Wenn ich in Waegwan bei den alljährlich stattfindenden Exerzitien der Missionare und Missionarinnen in Korea die verschiedenen Teilnehmer treffe, bin ich jedes Mal fasziniert, wie unterschiedlich die Art der Berufung und der Aufgabe ist. Da sind Seelsorger und Seelsorgerinnen, Krankenschwestern oder eine Ärztin. Da ist auch eine Schwester, die sich nur dem Gebet verschrieben hat. Ebenso ist eine Ordensgründerin zu finden, an die jeden Tag neue Herausforderungen im Management gestellt werden. Auch Handwerker sind darunter. Bei allen Unterschieden haben doch alle eines gemeinsam: Bei den Menschen hier in Korea zu sein. Dabei sind nicht alle nur bei den Koreanern geblieben. Einige haben ein anderes, weiteres Ziel außerhalb Koreas im Blick, um mit Hilfe dessen, was sie hier geschaffen haben, anderen Menschen im Glauben und/oder in Not beizustehen. Einige dieser Frauen und Männer habe ich interviewt und möchte sie hier porträtieren.
Bei den Menschen sein – eine Schwester möchte bei den Armen leben
Sr. Lumine versteht sich nicht als die große Macherin. Sie hat ihren Ordensnamen ganz bewusst ausgewählt: Sie möchte ein Licht vom großen Licht Jesus Christus sein, das mithelfen soll zu leuchten in dieser Welt. Ganz nahe bei den armen Menschen zu sein, das war ihr Traum seit ihrer Kinder- und Jugendzeit in Osnabrück. Ihre erste Aufgabe stellte sich nach einem Sprachkurs bei den Menschen auf dem Land in der Nähe von Busan. Die meisten Einwohner haben das erste Mal eine Europäerin gesehen. Mit einem Schmunzeln erzählt sie, wie die Kinder ihr beim Zähneputzen zuschauten. "Guck mal, die putzt sich die Zähne wie wir auch!" haben die Kinder erstaunt ausgerufen.
Ihre erste Aufgabe bestand in der ambulanten Versorgung der Menschen und der Katechese im Dorf und den anderen Dörfern in der Umgebung. Als sie 1970 kam, waren die Verhältnisse noch sehr einfach. So gab es nicht sehr viele asphaltierte Straßen. Das Motorrad musste irgendwo abgestellt werden, und zu Fuß mit schwerem Gepäck wurden viele Dörfer besucht. Zwar halfen die Bewohner, aber die Wanderungen waren doch sehr mühsam.
Manches war aber schon fortschrittlich, etwa Dias für die Katechese. Aber mangels Strom mussten die Projektoren mit einem eigenen Generator betrieben werden, der auch zum Gepäck gehörte.
Die Gastfreundschaft in diesen Jahren war sehr groß. So sind die Dorfbewohner losgezogen und haben extra deutsches Bier besorgt, bevor der Pfarrer und Sr. Lumine kamen. Die Abneigung gegen das Bier hat Sr. Lumine noch schnell unterdrücken müssen und ein bisschen davon getrunken. Die größere Freude war es, dass die Dorfbewohner davon den ganzen Rest – also fast alles – genossen.
Nach etwa 10 Jahren musste Sr. Lumine Korea verlassen, weil die heimische Provinz in Deutschland sie zurückrief. Die Sehnsucht nach Korea und zu den Menschen hier blieb aber in ihrem Herzen. Um so größer war die Freude, als sie auf Wunsch der koreanischen Schwestern wieder nach Korea gesandt wurde. Diesmal arbeitete Sr. Lumine für die Blindenmission. 1994 baute sie ein Haus für Sozialwaisen auf, das sie bis letztes Jahr mit bewohnte.
Seit einem Jahr kümmert sich Sr. Lumine um Ausländer in Korea. Zumeist wird sie gerufen, wenn ausländische Frauen in Korea in Schwierigkeiten geraten. Viele von ihnen sind über ein Ehevermittlungsinstitut hierher geholt worden. In der Landwirtschaft besteht ein Bedarf an der Vermittlung von Kontakten, aber nicht nur dort. Doch die Erwartungen der Frauen und der Ehemänner sind sehr verschieden. Wenn dann etwas oder jemand nicht funktioniert, gibt es Probleme. Sr. Lumine versucht dann mit einer Unterkunft, mit Begleitung zu Behörden u.v.m. zu helfen. Auch in dieser Aufgabe fühlt sie sich wohl. Ihre Berufung ist es, bei den Menschen zu sein. Besonders den Armen oder Geringen fühlt sie sich verbunden und will für sie da sein.
Bei den Menschen sein – ein Priester möchte die Menschen begleiten
Als Pater Bartholomäus Henneke 1961 bei den Benediktinern in Münster-Schwarzach seine Profess ablegte, war Korea gewiss nicht sein Traumland. Aber er fand schnell einen Weg zu den Menschen. 1968 wurde er nach Korea gesandt. Seine ganze Zeit war er fast ausnahmslos in der Pfarrei tätig. Nebenbei wurden ihm auch Aufgaben im Kloster anvertraut. Seit 1970 arbeitet Pater Bartholomäus für die Menschen hier in Korea in der Pfarrei. Er begann in der Pfarrei Heilig Geist in Waegwan. Seine Hauptaufgabe sah er darin – und sieht sie auch heute noch so –, den Menschen beizustehen, dass das Leben gelingt und nicht von Ruhm, Gier oder Vergnügen verschlungen wird.
"Ich bin deutsch. Ich sehe keinen Sinn darin, das zu ändern." So hat Pater Bartholomäus seinen deutschen Pass heute noch. Er ist der einzige nichtkoreanische Pfarrer in seiner Region. Das aber ist kein Nachteil. Häufig wird er nach seiner Sichtweise gefragt. Er tritt dabei nicht lehrerhaft auf, um zu zeigen, wie etwas gemacht werden muss. Aus seiner Einstellung heraus, bei den koreanischen Menschen zu sein, äußert er seine Meinung. Denn seine ganze Arbeit ist die eines Wegbegleiters, der nicht den Weg vorgibt, aber hilft den Weg zu gehen, den wir Menschen in Korea gehen.
Zwischendurch gab es schon die Überlegung heimzukehren. Aber der damalige Abt Martin wehrte sich kategorisch. So blieb Pater Bartolomäus und wurde zu seiner Pfarreiarbeit Sekretär des Abtes für die "Auswärtigen Angelegenheiten." Auf diese Weise erfüllt Pater Bartolomäus eine Brückenfunktion: Korea nach Übersee zu vermitteln und das überseeische Denken der koreanischen Klosterleitung verständlich zu machen. Der gelernte "Draht" zu den Koreanern nicht nur von der Sprache, sondern auch vom Gefühl und Handeln her, kam auch dieser Aufgabe zugute.
Heute ist Pater Bartolomäus Pfarrer in Kasil, wo er als Wegbegleiter seit 1999 tätig ist. Wenn er Korea mit der Zeit seiner Ankunft vergleicht, stellt er fest: "Damals gab es wohl echteren Frohsinn. Die Leute hatten kein Geld, aber Zeit. Zeit haben heute ja noch nicht einmal die Kinder." Nicht dass Pater Bartolomäus, alles was früher war, besser findet, aber die Sorgen sind in den letzten dreißig Jahren bei den Menschen nicht weniger geworden. Das müsste nicht sein.
Es geht weiter – den Aussätzigen beistehen
Als Emma Freisinger von Österreich nach
Korea ging, hatte sie zunächst nicht vor zu bleiben. Ihre Aufgabe bei den
Leprakranken forderte sie sehr und erst nach vier Monaten hier vor Ort spürte
sie: Hier muss sie bleiben. So gab sie auch den Gedanken an Heirat und eigene
Familie auf. Der Liebe, die zu Hause auf sie wartete, gab sie schweren Herzens
eine Absage, da die Sehnsucht nach Korea und den Menschen hier einfach größer
war.
Ihre Sorge galt den Menschen, um die sich kaum einer kümmern wollte: vom Deutschen Aussätzigen Hilfswerk 1952 nach Korea ausgesandt, kümmerte sie sich um die Leprakranken.
Die Arbeit war mühsam und nicht einfach. Aber nicht nur die Arbeit war schwierig. Auch wenn sich Emma Freisinger nach vier Jahren darüber im Klaren war, hier bleiben zu wollen, ist der Priester, der die Lepra-Station fand, nicht mit ihren Zielen einverstanden. So sah es fast danach aus, dass ihre Arbeit in Korea dem Ende zugehe. Da nahm die Familie des Erzbischofs sie auf. Der Vater des Erzbischofs Lee nahm sie wie an Kindes statt an und gewährte ihr damit den Schutz der Familie. Der Erzbischof unterstützte ihre Aufgabe und ließ ihr bei allen Vorhaben freie Hand. So übernahm sie in der Nähe von Daegu die Lepra-Station, die Teil einer dermatologischen Abteilung war. Es kamen jeden Tag viele, viele Hautkranke zu der Klinik, unter denen auch die Lepra-Kranken waren, die darunter nicht weiter auffielen. Ansonsten wäre es schwer gewesen, an die Lepra-Kranken heranzukommen. So baute sie diese Abteilung aus und verließ die Station, nachdem sie ihren Auftrag als erfüllt sah. Lepra gibt es als eine bedrohliche Krankheit nicht mehr in Korea. "Aber es gibt noch woanders Orte, wo wir helfen können", gibt Emma Freisinger zu bedenken. "China ist so nah und die Not dort so groß!" Und so träumt Emma Freisinger davon, von Korea aus eine ähnliche Arbeit aufzubauen. Dazu braucht sie gewiss noch Unterstützung, aber wer sie kennt und erlebt sieht, dass dieser Traum Wirklichkeit werden wird.
Es geht weiter – die Armut als Herausforderung
Sr. Heide Brauckmann kam vor über vierzig
Jahren nach Korea. Dass sie selbst mal einen Orden gründen würde, der über Korea
hinaus tätig ist, hätte sie
damals nicht gedacht.
Aber beginnen wir von vorne. Die Sauerländerin wurde 1966 von ihrem damaligen Orden der Schwester vom Kostbaren Blut nach Korea entsandt. Damals war die Entscheidung für diesen Orden klar, während sie sich ansonsten "nur den Armen verschrieben hat." Doch nach nur drei Jahren verließ diese Kongregation aus innerorganisatorischen Gründen wieder Korea und Sr. Heide sah sich mit einem Mal vor die Entscheidung gestellt, zwischen ihrer geistlichen Heimat und der neuen Heimat zu entscheiden. "Was ich einmal angefangen habe, das versuche ich auch durchzuziehen." Sie hatte als Lehrerin für die Schuhputzerkinder in Seoul angefangen, aber bald darauf auch in der Krankenpflege Ausbildungen begonnen. Von dort wurde sie aber an die medizinische Universität verwiesen, damit sie Ärztin würde.
Als sie sich 1969 für Korea und gegen den Verbleib in der Kongregation vom Kostbaren Blut entschied, war sie über fünf Jahre auf sich allein gestellt und meisterte ihre Ausbildung allein. Dann bekam sie Kontakt zu den Columban-Schwestern, die sie nach einem neuen Noviziat in ihre Mitte aufnahmen. Für diese Kongregation arbeitete Sr. Heide nicht nur in Korea, sondern auch in Hongkong für die Boatpeople. Sie kehrte aber kurz darauf nach Korea zurück und sollte die Begleitung eines Programms zur Bekämpfung von TBC übernehmen. Nach dem sie die Planungen abgeschlossen hatte, beschloss die Ordensleitung, sie aus Korea in ein anderes Land zu entsenden. Wieder stand Sr. Heide vor der schwierigen Entscheidung: diese Gemeinschaft oder Korea. Dieses Mal aber war die Entscheidung komplizierter. Zwar wurde an Sr. Heide schon mehrmals der Gedanke herangetragen, selber einen Orden zu gründen. Nun wurde es aber ernst, nachdem Bischof Daniel Tji von Wonju sie drängte, selbst eine Gemeinschaft ins Leben zu rufen. Nach einem Jahr Bedenkzeit in Irland war für sie klar, dass sie dazu eigentlich nach Korea entsandt worden war. Sie verließ die Sicherheit einer bestehenden Gemeinschaft abermals und entschloss sich, den neuen Schritt zu wagen. Am 11.9.1983 legte sie als erste Schwester der neuen Gemeinschaft in der Kapelle des Bischofshauses zu Wonju die Versprechen ab. Mit ihr begannen auch drei Novizinnen dieses Unternehmen. Viele verschiedene Tätigkeiten hat Sr. Heide seither übernommen. Zur Medizin und der Schule hatte sie noch einen Abschluss als Sozialarbeiterin an der Universität gemacht. So arbeitete sie u.a. zwischendurch auch noch in der Gefängnispastoral.
So vielfältig die Aufgaben von Sr. Heide waren, so vielfältig sind die Aufgaben der Kongregation, der franziskanischen Missionsschwestern des Dienstes: Sozialarbeit, Krankenpflege, Schule und pastorale Arbeit in ihren weiten Feldern. Vielfältig ist der Dienst, den Sr. Heide noch ausübt. Nicht nur, dass sie als Chefärztin das Krankenhaus und Hospiz in Wonju leitet, sie ist gleichzeitig Generaloberin der Kongregation, die weltweit rund 270 Mitglieder umfasst. Seit etwa fünf Jahren ist die Kongregation in Sambia tätig. Auch dort gibt es große Not. So hat sich die Kongregation dort besonders der AIDS-Hilfe verschrieben. Aber umgekehrt wollen auch viele junge Sambierinnen in den Orden. Und so sind dort schon in kurzer Zeit über 40 Schwestern in Sambia eingetreten. Wie sie diese Arbeit des Managements und des medizinischen Dienstes schafft – bei wochenlangem 24-Stundendienst – bleibt ihr Geheimnis. "Ich schaffe das einfach." Ihr Traum ist und bleibt, bei den Armen zu sein. Darum hat die Kongregation ihre Arbeit in Afrika weiter ausgedehnt. Und deshalb ist auch für Sr. Heide, bei aller Liebe für das Land, Korea nicht die Endstation eines Auftrages, sondern ein erfüllter Auftrag auf dem Weg zu neuen Aufgaben unter den Armen dieser Welt.
Das soll Mission sein?
Diese Frage mag sich jeder stellen, der diese Aufgaben der oben beschriebenen Missionare sieht. Aber Pater Bartholomäus spricht es am deutlichsten aus, was allen Missionaren zusammen innewohnt. Er will, wie die Schwestern und Emma Freisinger auch, "Wegbegleiter" sein. Also nicht mit einer Brechstange Missionar sein, der auf Versprechen basierend wie "mit Jesus geht es dir immer gut, ohne Jesus geht es dir immer schlecht!" o.ä. Menschen "fängt". Es geht darum, als Diener den Menschen zu begleiten und in der Erfüllung seiner Aufgaben, die Not hier zu bekämpfen und zu überzeugen. Nicht durch die offensichtliche Bibel in der Hand, sondern im Umsetzen der Bibel und im Vorleben wird versucht, die Überzeugung und den Glauben an die Liebe Gottes den Menschen nahe zu bringen. So wurde den Menschen in Korea nichts genommen, sondern etwas geschenkt.
Copyright © 2007 by Erik Richter