In den Achtzigern war der Koreaner Bum-kun
Cha im deutschen Fußball ein populärer Exot. Geht es dir als deutschem
Taekwondo-Meister in Korea ähnlich?
Nein, das kann man überhaupt nicht vergleichen. Ich nehme ja auch schon lange nicht mehr aktiv an Wettkämpfen teil, sondern trainiere Sportstudenten. Ein Unikum bin ich wahrscheinlich schon in der koreanischen Taekwondo-Szene, aber sicher alles andere als ein Star.
Wie bist du denn überhaupt zum Taekwondo gekommen?
Angefangen habe ich als Jugendlicher. Nach dem Abi war ich vier Jahre bei der Bundeswehr, in der Sportförderkompanie in Sonthofen. Damals hieß sie noch "Sportschule", eine Kaderschmiede des deutschen Leistungssports. Dort habe ich zusammen mit Georg Streif, dem späteren Taekwondo-Bundestrainer trainiert. Zum Schluss war ich Stabsunteroffizier, aber ich hatte wirklich nicht so viel mit dem Bundeswehrbetrieb zu tun. Damals haben wir fast nur trainiert – ich war auch einmal in Korea zum Training – und Wettkämpfe bestritten. Als es 1987 bei der Deutschen Meisterschaft nur für den 2. Platz gereicht hat und ich mir im Jahr danach auch noch die Hand gebrochen habe, war ich raus. Dann habe ich mir erstmal ein One-way-Ticket nach Pakistan gekauft und bin dort in die Berge gegangen.
… um dann als Taekwondo-Moses nach Korea hinabzusteigen?
Na ja, natürlich nicht. Das erstklassige Taekwondo hier hat mich fasziniert, und deshalb bin ich zum Training und Lernen gekommen. Eine Laufbahn als Taekwondo-Lehrer in Korea stand ja überhaupt nicht zur Debatte. Ich war dann beim berühmten Dong-seong-Highschool-Team von Kim Sae-kyok, dem heutigen Cheftrainer des Samsung-Teams. Ihn kannte ich schon von meinem vorherigen Besuch. Er ist auch Schüler von Ko Eui-min, meinem Taekwondo-Lehrer aus München, der selbst in den 70er Jahren zweimal Nationaltrainer Koreas war. Kim Sae-kyok war zu dieser Zeit sicherlich der beste Trainer der Welt, und das damalige Team war das beste, bei dem ich je trainiert habe. Die Schule dort hat an die zwanzig Weltmeister produziert. Obwohl dort alle Highschool-Kids waren, hatte ich es schwer mitzuhalten. Da habe ich mehr gelernt als in all den Jahren zuvor in Deutschland. Gearbeitet habe ich in dieser Zeit als Deutschlektor an verschiedenen Highschools um meinen Aufenthalt zu finanzieren. Später hatte ich dann zusammen mit meinem Freund Steve Capener einen Taekwondo-Club an der Ehwa. Gearbeitet habe ich dann an der Kyongnam-Uni in Masan. Die Deutschabteilung dort wurde aber geschlossen, und ich ging an die Mogwan in Daejeon. Dort ist mir dann angeboten worden, Taekwondo zu unterrichten.
Bist du immer noch dort tätig?
Nein, seit etwa zwei Jahren arbeite ich als Taekwondo-Professor an der Youngsan-Uni in Yangsan. Das ganze beruht auf einer Initiative von Prof. Gu Hyo-song, der 16 Jahre in Deutschland gelebt und in Hamburg promoviert hat. Er spricht fließend Deutsch, und wir haben den wahrscheinlich einzigen Taekwondo-Dojang in Korea, in dem ausdrücklich keine koreanische Nationalflagge hängt. Der wollte an seiner Uni zeigen, dass Taekwondo – wie Fußball auch – längst ein internationaler Sport ist. Beispielsweise gibt es in der Türkei über eine Million Taekwondo-Kämpfer, auch im Iran ist der Sport sehr populär, er kommt gleich nach Fußball. Dafür wollte Prof. Gu einen ausländischen Lehrer. In ganz Korea kamen für so einen Job nur etwa drei Personen in Frage, und die Wahl fiel schließlich auf mich.
Und wie finden das die Koreaner, dass Ihnen eine Langnase zeigt, wie man kickt?
Am Anfang gab es schon gewaltige Probleme. Das ging sogar soweit, dass mir die Ausländerbehörde kein Visum erteilen wollte, bis der Uni-Präsident dort persönlich intervenierte. Vielen Taekwondo-Leuten war es auch nicht recht, einen Ausländer in ihre Kreise aufzunehmen. Das hat sich aber mittlerweile gelegt. An der Abteilung gab es sowieso nie Schwierigkeiten. Die Studenten schätzen es auch, wenn sie der Trainer nicht nur scheucht, sondern zusammen mit ihnen schwitzt. Das macht fast kein Koreaner an koreanischen Universitäten.
Bist du nur für das praktische Training zuständig? Wie ist es mit dem theoretischen überbau traditioneller ostasiatischer Philosophien und Meditationstechniken?
Die so genannte "Philosophie" in der Kampfkunst beruht eher auf einer Verwechslung oder manchmal auch Vermischung mit lokalen Traditionen. In den japanischen Kampfsportarten, wie Kendo und auch ein bisschen im Karate, sind das neben anderen Aspekte des lokalen Zen-Buddhismus. Taekwondo hat meist die Verhaltensregeln des Konfuzianismus übernommen und verkauft das jetzt als "Kampfsport-Philosophie". Hinzu kommen oft noch sehr militaristische Aspekte im Kampfsport (in China, Japan und Korea), weil sie halt doch eher bei Soldaten entstanden sind als in Tempeln. Taekwondo wurde als koreanischer Nationalsport natürlich auch immer sehr vom Militär gefördert. Seine Wurzeln liegen im Karate, was aber natürlich nicht offiziell verbreitet wird. Geschichte und Philosophie wurden aus verkaufstechnischen und Propagandagründen sehr verschleiert und umgeschrieben, aber das gilt nicht nur für Taekwondo. In all den Jahren in Korea ist mir jedenfalls noch keiner beim Meditieren begegnet und wenn, dann hätte ich wahrscheinlich sowieso nur darüber gelacht.
Bitte beschreib doch einmal kurz eure Taekwondo-Abteilung.
Es gibt außer mir zwei ordentliche koreanische Professoren für insgesamt etwa 100 Studenten. Die Studenten machen dort einen B.A. in Physical Education mit dem Hauptfach Taekwondo. Wir haben inzwischen schon Austauschprogramme mit England, Irland und Deutschland aufgebaut. Gerade im Januar war ich mit dem Uni-Team bei Wettkämpfen in Tübingen, Bad Windsheim und in Berlin, und im Januar war der erste deutsche Austauschstudent bei uns (wenn auch mit gewissen Anlaufschwierigkeiten). Der Austausch beinhaltet neben dem Besuch von Trainingseinheiten auch Sprachkurse. Ich soll das Training eigentlich auf Englisch leiten. Trotzdem muss ich viel Koreanisch im Unterricht benutzen, für die Trainingskommandos sowieso, aber auch manchmal für Erklärungen. Ich habe jetzt auch erst eine befristete Stelle, aber man hat mir eine feste Anstellung in Aussicht gestellt, wenn ich einen M.A. in Physical Education mache.
Denkst du auch mal daran, wieder nach Deutschland zurückzukehren?
Das ist schwierig und ich habe sowieso keine Lust, in Deutschland zu leben. Grundsätzlich erwarten die meisten Schüler außerhalb Koreas einen Koreaner oder zumindest Asiaten als Trainer – so wie hier ein Englischlehrer westlich aussehen soll. Dazu kommt, dass es in Deutschland die öffentlichen Vereine gibt und kaum jemand für professionellen Sportunterricht Geld ausgeben will. Und die echten Stellen im Verband sind rar, es gibt nur fünf bis zehn bezahlte Trainerjobs im Bund und in Bayern. Und das, was ich zur Zeit mache, ist auch wirklich einzigartig – und es macht mir Spaß. Als Ausgleich habe ich noch mit einem Freund ein Fitness-Center auf Ko Samui in Thailand aufgemacht. Vielleicht wird da ja mal mehr draus.
Udo Mönig lebt seit 1990 in Korea. Neben seiner Tätigkeit als Deutschlektor und Taekwondo-Lehrer machte er einen B.A. in Asian Studies an der Universität of Maryland (Seoul Campus, Yongsan) und beschäftigte sich auch mit "North Korean Studies". Vom nächsten Semester ab studiert er Sportwissenschaft an der Keimyang-Universität in Daegu. Udo Mönig ist mit einer Thailänderin verheiratet und hat einen kleinen Sohn.
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