Professor Dr. Werner Sasse hatte bis 2006
eine Professur für Koreanistik am Asien-Afrika-Institut der Universität Hamburg.
Nach seiner Emeritierung kam er nach Korea und richtete sich in Changpyeong in
der Nähe von Gwangju ein traditionelles koreanisches Haus wieder her. Ich sprach
mit ihm dort über seinen Lebensweg, seine Einstellung zu Korea, über Korea
früher und heute, über das Studium und Studenten und über seine gegenwärtigen
und weiteren Pläne.
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Auf dem Weg in den Südwesten Koreas, nach Gwangju, sehe ich aus dem Zugfenster und denke darüber nach, warum manche eigentlich immer in diesem Land leben möchten. Das bisschen Grün, das noch zu sehen ist, verschwindet auch gerade für Apartmenthäuser oder Straßen. Warum möchte man sogar seinen Lebensabend hier verbringen, wie es Werner Sasse tut, der sich mehr als sein halbes Leben lang mit Korea beschäftigt hat? Möchte man nicht nach dem Berufsleben doch mal was anderes machen? Das ist wohl die landläufige Vorstellung von Leuten, die Beruf als Arbeit sehen, etwas, das sie vielleicht gern machen, das man aber vom Privatleben trennt. Beruf als Berufung und aus Leidenschaft ist etwas anderes, und Werner Sasse erklärt es mir dann so:
Ich bin ja nach Hause gekommen. Was habe ich denn in Deutschland gemacht? Morgens aufstehen, die Kaffeemaschine anmachen, das Internet anmachen, reingehen und erstmal koreanische Zeitungen lesen. Dann bin ich in die Uni gegangen und hab da den ganzen Tag über Korea geredet. Ich war ja die ganze Zeit im Grunde genommen mit dem Kopf in Korea. Und ich fand immer, dass Koreanistik nicht nur Bücherwissenschaft ist. Deswegen bin ich jedes Jahr mindestens ein paar Monate hier draußen gewesen, einfach nur um hier zu leben, da verstehst du die Leute mit der Zeit. Ich kann das nicht theoretisch begründen, aber ich hab ein Gefühl für Korea bekommen. Ich mag die Leute sehr, die sind ja sehr freundlich, sehr aufgeschlossen, und ich habe viele gute Freunde hier.
Und warum lässt man sich gerade in der Umgebung von Gwangju nieder? Die Provinz Jeolla gilt ja eigentlich bei vielen als ein bisschen zurückgeblieben im Vergleich zu anderen Regionen, um deren Entwicklung man sich mehr gekümmert hat, die Stadt Gwangju als wenig reizvoll. Ich erfahre, dass es schon historisch vernachlässigt wurde, eigentlich seit Beginn der Yi-Dynastie. Eine alte Feindschaft. Widerstand gegen die neue Regierung führte dazu, dass sich die Gegner hierher nach Jeolla zurückzogen, später wurde der Graben tiefer, weil Verbannte hierher geschickt wurden, auch Künstler sich hierher zurückzogen. Diese Vernachlässigung und Nicht-Modernisierung hat aber auch Vorteile: viele alte Gebäude und Pavillons sind gerade hier noch original erhalten, weil sie keinen modernen Gebäuden Platz machen mussten. Eine Fundgrube eigentlich für einen Korea-Liebhaber. Allein schon sein Haus in Changpyeong.
Das Haus hat drei Höfe. In den kleinen Häusern im ersten und im dritten Hof wohnten früher die Bediensteten. Die ältere Frau in koreanisch geschnittener Hose und Jacke aus grobem Stoff und in Naturton-Lila, die da steht, als wir den ersten Hof passieren, ist natürlich keine Bedienstete mehr. Sie begrüßt den Professor fröhlich und beginnt ein bisschen zu plaudern. Dann geht es um eine efeubesetzte Mauerecke herum in den mittleren, großen Herrenhof mit drei Gebäuden, von den Werner Sasse einige Zimmer bewohnt. Das ganze Gehöft, das 80 oder 90 Jahre alt ist, gehört zu einer Ansammlung von Gehöften, die alle von einer Familie sind und von denen es im Dorf mehrere gibt. Einerseits werden die Häuser – vielleicht aus Pietät – nicht vermietet, weil es Stammsitze sind, andererseits will auch keiner von der Familie in diesen Häusern wohnen. Wenn keine Alten mehr da sind, wohnen dort nur noch frühere Bedienstete. Wie kam es also, dass Werner Sasse ein solches Haus doch mieten konnte?
Die Frau vom Landrat hatte gehört, dass ich ein Haus suche, und hat dann demjenigen, der verantwortlich ist für dieses Haus, ein Professor in Gwangju, eingeredet, dass eben der Großvater sich eigentlich glücklich schätzen müsste, einen Gelehrten in dem Haus wohnen zu haben, denn er war ja auch Gelehrter. Und auf diese Weise habe ich hier ein paar Räume gemietet. In anderen Räumen sind noch Sachen vom Großvater und von der Familie; alte Möbel, Vasen und Bücher.
Das Haus ist modernisiert, mit neu gebauter Küche und Bad, einem kleineren Zimmer und einem großen Arbeitszimmer mit Schreibtisch, Büchern, Malsachen und einer Gitarre. Wir sitzen in der gemütlichen kleinen Küche unter der hohen Decke des spitzen Giebels mit herrlichen Deckenbalken. Zum Haushalt gehört auch ein Hund, zur Zeit ist der aber erst einmal in einer guten Hundeschule. Wir besuchen ihn später dort auch. Mir geht er schon bis zum Oberschenkel, doch noch ist er gar nicht ausgewachsen. Ein wunderschönes großes Tier mit langem Fell und Ponyfransen über den Augen, zutraulich, gutherzig, verspielt und doch schon gut erzogen. Ein Vertreter der koreanischen Rasse Sapsari, auch wenn sein Herrchen eigentlich mittlerweile daran zweifelt, dass er überhaupt echt ist. Es gibt drei Hunderassen in Korea, zwei davon sind international anerkannt, der Jindo-gae und der Sapsal-gae. Der Sapsal-gae ist größer und ruhiger als der Jindo-gae und größer als ein Schäferhund. Eigentlich ein teures Tier, weil es nicht viele davon gibt, nur etwa 500. Sie waren fast vom Aussterben bedroht und werden gerade wieder nachgezüchtet. Werner Sasse hat seinen geschenkt bekommen.
Eine Freundin von mir kam geschäftlich nach Korea und ich wohnte in einem kleinen Gästehaus in Seoul. Dieses Yeogwan ist ein traditionelles Gehöft mit einem Hof. Als wir ankamen, war die Besitzerin nicht da, dafür eine Hündin mit drei Welpen, mit denen haben wir dann gespielt. Da kam die Frau und sah das und merkte wohl, dass ich Tiere mag. Sie wollte wissen, wer ich bin und was ich mache, und ich sagte dann, dass ich in Korea wohne. Da sagte sie, ich solle doch den Hund mitnehmen, einfach so. Sie hätte tausend Dollar dafür haben können, und ich habe auch gefragt, ob sie ihn nicht lieber verkaufen will. Sie meinte, nein, sie verkauft sie nicht, sondern gibt sie ab an Leute, wo sie das Gefühl hat, dass es den Tieren gut gehen wird. Ungewöhnlich für Korea, aber das ist auch eine besondere Frau, ihr kommt es nur darauf an, dass es den Hunden gut geht. Sie sagte dann auch, dass sie sehe, dass zwischen mir und dem Hund eine Beziehung bestünde. Sie benutzte dazu das buddhistische Wort für eine schicksalhafte Verbindung aus einem früheren Leben. Da habe ich dann gesagt: "Den nehme ich!"
Seinen Hund wird Werner Sasse immer dabei haben, sowohl in Gwangju, aber auch, wenn er in Seoul wohnt. Dorthin pendelt er nun immer, um die Hälfte der Woche dort zu arbeiten. An Ruhe ist ja wirklich nicht zu denken, das liegt Professoren wohl im Blut. Aber genau betrachtet enden Engagement und Wissensdrang natürlich auch nicht, nur weil man als emeritierter Professor nicht mehr mit den Verwaltungsaufgaben an der Uni belastet ist. Im Gegenteil, jetzt ist Zeit für die Dinge, die wirklich Spaß machen – im Leben sowie in der akademischen Welt.
Da ist einmal die Chonnam-Universität in Gwangju, das Zentrum für die Forschung zum Gwangju-Aufstand. Sie haben ihn eingeladen, weil sie sich Hilfe bei internationalen Kontakten erhoffen, und das macht er gern. Er möchte versuchen, in die dort schon relativ gut bekannte amerikanische Forschung auch von deutscher Seite Impulse zu geben.
Nach Seoul pendelt er dagegen, um am Korean-German Institut of Technology mit zu helfen einen BA-Studiengang aufzubauen. Dieser Studiengang ist mit deutschen Studiengängen verzahnt, und als sich die Kollegen dort im Dschungel der vielen Bestimmungen verloren, baten sie Werner Sasse um Mithilfe. Auch da sagte er gern zu, weil er das so spannend fand – und obwohl er eigentlich seinen Lebensabend nicht mit der Planung von Studiengängen verbringen wollte. Sein Hauptbetätigungsfeld sieht er aber darin, zwischen den Kulturen zu vermitteln und mögliche Konflikte zu verhüten. Denn wenn dann deutsche Professoren, die eingebunden in ihre eigenen Lehrstühle dann hier in Korea für kurze Zeit unterrichten, führe das mit Sicherheit zu Konflikten.
Wenn deutsche Professoren mit der Vorstellung kommen, hier schnell was zu machen, dann heißt es "zack zack" – und wenn irgendwas in Korea nicht geht, dann ist es "zack, zack". Sie schreien zwar immer "balli, balli", aber trotzdem geht es nicht so.
Hat er selbst eigentlich manchmal Schwierigkeiten mit dem Verhalten von Koreanern?
Korea ist sehr stark geprägt von Landleben und Tradition. In Seoul hat man dauernd mit Leuten zu tun, die oberflächlich sehr amerikanisiert sind. Aber das Amerikanische und das Koreanische, die leben in ein und demselben Menschen, und ich finde es auch heute immer noch ein bisschen schwierig im Umgang mit Koreanern, dass das manchmal ganz unvermittelt umschlägt und dass das gar nicht so leicht zu merken ist. Es gibt Koreaner, die können Schulter klopfend amerikanisch sein, und eine Minute später sind sie ganz koreanisch. Dieser Widerspruch im selben Menschen ist für uns sehr schwierig, weil wir es nicht abschätzen können. Wir sind ein bisschen gewöhnt, dass jemand, der jovial daherkommt, auch jovial sein muss. Aber der kann ganz plötzlich ein sehr verknöcherter Ostasiate werden, und zwei Minuten später ist er wieder der joviale Amerikaner. Das ist für mich manchmal ein bisschen schwer zu verstehen.
Worauf würde er denn Deutsche, die sich auf einen Korea-Aufenthalt vorbereiten, besonders hinweisen? Welche interkulturellen Unterschiede zwischen Koreanern und Deutschen hält er für besonders erwähnenswert?
Das kann ich nur sehr allgemein beantworten. Das Allerwichtigste ist, dass die Leute kapieren, dass sie im Ausland sind. Das heißt, sie sind nicht hier um zu belehren, sondern sie sind hier um zu lernen. Sie sollten sich mit der Geschichte und der Kultur wirklich auseinander setzen, damit sie in dem anderen den Kulturmenschen sehen können, und nicht den, der sich komisch verhält. Im Grunde genommen sind das also eigentlich menschliche Eigenschaften: zuhören können, gucken können und nicht dauernd urteilen, sondern einfach sagen: "Ach, die machen das offensichtlich so." Man sollte Kulturrelativist werden und die Grundhaltung bekommen, dass man hier ist, um letztlich als Mensch daran zu wachsen. Man muss akzeptieren, dass alles, was hier komisch ist, ja offensichtlich funktioniert. Diese Grundhaltung ist eigentlich das, was ich immer versuche, allen Leuten durch Training beizubringen. Ich habe auch meinen Studenten immer gesagt: "Das, was ihr hier lernt, ist anhand einer Kultur Fremdkulturverhalten. Wenn ihr also in einer Bank arbeitet und nach Afrika geschickt werdet, dann sagt nicht: Mist, warum habe ich Koreanistik studiert, sondern sagt: Ich habe gelernt, mich einer fremden Kultur zu nähern. Wo ist die Bibliothek?" Man sollte also verstehen lernen, woher heutige Dinge in einer Kultur kommen, wie z.B. der unglaubliche Nationalismus in Korea.
Er selbst akzeptiere täglich, dass er ein Fremdkörper ist. Viele Dinge hätte er vielleicht gern anders, aber so sei es in Deutschland auch. Er sieht sich als Gast, der nicht ungefragt mitgestalten will, der nicht sagt, die Koreaner sollten das so und so machen, sondern der akzeptiert, was so auf ihn zukommt. Manchmal reagiere er selbst fast ein bisschen koreanisch: wenn etwas wirklich unangenehm wird, dann lache er drüber und warte einfach, wie es weitergeht.
Ein deutscher Schriftsteller, der schon länger in London lebt, sagte auf die Frage, warum er eigentlich im Ausland lebe und nicht in Deutschland, dass das Schöne am Leben im Ausland sei, dass er nicht ständig zu belehren brauche, sondern gezwungen sei ständig zu lernen. Das finde ich gut, das ist auch meine Haltung. Ständig zu lernen, das mache ich gern.
Auf meine Frage, woran er sich in Korea nie wird gewöhnen können, fällt ihm auch partout nichts ein. (Später beim Abendessen wird er dann aber mit Erleichterung sagen: Ach, jetzt hab ich was. Wieso schneiden die hier eigentlich die Enden von den Salatblättern nicht ab? Die Frage wäre also auch abgehakt.)
Am besten – wenn man das bei soviel positiver Haltung überhaupt sagen kann – gefallen ihm die Landschaft und die Leute. Die Landschaft mit ihren immer anwesenden Bergen und den Ebenen dazwischen. Ich verstehe, was er meint, als wir über die Reisfelder vor der Haupteingangstür blicken. Mich persönlich stören die Gewächshäuser da weiter hinten und die Strommasten auf den Bergen. Werner Sasse schaut auf koreanische Art viel selektiver und meint außerdem, dass ja auch unsere "Natur" in Deutschland eigentlich schon lange Kultur sei, die wir aber eben so vorgefunden hätten und daher als Natur ansähen.
Die Koreaner mag er wegen ihrer zwar manchmal ruppigen, aber eigentlich doch immer sehr humorvollen Art. Das sei übrigens auch etwas, was er Leuten, die nach Korea kommen, gern sagen möchte:
Ihr müsst euch angewöhnen, sehr viel Humor zu lernen. Ironie klappt überhaupt nicht in Korea, das nehmen sie für bare Münze. Aber Humor. Ich war einmal mit einem deutschen Kaufmann in einer Beratung mit Koreanern und das koreanische Gegenüber hat plötzlich mitten in der Unterhaltung eine völlig absurde Forderung gestellt. Weil ich nicht wusste, wie ich das ins Deutsche übersetzen sollte, ohne dass der Deutsche gleich beleidigt aufspringt, habe ich – so wie ein Koreaner auch – erstmal einfach nur gelacht. Ich hab den Koreaner richtig ausgelacht und ihm gesagt: "Das kann ich jetzt nicht übersetzen." Daraufhin sagte er mir auf Koreanisch: "Ich hab's ja auch nur probiert."
Wir werden unterbrochen, denn unangemeldeter Besuch schneit herein. Bekannte, fast alle in der koreanisch geschnittenen, bequemen und dezent-farbigen Kleidung, die übrigens auch Werner Sasse trägt. (Endlich bin ich in dem Alter und in der richtigen Gegend, dass ich so was tragen kann!) Unter den Besuchern ist die Frau vom Landrat, die das Haus vermittelt hatte. Eben dieses Haus wollen nun alle mal sehen und dem Besitzer dazu gratulieren. Also rücken sie mit einem 24er-Pack Toilettenpapier und außerdem Küchenpapier nebst einer Wassermelone an. Die Wassermelone schneiden wir unter heftigem Protest der Gäste gleich auf und lassen sie uns mit ihnen zusammen schmecken. Und natürlich wird das Haus besichtigt. Unter viel Geschnatter und Gelächter läuft man von Raum zu Raum, unterhält sich über die Vorzüge des Bades und der Toilette und bewundert das große Studio mit den Büchern und Bildern. Eine Einladung zu einem Fest wird angekündigt, sobald der Termin feststehe, komme sie. Und dann steigen sie nach vielen Verbeugungen wieder in ihren Kleinbus, fahren fröhlich winkend davon und der Hof liegt so ruhig da wie zuvor.
Als wir wieder in der Küche sitzen, möchte ich wissen, warum und wann es denn überhaupt ein erstes Mal Korea gab.
Nach dem Abitur wollte ich eigentlich Archäologie studieren, oder Malerei, aber mein Vater sagte, das sind alles brotlose Künste, du wirst Kaufmann – und damals folgte man den Eltern ja noch. Ich fand das grauenvoll und gehörte immer zu den Leuten, die verstehen konnten, dass man ein Angebot nicht annehmen wollte; ich würde mir den Quatsch ja auch nicht in den Vorgarten stellen! Das sind schlechte Voraussetzungen für einen Kaufmann. Und so wollte ich nach meiner kaufmännischen Lehre dann auch nicht als Kaufmann arbeiten, sondern ich wollte 1966 Entwicklungshelfer in Afrika werden. Aber dieses Programm funktionierte aus irgendwelchen Gründen nicht. Als das der Vater meiner Frau hörte, sagte er: "Kommt doch nach Korea, hier können wir euch brauchen." Er selbst arbeitete als deutscher Techniker hier in der Nähe von Gwangju in der zweiten Fabrik, die man in Korea überhaupt gebaut hat – im Rahmen der Entwicklungshilfe. Man hatte aber gemerkt, dass eins der Grundprobleme in Korea die nicht vorhandene Technikerausbildung war. Es gab keine richtige Ausbildung zum Metallwerker, Schreiner und so weiter, und außerdem lungerten viele Kinder nach der Schule im Dorf herum. Da hat man dann hier angefangen, eine technische Schule zu bauen, einfach so, in einer alten Dorfschule, die man von der Stadt bekommen hatte. Bald kamen dann auch Anfragen aus Iri und aus Yosu, die wollten ähnliche Schulen aufmachen.
Das Ehepaar Sasse packte also seine Sachen und die zwei Kinder, kam nach Korea und lebte vier Jahre hier, völlig unvorbereitet. Zu den beiden Kindern kamen dann in Korea noch Zwillinge. Die erste Sprache der Kinder war koreanisch, sie spielten ja den ganzen Tag im Dorf. Wenn sie dann nach Hause kamen, mussten sie plötzlich diese komische Sprache der Eltern sprechen und haben aufgehört zu reden. Da mussten die Eltern dann auch koreanisch lernen, wiederum einfach so, ohne Sprachkurs.
Bei der Arbeit ging es darum, den Lehrern die Schulbücher mit den Aufgaben zu erläutern. Die Lehrer konnten zwar Deutsch, aber sie waren eben alles Germanisten und hatten noch nie eine Feile in der Hand gehabt, und brauchten sie Hilfe. Werner Sasse half zwei Jahre lang und ging dann nach Seoul.
Ich suchte einen Job, bekam keinen, und hörte dann, dass die Sunggyungwan-Universität einen Lektor für Englisch suchte. Da bin ich hingegangen, habe mich vorgestellt und war dann der Native-Speaker für Englisch. Irgendwann nach einem Semester ging ich mit den Kollegen was trinken und ein neuer Kollege kam dazu, der gerade in Deutschland promoviert hatte. Ich hatte drei Jahre nichts aus Deutschland gehört, ich wusste gar nicht, was dort los war. Damals musstest du ja, wenn du telefonieren wolltest, in die Stadt ins Amt laufen, das anmelden und drei vier Stunden im Telefonamt warten, bis die Verbindung da war. Und so sagte ich zu dem neuen Kollegen natürlich sofort auf Deutsch: "Mensch, erzähl mal!" Meine Kollegen hörten das und fragten: "Was, Deutsch kannst du auch??" Da war natürlich dann die Bombe geplatzt. Aber sie haben alle verstanden, warum ich mich als Ami ausgegeben hatte, denn essen muss der Mensch natürlich. Ja, und dann haben sie mich in die Deutschabteilung versetzt.
Wie war Korea denn damals im Vergleich zu heute?
Oh, 80 Dollar Pro-Kopf-Einkommen. Bet-tel-arm! Aber damals funktionierte einfach die Gemeinschaft noch. Wer Hunger hatte, der ging in irgendein Haus rein und bekam zu essen – wenn die was hatten. Und wenn du damals in ein Dorf kamst, dann konntest du nicht einfach durchlaufen, sondern du wurdest sofort irgendwo reingerufen und bekamst einen Apfel oder so, und die Leute fragten neugierig, wo du herkamst. Da war Korea anders als heute.
Heute haben die Leute kaum noch Zeit. Hier auf dem Land ist das anders, aber in der Stadt haben alle keine Zeit mehr, die Vergnügungen sind auch andere. Damals hatten alle kein Geld, also haben sie alle prima gelebt. Denn damals waren die Koreaner auch schon sehr lebenslustig. Wenn ich heute Leute von damals treffe, kommt immer wieder der Spruch: "War das nicht herrlich damals, als wir alle nur auf Pump gelebt und gefeiert haben?" Heute lebt man ja auch auf Pump – für das Haus, für die Ausbildung der Kinder, aber damals ging es ums Essen. Ich habe als Lektor damals 20.000 Won verdient, das waren 200 Dollar.
Höre ich da ein bisschen Wehmut, die Sehnsucht nach dem alten Korea?
Nein. Ich fand es damals toll, ich finde es heute auch toll. Es gibt viele Dinge, bei denen finde ich es schade, dass sie sich so entwickelt haben. Wenn ich z.B. sehe, wie die armen Kinder so im 17. Stock leben oder statt zu spielen, bis nachts um 11 in einem Hagwon rumhängen. Trotzdem ist ja das Land hochinteressant geblieben. Seoul ist eine internationale Stadt, da ist soviel los, das kann man gar nicht alles wahrnehmen. Und hier auf dem Land gibt es auch immer noch so viele Sachen, die mir ständig neu sind. Es macht Spaß, die weitere Entwicklung zu verfolgen.
Noch einmal zurück ins Korea von 1970. Nach insgesamt vier Jahren Korea mussten die Kinder damals in die Schule. Sasses probierten erst die koreanische Schule aus – das war furchtbar – dann die ausländische – das war noch schlimmer – , und dann gingen sie doch nach Deutschland zurück, damit die Kinder eine Schulbildung bekamen. Werner Sasse machte sich Gedanken über seine Zukunft und hörte, dass in Bochum die Koreanistik aufgebaut werden sollte. Bruno Lewin war froh, ihn mit seinen Sprach- und Landeskenntnissen als Studenten zu bekommen. Im Computer gab es die Koreanistik auch schon, weil sie in der Planung war, er konnte sich also einschreiben, aber – so wie die deutschen Fakultäten sind – richtig eingerichtet wurde sie dann erst, nachdem er seine Doktorarbeit abgegeben hatte. Hatte er damals schon den Gedanken, sich dann professionell mit Korea beschäftigen zu wollen?
Ich wollte Koreanistik studieren, weil ich so neugierig war. Nach den vier Jahren Erfahrung und nichts verstehen – ich hatte keine Ahnung von Konfuzianismus, keine Ahnung von Buddhismus, sondern ich hatte immer nur gesehen, was die Leute machen – da hatte ich einfach Fragen. Wenn du vier Jahre im Ausland warst, dann kannst du nur zwei Dinge machen. Entweder du sagst: "Okay, das war's, ich will nicht mehr.", oder du verbindest dich damit. Aber wenn ich zurück in den Kaufmannsbetrieb oder auch in ein anderes Studium gegangen wäre, da hätte ich dann immer im Hintergrund die vielen Fragen gehabt, was da eigentlich los war in Korea. Und das wollte ich wissen. Mir war es auch egal, ob ich das später beruflich machen kann. Inzwischen war ich frei genug zu sagen, ich kann immer irgendwas machen. Dass sich dann daraus eine akademische Karriere ergab, das war ein Glücksfall.
So rät er auch heutigen potentiellen Koreanistik-Studenten, unbedingt Interesse mitzubringen und sich das schwere, aber dennoch nicht trockene Studium gut zu überlegen. Jemandem, der das nur studieren will, weil er eine koreanische Freundin hat oder Taekwondo macht, rät er ab, oder er empfiehlt ihm, zunächst Einführungsbücher über Korea zu lesen und sich zu prüfen, ob er wirklich mehr wissen will. Aber wer sich dann prüft und entscheidet, der könne anhand der Koreanistik viel lernen.
Mit Koreanistik meint er die alte Koreanistik. Die BA-Koreanistik, die eine Ansammlung von Fakten sei, die man auch lesen kann, hält er für ein überflüssiges Geschäft. Man müsse natürlich auch die Sprache lernen, aber Koreanistik solle sich doch um die traditionelle Kultur kümmern, auch darum, überhaupt Bildung – ich liebe dieses Wort – zu bekommen. Wenn es gelinge, diese Bildungskoreanistik zu retten, dann habe die Koreanistik eine sehr gute Zukunft und sei auch in Zukunft spannend.
Wir sind im Grunde noch nicht präsent in Deutschland. Sinologie und Japanologie haben eine viel längere Geschichte, aber wir sind auch eine wichtige Hilfswissenschaft für diese beiden Fächer. Gerade die Interpretation der chinesischen Klassiker war in Korea schärfer, weil sie von Ausländern gemacht wurden.
Die Philologie als Grundwissenschaft sei dabei nur eine Möglichkeit, aber nicht die einzige. Man könne auch Soziologie oder eine andere Wissenschaft einsteigen. Philologie biete sich an, weil es immer viel um Texte gehe. Im Grunde sei es aber egal, wenn man nur immer den ganzen Zusammenhang betrachte und seine Sichtweise nicht nur auf eine Zeit oder ein Gebiet beschränke. Das ist seiner Meinung nach das Problem der koreanischen Germanistik, die – soweit ich das als Außenseiter beurteilen kann – nur Literaturwissenschaft ist. ähnlich wie für die Koreanistik sieht er für die Germanistik die Notwendigkeit, dass man vermitteln sollte, das Gewachsensein von Kultur zu erahnen und über den eigenen Text hinaus neugierig zu sein. Deutschland sei mehr als die Literatur.
Wenn mich hier Germanisten, die sich mit Schiller beschäftigen, fragen, wo Marbach eigentlich liegt, dann läuft es mir kalt den Rücken runter. In der Forschung muss man einen Schwerpunkt wie Literatur oder Grammatik haben, aber in der Lehre sollte man den ganzen Bogen spannen können.
Und Studenten können hier zwar oft Antworten geben, aber die Neugier ist nicht da. Schon Studenten sollten neugierig sein und das rote Lämpchen entwickeln, das in dem Moment aufleuchtet, wenn ich einen Begriff vor mir habe, von ich nur glaube, dass ich ihn kenne und dass ich weiß, wie ich ihn übersetzen muss. Auch im Sprachunterricht sollten Studenten schon lernen, genauer nach Hintergründen zu fragen, und sie sollten sich auch Informationen beschaffen können. Wikipedia oder ein Lexikon ist da ein gutes Bild – wenn man die Querverweise liest, wird man plötzlich auf Pfade geführt, auf die man nie gekommen wäre. Diese Fragen hätte man gar nicht gehabt – aber das ist Wissenschaft.
Aber denkt er eigentlich, dass es hier in Korea einen zu hohen Prozentsatz an Leuten gibt, die studieren?
Hier in Korea gibt es keinen vernünftigen zweiten Bildungsweg. Das wird alles durch die "taehakkyo" abgedeckt, das heißt ja gar nicht Universität, das heißt ja einfach nur oberste Schulart. Tourismus, Krankenschwestern usw. – klar, die haben alle eine hohe Ausbildung. Aber ich mache eben einen großen Unterschied zwischen Bildung und Ausbildung. Früher hatten wir hier ein stärkeres Gewicht auf Bildung, heute ist das verlagert auf Ausbildung. Das ist sicher pragmatisch richtig, aber schade. Es gibt aber schon wieder auch junge Leute, die privat Hanmun lernen. Verglichen habe ich jetzt übrigens das alte Korea mit seiner eher humanistisch geprägten Ausbildung und das neue Korea mit einer Ausbildung, die praktischer ist. Nicht verglichen habe ich mit Deutschland. Den Vergleich würden die Koreaner prima aushalten, Deutschland ist momentan eine Katastrophe.
Hier in Korea wird Bildung ja eigentlich auch noch gewollt. Das zeigt sich auch in der Sprache in sehr verallgemeinerter Form. Hier in Korea wird nicht, wie im Deutschen, ein Herrschaftsverhältnis etabliert, nämlich Herr und Frau, hier haben wir ein Lehrer-Schüler-Verhältnis. Das ist nicht nur in der Sprache so, sondern auch noch in der Kultur. Man tritt dem anderen anders gegenüber, man will etwas lernen. Genauso sagen hier viele in Vorlesungen, wenn sie im Widerspruch zu dem Gesagten stehen, nicht wie wir in Deutschland einfach platt "Nein" und das Gegenteil, sondern sie hören erstmal zu und sagen dann "Ja" und sagen dann möglicherweise das Gegenteil. Man hört also viel länger zu, das ist auch etwas, was ich sehr gern mag.
Da sind wir wieder bei der Passion und Liebe für das Land. über die laufende Entwicklung haben wir vorhin gesprochen – was ist mit der zukünftigen Entwicklung?
Ich bin mir natürlich nicht sicher, aber ich glaube, dass Korea inzwischen eine Entwicklung hinter sich hat, die so rapide war, dass sich in den nächsten 10 Jahren so furchtbar viel nicht ändern wird. Sie werden noch reicher werden, sie werden noch mehr verschwenden, als sie es jetzt schon tun, die Schere zwischen reich und arm wird größer werden, die Schere zwischen gebildet und ungebildet auch. Aber Korea wird auf jeden Fall ein interessantes Land bleiben.
Langweilig wird ihm also sicher nicht werden. Neben der bereits erwähnten Forschungstätigkeit und Studiengang-Aufbauhilfe ist Korea reich an Konferenzen, deren Ergebnisse Jahre brauchen, um in die ausländischen Publikationen zu kommen. Da ist Werner Sasse nun sehr nah am akademischen Leben. Er möchte auch noch viele halbfertige Sachen aus seinem Schreibtisch loswerden, meist Dichtung, die hier in der Gegend um Gwangju entstanden ist. Außerdem gibt es jedes Jahr die Summer School an der HUFS, bei der er schon von Anfang an dabei war. Und es gibt viele Angebote zu Vorträgen – das macht ja auch Spaß.
Überhaupt macht er jetzt, wie gesagt, nur das, was ihm wirklich Spaß macht. Er hat wieder angefangen zu malen (sein alter Traum und Studienwunsch), wahrscheinlich wird er im Herbst eine Ausstellung machen, die Bekannte von ihm organisieren – Künstler, die seine Bilder gesehen haben. Und er wird lesen, wandern und Korea genießen.
Als ich wieder im Zug nach Seoul sitze und aus dem Fenster schaue, sehe ich nicht mehr nur die Baustellen, sondern auch viel mehr schöne Dinge. Das Gespräch mit dem passionierten Koreanisten hat mir gut getan. Ich wünsche ihm für die Erfüllung aller seiner Pläne einen langen, langen Lebensabend.
Copyright © 2007 by Birke Dockhorn