Andrea König

Von Hangul in Sanssouci, Hunden in Sportoutfit und dem koreanischen Tiger

Interview mit Nicole Risse


Mein zweites Interview für dieses Heft hätte von den äußeren Umständen kaum unterschiedlicher sein können. Meine Interviewpartnerin kenne ich schon eine Weile. Wir kommen zwar aus dem gleichen Landkreis im Harz, haben uns aber – wie das so ist –erst in Seoul vor etwa zwei Jahren kennen gelernt. Wir sind an einem Freitag zum späten Nachmittag im pulsierenden Herzen der Stadt, in Gwangwamun verabredet. Ich bin ein halbe Stunde zu spät. Stau ist Stau, dagegen ist niemand gefeit. Wir treffen uns am Eingang des Kyobo-Hochhauses, wo sie in der 20. Etage ihr Büro hat, und gehen in eines dieser Riesencafés gleich gegenüber. Um diese Zeit ist hier jeder Tisch besetzt. Draußen ist es angenehm warm. Deswegen sind in der Raucherzone die großen Fenster zur Straße weit geöffnet, Straßenlärm dringt herein, geschäftiges Treiben. Großstadt pur. Lautsprecherdurchsagen, die zum Abholen der bestellten Getränke auffordern. Um uns herum junge Pärchen, Geschäftsleute, schnatternde Freundinnen, lesende Studenten – und wir mittendrin. Ich habe ungefähr eine Stunde Zeit, meine Fragen loszuwerden, dann muss meine Interviewpartnerin nochmal ins Büro zurück, um vorm Wochenende ein paar Dinge erledigen.

Nicole RisseNicole Risse ist seit Juni 2004 Direktorin der EKF (Europe-Korea Foundation), dem „Wohltätigkeitsarm“ der Europäischen Handelskammer, und in dieser Funktion auch Initiatorin des WWK (Wine and Women Korea). Die EKF entwickelt Kulturprogramme, die Europa und Korea einander näher bringen sollen und auch auf wirtschaftlicher Ebene das Verständnis zwischen den beiden Regionen verbessern soll. Außerdem werden koreanische Künstler, Kinderheime, gemeinnützige Vereine unterstützt, z.B. das Aeranwon, eine Einrichtung, die alleinstehenden und minderjährigen Müttern hilft.

Vor mir sitzt also eine zierliche, quirlige Person. Anfang 30, große, helle, leuchtende Augen hinter kleiner Brille. Das wellige Haar umrahmt das freundliche Gesicht. Ein Energiebündel. Redegewandt, engagiert, intensiv, herzlich.

Nicole kam das erste Mal 1996 für ein Jahr nach Korea, nachdem sie ein Jahr zuvor als Gruppenleiterin eines Internationalen Workcamps in Potsdam das erste Mal in Kontakt mit Korea kam. Der Kontakt war jung, attraktiv und zum Verlieben, wurde eine Sommerliebe und brachte ihr in jenen Tagen neben der Arbeit im Park von Sanssouci das koreanische Alphabet bei und weckte ihr Interesse an dem kleinen ostasiatischen Land. Lesen konnte Nicole also schon mal, als sie im Jahr darauf nach Korea kam, aber viel mehr Koreanisch konnte sie nicht. Zunächst lebte sie in Ilsan in einer Gastfamilie, der sie zu einem guten Teil ihr Koreanisch verdankt. Auf Spaziergängen mit der Mutter lernte Nicole, die Dinge koreanisch zu benennen und abends am Tisch mit der Gastfamilie, zwei Schwestern und den Eltern, wiederholte sie alles und der Vater trimmte ihre Aussprache – geduldig, stundenlang, unerbittlich, was man eben „einpauken“ nennt. Das war aber die beste Schule für den Anfang, sie spricht inzwischen fließend Koreanisch und ihre Aussprache ist nahezu akzentfrei. Zurück in Deutschland begann Nicole an der Humboldt-Uni Berlin Koreanistik zu studieren. Da will ich jetzt wissen, ob sie einem Uneingeweihten ad hoc erklären könne, inwiefern die Form der Hangul-Zeichen der Stellung der Sprechwerkzeuge nachempfunden sein soll. Theoretisch sollte sie das können, aber ihre Schule mit dem Gastvater wäre eindeutig der bessere Weg gewesen, die Aussprache zu üben.

2000 kam sie wieder nach Korea, schloss ihr Studium hier ab und arbeitete bei Kim & Chang Law Firm, einer großen Anwaltskanzlei, wo sie übersetzte und sich um die deutschen Mandanten kümmerte. Hier erwähnt sie, dass sie manchmal bereue, Koreanistik im Hauptfach studiert zu haben. Besser wäre es gewesen, etwas „Handfestes“ zu studieren und die Sprache nebenbei zu lernen. Was sie heute im Berufsleben bräuchte, habe wenig mit dem Koreanistik-Studium zu tun. Außerdem habe sie sich damit auf eine bestimmte Region festgelegt, was sie so eigentlich nicht wollte. Ihr Interesse gilt nämlich z.B. auch Lateinamerika. Zur Zeit lernt sie Spanisch. Wer weiß, wo sie in 10 Jahren sein wird! Sie ist sich sicher, dass es nicht Korea sein wird, aber sie würde immer versuchen, etwas zu tun, was mit Korea zu tun habe, aber wo es „hoffentlich ruhiger als in Korea“ ist.

Ich möchte wissen, was ihr an Korea auf Anhieb gefallen hat, woran sie sich erst gewöhnen musste und woran sie sich wohl nie gewöhnen wird. Gefallen habe ihr sofort die Kultur. Vor allem aber habe – gleich am Anfang – ein Buch ihr Bild von Korea geprägt und ihre Liebe zu diesem Land geweckt. In das vorkoloniale Korea, das in „Der Yalu fließt“ von Mirock Li beschrieben wird, habe sie sich verliebt. Gelesen hat sie es erst auf Deutsch, später auch noch einmal auf Koreanisch.

Gewöhnen musste sie sich an Motorradfahrer auf dem Bürgersteig. Sie erinnert sich noch, dass sie an ihrem ersten Tag in Seoul mehrmals „dem Tod von der Schippe gesprungen“ ist. Aber wenn sie zurückdenkt, war sie anfangs ziemlich blind gegenüber negativen Eindrücken und nicht sehr kritisch. Das kam erst mit der Zeit. Zum Beispiel würde sie sich nie an das Geruchspotpourri von Soju, Kalbi, Knoblauch, Kaffee und Zigarette in der U-Bahn gewöhnen, auch nicht an das Auf-die-Straße-Spucken, und auch nicht an die stete Verwunderung darüber, dass ein Nicht-Asiate Stäbchen zu handhaben weiß und scharfe Speisen verträgt. Bei ihrer Arbeit mit Koreanern stößt ihr manchmal deren Sturheit auf. „Wenn sie etwas nicht wollen, lassen sie sich auch nicht mit den besten Argumenten überzeugen.“ Noch etwas stört sie: Dass viele Koreaner immer nur ein perfektes Korea präsentieren wollen und die negativen Seiten bzw. Probleme nicht wahrhaben wollen.

Ich möchte wissen, was ihrer Meinung nach die Zusammenarbeit mit Koreanern prägt. Wenn erst mal alles beschlossen sei, dann klappe es auch. Projekte werden durchgezogen; wenn es hart auf hart kommt, dann packen sie an – und schaffen es auch. Aber die Planungsphase sei mühsam. Entscheidungen und Beschlüsse bräuchten sehr lange. Aber dann ginge es los. Schritt für Schritt und von langer Hand zu planen, sei der Koreaner Ding allerdings nicht. Dafür aber kurz vor Schluss noch eine brillante Idee umsetzen. Diese Art und Weise des Planen und Arbeitens sei einerseits faszinierend aber auch nervig, anstrengend und ermüdend.

Und welche anderen Unterschiede und Parallelen siehst du zwischen deutscher und koreanischer Mentalität, möchte ich wissen.

Die Deutschen würden strukturierter und konsequenter planen und sie seien liberaler. Aber das sei sicher nur eine Frage der Zeit, denn die Deutschen haben hierbei einen langen Prozess hinter sich, den Koreaner noch vor sich haben.

Die Deutschen würden Anderssein eher als Koreaner akzeptieren und seien dabei individueller, während der Koreaner ein Gruppenmensch ist.

Aber beide hätten eine ähnliche Auffassung von Pünktlichkeit. Augenfällige Parallelen gäbe es ansonsten eher bei Italienern und Koreanern: Besonders hinsichtlich der Auffassung von Familie und die markante Mutter-Sohn-Beziehung.

Worüber kann sie in Korea schmunzeln? „Über Love-Motels, wenn die Paare wieder rauskommen.“

Und worüber herzhaft lachen? „über Liebespaare in Partnerlook und Hunde in Handtaschen.“ Kürzlich sei sie im Namsanpark einem Hündchen in Sportoutfit begegnet.

In Korea gibt es vier Jahreszeiten. Wird ja von Koreanern immer wieder gern erzählt. Was würde nun sie potentiellen Besuchern erzählen. Denjenigen, die gar nichts wissen, würde sie erst mal erzählen, dass Korea eine hochentwickelte Industrienation ist und dass Samsung und Daewoo koreanische Firmen sind. Und wenn schon über Jahreszeiten gesprochen wird, dann dass „der Sommer schrecklich und die schönsten Jahreszeiten schrecklich kurz seien. Und wenn jemand die Koreaner verstehen möchte, dann sollte er sich über koreanische Geschichte kundig machen.

Auf die Frage, was man von den Koreanern lernen könne, kommt eine schnelle Antwort: „IT, Internet, Service.“ Bei ihrem letzten Umzug innerhalb von Seoul habe es nicht mal einen Arbeitstag gedauert, bis in der neuen Wohnung alle Technik aufgebaut, verlegt, angeschlossen, funktionstüchtig war. Versuche mal einer in Deutschland innerhalb einer Woche nur den ISDN-Anschluss zu kriegen! (Hier habe ich ein Déjà-vu von meinem ersten Interview.)

Um beim Thema Deutsche zu bleiben, frage ich, was sie an den Deutschen störe. Gerade bei den letzten Besuchen in Deutschland sei ihr aufgefallen, dass die Deutschen immer meckern, sich laufend beschweren und nie zufrieden sind.

Während des Interviews kommen wir mehrmals auf koreanische Traditionen zu sprechen. Es wäre sehr schade, dass Koreaner für eine Weile ihre Traditionen vernachlässigt hätten und es jetzt unwahrscheinlich scheint, den Verlust rückgängig machen zu können. Heute „wird Tradition nicht gelebt, sondern gezeigt“. In Deutschland hätte es ähnliche Tendenzen gegeben, aber da hätte man „rechtzeitig die Kurve gekriegt“. Das bringt uns zum nächsten Thema, was sie hier vermisst. Jedes Jahr fehle ihr das Osterfeuer und die Walpurgisnacht.

Wie gut ist sie eigentlich über Aktuelles aus Deutschland informiert? Kreis- und Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt 2007 z.B. (mit der niedrigsten Wahlbeteiligung in der Geschichte der BRD), oder DSDS oder Knut? „Knut? Wer ist Knut?“ Ihr vollgepackter Arbeitsalltag (nicht selten 10 und mehr Stunden, oft auch an den Wochenenden) ließen ihr wenig Zeit zum regelmäßigen, intensiven Zeitunglesen, höchstens mal morgens auf dem Weg zur Arbeit oder wenn es abends mal nicht so spät geworden ist. Sie hätte auch keine Ahnung, was im deutschen Fernsehen abgeht, sei über Popkultur nicht auf dem Laufenden. Dafür könne sie im Urlaub in Deutschland stundenlang vorm Fernseher sitzen!

Als letztes möchte ich von Nicole wissen, was sich ihrer Meinung nach in der Zeit, seit sie Korea erlebt, verändert hat und wo sie Korea in 50 Jahren sieht.

Es gäbe weniger soziale „NoNos“, und auch die Situation der Frau habe sich im Vergleich zu früher verbessert. Aber da müsse trotzdem noch viel passieren.

Das Stadtbild von Seoul habe sich in den letzten zwei, drei Jahren rausgemacht, obwohl auch da noch viel zu tun ist.

Technologisch wird Korea immer noch weit vorn liegen, aber kulturell wird es alles verloren haben. Im Sozialen wird es hoffentlich offener gegenüber dem Anderssein. Aber 50 Jahre wären eine lange Zeit; vielleicht werde Korea wiedervereinigt sein.

Und zum Schluss noch ein Quickinterview. Nicht lange nachdenken!

3 Begriffe, die für dich Korea bedeuten
Kimchi, Adjuma, ehm – Taxifahrer

1 Superlativ für Korea
Dynamischst

Was vermisst du außerhalb von Korea
Kimchi

Was vermisst du außerhalb von Deutschland?
Brot

Kimchi ist ...
Kimchi

Hunde   
bellen

Der koreanische Tiger
Ach Gott, wenn mir nochmal einer erklären will, dass die koreanische Halbinsel wie ein Tiger aussieht...! DEN TIGER SIEHT MAN NICHT!

Jejudo
Harobang [omnipräsente Figur aus Vulkangestein], da fällt mir einiges ein...

Monsunregen
Schwül, eklig, klebrig, und er ist nie da, wenn Monsun angesagt ist.

Frühling in Korea
Cherry blossoms. Wunderschön. Spaziergänge im Namsan. Paare, die sich vor den Bäumen fotografieren lassen.

Apartmenthäuser
Betonklötze

Der Han
(...) nee, schreib mal nicht! Das Monster aus „The Host“.

Korean fashion
Passt mir nicht. Fashion victims. Seltsame Zusammenstellung von Farben und Mustern.

Danke für das Interview!

PS: Spät abends kriege ich dann noch einen Anruf: „Ich weiß, wer Knut ist!!!“ Inzwischen sendet sogar CNN Reportagen über die Knut-Hysterie in Deutschland. Wieder so ein Zufall, der unsere Bekanntschaft von Anfang an prägte.


Copyright © 2007 by Andrea König


DaF-Szene Korea Nr. 25

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