Eines Abends im Mai klingelte mein Telefon und zu meiner Überraschung wurde Deutsch am anderen Ende der Leitung gesprochen. Der Koreaner stellte sich als Richter in Jeonju vor, der eine Möglichkeit suchte, Deutsch in Jeonju zu sprechen und zu üben.
Ein Treffen wurde schnell beschlossen, denn es kommt in Jeonju nicht sehr oft vor, sich für Deutsch interessierende Personen zu finden. Mittlerweile hat sich eine koreanisch-deutsche-Freundschaft entwickelt, die ich immer gerne dazu benutze, meinen Studenten zu zeigen, was man mit ein bisschen Interesse und Fleiß alles schaffen kann. Als ich meinem Freund Oh Won-chan von dem Thema dieser DaF-Szene erzählte, erklärte er sich sofort bereit, seine Perspektive Deutsch aufzuschreiben.
Deutsch in meinem Lebenslauf

Einleitung
Ich bin 31 Jahre alt und arbeite jetzt seit April 2005 beim Gerichtshof Jeonju als Richter. Jeden Tag lerne ich selbst Deutsch mit dem Internet. Ehrlich gesagt hatte ich Deutsch als zweite Fremdsprache zwei Jahre lang in der Oberschule gelernt. Damals lag die Wahl der zweiten Fremdsprache nicht bei mir. Schüler sollten nur Deutsch-Unterricht bekommen und Schülerinnen nur Französisch. Es gab keine Ausnahme. Viele Schülerinnen wollten Französisch gegen Deutsch umtauschen. Ich denke, sie dachten nämlich, dass Französisch schwieriger ist. Aber das Staatsprüfungssystem für die Universität (Universitätsaufnahmeprüfung Anm. SW) änderte sich sehr und die zweite Fremdsprache war ab 1993 nicht mehr Prüfungsfach. Dann lernte ich nur noch Englisch. Eine englische Muttersprachlerin kam zum ersten Mal an meine Schule und Deutsch war nicht mehr wichtig.
1994 ging ich an die Hanyang-Universität. Damals war Deutsch für mich auch nicht wichtig. Ab 1995 fing ich an, das Staatsexamen zum Anwalt eilig vorzubereiten, weil das Staatsexamen viel schwieriger als jetzt war und lange Zeit brauchte. Eine Fremdsprache war nötig für die 1. Stufe im Staatsexamen. Viele Bewerber wählten eher Französisch, Spanisch, Deutsch etc. als Englisch. Englisch war nämlich noch sehr schwierig zu lernen. Ich wählte auch Deutsch als Fremdsprache zum 1.Stufen-Examen. Bis zum Bestehen der ersten Stufe lernte ich selbst etwa zwei Jahre lang mit Grammatikbüchern und ging manchmal in den Deutschunterricht eines Muttersprachlers aus Deutschland im Fach Germanistik, obwohl ich das gar nicht verstehen konnte. Weil die Deutschexamen meist über Grammatik waren, konnte ich bestehen. Aber Deutsch wurde mir wieder unwichtiger.
Entfernung von Deutsch
Nach Bestehen des Staatsexamens, das aus drei Stufen besteht, bin ich in eine Staatseinrichtung zwei Jahre lang gegangen. Nach Abschluss kann man erst als Anwalt arbeiten oder sich um eine Richterstellung (oder als Staatsanwalt) bewerben. Nachdem ich mein Anwaltszertifikat erhielt, sollte ich in die Truppe wie die meisten koreanischen Männer gehen. Ich arbeitete als Offizier drei Jahre lang am Militärgericht. Korea hat viele Soldaten und führt besondere Gerichtsysteme bei den Truppen wie in den USA. Damals hatte ich keinen Kontakt zu Deutsch.
Neuanfang mit Deutsch
Als ich vom Militär im Mai 2005 zurückkam, konnte ich ein Richter werden. Und im Juni heiratete ich meine Frau, die ich vor vier Jahren kennen gelernt hatte. Wir verbrachten unsere Flitterwochen in Paris und in der Schweiz. Als ich in Europa ankam, hatte ich eine große überraschung. Plötzliche fühlte ich, dass ich bis dahin im kleinen Brunnen gewohnt und nur einen begrenzten Ausblick hatte. Deshalb entschloss ich mich, eine Fremdsprache anzufangen. Es gab ein Interesse für mich…Deutsch. Falls mich andere Europäer im Zug oder auf der Strasse etwas auf Deutsch fragten, konnte ich freundliche Antwort geben und ein bisschen hören. So hatte ich noch ein Motiv Deutsch zu lernen.
Ich hatte viele Lehrbücher und Kommentare über koreanische Gesetze gelesen und musste schwierige juristische Begriffe verstehen. In den meisten Lehrbüchern werden die Begriffe auf Chinesisch und Deutsch beschrieben. Ich finde, viele Gesetze sind nämlich über Japan oder über Deutschland aus Rom gekommen. Nach meiner Erfahrung ist es viel leichter, auf Deutsch den Begriff zu verstehen als nur auf Chinesisch. Ich denke auch, die in Deutschland ausgebildeten Juristen können viel mehr. Aus diesen Gründen habe ich Deutsch wieder zu lernen angefangen.
Schwierigkeit mit dem Deutsch lernen
Es gibt Schwierigkeit Deutsch zu lernen. Besonders außerhalb von Seoul, zum Beispiel in Jeonju, Chucheon, etc. Man kann Deutschlehrer und neue Lehrbücher nicht leicht finden. In Buchhandlungen kann ich nur alte Bücher oder Bücher für Anfänger erhalten. Es gibt hier auch keine Einrichtung für Deutsch-Unterricht außerhalb der Universität. Die meisten Fremdsprachen außer Englisch haben die gleichen Probleme. Früher gab es jede Woche nicht nur ein deutsches Programm im Rundfunk, sondern auch im Fernsehen. Aber nun gibt es nur Wiederholungen im Radio, die vor ein paar Jahren aufgenommen wurden. Es ist interessant, Französisch zu lernen ist leichter als Deutsch, denn das Französische Institut "Alliance Francaise" gibt es überall, aber das Goethe-Institut nur zwei oder drei Mal in Südkorea. Französische Filme und DVDs sind in Korea verfügbarer als in deutsche. Da die Lehrbücher und Hörtexte aus Deutschland eines Lehrers oder eines Helfers bedürfen, kann man damit Deutsch nicht völlig selbstständig lernen. Noch eine Schwierigkeit ist, dass wenige Studenten sogar im Fach Germanistik Deutsch lernen. Deshalb habe ich jetzt noch wenige Gefährten zum Deutsch sprechen. Daraufhin lerne ich Deutsch mit dem "E-learning" bei EBS durch das Internet.
Vorteile
Obwohl man in Korea Deutsch sprechen kann, ändert sich das allgemeine Leben nicht. Falls man eine unter vielen europäischen Sprachen kann, wird aber das Blickfeld ungeheuer weit. Ich kann ein bisschen auf Deutsch lesen, damit gehe ich jeden Tag in die deutsche Presse. Ich denke, koreanische Zeitungen schreiben die Artikel ohne ausführliche Informationen besonders von Nordkorea. Und sie haben nicht völlig den Einblick in Internationale Beziehungen, z.B. die Mächte-Beziehung zwischen Nahem Osten und den USA oder über die Koreanische Halbinsel etc. Mehrere Zeitungsagenturen sind auf Nachrichten aus dem Westen angewiesen. Deshalb lese ich direkt deutsche Reportagen im Internet und weiß richtig Bescheid.
Zweitens kann ich durch Deutsch die ausländische Kultur und das Leben ausprobieren und verstehen. Es ist sehr toll, dass ich das geschriebene CD-Etikett von Mozart verstehe. Als ich in Europa war, habe ich in jedem Fenster vielfältige Blumen gesehen. Das war wunderbar. Dann im Geschäft kaufte ich drei Tüten Blumenkerne, die die Pflegehinweise auf Deutsch erklären. Ich will im nächsten Frühling die Kerne säen. Und ich kaufe manchmal was bei "www.amazon.de" ein. Wenn ich Deutsch nicht verstehen könnte, wäre das unmöglich. Die im Internet verfügbaren Waren in Deutschland sind viel mehr als hier, z. B. Buch, CD, Kinderwaren, Kaffeemaschinen, etc.
Drittens gibt es berufliche Vorteile. Wenn ich Deutsch besser kann, möchte ich Kommentare oder Urteilsätze aus Deutschland studieren. Jetzt fällt es mir noch schwer. Falls die Zeit nicht zu spät ist, will ich 1~2 Jahre lang mit der Familie nach Deutschland (oder Österreich) gehen, um zu forschen. Ich denke, die Gesetze über Gemeinschaft, Verfassung und Verwaltung in Deutschland sind am besten.
Schluss
Ich lerne jetzt Deutsch als erste Fremdsprache. Oft gehe ich zum deutschen Stammtisch der Chonbuk Universität. Das macht viel Spaß. Ich wünsche, dass es hier in Jeonju mehr Deutsche oder koreanische Studenten zum Deutsch sprechen geben würde. Aber in Jeonju wohnen nur zwei Deutsche. Eine unter denen ist Sandra. Sandra macht den deutschen Stammtisch, dafür bin ich dankbar. Falls meine Frau erlaubt, will ich ein Zimmer in meinem Haus ihr sehr billig vermieten, dann können wir immer Deutsch sprechen. Ein Witz, denn das ist unmöglich. Mein Baby kommt bald zur Welt und braucht ein freies Zimmer. Ich wünsche allen viel Spaß beim Deutsch lernen.
Oh Won-chan
Copyright © 2006 by Sandra Wyrwal