Martin Praxenthaler

"Wir sind hier nicht in Korea, sondern im Dogil Maeul!"

Deutsche Rentner machen mobil


Deutsches Haus im "Togil maul"Seit knapp vier Jahren geistert das deutsche Dorf auf Namhae durch die deutschen Medien. Der bisweilen kaum verhüllte Spott über Giebel und Gartenzwerge paart sich dabei mit dem Hohelied des deutschen Drehkippfensters. Während die Deutschen ständig um Qualität bemüht seien, "pfuscht der Koreaner, wo's geht", konstatiert eine ehemalige Krankenschwester Ende April 2007 im "Weltspiegel" der ARD, die an sich selbst nur noch ihr Aussehen als koreanisch bezeichnet. Auch dem Reporter der "Zeit" hat es dieser phonetische Stolperstein angetan, wenn ein koreanischer Rückkehrer sich über die handwerkliche Qualität in seinem Heimatland äußert: "Alles Pfusch!" (42/2005) Vielleicht wird ja ein Lehnwort draus – erst "albeit", dann "pusche"?

Aus Dankbarkeit habe der frühere Landrat von Namhae das Projekt "Dogil Maeul" angestoßen, das zumindest einigen der vor bald vier Jahrzehnten nach Deutschland ausgewanderten Krankenschwestern und Bergarbeitern einen Altersruhesitz in der alten Heimat ermöglichen sollte. Die "Zeit" spricht aus, dass vielleicht nicht nur Dankbarkeit die treibende Kraft war: "Namhae ist unterbevölkert, und der Aufschwung hat es nicht hierher geschafft. Ein deutsches Dorf aber könnte Touristen anziehen." In ganz Asien stehen Nachbauten europäischer Architektur als Touristenattraktion, warum nicht auch ein deutsches Dorf in Süd-Südkorea, in dem auch noch ein paar echte Deutsche wohnen?

Diese Rechnung ging auf, zumindest für diejenigen, die sich einen ordentlichen Gewinn von den Exoten aus dem fernen Deutschland und ihren Häusern versprachen. Am Wochenende stauen sich schon seit einiger Zeit Kolonnen von Reisebussen und Privatwagen in den granitbegrenzten Straßen.

Und wenn die Touristen unterwegs im Dorf sind, werden Grenzen überschritten, Gartenzwerge zu Invaliden gemacht und Blumen aus den Beeten gerupft. Nicht selten sind hinter den Häusern hockende Hinterteile zu erspähen. "Alles Koreaner, die hier nichts zu suchen haben", so Armin Theis, der zweite der drei gebürtigen Deutschen im Dorf, ebenfalls im "Weltspiegel". Das geht den Einwanderern aus Deutschland natürlich schwer gegen den Strich, zumal nach Angaben von Ludwig Straus-Kim, einem der drei gebürtigen Deutschen, ursprünglich eine Begrenzung des Tourismus auf ein Gästezimmer pro Haus vereinbart war. So hat er sich seinen Ruhestand jedenfalls nicht vorgestellt, zumal auch andere Versprechungen wie etwa eine für einen Altersruhesitz adäquate Infrastruktur nicht eingehalten worden seien. "Koreanische und deutsche Menschen sind unter Vorgaben hierher gelockt worden, die überhaupt nicht eingehalten werden", so Straus-Kim. Unter dem Eindruck der steigenden Touristenzahl würde wohl auch die Marke "deutsches Dorf" zunehmend verwässert, jedenfalls entstünden immer mehr Gebäude – in erster Linie ganze Gästehäuser –, denen etwas "typisch Deutsches" nicht mehr anzusehen sei. Es gehe halt ums Geldverdienen. Naja, um was sonst, möchte man sagen.

Das Dorf ist jetzt tief gespalten zwischen denen, die ihre Beete pflegen und ansonsten ihre Ruhe haben wollen, und eben denen, die in den Touristen eine willkommene Verdienstmöglichkeit sehen. Straus-Kim scheut sich nicht – wie in einer Rundmail an Bekannte in Deutschland kundgetan –, Vertreter der Gegenpartei auf der Straße als "Verbrecher, hinterlistige Betrüger und Dreckschweine" zu beschimpfen, die von einer "Diktatur- und Betrugsverwaltung" gedeckt würden. Armin Theis berichtet in der ARD, wie er eine Verwaltungsangestellte an den Schultern gepackt und aus dem Haus befördert habe – "ich habe reagiert, wie ein Deutscher im eigenen Haus reagiert. Wir sind hier nicht in Korea, wir sind im Dogil Maeul!" Im "Auslandsjournal" des ZDF vor einem Jahr reagierte ein Vertreter der Verwaltung noch einigermaßen höflich und merkte an, die Deutschen seien wohl noch nicht in Korea angekommen.

Wegen der Touristen, die offenbar zwischen öffentlichem und privatem Raum anders unterscheiden als Deutsche, hat Straus-Kim jetzt die Gartenzwerge inTouristen im "Togil maul" die Garage gestellt und Stacheldraht ausgerollt. Armin Theis hat eine Straßensperre aufgebaut und gibt zu Protokoll, er habe bei den Feldjägern gelernt, wie man Fahrzeuge zum Anhalten bringt. Der von koreanischer Seite geäußerte Vorwurf der Nazi-Methoden, mit dem ihn der ARD-Reporter konfrontiert, interessiert ihn nicht. Das Fernsehteam leistet Waffenbrüderschaft und "stellt die Eindringlinge", die dann "schuldbewusst abziehen."

Das Klima scheint grundsätzlich vergiftet. Ludwig Straus-Kim jedenfalls hat nicht vor, seine Zukunft im Belagerungszustand zu verbringen. Längst ist ihm aus anderen Gegenden angeboten worden, sich dort niederzulassen. Auf eine Sendung im koreanischen Fernsehen folgten zwar nach Auskunft von Straus-Kim böse Briefe aus ganz Korea zugunsten der Deutschen, doch die scheinen die Verwaltung nicht sonderlich beeindruckt zu haben. Die Antwort der Verwaltung auf seine Drohung, das Haus zu verkaufen und zu gehen, sei entwaffnend ehrlich gewesen: "Verkaufen Sie und gehen Sie. Das Haus bleibt ja da." Abnehmer gäbe es wohl genug, und Namhae den Rücken zu kehren, fiele ihm nicht schwer, wohl aber Korea: "Ich habe hier so viele Freunde und Bekannte, wie ich in meinem Leben in Deutschland nicht hatte." Schon in Deutschland war er im deutsch-koreanischen Freundeskreis tätig, auch jetzt noch arbeitet er bei der Hörerecke der deutschen Redaktion von KBS mit. Im Sommer will er sich entscheiden.

Im Mai fand im Hilton Resort auf Namhae eine internationale Konferenz zum Thema "Active Aging" statt. Darunter haben sich die deutschen Rentner in Dogil Maeul sicher etwas anderes vorgestellt.


Copyright © 2007 by Martin Praxenthaler


DaF-Szene Korea Nr. 25

Back Home