Michael Menke

Rezension

Wilfried Ohms, Chimären


Schauplätze deutschsprachiger Literatur sind selten im Ausland angesiedelt, kaum mal in Asien und so gut wie nie in Korea. Eine Ausnahme bildete der Roman „Bastard“ von Raul Zelik (besprochen in der DaF-Szene Korea 20), und nun ist ein weiteres Buch dazugekommen, dessen Handlung sich im Land der Morgenstille abspielt: „Chimären“ von dem österreichischen Autor und Orientalisten/Koreanisten Wilfried Ohms.

Held der Geschichte ist der Künstler Schwartz. Er hat sich lange nahezu vergeblich darum bemüht, seinen eigenen Kunststil zu finden, dafür aber eine große Perfektion im Fälschen anderer Künstler erreicht und damit einen „Secondhand-Ruhm“ erworben. Man könnte sagen, dass er vielleicht gerade deswegen ein so guter Fälscher ist, weil er keinen eigenen Stil hat, und er büßt mit jeder weiteren Fälschung mehr von seiner eigenen Kreativität ein.

Schwartz’ Verbindung zu Korea ist auf der einen Seite seine ehemalige Schülerin In-Hee, die früher an der Kunstakademie in Wien studiert hat. Er hatte schon damals eine Affäre mit ihr und setzt diese nun in Korea fort. Der zweite Grund, warum er sich hier aufhält, ist seine Frau Alexandra, die als Gastdozentin an einer Universität tätig ist (ja, richtig, sie unterrichtet Deutsch!). Der dritte und wichtigste Anlass für seinen Aufenthalt ist aber, dass er im Auftrag eines römischen Kunsthändlers einen koreanischen Krug aus dem 16. Jahrhundert fälschen soll.

Schwartz hat eine Tochter namens Esther, die die Deutsche Schule in Seoul besucht und sich in einen jungen Koreaner verliebt, und ansonsten bietet der Text auch noch weitere erotische Wahlverwandtschaften an: Schwartz mit In-Hee, seine Frau mit einer Zufallsbekanntschaft in der U-Bahn und später dann mit einer Kollegin von der Universität.

Dem koreakundigen Leser zeigt der Text etliche bekannte Facetten aus diesem Land. Scheinbar wirkliche Personen und Plätze kommen vor, wobei wir natürlich immer daran erinnert werden müssen, dass der Text Fiktion ist. Mit der Frau des französischen Kulturattaches hatte sie sich gut verstanden, der neue Leiter des Goetheinstituts schien ein kompetenter Mann zu sein, der österreichische Handelsdelegierte war wie üblich sturzbetrunken gewesen. Und gerade die Ortsbeschreibungen geraten manchmal so realistisch, dass man geneigt ist, diese Wirklichkeit auf die Handlung zu übertragen. Entlang des Han Flusses, in Myongdong, der belebtesten Einkaufsgegend von Downtown, und in beinahe jedem anderen Viertel gab es abseits der Hauptstraße kleine Gassen mit verschwiegenen Bars, winzigen Restaurants und diskreten Stundenhotels, so genannte Yogwans, die von außen kaum als solche zu erkennen waren. Aber auch gewisse Stereotypen, die man eigentlich auf ganz Ost-Asien anwenden könnte, fehlen nicht. Das Bild der heißen und schlechten Luft zieht sich durch die Handlung, das den Schauplatz Korea eher in Nachbarschaft mit anderen tropischen südost-asiatischen Ländern bringt: „über der Stadt lag eine bleierne Hitze, die sich auch nachts nicht abschwächte, und die Menschen mürrisch und träge machte. In den ärmeren Vierteln kam es immer wieder zum Stromausfall, weil die Ventilatoren und Kühlgeräte das Netz überlasteten. In der City trugen viele Leute Gazemasken vor dem Gesicht, um sich vor dem täglich dichter werdenden Smog zu schützen ...“. Weitere bekannte Bilder sind der korrupte koreanische Polizeibeamte, der Schwartz am Ende überführt und ihn für sich arbeiten lässt, oder die koreanische Gattin eines arbeitssüchtigen Börsenmaklers, die in einem der Neureichenviertel im Süden Seouls wohnt, sich scheinbar dort langweilt und darum einen Liebhaber hat. Aber andersherum gefragt: Sind das alles wirklich nur Klischees?

Wie schon angedeutet, der Betrüger Schwartz begeht einen Fehler nach dem anderen, fliegt am Ende auf, und auch so ziemlich alles andere geht bei seinem Aufenthalt in Korea schief. Das führt aber nicht zu seiner Läuterung, sondern zu dem Entschluss, heim nach Österreich zu gehen und sich dort an die Fälschung von Spitzwegs Werken zu machen.

„Chimären“ ist kein langer Roman, eher eine Erzählung über 150 Seiten, die sich aber sehr gut und flott liest. Im hektischen und schnelllebigen Korea braucht man dafür vielleicht einen Tag.

Wilfried Ohm, Chimären
Leykam-Verlag Graz 2007
ISBN 978-3-7011-7574-1
18,40 Euro


Copyright © 2007 by Michael Menke


DaF-Szene Korea Nr. 25

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