Martin Praxenthaler

Deutsch und Tao


Eines will Ryu Eunhee bei unserem Treffen im wahrscheinlich schönsten Café von Daejeon, einem parkähnlichen Garten mitten in der Innenstadt, gleich klarstellen: „Von uns Übersetzern wird nicht verlangt gläubig zu sein.“ Seit drei Jahren arbeitet die gelernte Germanistin für Jeung San Do, eine „koreanische Volksreligion“, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts während des koreanischen Bauernaufstands und des chinesisch-japanischen Krieges ihren Ursprung nahm. Gemeinsam mit zwei koreanischen Kollegen, die wie sie in Deutschland promoviert haben, hat sie die rund 900 Seiten starke „Heilige Schrift“ des Jeung San Do ins Deutsche übersetzt. Im Jahr 2004 wurde das Werk auf der Frankfurter Buchmesse der deutschen und internationalen Öffentlichkeit vorgestellt. Neben der deutschen Fassung liegen bereits Übersetzungen ins Englische, Französische, Spanische sowie ins Chinesische und Japanische vor, eine ins Russische ist in Arbeit. Seit Abschluss der eigentlichen Übersetzung füllen nun Korrekturen und Ergänzungen im Hinblick auf eine kritische Auflage den Arbeitstag von Ryu Eunhee, die Übersetzung von weiteren Schriften ist für die Zeit danach geplant.

Auf die Frage, ob sie schon als Abiturientin Germanistin werden wollte, muss sie lachen. „Nein, eigentlich wollte ich Anglistik studieren“, doch die Messlatte dafür lag zu hoch. Eine Philologie sollte es aber dennoch sein, und so entschied sie sich – nachdem sie sich von einer Freundin für Kant und Kafka hatte begeistern lassen, – für ein Germanistikstudium in Busan, ihrer Heimatstadt. Ein heute noch bestehender Kooperationsvertrag zwischen der Dong-A-Universität und der Universität München, der den Austausch von zwei Studenten pro Jahr vorsieht, brachte sie schließlich für ein Jahr an die Isar, wo sie es bis zum Kleinen Deutschen Sprachdiplom brachte.

Doch Deutschland ließ sie nicht los, und so ging sie nach ihrem Master-Abschluss wieder nach Bayern, diesmal nach Augsburg mit einem Stipendium des Katholischen Akademischen Auslandsdienstes. Aus einem geplanten Jahr wurden sieben; in Augsburg lernte sie ihren Mann kennen, brachte ihre Tochter zur Welt und promovierte über Thomas Bernhards Prosa unter dem Titel „Auflösung und Auslöschung“. Nach einem Postdoc-Stipendium an der Gyeongbuk National-Universität in Daegu ging sie für zwei Jahre als Research Professorin wieder an die Dong-A Universität in Busan. Neben ihrer Forschung über die Autobiographie übersetzte sie in dieser Zeit germanistische Fachbücher, H. Höllers Rowohlt-Monographie über Thomas Bernhard, dessen Roman „Auslöschung“ und das Theaterstück „Abendlandleben oder Apollinaires Gedächtnis“ von Gisela von Wysocki ins Koreanische – doch der Ruf auf eine Professur blieb in Zeiten schrumpfender Germanistikabteilungen aus. Hinzu kam die Belastung durch das Pendeln zwischen Busan und Daejeon, wo sie sich inzwischen mit ihrer Familie niedergelassen hatte.

Das Angebot des Jeung-San-Do-Instituts, dort als Übersetzerin zu arbeiten, und die Aussicht auf geregelte Arbeitszeiten in ihrer neuen Heimat Daejeon kamen ihr deshalb wie gerufen, auch wenn ihr der Abschied von ihrer Tätigkeit als Wissenschaftlerin gewiss nicht leicht fiel. Eine solide akademische Ausbildung und vor allem profunde, überwiegend in Deutschland erworbene Sprachkenntnisse können also auch Germanisten in Korea durchaus anspruchsvolle berufliche Möglichkeiten eröffnen. Ein Germanistikstudium würde sie allerdings ihrer Tochter nicht unbedingt raten – in ein deutschsprachiges Land zu gehen und Deutsch zu lernen aber auf alle Fälle.


Copyright © 2006 by Martin Praxenthaler


DaF-Szene Korea Nr. 24

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