Andrea König

Von Glück und Glücklichsein, dem Satan in Itaewon, kleinen Männchen mit bösen Outfits und Wein mit Walnussaroma

Interview mit Michael Richter, Restaurantgeschäftsführer


Geckos Garden by nightEin schöner Tag. Endlich zeigt der Frühling, was er zu bieten hat: Sonne, angenehme Temperaturen, Azaleen und Co als farbige Tupfer überall und frisches Grün, da, wo man es lässt. Fehlt zum perfekten Nachmittag nur noch ein schöner Platz, wo es sich bei einem guten Kaffee gemütlich abschalten lässt, ab von Großstadttrubel, Uni und Alltagsgeschäften. Da sitze ich dann früher als verabredet in Gecko’s Garden und warte auf meinen Gesprächspartner, den Geschäftsführer von Gecko’s Terrace und Gecko’s Garden, zwei etablierten gastronomischen Institutionen in Itaewon.

Viel Deutsches findet man in beiden nicht, sieht man ab von einigen Bieren und Gerichten. Aber wenn man in Gecko’s Terrace zu später Stunde für Seoul doch eher ausgefallene Musikwünsche (ich weiß heute nicht mehr, ob es auf Grund einer Wette oder wegen eines Anfalls von Nostalgie dazu kam) wie Verdammt lang her von BAP äußert, dann kriegt man die schon mal erfüllt! Gecko’s Terrace ist eine gut besuchte Bar mit ausschließlich koreanischer Bedienung, in der man zu jeder Tageszeit internationales Publikum finden kann, Heerscharen von Englischlehrern, GIs, Geschäftsleuten, jungen Koreanern und wer sonst noch Lust auf Bier oder Longdrinks, deftiges Essen, Musik, Billiard, Dart hat. Da geht es abends und besonders an den Wochenenden hoch her. Rappelvoll und gute Stimmung.

Ruhiger hingegen, aber nicht weniger gut besucht, ein paar Ecken weiter, ist es in Gecko’s Garden. Eine grüne Oase mit mehreren Sitzbereichen auf verschiedenen Ebenen sowohl drinnen als auch draußen, mit vielen Details liebevoll dekoriert und eingerichtet mit mediterranem Flair, lädt ein, um in Ruhe gut zu essen und zu trinken.

Wer aber steht hinter diesen Lokalen? Nicht viele Gäste wissen, dass der Geschäftsführer ein Deutscher ist. Ich kenne ihn bis jetzt auch nur vom Telefon seit der Verabredung für dieses Interview. Und dann kommt er die mit Grün überwucherte Eingangstreppe rauf: Michael Richter. Ein freundlicher Mittvierziger, heller, legerer Anzug, Sonnenbrille. Unkompliziert, charmant. Auf Fragen antwortet er locker, aber überlegt, manchmal eher verschmitzt, dann wieder sehr bedacht, offen und ehrlich.

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Weil Gastronom auf Englisch Restaurateur irgendwie komisch klingt, schreibt er bei der Einreise ins Feld Occupation lieber Artist oder Patissier. Der Konditormeister aus der Nähe von Köln kam 1990 das erste Mal nach Korea und arbeitete damals im InterContinental Seoul. Nicht dass er sich Korea ausgesucht hätte. Vielmehr kam nach einigen Jahren in Hongkong das Angebot, in Korea zu arbeiten und er sagte zu. Das war dann auch der erste Kontakt mit Korea, Koreanern, Koreanisch. Drei Jahre blieb er zunächst, lernte seine spätere Frau kennen, ging für ein paar Jahre mit ihr zurück nach Deutschland, eine Tochter wird geboren, und dann geht es 2000 zurück nach Seoul, um bei einer Schwägerin im 1999 eröffneten Gecko’s Terrace ins Geschäft einzusteigen. Brot backen und hinterm Tresen stehen. Sieben Tage die Woche, bis spät in die Nacht bzw. früh in den Morgen. Als das Gecko’s Terrace gut zu laufen begann, wollte man etwas eigenes. 2002, kurz vor der Fußball-WM eröffnete dann Gecko’s Garden. Das große Wohnhaus, in dem die Familie Richter und 4 andere Familien vorher gewohnt hatten, war komplett umgebaut und zu dem gemacht worden, wie es sich heute den Gästen präsentiert.

Und wie gut spricht man nach all den Jahren in Korea und mit einer koreanischen Frau Koreanisch? Es geht so. Die Frau spricht jedenfalls viel besser Deutsch als er Koreanisch. "Magst du Koreanisch?" – "Koreanisch mögen? Mögen tut man Französisch oder Spanisch, aber Koreanisch ist interessant." Und so begegnet mein Gegenüber allem Koreanischen recht positiv, immer offen und loyal. Naja, es sei denn, es geht um einige Trink- und Kleidungsgewohnheiten des Normalkoreaners oder um das Verkehrschaos. Und bei einigen Leuten stimme die Relation zum Geld nicht immer. Zu den koreanischen Mixritualen bei gewissen Saufgelagen: "So’n armer Whisky, der 30 Jahre darauf gewartet hat, dass man ihn genießt ...! Das ist schon schade!" Oder kleinen Männchen in bösen Outfits, Adjashis mit quittegelben Krawatten und Sonnenbrille, die sich fühlten wie Charles Bronsen, wenn er gen Sonnenuntergang reite. Aber jede Kritik an Korea wird gleich wieder relativiert, nicht, weil jemandem bewusst wird, man würde ihn da schwarz auf weiß zitieren und es könne später gegen ihn verwendet werden. Nein, zu jedem Minus gebe es eben immer auch ein Plus, oder?! Und vieles, was einen störe, könne einen auch irgendwie inspirieren, z.B. das Geräusch- und Geruchschaos auf Märkten. Und bei Modeentgleisungen schaue man eben weg. Und über das manchmal rüde Verkehrsverhalten regt man sich besser auch nicht auf, fährt man doch im nächsten Moment genauso.

Was ihn an Ausländern in Korea störe? Wenn die sich über Korea ausließen. Die wären ja wohl alle freiwillig hier. Sich über Taxifahrer aufregen? Ja, das habe er am Anfang auch gemacht, aber wenn man den Bogen erstmal raus hat, sind das doch wohl die nettesten Kerle.

Was ihm noch an Korea gefalle? Ins Auto setzen und in Richtung Osten fahren, in die kleinen Hafenstädte. Auch wenn die nicht mehr ganz so reizvoll sind wie noch vor ein paar Jahren. Und die Menschen seien freundlich. Auf meine Frage, was er zu der Behauptung meint, dass die Koreanerinnen die schönsten und besten Frauen seien, antwortet er: "Der Anteil an schönen Frauen ... Stop! an schönen Menschen ist schon hoch." Man achte hier mehr auf sein äußeres, auf seine Gesundheit – die meisten sind schlank – , auch auf gute Umgangsformen. Die Menschen erscheinen ihm glücklicher. Letztes Jahr in Deutschland hingegen fielen ihm die reichen Deutschen auf, die mit dicken Taschen durch die Shoppingmeile rennen, aber mit "so 'ner Flappe". Eigentlich müssten die doch viel glücklicher aussehen! Die haben doch alles. Oder im Intercity Frankfurt-Köln. "Dat is schonn anders!" Die teuren Handys zur Schau gestellt – und lautstark telefoniert, die Laptops auf dem Tisch und wichtig, wichtig... In Korea hingegen lächelten die Leute mehr. Das falle einem gleich auf, schon auf dem Flughafen. Koreaner seien wohl zufriedener mit ihrem Leben als die Deutschen.

Ein großer Pluspunkt sei, dass Seoul für seine Größe unheimlich sicher ist. Gut, in Itaewon muss man inzwischen auch aufpassen und kann seine Sachen nicht mehr einfach unbeaufsichtigt lassen, aber das mache das internationale Publikum.

Außerdem sei der Service in Korea unschlagbar. Während es in Deutschland unmöglich sei, innerhalb der vier Wochen Urlaub einen ISDN-Anschluss für die Mutter zu bekommen, entschuldige sich der Koreaner, wenn man ihn abends anruft, weil er es am gleichen Abend nicht mehr schaffe, aber morgen früh würde er sofort kommen!

"O.K., wenn es nicht viel an Korea zu kritisieren gibt, was macht dich schmunzeln in Korea?" –  "Die laufen nicht gerade! – Aber eigentlich ist das auch nur ein Problem, wenn man es eiliger hat und überholen will."

"Und woran musstest du dich erst gewöhnen?" – " An Kimchi." Am Anfang hätte er es mehr gehasst als geliebt, heute macht er sein eigenes Kimchi. überhaupt, die koreanische Küche findet er gut und isst auch normalerweise nur koreanisch.

Wohin geht ein Restaurantbesitzer eigentlich abends "auf ein Bier"? Früher am liebsten an die eigene Bar, da gab es gar nicht so viele Alternativen. Dort hat die Atmosphäre auch einfach gestimmt. Aber inzwischen geht’s nicht mehr auf ein Bier, sondern lieber mit einer guten Flasche Wein ins Gecko’s Garden – oder nach Hause.

Auf der Weinliste in Gecko’s Garden steht eine Auswahl guter Weine. Nur solche, hinter denen er selber stehe. Und wie mein Gegenüber dann von dem sizilianischen spricht, der ein Aroma von Walnussschale habe, merkt man: Hier spricht ein Kenner. Angeboten werden Weine, die schmecken und bezahlbar sein sollen, damit man sich auch mal eine zweite Flasche leisten könne, wenn einem danach ist, weil der Abend grad so schön ist.

Ist er eigentlich ein strenger Chef? Das glaube er nicht. Er hat selbst lange genug in der Branche gearbeitet. Unter den unterschiedlichsten Chefs. Da gäbe es den, der die Sau raus lassen muss, und den, der auf Teamarbeit setzt – und zu letzteren zählt er sich. Kennt er alle Angestellten beim Namen? Pause. Grinsen. Es sind so um die 80 Leute. Die mit "Künstlernamen" ließen sich schon leichter merken.

Mir fällt immer die angenehme, lockere, aber professionelle Art der Bedienung im Gecko’s auf. Wenn es da zu später Stunde ans Aufräumen geht, nun nicht unbedingt der Moment, dem man als Gast normalerweise gern beiwohnt, bemerkt man das entspannte, kollegiale Miteinander und Hand-in-Hand-Arbeiten der Belegschaft. Einige Jungs arbeiten da, seitdem ich vor ungefähr 2 Jahren das erste Mal da war. Wie wählt man denn die Leute aus? Einige hätten schon dort gearbeitet, als er noch selbst hinterm Tresen stand. In dem Geschäft trennt sich die Spreu vom Weizen von selbst. Richtig berufsspezifisch ausgebildet für die Gastronomie seien ja die wenigsten. Einige saßen gestern vielleicht noch im Büro oder in der Uni und entscheiden sich plötzlich mal für was anderes und wollen kellnern. Man findet schnell heraus, ob einer für den Job gemacht sei oder eben nicht. Als Mitarbeiter seien Koreaner o.k. – fleißig, ehrlich, loyal. Und wenn man sie zur Kritik ermuntere, üben sie auch die.

Was hat sich denn in der Zeit, seit er 1990 das erste Mal nach Korea kam, verändert, sowohl zum Positiven als auch zum Negativen?

In Itaewon. Itaewon sei vor 7 Jahren ein böses Nein! gewesen. Da wohne der Satan. Da ging man nicht hin. Es gab fast nur Ausländer. Das hätte sich geändert und Michael Richter glaubt, ruhigen Gewissens sagen zu können, dazu einen großen Beitrag geleistet zu haben. In Gecko’s Garden waren diverse koreanische Magazine und das Fernsehen und haben die Kulisse für Fotoshootings und als Schauplatz benutzt. Da wurde ein anderes Bild von Itaewon gezeichnet. Das hat auch wieder Koreaner nach Itaewon gezogen. Heute sind 80% seiner Gäste Koreaner.

Die seien in den letzten Jahren überhaupt offener geworden, weltoffener. Seien ja inzwischen auch mehr in der Welt rumgereist.

Seoul sei schöner geworden, lebenswerter, gerade auch unter dem letzten Bürgermeister. Mehr Grün, sauberer.

Größer hingegen sei das Problem Arbeitslosigkeit geworden. Auch das Verkehrschaos würde immer schlimmer. Und die schlechte Luft. Aber das sei ja nicht nur ein selbstgemachtes Problem. Der unangenehmer werdende Gelbe Sand sei kein Problem, dass nur Korea betrifft.

Und wie sieht er Korea in 50 Jahren? Vereint, und als einflussreiche Wirtschaftsmacht werde Korea Japan links- eh- rechts liegengelassen haben. Korea als main world player. Und es werde noch mehr Abgase geben.

Was könnte er Neuankömmlingen mit auf den Weg geben für Korea und ein Leben hier?

Das komme natürlich drauf an, mit welchen Wassern derjenige gewaschen sei. Wichtig sei es offen zu bleiben, ein bisschen Abenteuerlust mitzubringen, auch wenn es ums Essen geht. Aber offen zu sein, sei wiederum eigentlich kein spezifischer Tipp für Koreabesucher. Wir seien halt alle Ausländer – irgendwo.

Als letzten Teil vom Interview zücke ich ein kleines Diktiergerät für ein kleines Quickinterview. Michael Richter soll möglichst spontan, ohne lange zu überlegen, ohne große Pausen, antworten. Nach dem bisherigen Gespräch ahne ich schon, dass das sein Ding nicht ist, aber das will ich jetzt durchziehen. Und liebenswürdiger Weise spielt er mit:

Drei Begriffe, die für Korea stehen
Klein, dynamisch, angenehm.

Ein Superlativ für Korea
Das waren doch gerade drei, oder nicht!?Gecko's

Was vermisst du außerhalb von Korea?
Korea.

Was vermisst du nicht? (lange Pause)
Große Pause.

Kimchi ist ...
Lecker.

Hunde.
Auch lecker.

Der koreanische Tiger.
Gibt’s den?

Jejudo.
Schön.

Monsunregen.
Noch schöner.

Frühling in Korea.
Wunderschön, wie jeder Frühling irgendwo.

So, das erste Interview meines Lebens, in dem ich die Fragen gestellt habe, ist geschafft. Ich lasse mich noch durch die verschiedenen Räume des Gecko’s Garden führen. Zum Schluss gibt’s ein frischgebackenes Brötchen aus der kleinen Bäckerei im Obergeschoss, wo es herrlich duftet und wo zwei junge Koreanerinnen mit Mehl und Teig hantieren. Ist zwar ein Brötchenchen, aber – hm – lecker! Das schmeckt nach Deutschland!

Auf Glück und Glücklichsein waren wir an diesem Nachmittag auf der schattigen Terrasse öfter zu sprechen gekommen. Im Nachhinein stellte ich dann noch eine zuvor vergessene Frage, die Antwort war eine Fortsetzung des roten Fadens. Warum eigentlich der Name Gecko? Auch überall zu sehen, auf Bierdeckeln, auf dem Eingangsschild, auf den T-Shirts und Schürzen der Bedienung? – In Südostasien ist es ein Glücksbringer.

Danke für das Interview, den Kaffee und das Glas Wein.


Copyright © 2007 by Andrea König


DaF-Szene Korea Nr. 25

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