Thomas Schwarz

Fröhliche Kulturwissenschaft oder Rephilologisierung?

Bericht zur Konferenz über kulturwissenschaftliche Germanistik in Asien Asiatische Germanistentagung (28.-31.8., Seoul National University, Südkorea)


Die Asiatische Germanistentagung fand dieses Jahr an der Seoul National University (SNU) in Südkorea statt. Teilgenommen haben insgesamt 270 Wissenschaftler, darunter allein 160 aus Korea. Weitere 46 Referenten kamen aus Japan und 15 aus China. Angereist waren aber auch Germanisten aus einem Dutzend europäischer Länder und vereinzelte Teilnehmer aus Kanada und Marokko, dem Iran, Israel, der Türkei, Thailand und Taiwan. Am Eröffnungstag begrüßte Sam-Huan Ahn (SNU) die internationalen Gäste mit einem Hinweis auf einen überraschenden Fund in Goethes Tagebuch vom 7.7.1818, in dem der Dichterfürst eine »Reise nach der Westküste von Corea« erwähnt. Zwar hat er sich nicht selbst auf den Weg gemacht, doch hat er sein Interesse für die Fremde dokumentiert, indem er eine Reisebeschreibung des englischen Marineoffiziers Basil Hall ausgeliehen hat.

Den Eröffnungsvortrag hielt der Komparatist Henrik Birus (International University Bremen). Gegen die von ihm befürchtete Nivellierung der Literatur- zu allgemeinen Kulturwissenschaften bot er von Karl Lachmann über Friedrich Nietzsche bis Walter Benjamin eine Reihe von Gewährsmännern für die Forderung nach einer Re-Philologisierung auf. Sie richtete sich gegen ein Konzept von Kulturwissenschaft, das auf dieser Konferenz von Herbert Arlt (Institut zur Erforschung und Förderung österreichischer und internationaler Literaturprozesse, Wien) anhand eines Projekts zur weltweiten Erforschung der Namen von Bergen vorgestellt wurde. Die ostasiatische Germanistik hat gewichtige Bausteine zu dieser Internetplattform beigetragen. Der Artikel zu den chinesischen Bergen stammt von Zhang Yushu (Beijing-Universität), der zu den japanischen von Naoji Kimura (derzeit Universität Regensburg) und der zu den koreanischen von Han-Soon Yim (SNU). Sie alle gehören auch zum Kreis derjenigen, die dem Projekt der Asiatischen Germanistentagung langfristig engagiert verbunden sind. In einer Reihe von Plenarvorträgen wurde richtungweisend aus verschiedenen Ländern und Teildisziplinen der Germanistik berichtet. So umriss Jianhua Zhu (Tongji-Universität) die Perspektiven der germanistischen Linguistik in China. Teruaki Takahashi (Rikkyo-Universität, Tokyo) stellte in seinem Vortrag die friedenspolitische Funktion einer als Kulturkomparatistik betriebenen Germanistik heraus.

Referiert und diskutiert wurde auf der Konferenz in acht verschiedenen Sektionen. Von der Erinnungs- bis zur Geschlechterproblematik wurden dabei weite Felder der Kulturwissenschaft aufgerollt. In der Sektion >Textualität und Performativität< präsentierte Michael Mandelartz (Meiji-University, Tokyo) Novalis als politischen Romantiker. Er arbeitete heraus, wie Novalis in Klingsohrs Märchen den zeitgenössischen Diskurs über die Elektrizität und die Forderung nach einem »mystischen Souverän«, einem Dichter-König, eingeflochten hat. Kai Köhler (SNU) wandte sich Bearbeitungen von Kleists Erzählungen und Dramen auf dem Musiktheater zu. Obwohl ein Akt von Kannibalismus szenisch nicht so leicht darstellbar ist, schaffte es im Zusammenhang mit den Erfolgen der Frauenemanzipation 1927 sogar die Penthesilea in einer Vertonung von Othmar Schoeck auf die Opernbühne. Die vielleicht erfolgreichste Kleist-Oper war jedoch Werner Egks Verlobung von San Domingo von 1963, die in mahnender Erinnerung an den Rassenwahn der Nazis zur Versöhnung der verfeindeten Parteien von Kleists Kriegsnovelle aufruft. Birgit Mersmann (Universität Basel, früher SNU) stellte Roland Barthes Kritik des westlichen Alphabetozentrismus und seine Hinwendung zu einem Ideographismus vor, einer lustvollen Verbindung von Schrift und Bild, wie sie vor allem in seinem Japan-Buch Das Reich der Zeichen zum Ausdruck kommt. In der Sektion >Kultur im DaF-Unterricht< zeigte der ehemalige Sportjournalist Mario Kumekawa (Keio-Universität, Tokyo), wie man mit Materialien zum Thema Fußball Studenten zum Lernen der deutschen Sprache motivieren kann.

In der von mir hauptsächlich besuchten Konferenzsektion mit dem Titel »Alterität und Interkulturalität« bildete philologisches Handwerk selbstverständlich die disziplinäre Basis aller Vorträge. Sylvia Bräsel (Universität Erfurt) referierte hier über Korea-Bilder in der deutschen Reiseliteratur aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ihr Vortrag führte von dem Bildjournalisten Rudolf Zabel, der 1906 einen eher reißerisch aufgemachten Bericht von seiner Hochzeitsreise durch Korea während des Russisch-Japanischen Krieges publizierte, bis zu Herman Lautensach, der zur koreanischen Landeskunde ein wissenschaftlich grundlegendes Werk verfasst hat. Mihaela Zaharia (Universität Bukarest) wartete mit imagologischen Betrachtungen zum Reisetagebuch des aus Deutschland vertriebenen jüdischen Philosophen Karl Löwith auf, der von 1938-41 im japanischen Sendai unterrichtet hat. Seine ambivalent-ironischen Auslassungen über »watschelnde« Japanerinnen kann man nicht anders als herabsetzend nennen. Wie groß die Bedeutung der türkischstämmigen Autorin Emine Sevgi özdamar für die deutsche Migrationsliteratur ist, wurde deutlich, als ihr Werk gleich in drei Vorträgen ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt wurde, bei Keiko Hamazaki (Kobe-Universität), Thomas Pekar (Gakushuin-Universität, Tokyo) und Yun-Young Choi (SNU).

Im Rahmen einer Podiumsdiskussion wurden auf dieser Tagung auch Fragen zur Curriculumsentwicklung und zu den Berufsperspektiven für asiatische Germanistikstudenten aufgeworfen. Jörg Roche (Ludwig-Maximilians-Universität, München) erläuterte exemplarisch den Aufbau von Bachelor- und Masterstudiengängen in Deutschland. Er nutzte die Gelegenheit, um das Internet-Portal für Deutschlernende DUO (Deutsch-Uni Online), das zusammen mit dem TestDaF-Institut Hagen an seiner Universität entwickelt worden ist, zu bewerben. Hyung-Uk Shin (Hankuk University of Foreign Studies, Seoul) kritisierte, dass das Studium der deutschen Sprache in Korea in der Regel nicht auf eine Tätigkeit in der Wirtschaft vorbereite. Wenn eine Firma Mitarbeiter mit Deutschkenntnissen suche, verlange sie effektiv verwertbare Sprachkenntnisse, über die Germanistik-Studenten nicht verfügten. Yuquin Wei (Fudan-Universität, Shanghai) verwies auf die Erfolgsgeschichte der Germanistik in China, die von 20 Abteilungen im Jahr 1992 auf derzeit 60 ausgebaut worden sei. Doch gerade die Expansion der Germanistik hat auch dazu geführt, dass ein Überangebot entstanden ist. Auf dem Arbeitsmarkt ist es für die chinesischen Absolventen eng geworden. Die Situation in Japan bilanzierte Ryozo Maeda (Rikkyo-Universität, Tokyo). Hier würden 90% der germanistisch ausgebildeten Hochschullehrer Deutsch als zweite Fremdsprache unterrichten, nur 10% seien an Germanistik-Abteilungen tätig. Für 90% der Studienabgänger sei Deutsch im Berufsleben irrelevant.

Die nächste Tagung wird im August 2008 in Kanazawa an der japanischen Westküste stattfinden. Sie bietet auch den deutschsprachigen Universitätslektoren in Korea eine gute Gelegenheit, durch Vorträge und Diskussionsbeiträge auf ihr Engagement in der asiatischen Germanistik aufmerksam zu machen und sich besser zu vernetzen.

Hinweis: Bei diesem Artikel handelt es sich um die Kurzfassung eines Konferenzberichtes, der für den Abdruck in der nächsten Edition der "German Studies in India. Aktuelle Beiträge aus der indischen Germanisti/Germanistik in Indien" vorgesehen ist.

Autorenhinweis:

Thomas Schwarz: Studium der Fächer Deutsch und Geschichte in München und Berlin (Staatsexamen). Von 1998 bis 2003 DAAD-Lektor an der Keimyung University/Daegu. 2005 Promotion an der Universität Dortmund mit einer Arbeit über den österreichischen Expressionisten Robert Müller. Seit Ende 2005 DAAD-Lektor an der University of Pune/Indien. Arbeitsgebiete: Exotismus, Postkolonialismus.


Copyright © 2006 by Thomas Schwarz


DaF-Szene Korea Nr. 24

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