Also, das Ohr ist bekanntlich ein
hochkomplexes, ausgeklügeltes Organ, aber eigentlich auch ganz schön drollig.
Ich meine zum Beispiel drollig anzuschauen, zumindest der Teil, den man sieht.
Aber was man nicht sieht (normalerweise), trägt dann so lustige Bezeichnungen
wie Hammer, Amboss, Steigbügel und Schnecke. Da denkt außer Spezialisten und
überdurchschnittlich gut Allgemein-gebildeten keiner auf Anhieb an ein
menschliches Körperorgan. Nun denn. Das ist gar nicht mein Thema, sondern
vielmehr, was an jenes drollige Körperorgan dringt, was an jenes in K o r e a
dringt. Das sind selbstverständlich teilweise auch woanders in den unendlichen
Weiten des Universums gehörte Geräusche, Töne, Klänge, aber eben zu einem großen
Teil doch sehr landesspezifische. Dem Einen möchte man sich stundenlang
hingeben, das Andere lässt einen schallend lachen, Vielem kann man sich nicht
entziehen – ob man will oder nicht. Während man die Augen schließen, sich die
Nase zuhalten kann, kann man bei den Ohren nur versuchen, wegzuhören, sie sich
zuzuhalten, Ohrstöpsel reinzustopfen; aber so richtig hilft das letztendlich
alles nicht. Gott oder Mutter Natur, wird sich was dabei gedacht haben, unser
Hörorgan unverschließbar zu machen; da gibt es biologisch-philosophische
Erklärungen, aber ich hätte auch nichts, worüber ich an dieser Stelle schreiben
könnte.
Korea. Land der Morgenstille. Ha! In Seoul muss man früh aufstehen, um Stille zu erfahren.
Auch auf die Gefahr hin, dass einige bis hierhin geneigte Leser nach den nächsten Sätzen nicht weiterlesen werden, möchte ich mit dem wohl übelsten und von wohl jedem Korea-Besucher schnell bemerkten – nennen wir es recht freundlich – Spucken beginnen, dann haben wir das hinter uns. Spucken. Das gibt es in allen Kulturen und ist ja auch mehr oder weniger als natürlicher Vorgang normal. Gespuckt haben wir alle schon mal. Nicht grade die feine englische Art, aber manchmal geht es nicht anders. Da ist eigentlich auch nicht soo viel Geräusch. Eigentlich. Aber koreanisches Spucken! Lassen Sie mich diesen akustischen Vorgang ein wenig aufdröseln und in drei hörbare Phasen einteilen, die mehr oder weniger stark ausgeprägt nacheinander auftreten k ö n n e n, jedoch nicht zwangsläufig m ü s s e n, in Korea aber leider oft tun. Da hätten wir zunächst das Räuspern. Ein wahrer Euphemismus für diesen schmerzhaften (zumindest für den Hörer) Prozess des Hochholens von allem, was da in Rachen, Lunge, ja, unter den Zehennägeln festsitzt und entsorgt werden soll und ratternd, krachend, brachial hochgeholt wird. Auf offener Straße, auf Toiletten, in Parks, in der U-Bahn, in Restaurants, im Wald, alleine, in der Menschenmenge, egal! Wat mut, dat mut. Ist alles hoch-geholt und ordentlich gesammelt und zurechtgelegt, muss das natürlich raus. Und es kommt die zweite hörbare Phase. Nennen wir es Abspucken. (Bor, es ist wirklich eklig! Leser? Sind Sie noch da?) Und nach einer nur Bruchteile von Sekunden währenden Stille folgt Phase drei: das nicht weniger unangenehme Geräusch des Aufplatschens des Ausgespieenen. Letzteres besonders häufig in Raucherecken an den Aschenbechern zu hören. Eigentlich ein Grund, das Rauchen aufzugeben, aber naja.
So, das hätten wir. Ich freue mich, lieber Leser, dass Sie noch da sind.
Dem Mark und Bein Erschüttenden möchte ich Wohlklingendes folgen lassen, Natürliches: Das Zirpen der Zikaden im Herbst. Ich hab noch nie eine Zikade gesehen, aber wenn man sich einem zischenden, wispernden, raschelnden Baum nähert und das Zirpen plötzlich abbricht, um nach einigen Augenblicken erneut schnell anschwellend einzusetzen, das ist immer wieder ein beeindruckendes Klangerlebnis. Und die Elstern. Das keckernde Geräusch der Schwarz-Weißen, die hier ein bisschen kleiner sind als ihre europäischen Verwandten, dafür aber zahlreicher, begleitet einen das ganze Jahr hindurch.
Stichwort Musik. Nicht die in Konzertsälen, im Radio und aus der Konserve, sondern zum Beispiel die Klavierklänge, oft auch nur wert, Klimpern genannt zu werden, aus offenen Fenstern von Privatwohnungen und Privatschulen. Die gibt es in Korea viel häufiger als anderswo. Wird ja auch jedes zweite Kind zum Klavierunterricht verdonnert. Hat ja sonst nichts zu tun. Zweiter Punkt: Musikalisches auf dem Campus. Sicher nicht nur ein typisches Geschehen an meiner Uni: Gruppen von Studenten, die unter Bäumen sitzen oder im Kreis oder anderen Formationen schreiten und hüpfen und traditionelle koreanische Perkussion-Instrumente schlagen. Allen voran die Kkwaenggwaris, ein Handgong, der in der Form einem Tamburin ähnelt, aber aus Metall ist, und dann mehrere Janggos, sanduhrförmige Trommeln. Die im Rhythmus immer wieder variierenden Stücke schallen über den Campus, verbreiten ein exotisches Flair, stören auch nicht, wenn sie durch geöffnete Fenster hereinschweben, wenn man andere grad mit Passiven, Dativen oder anderen Iven malträtiert.
Ein anderer Klangkörper, der eher meditative Ruhe verbreitet, ist eine kleines Schlaginstrument aus Bambus oder Holz, das mit einem Stöckchen geschlagen wird. Aber es ist eher ein stetes Klopfen, denn Musik. Diesen fast hypnotisierenden Klang hört man in buddhistischen Tempeln, also auch ab und an beim Wandern, manchmal allerdings nur aus der Konserve durch Lautsprecher, wenn man sich einer der in den Bergen versteckten Tempelanlagen nähert. Um so anziehender ist das Klopfen, wenn ein Mönch im dichtesten Großstadttreiben am Straßenrand sitzt und das Holz schlägt. Wie ein Ticken, ein Tropfen, nicht im Rhythmus des Herzschlags, sondern eher dem der Atemfrequenz.
Aber das waren dann auch schon die wohl-tuenden Geräusche. Kommen wir zu den lustigen.
Natürlich kann man Toilettentüren verriegeln. Aber um herauszufinden, ob das Klo besetzt ist oder nicht, drückt man hier nicht die Klinke oder zieht bzw. drückt am Türknauf, sondern man klopft. Und so die Gestörte (ich gehe davon aus, auf Männerklos läuft das ähnlich ab) eine Hand frei hat, wird zurückgeklopft. Sehr drollig! Sitzt man auf dem Klo einer öffentlichen Einrichtung und hört jemanden nahen, dann kann man auch dem Klopfen entgehen, in dem man sich unauffällig, eindeutig räuspert. Dass ich lange genug in Korea war, bemerkte ich, als ich bei einer privaten Party in Deutschland den Klopfcheck machte und mich die umstehenden Gäste verwundert ansahen.
Die Berge und das Wandern fanden am Rande schon Erwähnung, dann muss man aber auch einen der witzigsten typisch koreanischen Töne ansprechen. Es handelt sich um einen dem erfolgreichen Bergbezwinger eigenen Brüller. Jeder in Korea weiß wohl, was jetzt kommt. Am Gipfel angekommen, teilt man der Welt die Freude über das gelungene Unterfangen mit einem laut gebrüllten, lang hingezogenen „Yaaaaaahooh“ mit. Da Wandern ein beliebter Sport in Korea ist und wochenendein, wochenendaus tausende Großstadtmüde und Gesundheitsbewusste die Wanderpfade emporkraxeln, kann dieses Schreien schon mal nervig werden, zumal von einigen auch das Bezwingen von Hügeln und Hügelchen als Teilerfolg, also mitteilenswert, angesehen wird. Noch viel schlimmer aber ist der Drang einiger Wandersleut’ nach ständiger Informiertheit. Es ist unbeschreiblich unhöflich, belästigend, haarsträubend, unerhört taktlos und wider die Natur und alles Wandervolk, wenn winzige Kofferradios auf volle, schnarrende Lautstärke gestellt am Rucksack baumeln. Jungs, das tut nich Not!
Bleiben wir jedoch bei Rufen. Ein schwer nachzuahmender, geschweige denn leicht zu beschreibender Ruf ist das anerkennende Cheering junger Mädchen. Nachzuhören bei koreanischen Talkshows und Sitcoms, wenn ein toller Typ die Bühne betritt oder was tolles macht oder sagt – aber auch in Powerpoint-Präsentationen, im Unterricht, wenn ein Foto von dem – zugegeben attraktiven – Referenten in dessen Vortrag über eine Europareise eingebaut ist. Dann erklingt ein chorales Uhhhhhhhhhhh, das nach hinten hoch geht. Nachvollziehbar beschrieben? Nicht? Na ja, ich bin halt nicht das weibliche Pendant zu Patrick Süßkind, der Gerüche zu versprachlichen in der Lage ist. Dieser Ton ist aber wirklich ohnegleichen.
Noch etwas zu Stimmen. Im Koreanischen gibt es diesen kehligen Laut, wenn man etwas betonen will. Er erinnert manchmal leicht an das Geräusch der ersten Spuckphase und läuft damit in meinem westlichen Ohr nicht unter angenehm. übernommen habe ich allerdings ganz schnell das Zischen, das entsteht, wenn man die Luft zwischen den zusammengepressten Zähnen einzieht. Wenn man dabei den Kopf noch ein bisschen schief legt, versteht jeder, dass man sich gerade etwas Schwierigem oder Unangenehmen gegenübersieht.
Technik. Oh, was gibt es da nicht alles zu hören! Mal abgesehen von allem, was mit Handys zusammenhängt, also Summen, Surren, Vibrieren im Unterricht zum Beispiel oder diverse Klingeltöne, die einen in der U-Bahn erschrecken, ja nerven, wenn der Angeklingelte, in tiefen Schlaf verfallen, nicht rangeht; Korea ist ein wahres Piep- und Ding-dong- und Klingelwunderland. Allein in den öffentlichen Verkehrsmitteln! Da piepen die Automaten, wenn man seine Karte entwertet. Es fahren U-Bahnen ein mit einem an Bombenalarm erinnernden I-Uh-I-Uh-I-Uh. Umsteigestationen werden mit einer Violinenmusik angekündigt. Und auch jedes Türenöffnen- und Schließen und die Abfahrt hat seine Signaltöne. Aber es gibt auch richtige Musik! Beschallte U-Bahnhöfe, ganz nach dem Gustos des Bahnhofvorstehers, vermute ich. Von Klassik bis Jazz und gern auch koreanische Popsongs. Das Warten wird je nach Stimmung und Hörvorlieben der Wartenden und der Qualität der Technik versüßt oder zur akustischen Qual.
Lautsprecherdurchsagen soll an dieser Stelle ein eigener Absatz gewidmet werden. Es gibt derer so viele, dass ich Gefahr laufe, etwas zu vergessen.
Dem U-Bahnfahrgast zur Information wird bei Heranbrausen des Zuges noch schnell auf Koreanisch und Englisch von Band mitgeteilt, wohin es gehen wird. Des Koreanischen nicht mächtig, kann ich nur das wohlartikulierte Englische zitieren: „The train to [in meinem Fall allmorgendlich] Bongwhasan is now arriving.“ Gut zu wissen, zumal alle Züge von diesem Bahnsteig in diese Richtung fahren. Im Zug dann die durchaus hilfreichen Durchsagen über nahende Umsteigemöglichkeiten; gleiches im Bus. Wobei es im Bus noch die praktische Vorankündigung der übernächsten Station gibt, damit man sich rechtzeitig auf den Weg zur Tür machen kann. An die Schmerzgrenze gehen im Bus allerdings Werbespots (ich glaube zumindest, dass es sich um Werbung handelt), die mit schriller Musik und unglaublich quietschig-quäkenden Frauenstimmen eine Herausforderung fürs Trommelfell darstellen.
Lautsprecherdurchsagen begegnen einem weiterhin in Fahrstühlen und können dem Ausländer zum Lernen der Zahlen dienen. In großen Cafés weiß man zwar dank Durchsagen, wer was bestellt hat und dass es jetzt fertig ist und abgeholt werden kann, aber zu einer entspannenden Kaffeehausatmosphäre trägt das nur bedingt bei. Aber noch schockierender war der Moment, als ich das erste Mal in einem Apartmenthaus zu Besuch war. Spät am Abend schallte plötzlich eine krächzende Adjaschi-Stimme durch das Wohnzimmer, dass ich Herzrasen kriegte. Da beruhigte mich auch nicht, dass es nur um irgendeinen falschgeparkten PKW in der Tiefgarage ging. Wahnsinn! Auch kein Hörerlebnis der angenehmen Art sind die kleinen Verkaufslaster, die in Endlosschleifen trötend, blechern eine Litanei über das Tagesangebot runterleiern. Allerdings hab ich dadurch auch ein paar Zahlen gelernt.
Eine geniale Erfindung hingegen sind die Klingelknöpfe auf den Tischen in Kneipen und Restaurants, mit denen man die Bedienung ranrufen kann. Genial aber nur so lange man nicht in der Nähe des Tresens sitzt, wo die Klingeltöne eingehen, denn man möchte ja nicht jedes Mal aufmerksam gemacht werden, wenn im Lokal noch jemand Nachschub braucht.
Körpergeräusche. Schmatzen und Schlürfen. Nun gut, der eine findet es äußerst unappetitlich, der nächste bemerkt es, aber denkt sich wohlwollend, dass es dem Nachbarn offensichtlich schmeckt. Aber dann gibt es da dieses Katschen. Nein, eigentlich isst es nicht ordinäres Kaugummi-Katschen vielmehr ein penetrantes Knacken. Ich habe schon des Öfteren den Wagon gewechselt, wenn eine Adjuma (warum auch immer sind es meist Frauen zwischen 35 und 50 Jahren, stark geschminkt und herausgeputzt) sich in meinem Hörumfeld dieser Kauübung hingab und meine bösen Blicke nicht bemerkte, geschweige denn zu deuten wusste. In meiner Phantasie stellte ich mir anfangs medizinische Kaugummis, mit kleinen Testosteron- und Östrogenkügelchen vor, die über die Beschwerden des Klimakteriums hinweghelfen sollen. Inzwischen habe ich erfahren, dass es gewöhnliche Kaugummis sind, mit denen geschickt winzige Blasen geformt werden, die dann knackend platzen. Ich habe mich damit abgefunden, dass es Situationen gibt, in denen man seinen ersehnten Sitzplatz für eine geräuschärmere Umgebung aufgeben muss. Es kann natürlich durchaus passieren, dass man dann neben einem gelenkknackenden Mitmenschen landet, der wahlweise Finger, Nacken oder was sonst noch knacken lässt. Bei mir verursacht das eisige Rückenschauer.
Unter der Rubrik drollig wiederum läuft das Klackern von Absatzschuhen. Und derer gibt es in Korea markant mehr als an allen Orten, an denen ich bisher gewesen bin. Ein Bekannter, im Vorfeld zu diesem Beitrag befragt, musste verzückt lächelnd sofort an das tausendfache Klick-Klack vor dem bestuften Portal einer hiesigen Frauenuni denken. Für viele Männer wahrscheinlich ein Hörparadies, und ich finde es possierlich. Während ich es wiederum als Strafe empfinde, in einen Fahrstuhl mit einer koreanischen Weiberschar eingeschlossen zu sein. Gefühlte 150 Dezibel auf zwei Quadratmetern. Akustische Klaustrophobie. Wenn es das noch nicht gibt, habe ich hiermit diesem Leiden einen Namen gegeben. In diesen Momenten kann ich mich nur wundern, dass jemals jemand Korea mit dem Wort Stille in Zusammenhang gebracht hat.
Global gedacht sollte ein Geräusch so schnell wie möglich reduziert werden, nämlich das im Standgas laufender Motoren. Nirgendwo habe ich so oft parkende und oft auch fahrerlose Mopeds und Autos gesehen, nein besser: gehört. Hallo? Umweltbewusstsein? Dann schon lieber singende Waschmaschinen, die das Ende des Waschgangs mitteilen oder die ganze koreanische Kako- und Euphonie, die auf den letzten Seiten angesprochen worden ist, nonstop.
Es wäre interessant zu erfahren, was Koreaner in Deutschland hören. Bekäme ich den Auftrag, einen Artikel über typisch deutsche Klänge und Geräusche zu verfassen, sähe ich mich dazu außer Stande. Das Ohr scheint auf das Ungewohnte empfindlicher zu reagieren.
Und während ich all das in die Tastatur getippt habe, von Zu-Papier-Bringen kann ja heutzutage nicht mehr die Rede sein, konnte ich Klangzeuge des am Anfang und am ausführlichsten beschriebenen Geräuschs werden. Mehrmals durchbrach es die beflissene Stille. Sicher drangen noch alle möglichen Geräusche vorbeifahrender Autos, schreiender Kinder, schwatzender Nachbarinnen durch geöffnete Fenster, aber nur DAS hat mich immer wieder aus der Arbeit gerissen. DAS Geräusch werde ich in Deutschland nicht vermissen.
Copyright © 2007 by Andrea König