Guido Lindner

Ein Gespräch


G: Endlich ist es warm geworden! Faszinierend, wie schnell sich der Wechsel von Winter zu Sommer vollzog. Ich habe das Gefühl, gar keinen Frühling erlebt zu haben. Ich erinnere mich daran, noch vor zwei Wochen mit Winterbekleidung zur Arbeit gegangen zu sein und am nächsten Tag bekam ich schier einen Hitzeschlag, als ich vor die Tür trat.

M: Willkommen in Korea, dem Land der Extreme!

Ich habe mir aber sagen lassen, dass es nicht immer so war und dass es in früheren Jahren durchaus ein „Frühlingserwachen“ gab. Aber dafür sind wir ja beide nicht lange genug im Land, um das erlebt zu haben.

Ich bin noch nicht einmal ein ganzes Jahr hier. Im Juni letzten Jahres habe ich bei der Swatch Group Korea meine Arbeit aufgenommen. Die Swatch Group vereint mehrere Uhrenmarken der Schweiz unter einem Dach. Ich als gelernter Uhrmacher bin hier als technischer Berater im Kundenservice angestellt.

G: Da bist du ein gutes Vierteljahr länger hier als ich. Ich kam nämlich ein paar Wochen vor meinem Geburtstag in Korea an, am 6. September.

Mein Hauptanliegen war und ist es noch immer, Koreanisch zu lernen, um die Kultur kennen zu lernen und sich mit den Menschen hier, aber vor allem mit meinen Verwandten verständigen zu können. Mein Vater ist Deutscher und meine Mutter ist Koreanerin. Jetzt arbeite ich an einer Fremdsprachenoberschule als Deutschlehrer und muss mich, nachdem ich bereits seit Februar kaum etwas gemacht habe, jetzt bald mal aufraffen, bewusst Koreanisch zu lernen.

M: Dann hast du also nicht schon als kleines Kind Koreanisch gelernt?

G: Leider nicht. Meine Mutter ging als Krankenschwester in den siebziger Jahren nach Deutschland, wo sie bald darauf meinen Vater kennen lernte und sich entschied, dort zu bleiben. Obwohl es für sie sehr viel einfacher gewesen wäre, mit mir Koreanisch zu sprechen, hat sie das aus unerfindlichen Gründen nicht getan. Meine Eltern waren mit ein paar koreanischen Ehepaaren befreundet, mit denen wir uns ab und an trafen, und einmal besuchte uns die jüngere Schwester meiner Mutter für ein paar Monate, aber ansonsten hatte ich kaum Zugang zur koreanischen Kultur.

Seit dem Wegzug aus ihrem Heimatland Korea vergingen etwa 21 Jahre, bis meine Mutter das erste Mal wieder ihren Fuß auf koreanischen Boden setzte – zusammen mit meinem Vater und mir. Das war 1989.

M: Das muss damals ja ein einschneidendes Erlebnis für dich gewesen sein. Wie alt warst du da?

G: Ich war damals 17 Jahre alt und weit davon entfernt zu verstehen, was diese Begegnung wirklich bedeutete. Erst im Laufe der folgenden Jahre entwickelte sich bei mir überhaupt erst das Interesse an meinen koreanischen Wurzeln, und so flog ich 1997 kurz vor Beginn meines Studiums für sieben Wochen zum ersten Mal alleine nach Korea und besuchte meine Verwandten im Süden von Südkorea. Die ersten Eindrücke würde ich vor allem mit Worten wie „Vertrautheit“ und „Geborgenheit“ beschreiben. Ich fühlte mich von Anfang an als ein Mitglied der Familie angenommen, und das war eine ganz neue Erfahrung für mich, denn meine Familienerfahrung in Deutschland ist eher von Misstrauen und Streit geprägt. Ich hatte, glaube ich, das erste Mal bewusst das Gefühl, einfach so als Person akzeptiert zu sein und mich so geben zu können, wie ich bin, und das gab mir ein ungeheures Gefühl von Frieden. Danach war ich noch dreimal hier – das letzte Mal 2001.

M: Da hast du mir einiges voraus.

Ich war vor meinem jetzigen Aufenthalt erst einmal hier. Gemeinsam mit einem Team der christlichen Organisation „Jugend mit einer Mission“ war ich zu Beginn des Jahres 2005 vier Wochen lang in Korea unterwegs. Wir haben damals an diversen Jugendkonferenzen mitgewirkt und in diversen Gottesdiensten unsere Erfahrungen damit geteilt, was wir zuvor während unserer Ausbildung im Jüngerschaftskurs gelernt haben.

Der Grund nach Korea zu kommen war für mich auch eine Familienbindung, wenn man so will. Meine Frau ist Koreanerin. Ich habe mich deshalb bemüht, eine Arbeitsstelle in Korea zu finden.

Kennen gelernt haben wir uns im Zentrum der Organisation YWAM (Youth with a mission / Jugend mit einer Mission). Dort habe ich den erwähnten Jüngerschaftskurs gemacht und meine jetzige Frau hat deren Englischschule besucht.

G: Das ist ja lustig, denn ich habe deine Frau ja auch bei einem Sprachkurs kennen gelernt, allerdings hier in Korea und bei einem Deutschkurs am Goethe-Institut…

M: Ja richtig, sie belegte den Deutschkurs im Februar dieses Jahres und als sie dich traf, dachte sie gleich, aha, den nehme ich mit und stelle ihn meinem Mann vor. Da freut er sich, mal mit jemandem Deutsch reden zu können.

G: Es passte ja auch gut, denn an dem Abend gab es diese Fotoausstellung zur Menschenrechtscharta der Vereinten Nationen, zu der ihr von der Schweizer Botschaft eingeladen wurdet und zu der mich deine Frau mit hingenommen hatte. Der Schweizer Botschafter war da und noch einiges an Prominenz. Ich weiß noch, dass ich mich ziemlich fehl am Platze fühlte, denn alle waren ganz fein angezogen und ich kam in Jeans und Sweatshirt daher. Ich glaube, es tat dann sein übriges, dass deine Frau und ich uns gleich nach den Begrüßungsreden am kalten Buffet gütlich taten.

M: Ich glaube, das wurde an dem Abend nicht so streng gesehen. Auch wenn meiner Erfahrung nach in Korea generell sehr viel Wert auf das äußerliche gelegt wird.

Vielleicht ist es auch dieser Schein, der mir bei meinem ersten Aufenthalt hier das Gefühl gab, hier fast wie im Paradies zu sein. Ich war wirklich in vielerlei Hinsicht sehr beeindruckt: die gute und moderne Infrastruktur, das Essen, welches ich von Anfang an sehr gut fand, die pulsierenden Städte, die riesigen Kirchgemeinden, usw.

Zudem wurden wir als Team unglaublich verwöhnt – von den Pastoren, anderen Kirchenmitgliedern, Freunden sowie den Familien von unserem koreanischen Leiterehepaar.

So mussten wir uns z.B. nicht ein einziges Mal selbständig verpflegen. Für jede Mahlzeit wurden wir zu jemandem nach Hause oder in ein Restaurant eingeladen.

Wir waren überall willkommen und sogar begehrt. Alle schienen sich für uns zu interessieren. Bei unserer Ankunft wussten wir noch nicht so genau, was wir hier vier Wochen lang machen sollten. Unsere Auftritte haben sich aber bald herumgesprochen und uns eine Anfrage nach der anderen beschert. Schlussendlich war unser Terminkalender so voll gestopft, dass wir vielen Anfragen gar nicht mehr nachkommen konnten.

Überall, wo wir hinkamen, waren die Leute sehr freundlich und hilfsbereit. Sie haben es mir damit einfach gemacht, Land und Leute zu lieben. Ich hatte den Eindruck, in der koreanischen Gesellschaft seien alle füreinander da, wie in einer großen Familie, sehr friedfertig und sozial.

G: Das erinnert mich an meine ersten Erfahrungen im Schoß meiner Familie. Auch ich fühlte mich wie ein kleiner König behandelt. Es gab immer das beste Essen und wir gingen oft auswärts essen oder machten Ausflüge. Manchmal war das aber auch ein wenig bizarr, denn ich verstand ja meine Verwandten kaum und so fühlte ich mich manchmal wie ein Möbelstück – fortgetragen, ohne zu wissen, wohin es geht. Ich erinnere mich noch an ein Erlebnis, da holte meine Tante mich
abends mit dem Auto ab, und wir und ihre Familie fuhren auf die Autobahn. Ich wusste ja nicht, wohin, und war recht müde. Irgendwann schlief ich ein und als ich wieder aufwachte, waren wir wieder zurück in der Stadt und sie setzten mich zu Hause bei meiner Oma ab. Für meine Tante war das ein „Ausflug“, für mich eine eher unverständliche und zeitvergeudende Aktion. Wir konnten aber schon bald danach gemeinsam darüber lachen.

M: Ja, das ist wahrscheinlich auch der beste Weg, um mit dem, was wir an Unverständlichem und vielleicht Negativem erleben, umzugehen. Es gibt ja wirklich vieles in der koreanischen Gesellschaft, von dem wir Westler lernen können. So zum Beispiel die Gastfreundschaft. Hat man erst einmal Leute kennen gelernt, sind diese sehr freigiebig und unkompliziert. Eingeladen wird zwar eher nicht nach Hause, dafür aber in Restaurants. Was ich auch schön finde, ist, dass unter Arbeitskollegen Snacks verteilt und geteilt werden und vieles mehr.

G: Ich denke, als Ausländer hat man in Korea einen ganz besonderen Status, und das bekommt man einfach auch zu spüren. Ich bin froh, dass in der Regel doch eine positive Einstellung herrscht. Ich erlebe die Menschen zwar als sehr vorsichtig gegenüber Fremden, aber ich habe den Eindruck, wenn sie erkennen, dass keine Gefahr von mir ausgeht, dann sind sie so offenherzig und hilfsbereit. Wenn ich mich einmal verlaufen hatte und irgendjemanden fragte, dann riss sich diese Person förmlich ein Bein aus, um mir zu helfen. Oder in einer Essstube (Shikdang) habe ich eigentlich fast immer erlebt, dass man versuchte, auch Sonderwünsche zu erfüllen. Die habe ich oft, denn als Vegetarier finde ich in den normalen Essstuben nur eine sehr eingeschränkte Auswahl an Gerichten.

Auf jeden Fall finde ich diese Offenherzigkeit und dieses Entgegenkommen immer wieder beeindruckend.

M: Diesen Kundenservice erlebe ich hier auch als etwas Besonderes. Damit hängt auch ein Thema zusammen, das einem in Korea unweigerlich begegnet, nämlich dass immer alles schnell gehen muss. So kam bei uns zum Beispiel für den bestellten Internetanschluss noch gleichentags ein Monteur ins Haus – er wäre sogar am Sonntag gekommen.

Oder innert kürzester Zeit wird hier ein komplett neuer Stadtteil gebaut. Allerdings geschieht dies meist ohne Rücksicht auf Verluste. Ich denke dabei an die langen und unregelmäßigen Arbeitszeiten und die oft schlechten Arbeitsbedingungen; die Anwohner und Geschäfte, die ohne wenn und aber umgesiedelt werden; den wachsenden Verkehr und die zunehmende Luftverschmutzung, die ohnehin schon unerträglich ist...

G: Ich glaube, dass wir in Europa manchmal zu sehr eingelullt sind in unserer heilen Welt und den Blick verlieren  für Lebensumstände und Situationen in anderen Ländern. Für mich ist eine wichtige Erfahrung, dass sich durch den Aufenthalt hier vieles relativiert, was mir zu Hause noch so wichtig erschien. Zum Beispiel konnte ich mich darüber aufregen, dass für die Fahrradfahrer an manchen Stellen der Stadt kein vernünftiger Fahrradweg vorhanden war. Oder dass Autos vor einer Ausfahrt parken oder mir als Radfahrer die Vorfahrt nehmen. Und jetzt bin ich hier in Korea und … Naja, ein Kommentar erübrigt sich.

Mit der Balli-Balli-Kultur habe ich auch so meine Erfahrungen gemacht, vor allem im Unterricht. Da habe ich oft das Gefühl, die Schüler erfassen wichtige Punkte nicht, weil sie einfach zu ungeduldig und mit den Gedanken schon beim nächsten Punkt sind (oder auch völlig absent, aber das ist ein anderes Thema). Auch beim Essen an der Schule ist es in der Regel so, dass pro Mahlzeit einmal, wenn nicht gleich zweimal meine Tischnachbarn wechseln. Ich esse nun auch wirklich langsam und versuche auch bewusst zu essen, und dann bleibt es nicht aus, dass meine Kollegen fertig sind, während ich noch nicht mal die Hälfte von meinem Essen verspeist habe. Inzwischen nehme ich es gelassen hin und freue mich eben über die wechselnden Gesprächspartner am Tisch.

M: Das hört sich nach einer wichtigen Eigenschaft an, die da aus dem hervorsticht, was du erzählst. Auch ich habe gelernt, wie wichtig es ist, sein Augenmerk auf die positiven Dinge zu richten. Es gibt überall auf der Welt viel Negatives, das einem das Leben vermiesen kann, wenn man es zu hoch gewichtet. Es gilt offen zu bleiben für Neues und immer bereit zu sein, dazuzulernen.

G: Die meisten Erfahrungen haben ja in der Regel auch zwei Gesichter und es liegt an mir, ob ich das Negative so akzeptiere oder versuche, das Positive darin zu sehen. Diese Freiheit zu haben ist mir hier in Korea sehr bewusst geworden. Und meistens wandelte sich dann auch die Situation wie von selbst. Ich denke da vor allem an meinen Unterricht, wenn ich das Gefühl hatte, eine Klasse sei problematisch. Ich versuchte dann beim nächsten Mal mit gefühlsmäßigem Abstand zur Situation in die Klasse zu gehen und siehe da, der Unterricht lief richtig gut. Oftmals ist es wirklich unser Denken, das uns in einer Situation behindert und sie als negativ erleben lässt. Buddha war es, der sagte, unser Geist erschafft die Welt. Und das erlebe ich immer wieder und immer intensiver, auch wenn es natürlich Dinge gibt, die eben negativ sind, gleich wie man es dreht und wendet. Da bleibt dann nur das Verdrängen.

M: Damit könnte man auch meine Erfahrungen erklären. Immer wenn ich in ein neues Land kam, nahm ich zunächst fast nur das Gute wahr. Selbst wenn es Negatives gab, verdrängte ich das irgendwie. Vieles schien anfangs sogar besser zu sein als im eigenen Land. Sobald ich dann über längere Zeit in diesem fremden Land mit der anderen Kultur und Sprache gelebt hatte, wurden mir dann auch die negativen Punkte mehr und mehr bewusst und ich begann, meine Heimat wieder mehr zu schätzen und gewohnte Dinge zu vermissen.

G: Du wirst also nicht mit deiner Frau hier in Korea bleiben?

M: Bei mir hängt es vor allem davon ab, wie es sich an meiner Arbeitsstelle weiterentwickelt. Ich hätte ja im Moment kaum andere Möglichkeiten mir den Lebensunterhalt zu verdienen. Die Firma möchte, dass ich mindestens drei Jahre bleibe. Zurzeit stimmt es für mich, und ich habe trotz einigen Schwierigkeiten vorläufig nicht vor aufzugeben. Grundsätzlich kann ich es mir aber nicht vorstellen langfristig hier zu bleiben. Ich mag es nicht, in der Großstadt zu leben, und kann es mir nicht vorstellen, den Rest meines Lebens hier zu verbringen. Ich vermisse die Natur sehr.

G: Tja, da geht es dir wie mir. Ich kann mir gar nicht vorstellen, länger hier zu leben. Ich vermisse vor allem Jena, die Stadt, in der ich die letzten neun Jahre lebte. Ich vermisse die Möglichkeit, mit dem Fahrrad in der Stadt herumzufahren und einfach eine halbe Stunde durch die Stadt zu spazieren und in einem Wald, auf einem Hügel zu sein, Touren in die wunderschöne Umgebung zu unternehmen, und natürlich vermisse ich die Gespräche und Treffen mit meinen Freunden oder die unzähligen Cafés, wo man im Sommer draußen sitzen und die Seele baumeln lassen kann. Und ich vermisse es, Wasser aus der Leitung trinken zu können...

Ich werde auf jeden Fall noch bis nächstes Jahr bleiben, denn bis dahin geht mein Vertrag an der Schule. Ich kann mir vorstellen, noch ein Jahr dranzuhängen, aber ich weiß auch, dass ich in jedem Fall zurückkehren werde nach Deutschland, denn wie ein altes Seemannslied besingt: „da is miene Heimat, da bin ick tu Huus“.

Vielleicht brauche ich die Zeit hier in Korea auch dafür: um zu erkennen, wo ich wirklich zu Hause bin.

Das Gespräch führten Guido Lindner, 36, aus Deutschland und Manuel Wolf, 29, aus Solothurn in der Schweiz.


Copyright © 2007 by Guido Lindner


DaF-Szene Korea Nr. 25

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