Kannst Du Dich bitte selbst kurz
vorstellen?
Mein Name ist Tobias Bergmann, ich bin in Deutschland 25 Jahre alt, studiere an der Universität Göttingen, meine Hauptfächer sind Wirtschafts- und Sozialpsychologie, und Politik, wobei ich mich dabei auf internationale Beziehungen konzentriere. Nebenfächer sind Wirtschaft und Internationales Recht. Ich komme aber nicht aus Göttingen, sondern aus der Nähe von Paderborn.
Vor etwa zwei Jahren habe ich mir gedacht, dass ich langsam mal ein Auslandssemester machen sollte, da war ich bereits im vierten Semester. Dabei habe ich mich an meine früheren Klassenkameraden erinnert, aus dem Gymnasium, da waren nämlich zwei Koreaner. Zu denen hatte ich ein sehr gutes Verhältnis, wurde auch oft in ihr Haus eingeladen und habe dort das Familienleben kennen gelernt. Ich habe dann später aber leider den Kontakt verloren.
Ich habe versucht, über den DAAD Informationen über ein Studium in Korea zu beschaffen, über Stipendien usw. Letztendlich kam es dann aber ganz anders, denn in demselben Jahr hatte meine Uni mit der Incheon-Universität das Austauschprogramm intensiviert.
Du bist jetzt also für ein Jahr an der Universität Incheon.
Ja, genau, zufällig kam da auch eine Delegation aus Incheon nach Göttingen, ich habe die Direktorin aus dem dortigen Internationalen Büro persönlich kennen gelernt, wir haben ein bisschen geredet, und die Bewerbung für die Incheon Universität ging dann sehr schnell über die Bühne, weil ich der einzige Bewerber war. Ich konnte mich noch für ein koreanisches Stipendium bewerben, was glücklicherweise auch geklappt hat. Das ging alles sehr schnell, vom Zeitpunkt der Bewerbung bis zur Zusage dauerte alles nur drei Monate.
Welche Unterrichtsveranstaltungen belegst Du in Incheon?
Meine Hauptfächer sind eigentlich etwas anders, hier in Korea mache ich zunächst mal Koreanisch-Sprachkurse, daneben auch Englisch-Sprachkurse und ein bisschen Französisch, dazu im letzten Semester Wirtschaftskurse, die kann ich für mein Nebenfach anrechnen lassen, und in diesem Semester mache ich Public Administration und wieder einen Wirtschaftskurs. Public Administration kann ich mir in Göttingen für Politik anrechnen lassen. Außerdem höre ich in Deinem Kurs European Trade Practice als Gasthörer.
Gibt es in den Seminaren noch mehr ausländische Studenten?
Nein, die sind zwar auf Englisch, aber da bin ich der einzige Ausländer. Es gibt hier noch viele andere Ausländer, aber z.B. die Chinesen studieren International Trade und haben einfach andere Fächer.
Die Kurse, in denen ich bin, sind meist sehr klein, fünf oder sechs Teilnehmer. Die Kursleiter sind in diesem Semester ausschließlich englische Native Speaker. Im letzten Jahr hatte ich etwas Probleme mit den koreanischen englischsprechenden Professoren, die sprachen sehr fließend Englisch, aber hatten einen starken Akzent und waren nicht einfach zu verstehen.
Man macht hier als Ausländer also nicht so viele Kurse, aber damit hatte ich auch nicht gerechnet, dass ich hier also ohne Zeitverlust studieren könnte. Aber die Auslandserfahrung ist mir da wichtiger.
Hast Du Kontakt zu koreanischen Studenten an der Uni?
Ja, und das ist der absolute Pluspunkt an dieser Uni. Die ist eigentlich recht übersichtlich, mit nicht so vielen Studenten, und vielleicht liegt es auch daran, dass es hier nicht so viele westliche Studenten gibt, dass man einfach viel schneller mit den Leuten in Kontakt kommt. Ich habe also sehr viele koreanische Studenten kennen gelernt.
Sind das dann z.B. Studenten, die Deutsch studieren?
Also, ich habe schon einige „Freunde“, auch wenn das für Deutsche ein starkes Wort ist, bei den Social Sciences kennen gelernt, mit denen ich viel unternehme, Deutsch-Studenten natürlich auch, oder Englisch-Studenten, aber auch durch Zufall auf der Straße. Ich habe hier sozusagen eine beschäftigte Freizeit. Ich habe auch von anderen ausländischen Studenten gehört, die z.B. an der Seoul National Universität oder an der Yonsei-Uni studieren, dass dort die Ausländer etwas von den Koreanern separiert werden, dass die dort zwar ein tolles Programm haben, mit Ausflügen, aber dass die letztendlich nicht so sehr mit ihren koreanischen Kommilitonen in Kontakt kommen, und das ist hier eben ganz anders. Ich kann hier jeden Kurs nehmen, den ich will, es gibt keine Extra-Kurse für Ausländer, und damit so viele Leute kennen lernen, wie ich will, und das ist natürlich klasse.
Hast Du Kontakt zu anderen ausländischen Studenten an der Uni? Es gibt hier ja noch Chinesen, Taiwanesen, Russen, Amerikaner, ...
Ja, natürlich, ich lebe im Wohnheim mit Chinesen zusammen, mit denen besuche ich auch die Koreanisch-Kurse, wir gehen auch abends aus, auch mit den anderen Ausländern, oder machen Sport, aber ich muss sagen, dass ich hauptsächlich mit Koreanern unterwegs bin. Daneben habe ich aber auch noch andere Ausländer kennen gelernt. In Incheon gibt es ja nicht so viele, und wenn man da mal jemanden auf der Straße trifft, spricht man sich meistens an.
Was sind Deiner Meinung nach die größten Unterschiede zum Studium in Deutschland?
Ich sage mal ganz ehrlich, ich verstehe nicht so ganz, warum die Koreaner Tag und Nacht lernen. Die lernen so unglaublich viel, da sind sie Weltmeister, aber ich verstehe nicht was. Wenn wir in Wirtschaft die Postgraduierten-Kurse haben, da wird dann der „Economist“ gelesen oder „Forbes“, und dann ist Hausaufgabe, dass man in der nächsten Sitzung darüber sprechen soll. Das ist also keine wirtschaftswissenschaftliche Fachliteratur, sondern ein Magazin, und daraus besteht das Seminar, und am Ende des Seminars gibt es eine Klausur, und in der muss man als „multiple choice“ 15 Fragen beantworten, so etwas machen wir im Grundstudium, und für die Klausur setze ich mich eine Stunde hin, und dann ist die Klausur ok. Ich weiß nicht, was die Koreaner da Tag und Nacht lernen. Vieles ist einfach Allgemeinwissen. Ich kann das natürlich nur zu den Kursen sagen, die ich besucht habe. Jedenfalls verstehe ich nicht, warum Koreaner so fürchterlich viel lernen, schon in der Schulzeit, mit viel Druck.
Der größte Unterschied ist die Einteilung in freshman, senior, usw. Alle fangen gleichzeitig an und hören gleichzeitig auf, das ist bei uns natürlich ganz anders. Auch diese Altershierarchie, wer wen duzt oder siezt, ist mir etwas fremd. In Deutschland kann man Kurse frei wählen und lernt damit auch verschieden Leute kennen.
Was machst Du in Deiner Freizeit?
Alles mögliche, Freunde treffen, ... Hier besuche ich viele Konzerte, ich bin schon viermal in die Oper gekommen, weil es hier Bonuskarten gibt, auch für normalerweise unheimlich teure Konzerte. Ich war neulich mal in einem Konzert eines Violinisten, da saßen um mich herum lauter bekannte Schauspieler, Künstler. Dann gehe ich oft mit Freunden in die Kneipe, Soju-Jib, Norae-Bang (die koreanische Form von Karaoke), essen gehen oder nur quatschen, Fußballspiele, Baseball – oh, langweilig, dann mache ich Fahrten durch das Land, nach Pusan, in den Süden an die Küste. Tempel-stay in Haeinsa, das war sehr beeindruckend im Schnee. In zwei Wochen fahren wir nach Chindo, und nach dem Semester wollte ich noch einmal nach Japan fahren. Und ich fahre natürlich oft nach Seoul, einkaufen.
Würdest Du auch anderen Studenten aus Deutschland raten, in Korea zu studieren, kurz oder lang?
Das kommt darauf, welche Ziele man hier hat. Wenn man mit der koreanischen Gesellschaft in Kontakt kommen will, ist eine Uni wie Incheon sicherlich ideal. Man sollte dann aber auch länger bleiben, nach nur einem Semester hat man sich gerade mal eingewöhnt, danach lernt man viele Leute erst richtig kennen. Beim Studium kann man sich aus dem Vorlesungsangebot sicher etwas heraussuchen, das einen interessiert, beim Kursniveau sollte man aber nicht so Tolles erwarten, sondern normale Ansprüche behalten. In jedem Fall lernt man sehr nette Menschen sehr gut kennen, kommt intensiv mit der Kultur in Kontakt. Dieses Jahr war bislang wirklich einmalig, ich würde eigentlich gern ein Jahr dranhängen, aber ich muss erst mal mein Studium abschließen und würde dann vielleicht im Rahmen einer Dissertation wiederkommen, oder für ein Praktikum, mal schauen.
Kritik?
Kritik? Ja, man kommt sich manchmal vor wie ein Affe im Zoo. Und man muss etwas vorsichtig sein, ob die Leute nur mit einem Kontakt haben wollen, um Englisch zu lernen oder anzuwenden, oder ob sie wirklich an einem interessiert sind.
Copyright © 2007 by Michael Menke