigentlich wollte ich etwas in der Richtung Fotografie machen

Interview mit dem österreichischen Braumeister Wolfgang Sesser


Wolfgang SesserHerr Sesser, bitte stellen Sie sich zunächst einmal vor: Wer sind Sie und wie lange waren Sie in Korea?

Ich bin vierunddreißig Jahre alt, [...] im chinesischen Tierzeichen Tiger geboren und aufgewachsen in Mondsee, einem kleinen Markt östlich von Salzburg, wo ich auch meine Jugend verbracht habe.
Eigentlich wollte ich ja etwas in der Richtung Fotografie machen, habe aber diesbezüglich (zum Glück) absolut keine Lehrstelle bekommen und bin somit in das Alkoholbusiness hineingeschlittert und Bierbrauer geworden. Mein Werdegang war sieben Jahre "Augustinerbräu" in Salzburg, dann die Meisterschule bei den Schwaben in Ulm und anschließend zweieinhalb Jahre als Braumeister in Seoul.

Ist dieser Arbeitsaufenthalt in Korea im Rahmen eines Austauschprogramms erfolgt oder von Ihnen völlig privat organisiert worden?

Vermittelt wurde ich durch eine kleine, deutsche Firma, die Sudhäuser bzw. Brauereien baut. Arbeitgebermäßig und vertraglich war aber alles rein koreanischer Natur.

War dies Ihre erste berufliche Auslandsstation? Wenn nicht, beschreiben Sie bitte die Unterschiede Ihres Aufenthaltes in Korea mit Ihrem bzw. Ihren vorherigen Auslandsaufenthalt(en)?

Meine erste und auch letzte berufliche Auslandserfahrung vor Seoul war 1995 auf einem Schiff, genauer gesagt, auf der "MS Berlin", dem "Traumschiff" – Sascha Hehn und so weiter. (Die ältere Generation unter uns sollten es noch aus dem Fernsehen kennen.)
Allerdings kann man die zwei Situationen, die Arbeit auf dem Schiff und den Aufenthalt in Korea, nicht vergleichen. Als Seemann auf einem Dampfer, wie es die "MS Berlin" war, hat man höchstens mal Zeit auf einen kleinen Stadtspaziergang und zwei, drei Bier, wenn man gerade mal im Hafen ist. Man sieht zwar die verschiedenen Städte bzw. Länder, man erlebt sie aber nicht.

Wie kommt man als Bierbrauer ausgerechnet nach Seoul, einem aus deutscher / österreichischer Brauer-Perspektive doch eher ungewöhnlichen Ziel? Was waren Ihre Motive für die Wahl gerade dieses Landes?

Motive nach Korea zu kommen, hatte ich keine. Genauso wenig hatte ich damals eine Ahnung, wo genau auf der Weltkugel das Land überhaupt liegt. Korea konnte ich mit den Olympischen Spielen und der Fußballweltmeisterschaft assoziieren – das war’s dann auch schon.
Der alleinige und einzige Grund in Seoul zu landen, war der miserable und unattraktive Arbeitsmarkt für Jungbraumeister in den heimischen Gefilden.
Glücklicherweise hatte ich nach der Meisterprüfung zwei Optionen: Möglichkeit 1 war eine Brauerei in einem kleinen Vorort von Heilbronn. Dort war gar nix los. Möglichkeit 2 war Korea mit Seoul.
Einerseits gefiel mir der Gedanke, in einem kleinen Dorf zu versumpfen, in dem es nur einen Metzger und einen Kirchenwirt gibt, überhaupt nicht, andererseits wurde mein innerer Drang, etwas für mich komplett Neues kennen zu lernen, immer größer und verlockender.

Wo haben Sie in Korea gearbeitet? Beschreiben Sie bitte das Unternehmen sowie ihre konkrete Funktion und Aufgaben.

Mein Arbeitgeber war ein renommiertes Hotel in Seoul, das auch einige Outlets im COEX beherbergt, wo auch die Wirtshausbrauerei steht.
Da dies mein erster Braumeisterjob war, kann ich keine Vergleiche bezüglich der Aufgaben in heimischen Betrieben aufzählen. Jedoch kann ich sagen, dass es in Brauereien dieser Größe auf dem ganzen Globus keine Unterschiede gibt; man ist, was Brauerei und Bier betrifft, für alles zuständig.
In kurzen Worten gesagt, kann man folgende Funktionen aufzählen: Pflege, Wartung und Instandhaltung der Brauerei; Einkauf der Rohstoffe (Malz, Hopfen und Hefe); Einbrauen diverser Biersorten; Konzepterstellung und Umsetzung neuer Biersorten; Führung und Verantwortung der Qualitätssicherung; Schulung der Mitarbeiter; Bierdegustationen mit Kunden; Schank-, Zapf- und Bierschulungen für Mitarbeiter; Brauereiführungen für Kunden; Guest-Relation-Management; Konzepterstellung neuer Events und Ideen sowie Repräsentation des Unternehmens.

Gibt es im Vergleich zu Österreich Unterschiede in Bezug auf die Organisation der jeweiligen Prozessabläufe (Produktion, Marketing/Vertrieb), der Arbeitseinstellung / Mentalität sowie der Mitarbeiterführung und wenn ja, wie würden Sie diese beschreiben?

Bier braut man im Großen und Ganzen überall gleich. Noch dazu haben wir in Seoul auf einer deutschen Anlage produziert. Somit kann man sagen, dass es keine gravierenden Unterschiede zu heimischen Unternehmen im Prozessablauf gibt.
Was Marketing und Vertrieb betrifft, habe ich in Seoul die Erfahrung gemacht, dass die Koreaner es zwar gut meinen, aber das Resultat einer durchgeführten Idee oft mit einem Griff ins Klo endet. Dies mag daran liegen – hier auf eine Wirtshausbrauerei bezogen –, dass das Konzept des Lokals zwar eindeutig "German Style Restaurant" heißt, aber keiner der verantwortlichen Leute mit diesem Begriff etwas anfangen kann, da noch keiner jemals in einem richtigen Lokal dieser Art war, und kaum jemand der koreanischen Führungspersonen etwas mit deutscher Kultur anzufangen weiß.
Bezüglich der Arbeitsmoral kann ich nur sagen, dass meine koreanischen Kollegen mit der Firma verheiratet waren. Mehr braucht man zu diesem Punkt nicht erwähnen.

Was können deutsche/österreichische Bierbrauer von Ihren koreanischen Kollegen lernen?

Es mag hart klingen, aber arbeitstechnisch kann man von den koreanischen Kollegen nichts lernen. Woher auch? In Korea gibt es für diese Branche leider keine Ausbildung, man wird eingeschult und das war’s. Von der menschlichen Seite aus gesehen, wird einem jedoch viel an gegenseitigem Respekt gelehrt.

Gut qualifizierte Mitarbeiter sind für Brauereiunternehmen überall auf der Welt unerlässlich, um gutes Bier brauen zu können. Wie wurde die Ausbildung/Qualifizierung des Berufsnachwuchses in Korea organisiert?

Im Brauereibusiness, wie schon im vorherigen Punkt erwähnt, gibt es in Korea leider keine ernsthafte Organisation, die sich um die Ausbildung der Brauereikräfte kümmert.

Hin und wieder kommt es vor, dass ein finanzkräftiger Arbeitgeber seine Brauer auf ein meist dreimonatiges "Bier-Institut" nach Deutschland und/oder in die USA schickt, was einem "Schnellsieder-Kurs" ähnelt. In solchen Kursen werden die Basis sowie Grundprozesse gelehrt, jedoch geht man nicht weiter in die Materie ein.

Wie beurteilen sie die eventuellen Unterschiede im Vergleich zum Ausbildungssystem in Deutschland/Österreich?

Als Österreicher, Deutscher bzw. Schweizer hat man das enorme Glück ein duales Ausbildungssystem, um das uns die ganze Welt beneidet, genießen zu dürfen.
Die Berufspraktische Ausbildung erfolgt schwerpunktmäßig in den Ausbildungsbetrieben, begleitet durch einen berufspezifischen-, sowie allgemeinen Unterricht an einer berufsbildenden Pflichtschule, sprich Berufschule. Dies führt zu einer praxisorientierten Ausbildung.
Kommen wir in Korea an, ist es für den beruflichen Werdegang wichtig, studiert zu haben. Je besser der Name der Uni, desto besser die Jobaussichten. Was die Handwerksberufe betrifft, kann ich nicht sagen, ob es für diese überhaupt eine spezifische Ausbildung gibt. Meiner Meinung nach wird man in Korea z. B. beim Tischler angelernt und nach zwei Tagen steht auf der Visitenkarte "Tischler" zu lesen.

Würden Sie jungen Koreanern eine Brauer-Lehre in Deutschland empfehlen? Wenn ja, warum?

Ja, auf alle Fälle! Einerseits um die fachliche Qualifikation zu erwerben, andererseits, um einen tiefgründigen Einblick in die Materie Bier mit ihrem schier unendlichen Möglichkeiten zu bekommen. Allerdings würde es – es sei denn, man spricht Deutsch – an der Kommunikation scheitern.

Was halten Sie bei einem solchen Vorhaben (Lehre im Ausland) für besonders wichtig? Welche Rolle würden Ihrer Meinung nach Deutschkenntnisse dabei spielen?

Meiner Meinung nach, als Handwerksbrauer-, bzw. Handwerksbraumeister, steht für mich an allererster Stelle die Praxis, die Erfahrung, die man sich in diversen Betrieben aneignen kann. Die Lehrlinge müssen an die Maschinen gelassen werden, nach dem Motto "learning by doing". Die Theorie, die in der Berufschule unterrichtet wird, hilft dabei, das Puzzle zusammenzusetzen.
Die Sprachenbarriere wäre zweifellos ein gravierendes Problem. Meines Wissens gibt es in Deutschland, geschweige denn in österreich keine Berufschule für Brauer und Mälzer, die in Englisch unterrichtet, wohl aber eine englischsprachige Meisterschule. Angeboten werden allerdings nur Brauerkurse, die zwar in Englisch unterrichtet werden, jedoch mit keiner dreijährigen Lehre mithalten können.

Welches waren Ihre schönsten – auch persönlichen – Erlebnisse in Korea und mit den Menschen dieses Landes?

Alles hier aufzuzählen, möchte ich Ihnen und mir nicht antun, es gab sehr, sehr viele schöne Erlebnisse, die ich nicht vergessen werde.
Das wichtigste für mich war, in Korea viele wunderbare Menschen kennen gelernt zu haben, bei denen man sich sicher sein kann, dass sie Freunde fürs Leben bleiben.
Was ich sehr geschätzt und genossen habe, war die außerordentliche Freundlichkeit, der Respekt anderen Personen gegenüber sowie die Zuvorkommenheit der Koreaner mit ihren Bräuchen und Ritualen. Und das Essen; die koreanische Küche und die Esskultur ist fantastisch. Oft hat es mir fast die Tränen herausgedrückt, weil es so gut war.

Welche negativen Erlebnisse haben Sie gehabt?

Im Grunde sehr wenige. Die meisten negativen Erlebnisse haben sich in der Firma abgespielt. Was mich hin und wieder geärgert hat, war der oft nicht nachzuvollziehende Gedankengang so mancher Koreaner sowie, dass man als Ausländer zwar ohne Weiteres akzeptiert wird, aber doch als Gast gesehen wird und somit im Betrieb etwas "belächelt" wird. Oft werden Vorschläge, Ideen oder Verbesserungskonzepte von den Vorgesetzten so lange zurückgehalten, bis man das Land verlässt und dann als die eigenen verkauft. Das Positive an dem Ganzen ist, dass ich gelernt habe, darüber zu lachen.

Wie haben Sie die Kommunikationsprobleme während Ihres Aufenthaltes in Korea gelöst? Haben Sie dazu unter Umständen auch die deutsche Sprache nutzen können und wenn ja, bei welchen Gelegenheiten und in welcher Form?

Im Großen und Ganzen bin ich mit Englisch immer gut durchgekommen. Deutsch ist nicht schlecht, wenn man deutschsprachige Freunde oder in der Brauerei hin und wieder Landsmänner, trifft und mit denen ein Bier trinkt und ein bisserl quatscht.
Es gab ein Erlebnis, wo mich die deutsche Sprache allerdings fast in den Wahnsinn trieb: Im Winter 2004 braute ich ein Bockbier und nannte es sinngemäß auch "Bockbier". Es war bernsteinfarben, vollmundig, rund zu trinken, guter, feinblasiger Schaum, nicht zu stark gehopft und auch nicht zu teuer. Bis auf ein paar Ausländer kaufte den guten Weihnachtsbock aber absolut kein Mensch. Nach einiger Zeit kamen wir drauf, dass Koreaner für den Kugelfisch (Globefish) auch das Wort "Bock" verwenden. Ahaaa! Wir haben das Bier dann auf "Premium X-mas Beer" umgetauft und es verkaufte sich wie warme Semmeln.

Wie würden Sie Ihren ganz persönlichen "Karrieremehrwert" beschreiben, den Sie durch diesen beruflichen Auslandsaufenthalt erworben haben?

Asien gilt berufsmäßig schon nicht als leichtes Pflaster. Korea schon gar nicht. Allgemein sagt man: Wenn man es in Korea ein paar Jahre geschafft hat, schafft man es überall.
Da die Branche, in der ich mich bewege, nicht wirklich groß ist und es sehr viele Auslandsbraumeister gibt, bei denen die Jobvergabe zu 90% auf Mundpropaganda basiert, ist es schon von enormem Vorteil, es einige Jahre im Ausland ausgehalten zu haben.
Will ich aber wieder zurück nach Europa, zum Zentrum der Bierkultur, ist es mehr oder weniger egal Auslandserfahrung zu haben, diese Brauereien nehmen auch gerne einheimische Arbeitskräfte.
Jedoch in Ländern, wo man das Brauereiwissen (noch) nicht hat, wo der Biermarkt noch auf den großen Boom wartet, ist es unerlässlich Auslandserfahrung zu haben, wenn man in eine gute Brauerei will. Hin und wieder kann man sich auch als eine Art Entwicklungshelfer sehen.

Wie haben Sie sich im Vorhinein auf den Aufenthalt in Korea, in Seoul vorbereitet?

Nicht anders, als wenn ich in eine Brauerei 50 km von meinem Heimatort gegangen wäre. Es ging alles ziemlich schnell. Reiseführer über Korea waren in der Provinzstadt Salzburg nicht zu bekommen, Internet hatte ich keines, es war eine Reise ins komplett Ungewisse.

Würden Sie sich mit Ihren jetzigen Erfahrungen anders auf einen solchen Auslandsaufenthalt vorbereiten, als Sie es im Vorhinein getan haben?

Nein.

Welche wären Ihre wichtigsten Empfehlungen an Personen, die – wie Sie – eine zeitlang in Korea arbeiten wollen?

Die Mentalität der Einheimischen respektieren, ein paar Brocken Koreanisch lernen – damit gewinnt man irrsinnig viel an Sympathie – ein Moped kaufen – das verleiht einem in der Stadt das Gefühl der Freiheit – alles ausprobieren, was es zu Essen gibt und trinkfreudig sein.
In Korea zu arbeiten ist keine Hexerei, man muss sich nur etwas anpassen können. Das sind vielleicht keine guten Empfehlungen, was das Arbeiten betrifft, dazu kann ich aber auch keine geben; es ergibt sich ohnehin von selbst.

Wie fällt Ihre berufliche, aber auch persönliche Gesamtbilanz des Aufenthaltes in Korea aus? Beschreiben Sie bitte die wichtigsten positiven und negativen Aspekte.

Neben der fachlichen Qualifikation konnte ich auch viel an interkultureller Erfahrung sammeln, welche in gewissem Maße mein Leben bzw. meine Lebenseinstellung geprägt hat. Persönlich konnte ich mir in Seoul den Traum erfüllen, ein wunderbares, ausgiebiges Leben zu führen, in dem es an nichts gefehlt hat. Würde ich heute einen Anruf für ein Jobangebot aus Korea bekommen, ich würde justament und ohne zu zögern wieder zurückgehen.

Vielen Dank für das Interview, Herr Sesser, und Ihnen auch weiterhin alles Gute.


Copyright © 2007 by Benjamin Barthold


DaF-Szene Korea Nr. 25

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