Im Juli 2006 wurde bei dir ein bösartiger
Tumor in der Brust gefunden, was natürlich ein Riesenschock war. Du hast dich
dann entschlossen, die OP in Deutschland machen zu lassen, die Chemo und
Bestrahlung jedoch in Korea. Viele haben die Hände über dem Kopf
zusammengeschlagen, als sie das Wort Korea nur hörten und dir geraten, nicht
wieder nach Seoul zu gehen, sondern alles in Deutschland behandeln zu lassen.
Warum habt ihr, du und dein Mann, euch trotzdem für Korea entschieden?
Einerseits aus rein ökonomischen
Gründen. Ich bin die Hauptverdienerin in unserer Ehe, und da war es viel wert,
dass ich eine Arbeit hatte. Wenn ich die aufgegeben hätte und mein Mann erst
eine Arbeit hätte suchen müssen, wäre alles noch komplizierter geworden,
abgesehen davon, dass er mich dann im Alltag nicht so gut hätte unterstützen
können. Ein weiterer wichtiger Grund war aber auch mein persönlicher Wunsch nach
Arbeit und einer Aufgabe. Drittens ist Korea im Moment einfach unser
Lebensmittelpunkt, wo wir gern leben, nicht zuletzt wegen des oft sonnigen
Wetters. Wir wollten also, dass trotz allem unser Leben so normal wie möglich
weitergeht, und die Aussichten, im grauen deutschen Herbst und Winter ohne
Arbeitsaufgabe eine Chemotherapie durchzustehen, waren da nicht sehr verlockend.
Was die medizinische Seite angeht, waren
wir der Meinung, auch hier in Korea gut aufgehoben zu sein. Das hat sich auch
bestätigt. Gerade Seoul hat viele große Kliniken zur Auswahl, und deren Standard
ist sehr hoch.
Man hatte dir in Deutschland gesagt, die Chemotherapie sei heute international standardisiert. Kannst du das bestätigen?
Nicht ganz. Es gibt offenbar einen europäischen und einen amerikanischen Standard. Gleich ist, dass ein Zyklus vom Tag der Infusion an drei Wochen dauert, in denen sich vor allem das Knochenmark erholen muss, damit genug weiße Blutkörperchen gebildet werden können. Unterschiedlich ist die Kombination der Medikamente und die Anzahl der Zyklen. In Deutschland wären es nur sechs Zyklen gewesen, hier in Korea wendet man den amerikanischen Standard an. Der dauert sechs Wochen länger, soll dafür durch die andere Zusammensetzung aber auch besser verträglich sein.
Wie waren deine Erfahrungen mit den koreanischen Ärzten? Was stärkte dein Vertrauen in die hiesige Ärzteschaft?
Als ich nach einem Krankenhaus für die Behandlung gesucht habe (entschieden habe ich mich dann für die Samsung-Klinik), war mir neben einigen anderen Dingen vor allem die Kommunikation zwischen Arzt und Patient wichtig. Damit meine ich nicht in erster Linie die Englischkenntnisse der Ärzte. Koreanischen Ärzten wird oft nachgesagt, dass sie seltsam oder sogar ärgerlich auf Nachfragen reagieren, weil sie ihre Autorität und ihren Status in Frage gestellt sehen. Das habe ich tatsächlich auch ein-zwei Mal erlebt, aber ich habe solche "Götter in Weiß" auch in Deutschland getroffen. Normalerweise wird man aber heutzutage im Gespräch über alles informiert. Und als Patient hat man natürlich immer das Recht, Dinge zu hinterfragen und Behandlungen abzulehnen, auch hier in Korea.
Insgesamt fühltest du dich hier im Krankenhaus also gut aufgehoben? Können die Deutschen da was von den Koreanern lernen?
Ich habe ja in Deutschland keine Chemotherapie gemacht, und weiß daher nicht, wie es dort gewesen wäre. Was ich vergleichen kann, sind Spritzen geben, Infusionen legen und Blut abnehmen. Und da haben die koreanischen Schwestern und Pfleger meiner Erfahrung nach den deutschen einiges voraus. Sie sind sehr professionell und sehr geschickt, außerdem sind die Nadeln sehr fein – man merkt meistens kaum was. Das Blutabnehmen und Infusionen legen ist in Korea zwar auch nicht schmerzfrei, aber im Vergleich zu Deutschland scheint das oberste Ziel hier zu sein, dem Patienten wirklich so wenig Schmerzen wie möglich zu bereiten. Das hat, glaube ich, die Chemotherapie insgesamt doch auch ein bisschen leichter erträglich gemacht.
Reichten deine Sprachkenntnisse, um dich in der Welt der koreanischen Chemotherapie, Spritzen, Infusionen und Blutkörperchen zurecht zu finden?
Anfangs nicht. Allerdings wusste ich vieles auch auf Englisch nicht wirklich, und sogar auf Deutsch musste ich mich mit vielen neuen Begriffen auseinander setzen. Mit der Zeit ging es besser und besser, und ich kann mittlerweile auch auf Koreanisch ganz gut über all diese Dinge reden. Das hat mir vor allem in der Kommunikation mit den Krankenschwestern geholfen. Mit den Ärzten habe ich meistens Englisch gesprochen, da sprechen sie einfacher und langsamer und ich konnte doch sicherer sein nichts zu verpassen.
Sind die Kosten für die Behandlung eigentlich sehr hoch? Hast du eine Versicherung?
Ich bin über die Uni krankenversichert, und diese Versicherung deckt im Normalfall einen Teil der Kosten ab. Für Krebserkrankungen gibt es aber eine Sonderregelung, so dass ein größerer Teil der Kosten übernommen wird. Dafür muss man sich extra registrieren und eine extra Karte beantragen. Das haben für mich die Leute im Krankenhaus gemacht; ich hätte es nicht gewusst. Trotz allem sind aber die Kosten, die der Patient tragen muss, immer noch sehr hoch. Gott sei Dank habe ich eine private Krankenversicherung in Deutschland, die diese Kosten übernimmt.
Du hast sicher noch viele abenteuerlichen Anekdoten zu erzählen, die dir so im Laufe der Zeit passiert sind...
Ja, die abenteuerlichste ist die Geschichte der Drainageflasche, mit der ich von Deutschland nach Korea reisen und die ich hier noch einmal wechseln lassen musste. Die ist aber leider zu lang um sie hier im Detail zu erzählen. Eine andere sind die Erlebnisse in der Notaufnahme im Krankenhaus, in die ich nach der letzten Chemo mit einer Infektion musste. Ich musste mit hohem Fieber und einer Infusionsflasche am Arm eine Nacht im Warteraum verbringen, weil keine Betten frei waren, und am nächsten Tag habe ich nicht etwa ein Bett in einem Zimmer bekommen sondern in einem Krankensaal mit 15 Betten. In der dritten Nacht war ich dann in einem anderen Krankensaal, in dem die Betten wenigstens durch Vorhänge voneinander getrennt waren. Aber die eigentlich so dringend benötigte Ruhe hatte ich dort auch nicht. Das Licht blieb die ganze Nacht an, es wurden ständig neue Patienten eingeliefert und betreut, am Nebenbett picknickte die Familie eines anderen Patienten fröhlich vor sich hin, gegenüber schnarchte jemand, daneben wurde telefoniert, woanders jemandem der Nacken massiert, und an der Tür gegenüber war gleich der Operationssaal, in den dringende Fälle geliefert wurden, und manchmal mussten die Ärzte den laut weinenden Angehörigen auch mitteilen, dass sie nichts mehr für den Patienten tun konnten. Alles nah am Leben, so ist es eben nun mal, aber für jemanden aus Deutschland mit Bedürfnis nach Ruhe und Privatsphäre einfach furchtbar. Da brauchte ich all meine Kraft und Neugier auf ungewöhnliche Erlebnisse, um das gut zu überstehen.
Und als dann die Haare begannen auszufallen...
... bin ich zum Friseur gegangen und
habe sie abrasieren lassen. Ich wollte nicht mitansehen,
wie sie immer dünner werden. Die Friseuse hat dreimal nachgefragt, ob sie
wirklich alle Haare abschneiden soll. Sie konnte wirklich nicht glauben, dass
ich mich von meinen langen blonden Haaren trennen wollte. Fast umgefallen ist
sie dann aber, als mein Mann um den gleichen Schnitt bat, denn er hat sich aus
Solidarität und auch aus Neugier ebenfalls einen kahlen Kopf rasieren lassen.
Eine Weile waren wir dann "Familie Kahlkopf”, aber er konnte im Gegensatz zu mir
die Haare wieder wachsen lassen und hat das auch getan.
Meine Haarlosigkeit war übrigens kein
Problem. Es wurde ja Winter, und in Korea ist es nicht ungewöhnlich, immer eine
Mütze zu tragen. Viele meiner Studenten sehe ich selten ohne Mütze, und manche,
die nichts wussten, haben sich wahrscheinlich überhaupt keine Gedanken gemacht,
warum sie mich nie ohne Kopfbedeckung gesehen haben.
Hast du deinen Studenten von deiner Krankheit erzählt? Wie sind sie damit umgegangen?
Ja, ich habe ihnen davon erzählt. Ich
fand es besser, dass sie es von mir hören statt durch Gerüchte. Aber ich habe es
auch vor allem deshalb erzählt, weil es wegen meiner Behandlung ein paar
organisatorische Schwierigkeiten gab: Unterricht musste verlegt werden oder
manchmal auch ausfallen. Und es hätte auch immer passieren können, dass ich
ernsthaft krank werde, dann hätte wieder eine andere Lösung gefunden werden
müssen. Mir schien es vernünftiger, einfach die Wahrheit zu erzählen, so konnte
ich auch am ehesten mit Verständnis und Kooperation rechnen.
Die Reaktionen waren beeindruckend.
Einerseits war da die Sorge: ich wurde immer wieder gefragt, wie es mir geht,
und als ich tatsächlich mal länger krank war, habe ich viele SMS von den
Studenten bekommen, die mir gute Besserung gewünscht haben. Andererseits aber
habe ich mich wirklich normal als Lehrerin akzeptiert gefühlt, trotz meines
veränderten Aussehens. Das hat sehr gut getan.
Und wie ging es mit deiner Arbeit? War es schwierig, Chemo und Unterricht zu vereinbaren?
Es ging eigentlich sehr gut. Unterrichten ist ja etwas anderes als ein 8-Stunden-Tag im Büro; ich war bei der Vorbereitung auch viel zu Hause, wo ich mich jederzeit hinlegen konnte. Trotzdem war es nicht immer leicht. Die Chemo war alle drei Wochen an einem Freitag und danach konnte ich mich am Wochenende einigermaßen erholen. Manchmal war mir aber auch noch am Dienstag oder Mittwoch übel, und dann fiel es mir schon ein bisschen schwer, mich auf den Weg in die Uni zu machen, besonders wenn ich nach Yongin musste, zum zweiten Campus der HUFS – dorthin fahren wir anderthalb Stunden mit dem Bus. Aber dadurch, dass ich terminlich gefordert war, hat mir die Arbeit auch geholfen, denn so konnte ich mich nicht "hängenlassen". Auch die Konzentration beim Unterrichten selbst hat mir nur gut getan, weil ich dann gar nicht an die Übelkeit gedacht habe.
Du hast es also nicht bereut, wieder nach Korea gekommen zu sein und die Behandlung hier gemacht zu haben?
Nein, ich habe es nicht bereut. Ich glaube aber, dass ich auch viel Glück gehabt habe, denn es lief alles recht gut und es ging mir – im Vergleich zu anderen Fällen von Chemotherapie, von denen ich gelesen hatte – die meiste Zeit auch körperlich ziemlich gut.
Glück habe ich außerdem mit meinen deutschen und koreanischen Kollegen, die großes Verständnis für meine Situation gezeigt und mich durch Unterrichtsvertretungen oder die Übernahme anderer Aufgaben nach Kräften unterstützt haben.
Bei ihnen möchte ich mich an dieser Stelle noch einmal besonders bedanken!
Copyright © 2007 by Lydia Schneeberger