Michael Menke

Dr. Raimund Royer

Ein Österreicher heilt auf Koreanisch


Raimund RoyerDer Österreicher Dr. Raimund Royer ist Arzt für fernöstliche Medizin und arbeitet im Jaseng-Hospital in Seoul als Direktor der Internationalen Klinik. Dr. Royers Tipps zur Gesundheit und zur koreanischen Medizin kann man täglich um 17.55 Uhr im englischsprachigen Radiosender Arirang hören, außerdem hat er Kolumnen in einigen englischsprachigen Zeitungen.

Herr Dr. Royer, seit wann sind Sie in Korea?

Fast genau 20 Jahre. Ich bin 1987 zum ersten Mal nach Korea gekommen.

Was haben Sie gemacht, bevor Sie nach Korea kamen? Waren Sie Arzt?

Nein, ich habe eigentlich etwas ganz anderes gemacht. Bevor ich nach Korea gekommen bin, habe ich für eine Handelsfirma gearbeitet, also ich bin eher aus dem Geschäftsbereich in dieses neue Metier übergesiedelt.

Und wie sind Sie dann zur Medizin bzw. zur koreanischen Heilkunde gekommen?

Das war eher durch einen kleinen Unfall. Als ich zuerst nach Korea gekommen bin, war das eine Rucksackreise. Ich wollte mir ein Land im Fernen Osten ansehen, dazu hatte ich mir drei Monate Zeit genommen. In Korea habe ich dann verschiedene Sachen gemacht. Ich habe mich ein bisschen mit Buddhismus befasst, ich habe Taekwondo gemacht, und wie das eben so passiert, als ich Taekwondo gemacht habe, habe ich mich am Knöchel verletzt, und da wurde mir gesagt, für solche Sachen müsste man zum Han-Uisa (koreanischen Arzt) gehen und sich mit Akupunktur behandeln lassen, das sei sehr wirksam, und das habe ich gemacht und dabei die erste Bekanntschaft mit Akupunktur gemacht. Und das hat mich ganz einfach fasziniert. Ich bin mit diesen Nadeln behandelt worden, gar nicht mal in dem Bereich, wo ich mich verletzt hatte, sondern in die Hand und überall woanders, nur nicht in den Fuß. Und trotzdem ist der Schmerz gleich besser geworden, und das hat mich einfach fasziniert. Dem wollte ich nachgehen – was ist dahinter. Dann habe ich mich erkundigt, wie man das lernen kann. Das ist ein eigenes Studium hier, läuft parallel zum schulmedizinischen Studium, und ich habe mich entschlossen, das zu machen.

Dann haben Sie hier ihren Doktor in fernöstlicher Medizin gemacht?

Ja, das war der Abschluss.

Was ist der richtige (koreanische) Ausdruck für diese Heilmethode?

Der koreanische Name ist Han Ui Hak, "koreanische Medizin", der international gebräuchliche Name ist "Oriental Medicine". Es gibt hier Bestrebungen, den Namen in "Traditional Korean Medicine" umzuändern. In Deutschland ist es wahrscheinlich eher bekannt als "Traditionelle Chinesische Medizin"

Wenn es "Oriental Medicine" heißt, bedeutet das ja eigentlich, dass es um eine Heilmethode geht, die in ganz Asien verbreitet ist. Aber ich glaube, die Koreaner wollen da auch ihren eigenen Weg betonen. Gibt es denn regionale Unterschiede, z.B. zur chinesischen Heilkunde?

Es gibt natürlich Unterschiede, wobei man sagen muss, dass die Wurzeln dieser Medizin aus Raum China, Mandschurei, Korea kommen. Aber es haben sich auch regionale Besonderheiten gebildet und eigene Methoden entwickelt, aber alles basiert auf einer Grundphilosophie. Ich nenne da mal Begriffe wie Ying und Yang, dann die fünf Grundelemente, wobei in Korea noch die konstitutionelle Medizin hinzukommt, die gibt es seit über 100 Jahren, wobei die Krankheiten nicht so sehr nach den Symptomen unterteilt werden, sondern nach der Grundkonstitution des Menschen, nach der Funktion seiner Organe. So gibt es z.B. eine Konstitution, bei der die Leber-Funktion sehr gut ausgebildet ist, dafür die Lungenfunktion sehr schwach, dieser Typus tendiert dann eher zu Krankheiten im Lungensystem.

Sie arbeiten hier in einem richtigen Hospital für koreanische Medizin, es gibt ca. 100 Betten für stationäre Behandlung. Ist für die Patienten, die zu Ihnen kommen, die koreanische Medizin quasi ein Ersatz für die Schulmedizin oder eine Ergänzung?

Wir sind hier auf bestimmte Krankheitsbilder spezialisiert, z.B. Bandscheibenvorfälle, Rücken- und Gelenksprobleme, wir sehen unsere Behandlung schon als einen vollwertigen Ersatz zur Schulmedizin, nicht nur komplementär. Wir glauben, dass wir mindestens genauso gut diese gesundheitlichen Probleme behandeln oder heilen können wie die Schulmedizin.

Diese Heilmethode gerät in den westlichen Medien manchmal in den Ruf, lediglich auf bestimmte lukrative Bereiche (Impotenz, ...) spezialisiert zu sein, und zur Dezimierung verschiedener Tierarten beizutragen. Wie sehen Sie das?

Es gibt natürlich bei uns Rezepturen, für die wir tierische Grundelemente verwenden. Wenn Sie jetzt z.B. Tigerkrallen ansprechen, das wird so gut wie nicht mehr verwendet, das ist eher ein Relikt. Jede Art von Medizin entwickelt sich weiter, natürlich auch unsere Medizin, und man muss sich an die Gegebenheiten der Natur anpassen. Es gibt ja auch genug Ersatz. Es gibt da so alte Rezepturen, und die kommen dann in die Medien, besonders, wenn es um die männliche Potenz geht. Hirschhörner sind da sehr beliebt, aber mittlerweile werden diese Hirsche in riesigen Farmen in Neuseeland speziell für diesen Zweck gezüchtet, von daher ist das sicher kein Problem. Es gibt da auch so bestimmte Mittel wie z.B. Robben-Hoden, aber das sind veraltete Sachen. Die verwenden wir nicht mehr.

Kommen viele ausländische Patienten zu Ihnen? Nach der Website Ihres Hospitals zu urteilen sind diejenigen, die kommen, z.B. der österreichische, schweizerische, deutsche Botschafter, mit den Ergebnissen sehr zufrieden.

Wir hatten auch schon viele andere Botschafter hier, natürlich auch Vertreter von verschiedenen Firmen. Der Ausländeranteil unter unseren Patienten steigt vielleicht auch deshalb, weil ich hier arbeite. Ich bin seit letztem Jahr im Sommer in diesem Krankenhaus, davor hatte ich eine lokale Praxis mit anderen Koreanern. Der Grund für meinen Wechsel an dieses Krankenhaus war, dass man hier eine Internationale Klinik eingerichtet hat, und dann in die Zukunft blickend das Konzept dieses Krankenhauses, also die Behandlung mit natürlichen und traditionellen orientalischen Mitteln, mit moderner Technik kombiniert. Natürlich haben wir auch die im Hospital üblichen Geräte, besonders für die Diagnose, für Blutuntersuchungen, Röntgen, Ultraschall usw. Wir haben dazu auch Fachleute hier, die eigentlich Schulmediziner sind. Dieses Konzept "Treffen West-Ost" bewährt sich sehr gut in der Praxis, und das möchte unser Präsident auch exportieren. Für mich als Europäer wäre da natürlich der europäische "Markt" interessant.

Man will jetzt auch versuchen, Patienten aus anderen Ländern anzusprechen ...

Das ist natürlich auch eine Idee. Dieser Medizin-Tourismus nimmt immer mehr zu, und ich glaube natürlich, dass wir da einiges bieten können. Da wir alternative Behandlungsmethoden anbieten können, fallen wir ein bisschen in diesen alternativen Boom, der sicher in Zukunft noch zunehmen wird, weil mittlerweile viele Menschen gewissen Vorbehalte gegen die Schulmedizin haben. In "gebildeteren Kreisen" nimmt die Tendenz zu alternativen Sachen zu.

Die Kosten sind wohl in Korea auch nicht so hoch wie in anderen industrialisierten Ländern.

Das würde ich sicher sagen, vor allem im Vergleich zu Ländern in Europa oder zu Amerika kostet eine Untersuchung hier nur einen Bruchteil, und die Qualität ist die gleiche.

Wie sehen Sie die koreanischen Patienten? Akzeptieren sie den Ausländer, der koreanische Heilkunst praktiziert oder gehen die dann lieber zu einem koreanischen Arzt?

Das kommt drauf an. Da ich die Internationale Klinik in unserem Hospital leite, kommen zu mir in erster Linie die Ausländer. Die Sprache spielt da auch eine große Rolle. Normalerweise werden keine Koreaner zu mir geschickt. Es gibt aber dennoch Koreaner, die von mir behandelt werden möchten, die kommen dann zu mir. Die sind natürlich in der Minderheit, aber sie sind immer sehr zufrieden.

In Deutschland (und ich nehme an, in Österreich ist das auch so) haben "andere Heilmethoden" (z.B. Homöopathie, Naturheilkunde) gegenüber der Schulmedizin einen schweren Stand. Ist das in Korea ähnlich, oder wird diese traditionelle Medizin weitgehend akzeptiert?

Traditionelle Medizin ist hier etwas Normales, aber das heißt nicht, dass die Schulmedizin die traditionelle Medizin anerkennt. Hier gibt es auch Spannungen zwischen den beiden Richtungen.

Eine ganz praktische Frage: Kann ich als normal krankenversicherter Mensch in Korea Ihre Klinik besuchen, bzw. werden die Kosten teilweise von der Krankenversicherung getragen?

Akupunktur wird von der koreanischen Krankenversicherung mit dem üblichen Prozentsatz übernommen, andere Sachen wie z.B. unsere Medizin muss man selbst bezahlen.

Vielen Dank für das Interview!

Dr. Royer kann man in seinem Hospital in Apkujong-dong in Seoul besuchen, oder auf der englischsprachigen Website www.jaseng.net


Copyright © 2007 by Michael Menke


DaF-Szene Korea Nr. 25

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