Michael Menke

Zuerst gab es kein Visum

Interview mit Malte Rhinow


Sie haben in Deutschland evangelische Theologie studiert und in diesem Feld gearbeitet. Wie sind Sie auf den Bereich Korea gekommen?

Bei einer Studienreise nach Israel mit Vikarskollegen hat mich die Arbeit des damaligen Propstes der deutschsprachigen Erlöserkirche in Jerusalem sehr fasziniert, der sich für die Versöhnung zwischen Israelis und Palästinensern einsetzte. Er ist heute übrigens mein Bischof. Seitdem konnte ich mir den Dienst in einer deutschsprachigen Auslandsgemeinde der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gut vorstellen. Dass ich schließlich in Südkorea gelandet bin, hat seinen Grund vor allem in der Ehe mit meiner koreanischen Frau, die ich während des Studiums in einem Wohnheim für Theologiestudenten und -studentinnen kennen gelernt hatte. Sie wollte nach ihrer Promotion gerne in Korea lehren. Meinerseits spielte vor allem der Wunsch eine Rolle, meine Frau besser verstehen zu können. In der Tat hat das Kennenlernen der koreanischen Kultur und Sprache unserer Ehe so gut getan, dass ich es Eheleuten, die aus völlig verschiedenen Kulturkreisen stammen, nur ans Herz legen kann, eine Zeitlang im Land des anderen zu leben.

Wann waren Sie zum ersten Mal in Korea?

Das erste Mal habe ich Südkorea mit meiner Frau im Sommerurlaub 1990 besucht, also in der spannenden Zeit zwischen dem Fall der Berliner Mauer und der deutschen Vereinigung.

Was waren Ihre beruflichen Stationen in Korea?

Beworben hatte ich mich auf eine geteilte Stelle, je zur Hälfte Dienst in der Evangelischen Gemeinde deutscher Sprache in Seoul (EGDS) im Auftrag der EKD und Dienst als ökumenischer Mitarbeiter des Berliner Missionswerks in der Presbyterianischen Kirche in der Republik Korea (PROK). Da die PROK sich unter der damaligen Diktatur für Menschenrechte, Demokratisierung und Wiedervereinigung Koreas einsetzte, verweigerte mir die südkoreanische Regierung zunächst das Visum. Die Verhandlungen zogen sich so lange hin, dass die EKD kurzerhand Pfarrer Günter Böhnke auf die Pfarrstelle Seoul entsandte. Beim zweiten Anlauf wurde mein Visum schließlich genehmigt, unter der Voraussetzung, dass ich als Gastdozent an der Hanshin-Universität arbeitete, die zur PROK gehört. Deshalb habe ich von 1992 bis 1997 und dann noch einmal von 1997 bis 2000 offiziell als Gastdozent gearbeitet, war jedoch nebenher ehrenamtlich auch als ökumenischer Mitarbeiter für die PROK tätig. Eine zweite Verlängerung meines Vertrages mit dem Berliner Missionswerk war nicht möglich, da das Missionswerk in Folge der deutschen Vereinigung in große finanzielle Schwierigkeiten geraten war. Von 2000 bis 2004 war ich als ökumenischer Mitarbeiter des Missionswerks der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern für die Lutherische Kirche in Korea tätig (LCK), wobei ich zu 40% freigestellt war zum Pfarrdienst im Auftrag der EKD in der EGDS. In der LCK wurde ich 2002 mit der Gründung und Leitung eines Gemeindeaufbauinstituts beauftragt. 2004 habe ich deshalb meinen Vertrag mit der EKD und EGDS nicht verlängert und bin seither nur für die LCK tätig, die mich 2005 zum Professor für Praktische Theologie an der Luther Universität in Shingal berufen hat. Kürzlich habe ich meinen Vertrag mit dem bayerischen Missionswerk, das sich jetzt "Mission Eine Welt" nennt, bis 2011 verlängert.

Der Begriff "Mission" erweckt nicht bei allen, besonders bei Menschen, die der Kirche nicht sonderlich zugetan sind, Begeisterung. Was ist Ihrer Meinung nach die Aufgabe der Mission (von deutscher und von koreanischer Seite)?

Mission bedeutet eigentlich Sendung, Auftrag und wird in diesem Sinne ganz unbefangen in Politik, Militär und Wirtschaft verwendet. Nur die Mission der Kirche hatte in Deutschland lange Zeit kein gutes Image. übrigens auch in weiten Kreisen der Kirche nicht. Dafür gibt es viele Gründe. Eine große Rolle hat wohl der Satz  "Jeder soll nach seiner eigenen Facon selig werden" gespielt, mit dem Friedrich der Große zur Toleranz gegenüber anderen Religionen aufrief, den man angesichts des Islamverständnisses der Taliban heute wohl etwas differenzierter sehen dürfte. Die Skepsis gegenüber der christlichen Mission hat sicher auch mit der Missionsgeschichte zu tun, in der die Mission teilweise im Gefolge der Kolonisation erfolgte und die autochthonen Kulturen nicht immer ernstnahm und angemessen würdigte. Die Zwangstaufe der Sachsen hat jedoch nicht die Kirche, sondern Karl der Große zu verantworten. Tatsächlich war die christliche Mission insgesamt viel besser als ihr Ruf. Viele Missionare waren solidarisch mit der Bevölkerung ihres Missionsgebietes, haben die einheimischen Sprachen erlernt, die fremde Kultur studiert und Mission als Gespräch, also dialogisch betrieben. Natürlich verändern Religionen die Kultur eines Landes. Wer die christliche Mission wegen ihrer kulturverändernden Konsequenzen kategorisch ablehnt, sollte sich fragen, ob er nicht ein zu positives Verständnis von Kultur und eine zu negative Vorstellung vom christlichen Glauben hat. Einheimische selber sind oft dankbar, wenn das Christentum sie von kulturellen Problemen wie Blutrache, Kannibalismus oder Geisterfurcht befreit und eine Atmosphäre des Vertrauens und der Nächstenliebe schafft. In Südkorea gab es früher den Brauch, Alte auszusetzen und dem Hungertod zu überlassen. Und wie die Archäologie gezeigt hat, gab es früher im Gebiet, das wir heute Deutschland nennen, Menschenopfer. Wer würde die Rückkehr in eine solche vorchristliche Kultur für sich selber wünschen?

In Südkorea hat Mission unter Christen ein ausgesprochen positives Image. So will man die Zahl der südkoreanischen protestantischen Auslandsmissionare von derzeit ca. 13.000 auf 100.000 erhöhen. Solcher Eifer ist wohl etwas übertrieben. Wenn ich recht sehe, ist Mission aber inzwischen auch in Deutschland kein Tabu mehr. Mit zunehmender Ent-christlichung der Gesellschaft wird die Mission, die man bisher nur im Ausland praktizieren zu sollen meinte, derzeit als Mission vor Ort von den Gemeinden wiederentdeckt und zwar als Einladung zum christlichen Glauben und als Weitersagen der frohen Botschaft, dass es bei Gott Vergebung gibt.

Was sind Ihrer Meinung nach die größten Unterschiede zwischen Kirche in Deutschland und in Korea?

Das ist eine sehr große Frage, die einer ausführlichen Antwort bedürfte. Ich nenne einige Dinge frei von der Leber weg: Die Kirche in Deutschland hat eine fast zweitausendjährige Geschichte, die katholische Kirche in Korea erst gut 220 Jahre und die protestantische gar nur gut 120. Die koreanische Kirche, insbesondere die protestantische Kirche steckt also noch in den Kinderschuhen und ist sehr lebendig und aktiv und lebenslustig, andererseits jedoch auch noch unreif und wenig reflektiert und leichtsinnig. Anders als in Deutschland, wo die Christen je zur Hälfte evangelisch oder katholisch sind, ist die katholische Kirche in Korea deutlich kleiner als die protestantischen Kirchen zusammen. Die katholische Kirche ist europäisch geprägt, die protestantischen Kirchen (mit Ausnahme der anglikanischen Kirche) ganz überwiegend amerikanisch. Die protestantischen Kirchen sind größtenteils stark vom Schamanismus, Konfuzianismus und kapitalistischen Denken geprägt und in über 120 Denominationen zersplittert, während die vom Konfuzianismus und Buddhismus beeinflusste katholische Kirche reifer wirkt. Koreanische Christen leben ihren Glauben viel aktiver und nehmen regelmäßig am gemeinsamen Gottesdienst teil, beten intensiv und lang, lesen meist täglich in der Bibel, zahlen nicht nur 2% Kirchensteuer wie Kirchenglieder in Deutschland, sondern geben normalerweise 10% ihres Einkommens an die Gemeinde und, was uns besonders auffällt: sie sprechen offen und gerne über den Glauben. Pfarrer in Korea können je nach Größe, Lage und Finanzkraft ihrer Gemeinde ein Managergehalt bekommen oder bettelarm sein, während in Deutschland Pfarrer alle ein ähnliches Gehalt bekommen. In Korea gibt es sehr viele Sekten, die oft nur schwer von christlichen Gemeinden zu unterscheiden sind.

Sie sind einer der wenigen Deutschen, die gut Koreanisch sprechen. Wo haben Sie Koreanisch gelernt? Könnten Sie uns einen Ratschlag geben, wie man am besten Zugang zu dieser Sprache findet?

Um wirklich gut Koreanisch zu lernen, war ich 1992 schon zu alt. In den ersten beiden Jahren in Korea war das Sprachstudium der wichtigste Teil meiner Dienstaufgaben. Ich habe zunächst sechs Monate fünf Tage in der Woche an der Yonsei Universität studiert, und dann wegen zunehmender Aufgaben wöchentlich vier Mal an der privaten Sprachschule Ganada (das hat nichts mit Kanada zu tun, sondern meint die ersten drei Buchstaben des koreanischen Alphabets) in der Nähe der Hongik Universität. Koreanisch ist so schwer, dass man es als Erwachsener wohl nur lernen kann, wenn man in Korea lebt. Es erfordert eine Menge an Kraft und Energie, die ersten Hürden zu meistern. Die Gefahr, in dieser Zeit einer generellen Wut auf Korea zu erliegen, ist nicht gering. Nach ein, zwei Jahren kann man seine Sprachkenntnisse jedoch auch ohne Sprachkurs verbessern, einfach durch das Leben in Korea. Je höher das Sprachniveau, desto größer wird der Anteil des Chinesischen. Chinesische Zeichen habe ich allerdings nur wenige gelernt. Koreanisch zu lernen ist eine Lektion in Demut und Geduld. Wer sich geniert, Fehler zu machen, sollte es wohl lieber lassen.


Copyright © 2007 by Michael Menke


DaF-Szene Korea Nr. 25

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