Michael Menke

Vorwort


Gibt es noch eine Perspektive oder eine Zukunft für Deutsch in Korea? Oder ist Deutsch nur noch etwas für eine einsame, kleine Minderheit (siehe unser Titelbild)? Allenthalben, besonders in der koreanischen Germanistik, werden seit mehreren Jahren Klagelieder angestimmt, dass immer weniger Schüler und Studenten Deutsch lernen, dass junge Leute keinen Sinn und keine Verwertbarkeit mehr in dieser Sprache sehen und sich bei  der Wahl der zweiten Fremdsprachen lieber für Japanisch oder Chinesisch entscheiden. Natürlich sind die Zahlen zurückgegangen, das lässt sich anhand konkreter Statistiken feststellen. Dennoch beschäftigen sich heute immer noch ca. 60.000 Schüler und fast 8.000 Studenten in Korea mit Deutsch, und das ist für ein Land, so weit entfernt von Europa, enorm viel. Aber gibt es eine Aussicht, später mit dem erworbenen Wissen ins Berufsleben einzusteigen?

Wir haben in dieser Ausgabe der „DaF-Szene Korea“ versucht, ein breites Spektrum von Personen, Firmen und Institutionen in Korea vorzustellen, die trotz allen Unkenrufen noch etwas mit der deutschen Sprache zu tun haben, Studenten, Absolventen, Privatpersonen, Geschäftsleute ...

Anfangs hatten wir die Befürchtung, dieses Heft nicht vollzubekommen, aber dann stießen wir auf überraschend viel „Deutsches in Korea“. (Thematisch reiht sich diese Ausgabe damit ein wenig an die Nummer 17, Mai 2003, an, ein paar kleine Wiederholungen sind unvermeidbar, aber andererseits ergänzen sich auch die beiden Hefte)

Wir haben uns bei den Befragungen auf die Sprache Deutsch konzentriert, nicht auf das Fach Germanistik. Denn Deutsch wird in Korea, das zeigt sich in den Texten, natürlich auch von anderen Personen oder Gruppen gelernt oder verwendet. Allerdings ist die universitäre Ausbildung in Deutsch weitgehend Monopol der Germanistik-Abteilungen, und damit sind diese natürlich das Ziel unserer Vorschläge, was man vielleicht ändern oder ausbauen sollte.

Auch heute noch haben viele, besonders die ältern Germanisten in Korea, ein Ideal der Bildung, das aus einer vergangenen Zeit herrührt, die bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts hineinreicht. Bei der Beamtenprüfung „Kwago“, die bis zum Ende des Choson-Reiches durchgeführt wurde, und auch in den alten Schulen Koreas wurde kein Fachwissen abgefragt oder vermittelt, sondern es ging um Lyrik, um das Interpretieren (chinesischer) literarischer Texte und um Kalligraphie. Diese Bildung war  nicht „marktorientiert“, sondern „schöngeistig“ ausgelegt. Man studierte etwas, weil es „schön“ war und vielleicht auch die eigene Persönlichkeit formte. Dieser Begriff der Bildung lässt sich heute vielleicht noch auf einige künstlerische Fächer wie Tanz und Malerei anwenden, aber schon bei der Musik sind in Korea eher handfeste pekuniäre Faktoren vorherrschend, und in der Germanistik haben stark sinkende Studentenzahlen gezeigt, dass solch eine klassische Bildungsform immer weniger gefragt ist.

Klassische Bildung in Korea war dem Adel (Yangban), den wohlhabenderen Schichten oder eben den „Liebhabern“ vorbehalten. Heute ist der Prozentsatz der jungen Menschen, die eine Oberschule und später eine Universität besuchen, ungleich größer. Ausbildung für viele involviert aber auch immer den Staat, der große Summen für Ausbau von Schulen und Hochschulen zahlen muss. Damit erscheint eine Forderung nach Verwertbarkeit des gelernten Wissens aus dieser Ausbildung unabdingbar.

Besonders die koreanischen Eltern der Schüler und Studenten tendieren zu einer „Ausbildung“, also einem zweckgerichteten Unterricht. Nicht zufällig sendet man den Nachwuchs für teures Geld bis in die späte Nacht auf so genannte Hagwons, in denen der Unterrichtsstoff noch einmal gründlich eingepaukt wird, schickt sie in die USA, nach Kanada oder Australien und manchmal selbst nach Deutschland, damit sie dort profitorientiert lernen und studieren. Es lässt sich nicht verleugnen: Ausbildung hat in Korea ein Ziel, und dieses Ziel ist eine gute Schule, eine gute Universität, berufliche Karriere und Wohlstand. Aber der Wettbewerb ist hart, und viele müssen lange warten, ehe sie irgendwo, oft nicht in dem gewünschten Berufsfeld, unterkommen können.

Universitäten und die Professoren sollten diese Ausbildungsziele stärker beachten. Es geht nicht darum, die Germanistik in Korea abzuschaffen, denn auch bei etlichen jungen Leuten (siehe einige unserer Interviews) war der Grund, warum man sich mit Deutsch befasst hat, das Interesse an Deutschland oder an deutscher Literatur. Aber man sollte auch einige Punkte ins Curriculum und in die Lehrpläne einbauen, die später wichtige Hilfen dafür sind, den Schritt von der Hochschule ins Berufsleben zu schaffen: die Möglichkeit, eine Sprache (hier Deutsch) bis zu einem relativ hohen Niveau zu lernen, neben der Literatur auch andere Aspekte des deutschsprachigen Raums kennen zu lernen (Landeskunde, Gesellschaft, Kultur, verbunden mit der Förderung von Aufenthalten im Zielland). Vielseitigkeit und Flexibilität der Arbeitskräfte sind Anforderungen der Wirtschaft eines Landes, das vom Export und vom Handel lebt und auf Innovationen jeglicher Art angewiesen ist. Sowohl deutsche Firmen in Korea als auch koreanische Firmen, die mit dem Ausland zu tun haben, fordern das mehr und mehr von ihren Mitarbeitern. Sprachen (besonders gutes Englisch und weitere fachliche Qualifikationen, Deutsch zählt gewiss dazu) und Fachwissen werden gefordert, so das Ergebnis unserer Umfrage bei Unternehmen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Man möchte Fachleute und ist froh, wenn diese dann auch Deutsch können.

Es zeigt sich, dass es auch heute noch etliche Koreaner gibt, die Deutsch gelernt haben und später etwas damit anfangen konnten. Erkennbar ist auch, dass auf der Seite der Wirtschaft Deutsch nicht abgelehnt wird (wie oft befürchtet oder behauptet), sondern als zusätzliche Qualifizierung gern angenommen wird. Es zeigt sich aber auch, dass „schöngeistige Ausbildung in Deutsch“ oder eine Germanistik, die auf alten Bildungsidealen beruht und keine Innovationen zeigt, keine Perspektive hat.


Copyright © 2006 by Michael Menke


DaF-Szene Korea Nr. 24

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