Herr Sesser, bitte stellen Sie sich
zunächst einmal vor: Wer sind Sie und wie lange waren Sie in Korea?
Ich bin vierunddreißig Jahre alt, [...] im
chinesischen Tierzeichen Tiger geboren und aufgewachsen in Mondsee, einem
kleinen Markt östlich von Salzburg, wo ich auch meine Jugend verbracht habe.
Eigentlich wollte ich ja etwas in der
Richtung Fotografie machen, habe aber diesbezüglich (zum Glück) absolut keine
Lehrstelle bekommen und bin somit in das Alkoholbusiness hineingeschlittert und
Bierbrauer geworden. Mein Werdegang war sieben Jahre "Augustinerbräu" in
Salzburg, dann die Meisterschule bei den Schwaben in Ulm und anschließend
zweieinhalb Jahre als Braumeister in Seoul.
Ist dieser Arbeitsaufenthalt in Korea im Rahmen eines Austauschprogramms erfolgt oder von Ihnen völlig privat organisiert worden?
Vermittelt wurde ich durch eine kleine, deutsche Firma, die Sudhäuser bzw. Brauereien baut. Arbeitgebermäßig und vertraglich war aber alles rein koreanischer Natur.
War dies Ihre erste berufliche Auslandsstation? Wenn nicht, beschreiben Sie bitte die Unterschiede Ihres Aufenthaltes in Korea mit Ihrem bzw. Ihren vorherigen Auslandsaufenthalt(en)?
Meine erste und auch letzte berufliche
Auslandserfahrung vor Seoul war 1995 auf einem Schiff, genauer gesagt, auf der
"MS Berlin", dem "Traumschiff" – Sascha Hehn und so weiter. (Die ältere
Generation unter uns sollten es noch aus dem Fernsehen kennen.)
Allerdings kann man die zwei Situationen,
die Arbeit auf dem Schiff und den Aufenthalt in Korea, nicht vergleichen. Als
Seemann auf einem Dampfer, wie es die "MS Berlin" war, hat man höchstens mal
Zeit auf einen kleinen Stadtspaziergang und zwei, drei Bier, wenn man gerade mal
im Hafen ist. Man sieht zwar die verschiedenen Städte bzw. Länder, man erlebt
sie aber nicht.
Wie kommt man als Bierbrauer ausgerechnet nach Seoul, einem aus deutscher / österreichischer Brauer-Perspektive doch eher ungewöhnlichen Ziel? Was waren Ihre Motive für die Wahl gerade dieses Landes?
Motive nach Korea zu kommen, hatte ich
keine. Genauso wenig hatte ich damals eine Ahnung, wo genau auf der Weltkugel
das Land überhaupt liegt. Korea konnte ich mit den Olympischen Spielen und der
Fußballweltmeisterschaft assoziieren – das war’s dann auch schon.
Der alleinige und einzige Grund in Seoul zu
landen, war der miserable und unattraktive Arbeitsmarkt für Jungbraumeister in
den heimischen Gefilden.
Glücklicherweise hatte ich nach der
Meisterprüfung zwei Optionen: Möglichkeit 1 war eine Brauerei in einem kleinen
Vorort von Heilbronn. Dort war gar nix los. Möglichkeit 2 war Korea mit Seoul.
Einerseits gefiel mir der Gedanke, in einem
kleinen Dorf zu versumpfen, in dem es nur einen Metzger und einen Kirchenwirt
gibt, überhaupt nicht, andererseits wurde mein innerer Drang, etwas für mich
komplett Neues kennen zu lernen, immer größer und verlockender.
Wo haben Sie in Korea gearbeitet? Beschreiben Sie bitte das Unternehmen sowie ihre konkrete Funktion und Aufgaben.
Mein Arbeitgeber war ein renommiertes Hotel
in Seoul, das auch einige Outlets im COEX beherbergt, wo auch die
Wirtshausbrauerei steht.
Da dies mein erster Braumeisterjob war,
kann ich keine Vergleiche bezüglich der Aufgaben in heimischen Betrieben
aufzählen. Jedoch kann ich sagen, dass es in Brauereien dieser Größe auf dem
ganzen Globus keine Unterschiede gibt; man ist, was Brauerei und Bier betrifft,
für alles zuständig.
In kurzen Worten gesagt, kann man folgende
Funktionen aufzählen: Pflege, Wartung und Instandhaltung der Brauerei; Einkauf
der Rohstoffe (Malz, Hopfen und Hefe); Einbrauen diverser Biersorten;
Konzepterstellung und Umsetzung neuer Biersorten; Führung und Verantwortung der
Qualitätssicherung; Schulung der Mitarbeiter; Bierdegustationen mit Kunden;
Schank-, Zapf- und Bierschulungen für Mitarbeiter; Brauereiführungen für Kunden;
Guest-Relation-Management; Konzepterstellung neuer Events und Ideen sowie
Repräsentation des Unternehmens.
Gibt es im Vergleich zu Österreich Unterschiede in Bezug auf die Organisation der jeweiligen Prozessabläufe (Produktion, Marketing/Vertrieb), der Arbeitseinstellung / Mentalität sowie der Mitarbeiterführung und wenn ja, wie würden Sie diese beschreiben?
Bier braut man im Großen und Ganzen überall
gleich. Noch dazu haben wir in Seoul auf einer deutschen Anlage produziert.
Somit kann man sagen, dass es keine gravierenden Unterschiede zu heimischen
Unternehmen im Prozessablauf gibt.
Was Marketing und Vertrieb betrifft, habe
ich in Seoul die Erfahrung gemacht, dass die Koreaner es zwar gut meinen, aber
das Resultat einer durchgeführten Idee oft mit einem Griff ins Klo endet. Dies
mag daran liegen – hier auf eine Wirtshausbrauerei bezogen –, dass das Konzept
des Lokals zwar eindeutig "German Style Restaurant" heißt, aber keiner der
verantwortlichen Leute mit diesem Begriff etwas anfangen kann, da noch keiner
jemals in einem richtigen Lokal dieser Art war, und kaum jemand der koreanischen
Führungspersonen etwas mit deutscher Kultur anzufangen weiß.
Bezüglich der Arbeitsmoral kann ich nur
sagen, dass meine koreanischen Kollegen mit der Firma verheiratet waren. Mehr
braucht man zu diesem Punkt nicht erwähnen.
Was können deutsche/österreichische Bierbrauer von Ihren koreanischen Kollegen lernen?
Es mag hart klingen, aber arbeitstechnisch kann man von den koreanischen Kollegen nichts lernen. Woher auch? In Korea gibt es für diese Branche leider keine Ausbildung, man wird eingeschult und das war’s. Von der menschlichen Seite aus gesehen, wird einem jedoch viel an gegenseitigem Respekt gelehrt.
Gut qualifizierte Mitarbeiter sind für Brauereiunternehmen überall auf der Welt unerlässlich, um gutes Bier brauen zu können. Wie wurde die Ausbildung/Qualifizierung des Berufsnachwuchses in Korea organisiert?
Im Brauereibusiness, wie schon im vorherigen Punkt erwähnt, gibt es in Korea leider keine ernsthafte Organisation, die sich um die Ausbildung der Brauereikräfte kümmert.
Hin und wieder kommt es vor, dass ein finanzkräftiger Arbeitgeber seine Brauer auf ein meist dreimonatiges "Bier-Institut" nach Deutschland und/oder in die USA schickt, was einem "Schnellsieder-Kurs" ähnelt. In solchen Kursen werden die Basis sowie Grundprozesse gelehrt, jedoch geht man nicht weiter in die Materie ein.
Wie beurteilen sie die eventuellen Unterschiede im Vergleich zum Ausbildungssystem in Deutschland/Österreich?
Als Österreicher, Deutscher bzw. Schweizer
hat man das enorme Glück ein duales Ausbildungssystem, um das uns die ganze Welt
beneidet, genießen zu dürfen.
Die Berufspraktische Ausbildung erfolgt
schwerpunktmäßig in den Ausbildungsbetrieben, begleitet durch einen
berufspezifischen-, sowie allgemeinen Unterricht an einer berufsbildenden
Pflichtschule, sprich Berufschule. Dies führt zu einer praxisorientierten
Ausbildung.
Kommen wir in Korea an, ist es für den
beruflichen Werdegang wichtig, studiert zu haben. Je besser der Name der Uni,
desto besser die Jobaussichten. Was die Handwerksberufe betrifft, kann ich nicht
sagen, ob es für diese überhaupt eine spezifische Ausbildung gibt. Meiner
Meinung nach wird man in Korea z. B. beim Tischler angelernt und nach zwei Tagen
steht auf der Visitenkarte "Tischler" zu lesen.
Würden Sie jungen Koreanern eine Brauer-Lehre in Deutschland empfehlen? Wenn ja, warum?
Ja, auf alle Fälle! Einerseits um die fachliche Qualifikation zu erwerben, andererseits, um einen tiefgründigen Einblick in die Materie Bier mit ihrem schier unendlichen Möglichkeiten zu bekommen. Allerdings würde es – es sei denn, man spricht Deutsch – an der Kommunikation scheitern.
Was halten Sie bei einem solchen Vorhaben (Lehre im Ausland) für besonders wichtig? Welche Rolle würden Ihrer Meinung nach Deutschkenntnisse dabei spielen?
Meiner Meinung nach, als Handwerksbrauer-,
bzw. Handwerksbraumeister, steht für mich an allererster Stelle die Praxis, die
Erfahrung, die man sich in diversen Betrieben aneignen kann. Die Lehrlinge
müssen an die Maschinen gelassen werden, nach dem Motto "learning by doing". Die
Theorie, die in der Berufschule unterrichtet wird, hilft dabei, das Puzzle
zusammenzusetzen.
Die Sprachenbarriere wäre zweifellos ein
gravierendes Problem. Meines Wissens gibt es in Deutschland, geschweige denn in
österreich keine Berufschule für Brauer und Mälzer, die in Englisch
unterrichtet, wohl aber eine englischsprachige Meisterschule. Angeboten werden
allerdings nur Brauerkurse, die zwar in Englisch unterrichtet werden, jedoch mit
keiner dreijährigen Lehre mithalten können.
Welches waren Ihre schönsten – auch persönlichen – Erlebnisse in Korea und mit den Menschen dieses Landes?
Alles hier aufzuzählen, möchte ich Ihnen
und mir nicht antun, es gab sehr, sehr viele schöne Erlebnisse, die ich nicht
vergessen werde.
Das wichtigste für mich war, in Korea viele
wunderbare Menschen kennen gelernt zu haben, bei denen man sich sicher sein
kann, dass sie Freunde fürs Leben bleiben.
Was ich sehr geschätzt und genossen habe,
war die außerordentliche Freundlichkeit, der Respekt anderen Personen gegenüber
sowie die Zuvorkommenheit der Koreaner mit ihren Bräuchen und Ritualen. Und das
Essen; die koreanische Küche und die Esskultur ist fantastisch. Oft hat es mir
fast die Tränen herausgedrückt, weil es so gut war.
Welche negativen Erlebnisse haben Sie gehabt?
Im Grunde sehr wenige. Die meisten negativen Erlebnisse haben sich in der Firma abgespielt. Was mich hin und wieder geärgert hat, war der oft nicht nachzuvollziehende Gedankengang so mancher Koreaner sowie, dass man als Ausländer zwar ohne Weiteres akzeptiert wird, aber doch als Gast gesehen wird und somit im Betrieb etwas "belächelt" wird. Oft werden Vorschläge, Ideen oder Verbesserungskonzepte von den Vorgesetzten so lange zurückgehalten, bis man das Land verlässt und dann als die eigenen verkauft. Das Positive an dem Ganzen ist, dass ich gelernt habe, darüber zu lachen.
Wie haben Sie die Kommunikationsprobleme während Ihres Aufenthaltes in Korea gelöst? Haben Sie dazu unter Umständen auch die deutsche Sprache nutzen können und wenn ja, bei welchen Gelegenheiten und in welcher Form?
Im Großen und Ganzen bin ich mit Englisch
immer gut durchgekommen. Deutsch ist nicht schlecht, wenn man deutschsprachige
Freunde oder in der Brauerei hin und wieder Landsmänner, trifft und mit denen
ein Bier trinkt und ein bisserl quatscht.
Es gab ein Erlebnis, wo mich die deutsche
Sprache allerdings fast in den Wahnsinn trieb: Im Winter 2004 braute ich ein
Bockbier und nannte es sinngemäß auch "Bockbier". Es war bernsteinfarben,
vollmundig, rund zu trinken, guter, feinblasiger Schaum, nicht zu stark gehopft
und auch nicht zu teuer. Bis auf ein paar Ausländer kaufte den guten
Weihnachtsbock aber absolut kein Mensch. Nach einiger Zeit kamen wir drauf, dass
Koreaner für den Kugelfisch (Globefish) auch das Wort "Bock" verwenden. Ahaaa!
Wir haben das Bier dann auf "Premium X-mas Beer" umgetauft und es verkaufte sich
wie warme Semmeln.
Wie würden Sie Ihren ganz persönlichen "Karrieremehrwert" beschreiben, den Sie durch diesen beruflichen Auslandsaufenthalt erworben haben?
Asien gilt berufsmäßig schon nicht als
leichtes Pflaster. Korea schon gar nicht. Allgemein sagt man: Wenn man es in
Korea ein paar Jahre geschafft hat, schafft man es überall.
Da die Branche, in der ich mich bewege,
nicht wirklich groß ist und es sehr viele Auslandsbraumeister gibt, bei denen
die Jobvergabe zu 90% auf Mundpropaganda basiert, ist es schon von enormem
Vorteil, es einige Jahre im Ausland ausgehalten zu haben.
Will ich aber wieder zurück nach Europa,
zum Zentrum der Bierkultur, ist es mehr oder weniger egal Auslandserfahrung zu
haben, diese Brauereien nehmen auch gerne einheimische Arbeitskräfte.
Jedoch in Ländern, wo man das
Brauereiwissen (noch) nicht hat, wo der Biermarkt noch auf den großen Boom
wartet, ist es unerlässlich Auslandserfahrung zu haben, wenn man in eine gute
Brauerei will. Hin und wieder kann man sich auch als eine Art Entwicklungshelfer
sehen.
Wie haben Sie sich im Vorhinein auf den Aufenthalt in Korea, in Seoul vorbereitet?
Nicht anders, als wenn ich in eine Brauerei 50 km von meinem Heimatort gegangen wäre. Es ging alles ziemlich schnell. Reiseführer über Korea waren in der Provinzstadt Salzburg nicht zu bekommen, Internet hatte ich keines, es war eine Reise ins komplett Ungewisse.
Würden Sie sich mit Ihren jetzigen Erfahrungen anders auf einen solchen Auslandsaufenthalt vorbereiten, als Sie es im Vorhinein getan haben?
Nein.
Welche wären Ihre wichtigsten Empfehlungen an Personen, die – wie Sie – eine zeitlang in Korea arbeiten wollen?
Die Mentalität der Einheimischen
respektieren, ein paar Brocken Koreanisch lernen – damit gewinnt man irrsinnig
viel an Sympathie – ein Moped kaufen – das verleiht einem in der Stadt das
Gefühl der Freiheit – alles ausprobieren, was es zu Essen gibt und trinkfreudig
sein.
In Korea zu arbeiten ist keine Hexerei, man
muss sich nur etwas anpassen können. Das sind vielleicht keine guten
Empfehlungen, was das Arbeiten betrifft, dazu kann ich aber auch keine geben; es
ergibt sich ohnehin von selbst.
Wie fällt Ihre berufliche, aber auch persönliche Gesamtbilanz des Aufenthaltes in Korea aus? Beschreiben Sie bitte die wichtigsten positiven und negativen Aspekte.
Neben der fachlichen Qualifikation konnte ich auch viel an interkultureller Erfahrung sammeln, welche in gewissem Maße mein Leben bzw. meine Lebenseinstellung geprägt hat. Persönlich konnte ich mir in Seoul den Traum erfüllen, ein wunderbares, ausgiebiges Leben zu führen, in dem es an nichts gefehlt hat. Würde ich heute einen Anruf für ein Jobangebot aus Korea bekommen, ich würde justament und ohne zu zögern wieder zurückgehen.
Vielen Dank für das Interview, Herr Sesser, und Ihnen auch weiterhin alles Gute.
Copyright © 2007 by Benjamin Barthold