Fast sieben Jahre ist es jetzt her, dass der Verfasser aus Deutschland zu einem Vorstellungsgespräch an eine koreanische Universität geladen wurde. Dieses Vorstellungsgespräch blieb dem Verfasser aus mehreren Gründen in besonderer Erinnerung. Ein Grund dafür war auch, dass der damalige Universitätspräsident ihn im Laufe des Gespräch fragte, ob er einen Herrn namens Lee Han-Woo kenne. Auch in den folgenden Jahren wurde der Verfasser immer wieder auf diesen Herrn Lee Han-Woo angesprochen. Man mag nun fragen, um wen es sich bei Lee Han-Woo denn handelt. Lee Han-Woo ist oder war zumindest wohl einer der populärsten Deutschen in Korea. Seine Popularität, die in allen gesellschaftlichen Schichten in Korea spürbar ist, resultiert daher, dass Herr Lee als Deutscher, der perfekt Koreanisch spricht, in mehreren in Korea so beliebten Fernsehserien aufgetreten ist.
Aber was verbinden koreanische Studenten heutzutage mit dem Thema „Deutsche in Korea“? Der Verfasser hat zur Erstellung eines Meinungsbildes zehn seiner Studenten ausgewählt, hier sei nun das Ergebnis der Umfrage wiedergegeben:
Student 1:
„Ich denke an den deutschen Manager eines
Luxushotels an der Südküste Koreas, das im vergangenen Jahr eröffnet worden
ist.”
Student 2:
„In einer Zeitung habe ich von einem
Deutschen gelesen, der an einer berühmten Universität in Seoul die
Graduiertenschule besucht und seit vier Monaten in Korea lebt. Das Leben im
Studentenwohnheim war zunächst sehr anstrengend für ihn, was auch daran lag,
dass er beim Betreten seines Zimmers seine Schuhe ausziehen musste. Er hatte
Mitleid mit seinen Zimmergenossen, die den Gestank seiner Füße riechen mussten.
Auch konnte er sich nicht daran gewöhnen, dass im Zimmer mit Vorliebe
koreanische Nudeln gegessen wurden. Aber mittlerweile fühlt er sich schon
besser, da er mit der koreanischen Kultur vertrauter geworden ist.”
Student 3:
„Seit drei Jahren lebt eine Deutsche in
Korea, sie ist mit ihrem Ehemann gekommen, der in Korea arbeitet. Sie wirkt an
mehreren Projekten mit. Als Kind war sie schon einmal sieben Jahre in Korea, da
auch ihr Vater in Seoul tätig war. Sie ist der Meinung, dass damals der
Straßenverkehr in Korea noch nicht so chaotisch war. Aus Itaewon ist sie
weggezogen, da es dort zu viele Ausländer gebe. Sie hofft, dass sie noch viele
Erfahrungen im Umgang mit Korea und Koreanern sammeln und die koreanische Kultur
besser verstehen kann.”
Student 4:
„Ich denke an Michael Geier. Michael Geier
ist der ehemalige deutsche Botschafter in Korea. Er hat gesagt, dass das Ansehen
Koreas in Deutschland durch Veranstaltungen zum Korea-Jahr gestiegen ist.
Außerdem hat er erklärt, dass er Vorbereitungen treffen wird, um die koreanische
Wiedervereinigung aktiv zu unterstützen.”
Student 5:
„Ich kenne eine Deutsche namens Lilian
Behrendt, die in einer Show bei KBS aufgetreten ist. In dieser Show gab es noch
andere Deutsche, aber sie hat einen deutschen Vater und sie hat eine koreanische
Mutter. Sie hat ein besonderes Interesse an traditioneller koreanischer Musik.”
Student 6:
„In der Universitätszeitschrift las ich von
einem deutschen Gelehrten, der Professor an der Universität Hamburg und
Vorsitzender der Europäischen Koreanistenvereinigung ist. Er ist in Frankfurt
geboren und hat viel für die Koreanistik getan. Er ist nach Korea gekommen, um
dort seinen Lebensabend zu verbringen.”
Student 7:
„Ich kenne einen deutschen Regisseur, der
an einer koreanischen Universität Professor für postmoderne Musik ist.”
Student 8:
„Ich habe von einer Deutschen, die Lilian
Behrendt heißt, gehört, sie ist in einer Fernsehshow aufgetreten. Der Vater ist
Deutscher, die Mutter ist Koreanerin. Sie ist nach Korea gekommen, um die
Sprache ihrer Mutter zu lernen. Sie ist sehr hübsch, daher ist sie bekannt in
Korea.”
Student 9:
„Lee Han-Woo ist ein Deutscher, der 1954
geboren ist. Er heißt eigentlich Bernhard Quandt, er ist verheiratet und hat
zwei Kinder. Er hat in vielen Fernsehserien mitgespielt.”
Student 10:
„In der Chosun-Zeit hat der Deutsche
Möllendorff in Korea gelebt. Er war der königliche Schatzmeister. Er war
beteiligt an den internationalen Abkommen mit den USA, England und Deutschland.”
Das Interview zeigt, dass die Studenten ganz verschiedenartige Erfahrungen mit Deutschen in Korea haben. An Lee Han-Woo, mit dem der Verfasser als Deutscher in den letzten Jahren immer wieder konfrontiert wurde, denkt nur noch ein Student, was daran liegen dürfte, dass Lee Han-Woo zur Zeit nicht mehr im Fernsehen auftritt und im schnelllebigen Korea vieles auch schnell in Vergessenheit gerät. Trotzdem scheint es kein Zufall zu sein, dass zwei Studenten an eine Deutsche denken, die ebenfalls durch Fernsehauftritte auf sich aufmerksam gemacht hat. Denn das Fernsehen hat einen erheblichen Einfluss auf die Meinungsbildung in Korea. Die Tatsache, dass diese Frau das Kind eines deutsch-koreanischen Ehepaars ist, scheint das Interesse der Studenten eher noch zu steigern. Auch über mangelndes Verständnis der Gepflogenheiten des Gastlandes, wie es beim Interview mit Student 2 deutlich wird, wird offensichtlich mit einem Augenzwinkern hinweggesehen. Dies zeigt, wie offen, tolerant und vorurteilslos junge Menschen in Korea heutzutage sind.
Copyright © 2007 by Kai Rohs