Juni 1997, Kasetsart Universität Bangkok:
Die erste Unterrichtsstunde meines Lebens. Vierzehn neunzehnjährige
Thailänderinnen mit weißen Blusen und schwarzen Röcken, allesamt rosa
Plastikmappen mit ‚Hello Kitty’ auf ihren Beinen, sitzen in einem Kreis vor mir,
als ich die vermeintlich einfache Frage stelle: „Warum studieren Sie eigentlich
Deutsch?“

Schweigen und verlegenes Kichern überall.
„Wir studieren Deutsch, weil wir in der Oberschule ‚Deutsch’ als zweite Fremdsprache hatten,“ versucht Montakan die generelle Situation zu erklären.
„Warum hatten Sie sich denn damals für Deutsch entschieden?“, hake ich nach.
Wieder verlegenes Kichern. „Französisch wurde von viel mehr Schülern gewählt, deshalb war es in den Klassenzimmern immer sehr voll und so heiß“, ergänzt eine andere. Alle lachen.
„Ich studiere Deutsch, weil mein Vater in Deutschland studiert hat und wollte, dass ich Deutsch lerne“, sagt Wijitra.
Prisana, die vom Land kommt, hat einen anderen Grund: „Ich wollte eigentlich Biologie studieren, aber meine Mutter hat das falsche Papier geholt.“ Ich lerne, dass die Anmeldeformulare für ein Universitätsstudium von Deutsch und Biologie beide eine Markierung in der selben Farbe haben.
Zehn Jahre als Deutschlehrer an drei Universitäten in Bangkok, Ho-Chi-Minh-Stadt und Seoul haben eins deutlich werden lassen: Die Wahl für ‚Deutsch’ als Studienfach hat oft ernüchternd pragmatische Gründe. Ein Universitätsabschluss ist – und darin unterscheiden sich Thailand und Vietnam zumindest im grundsätzlichen Prinzip kaum von Korea – die wichtigste Voraussetzung für einen Beruf oberhalb der Mindestlohngrenze, also außerhalb der Fabriken, Kaufhäuser und Restaurants. Für Vietnam heißt das in Geld ausgedrückt, dass man als Erstgehalt statt 30,- Euro etwa 100,- Euro verdienen kann. Monatlich. Was man studiert ist dabei nicht so entscheidend. Jungen wählen in der Regel Technik und Naturwissenschaft, Mädchen vor allem Sprachen. Sowohl in Thailand als auch in Vietnam kommt auf 15 Deutsch-Studentinnen lediglich ein Student. Und der war in Thailand ab und zu auch noch ein Ladyboy. Die Entscheidung für ‚Deutsch’ ist – und das hat mich meine ganzen Berufsjahre eigentlich immer in irgendeiner Form verfolgt – doch eher eine Zufällige als eine Beabsichtigte.
Februar 2001, Universität für Geistes- und Gesellschaftswissenschaften Ho-Chi-Minh-Stadt: Zwanzig Studentinnen in Jeans und T-Shirt drängen sich in engen festgeschraubten Holzbänken. Röcke, die an thailändischen Universitäten ein Muss sind, gibt es hier nicht. ‚Hello Kitty’ auch nicht. In meiner ersten Stunde als DAAD-Lektor in Ho-Chi-Minh-Stadt lerne ich, dass man hier zu diesem Zeitpunkt ‚Deutsch’ gar nicht als Studienfach wählen kann. Zwischen ‚Deutsch’ und ‚Chinesisch’ entscheidet man sich, wenn man bei der Aufnahmeprüfung nicht die 21 Punkte erreichen konnte, die für ‚Englisch’ erforderlich wären. Wer also zwischen 18,5 und 20,5 Punkte hat – und das sind immer noch recht gute Noten – findet sich plötzlich in einem Kurs, in dem man eine Sprache, die man eigentlich gar nicht lernen wollte, von Grund auf neu lernen muss. ‚Englisch’ wird gewählt, weil es die Chance bietet in einer internationalen Firma eine gut bezahlte Anstellung zu finden, ‚Deutsch’, weil es für ‚Englisch’ nicht gereicht hat.
Die
Studentinnen in Vietnam studieren einen vierjährigen Bachelor-Studiengang, der
in den ersten zwei Jahren aus einem Intensivkurs Deutsch besteht und im darauf
folgenden ‚Hauptstudium’ aus Einführungskursen in Linguistik, Literatur und
übersetzen. Außerdem müssen sie sich für eines von drei beruflichen Wahlfächern
entscheiden: ‚Methodik’ für angehende Deutschlehrerinnen, ‚Tourismus’ oder
‚Wirtschaftsdeutsch’ für die anderen. Die fehlenden drei Oberschuljahre
‚Deutsch’, die in Thailand Voraussetzung für das Studium sind, können die
Studenten in Vietnam durch den intensiven Sprachkurs bereits am Ende des ersten
Jahres wieder aufholen. Ein wichtiger Schwerpunkt des Studiums liegt also – im
Gegensatz zu Korea – auf der Sprachvermittlung. Alle Kurse – auch Linguistik und
Literatur – werden tatsächlich auf Deutsch unterrichtet. Das heißt allerdings
nicht zwangsläufig, dass alle Absolventen fließend Deutsch sprechen können. Das
Ergebnis ist in der Tat sehr unterschiedlich. Ein sehr flexibles Prüfungssystem
erlaubt zwar durchaus das Durchfallen, aber eben auch das Weiterstudieren, ohne
die sprachlichen Voraussetzungen dafür zu haben, da die Universität an den
Wiederholungsprüfungen ganz gut verdienen kann. Manche Studenten im 4.
Studienjahr wiederholen Jahr für Jahr immer noch die mündliche Prüfung aus dem
2. Jahr. Die Besten könnten aber am Ende in der Lage sein ‚TestDaF’ zu bestehen,
und das ist ja immerhin schon eine gewisse Leistung.
April 2006, Yonsei Universität Seoul: Es ist kalt im Klassenzimmer. Zwölf Studentinnen und Studenten sitzen mit ihren Winterjacken im Unterricht, zwei haben die Baseballkappe nicht abgesetzt. Auf meine traditionelle Warum-Frage bekomme ich eher vage Antworten, die von ‚Deutsch kann ich schon’ über ein pauschales ‚Interesse an Kultur und Literatur’ bis ‚weiß nicht’ reichen. Als Berufswunsch werden fast durchgängig ‚große Firmen’ genannt. Einige sagen, dass sie hoffen, Deutsch noch brauchen zu können. Einige Studenten antworten nicht. Sie sprechen kaum Deutsch. Andere sprechen fließend, aber sie haben jahrelang in Deutschland gelebt. Wer hier gut Deutsch spricht, lerne ich schnell, hat es nicht hier gelernt. Dem strukturierten Sprachunterricht kommt im Gesamtcurriculum keine sehr große Bedeutung zu. Eine Studentin, die selber jahrelang im Ausland gelebt hat, versucht einige Wochen später die Situation zusammenzufassen: „Was wir hier studieren, ist gar nicht so wichtig, da wir hinterher sowieso in der Firma eingearbeitet werden. Viele von uns interessieren sich nicht sonderlich für Literatur. Weil wir schon Deutsch können, haben wir uns für Germanistik entschieden. So steigen die Chancen auf eine gute Note.“ Studiert wird mit wenigen Ausnahmen auf Koreanisch.
Ein rein literaturwissenschaftlich ausgelegter Studiengang wie in Korea würde in Südostasien schon daran scheitern, dass die Tradition des Lesens auch in der eigenen Sprache nicht sonderlich ausgeprägt ist. Dennoch sind die meisten Deutschstudiengänge zwischen Jakarta und Hanoi in ihrer Struktur eher germanistisch angelegt. Eigentlich zu germanistisch, wenn man bedenkt, welche berufliche Laufbahn die Absolventen hinterher einschlagen. Denn Germanist will hier niemand werden. Trotzdem ist das Studium in diesen beiden Ländern – und da sollte man vielleicht nur die Chulalongkorn Universität in Bangkok ausnehmen – nicht sonderlich akademisch aufgebaut. Das Hochschulzeugnis eröffnet den Schritt auf den Arbeitsmarkt – in der Regel im Dienstleistungsbereich oder auf die Sachbearbeiterebene, im Idealfall ins mittlere Management. Wie baut man unter diesen Umständen einen Deutschstudiengang sinnvoll auf? Diese Frage habe ich mir oft gestellt. Denn idealerweise sollten die Studiengänge in ihrer Ausrichtung doch den Studierenden auch dabei helfen, im Arbeitsleben richtig Fuß zu fassen. Veränderungen in Richtung eher praxisbezogener Studiengänge sind aber auch in Südostasien nur mit großer Mühe durchzusetzen. Das Programm aus Ho-Chi-Minh-Stadt stellt eine gewisse Ausnahme da, weil es erst fünfzehn Jahre alt ist. Und auch hier kostete jeder Veränderungsvorschlag Jahre, bis er genehmigt wurde.
Das Kollegium in Ho-Chi-Minh-Stadt war extrem jung, zwischen 23 und 32 Jahre. Ich war der älteste. In Thailand und Korea war, bzw. bin ich der Jüngste. Als ich Vietnam verließ, waren – mit drei Ausnahmen – alle Kollegen ehemalige Studenten von mir gewesen. Wer zu den Besten der Klasse gehörte, konnte nach dem Bachelor-Abschluss und einem weiterführenden Methodikkurs am Goethe-Institut in Hanoi entweder direkt am GI oder an einer der Deutschabteilungen der Universitäten als Dozent anfangen. Zunächst im Sprachunterricht, in den Unis später auch im Fachunterricht. Die jungen vietnamesischen Sprachlehrerinnen sind hochmotiviert und immerhin in der Lage, einen rein-deutschsprachigen Unterricht nach allen Regeln der kommunikativen Methode zu geben, mit viel Phantasie und Engagement vorbereitet und von den Lernenden dankbar angenommen. Nach zwei Jahren versuchen Sie in der Regel ein Stipendium für einen DaF-Master-Studiengang in Deutschland zu bekommen. Auch wenn Hochschullehrer mit kaum mehr als 100,- Euro Startgehalt und wenig Aufstiegsmöglichkeiten vergleichsweise wenig verdienen, so ist das soziale Ansehen einer solchen Position doch so hoch, dass jeder gerne dort anfangen möchte.
Nach dem Abschluss finden etwa 60% der Absolventen eine Arbeit, die mit Deutsch zu tun hat. Allerdings nicht unbedingt in den Firmen mit den klangvollen Namen, von denen sie vorher oft geträumt haben. Wer bei Mercedes oder Siemens anfängt, spricht bei der Arbeit allenfalls Englisch. Das vielzitierte ‚Englisch ist ein Muss, Deutsch ein Plus’ hat tatsächlich mehreren meiner Studentinnen in Bangkok eine Stelle als Chefsekretärin beschert, weil es in gewissen Positionen eben doch von Vorteil ist Deutsch zu können. Die meisten Arbeitsmöglichkeiten bieten kleinere bis mittelständische Firmen, in denen oftmals ‚Allroundjobs’ von der Sekretärin bis zum Marketing angeboten werden. Die spannenderen Aufgaben sind das allemal. Während die Studentin bei Mercedes nur am Empfang sitzt, ist Nhung in einer Fabrik für Gartenmöbel ‚Mädchen für alles’. Und meine ehemalige Studentin Bich Phuong hat als Produktionsleiterin in einer deutschen Datenverarbeitungsfirma in Vietnam bereits wenige Monate nach ihrem Uni-Abschluss die Verantwortung über mehr als hundert Angestellte. Ihre Firma ist ein Glücksfall, finden hier doch zahlreiche Ehemalige, ganz egal ob mit oder ohne Studienabschluss, in den verschiedenen Bereichen eine Arbeit, durchaus mit Aufstiegsmöglichkeit. Die Schwächeren beaufsichtigen nicht deutschsprechende Typisten beim Abtippen handgeschriebener Karteikarten deutscher Provinzbibliotheken, die hier digitalisiert werden. Nicht jeder Beruf ist folglich interessant. Manche Ehemaligen haben bereits nach fünf Monaten den dritten Job, weil es zu langweilig war – immerhin jeweils in deutschen Firmen. Viele kommen auch in Reisebüros unter. Der Tourismus ist eine Branche, die stark boomt in Vietnam. Reiseleiter waren bisher vor allem nordvietnamesische ehemalige Facharbeiter in der DDR. Junge, gut sprechende Reiseleiterinnen werden dringend gebraucht.
Noch Jahre nach meinem Weggang aus Thailand schenkt mir ein THAI-Steward auf dem Flug nach Bangkok zwei Flaschen Wein, weil er bei uns an der Abteilung studiert hat. Ein anderes Mal spricht mich am Lufthansa Gepäckband des Bangkoker Flughafens Supalak, eine ehemalige Studentin, an. Sie ist im Customer Service für die ankommenden Fluggäste zuständig. Viele ihrer Klassenkameraden wären bei Lufthansa untergekommen. Beim Einchecken in ein renommiertes Bangkoker Luxushotel im Rahmen einer DAAD-Bildungsmesse begrüßt mich meine Studentin Prisana überrascht an der Rezeption. Sie erzählt mir, dass der größere Teil der Klassenkameraden in einer deutschen Firma arbeitet, einige sind Hausfrauen, zwei haben deutsche Männer geheiratet. Was aus Bunsom geworden ist, der großgewachsenen Chinesin, die immer Falkenröcke trug und deren Gesichtsausdruck jede Minute widerspiegelte, wie sehr sie ihr Studium hasste, erfahre ich nicht.
In Vietnam lerne ich den Unterschied zwischen ‚Deutsch studieren’ und ‚Deutsch lernen’: Als so genannter IC-Lektor leite ich neben meiner Lehrtätigkeit an der Uni auch noch das DAAD-Informationszentrum, eine Art Studienberatungsagentur für Vietnamesen, die in Deutschland studieren wollen. Manchmal empfinde ich meine Arbeit wie einen ungeheuren Spagat. Auf der einen Seite die intensive Arbeit mit den Studierenden der Deutschabteilung, die allerdings trotz engagierter, mehrjähriger Beschäftigung mit deutscher Landeskunde und Literatur nur in den wenigsten Fällen jemals nach Deutschland kommen werden. Auf der anderen Seite die kurzen Beratungsgespräche mit Studierenden anderer Fächer, die nebenher (und oft viel schneller) am Goethe-Institut oder privaten Sprachschulen Deutsch lernen und später ein Studium in Deutschland aufnehmen können. Irgendwie ist das etwas paradox. Wer hier Deutsch lernt, studiert in Deutschland. Wer hier Deutsch studiert, bleibt in Vietnam.
Vielleicht sollten alle besser Deutsch ‚lernen’ und nicht ‚studieren’. Interesse besteht auch von Seiten einiger deutscher Hochschulen, die deutsch sprechende Techniker für ihre Masterstudiengänge suchen. Nach Hannover zum Beispiel. In Hanoi hat die TU Dresden sich jahrelang bemüht, eine so genannte ‚Ausgründung’, nämlich einen deutschen Studiengang in Vietnam, zu etablieren. Wer dort einen Master besuchen will, muss vorher Deutsch lernen – parallel zum Bachelor-Kurs, und unterrichtet an der vom DAAD geführten Sprachschule an der Technischen Universität. 80 Prozent der Teilnehmer konnten neben ihrem BA in Mechatronic am Ende des 4. Studienjahres die ‚TestDaF’ Prüfung bestehen. An der Deutschabteilung hätten keine 80% diese Prüfung bestehen können. Und das obwohl sie ‚nur’ Deutsch studiert haben. Oder eben weil sie ’Deutsch’ studiert haben. Einige deutsche Universitäten würden gerne ähnliche Programme in Korea eröffnen, das scheitert aber bislang an den fehlenden Möglichkeiten wirklich bis auf ein hohes Niveau intensiv Deutsch zu lernen.
November 2006, Yonsei Universität Seoul: Es wird wieder kalt. Die Mäntel kommen zurück in den Unterricht. Dieses Semester habe ich Glück. Das Niveau meiner Studenten ist fast durchweg im Mittelstufenbereich. Starke Leistungsunterschiede wie im letzten Semester kommen diesmal nicht vor. Wo denn jetzt die Studenten besser wären, werde ich oft gefragt. In Thailand, in Vietnam oder in Korea? Die Frage ist kaum zu beantworten. Mit der Gruppe, die ich momentan in Konversation unterrichte, kann ich nahezu problemlos auf Deutsch kommunizieren. Diskussionen auch über anspruchsvolle Themen sind kein Problem. Sie sind sprachlich sicher besser als die Vietnamesinnen. Aber, sie haben bereits in Deutschland gelebt. Richtig vergleichen lässt es sich eben nicht.
Was mich vor allem in Vietnam besonders beeindruckt hat, war, wie sehr sich einige der Studentinnen doch mit ihrem oft eher unfreiwillig gewählten Fach identifizieren konnten. Wie fleißig und in vielen Fällen auch gerne sie die Sprache gelernt haben, obwohl die Perspektiven nicht allzu rosig waren. ‚Deutsch’ und die Deutschabteilung wurde für manche eine Art geistiges Zuhause. Und in vielen Fällen hat es sich doch gelohnt. Auch wenn ihre Gehälter in unseren Augen noch so bescheiden aussehen, so verdienen viele von ihnen bereits mit ihrem ersten Gehalt deutlich mehr als ihre Eltern.
Copyright © 2006 by Henning Hilbert