Michael Menke

Die Stadt, der Müll und Deutsch


Zu dieser Geschichte muss ich zunächst etwas ausholen.

In Korea wird seit einigen Jahren der Müll getrennt. In Deutschland wird auch der Müll getrennt und zwar ganz penibel. Und in jedem koreanischen Deutsch-Lehrbuch, besonders in denen für die Oberschulen, gibt es garantiert ein Kapitel „Mülltrennung in Deutschland“. Man kann also sicher sein, dass Deutschland, wie bei der Wiedereinigung, da ein Vorbild für Korea ist.

Die Mülltrennung heute, zumindest in dem „Gu“ von Seoul, in dem ich wohne, wird in grünen Netzen vollzogen. In das eine Netz kommen Glasflaschen, in das andere Folien, ...

Das ist heute, früher war das etwas anders, und jetzt komme ich auch bald zur Geschichte.

Früher kam jeden Samstag um 6.45 der Recycling-Müll-Sammel-Lastwagen vom Bezirksamt. Das war ein grüner Laster mit einer großen grünen Kippe, ebenso grün, wie heute die Netze. Weil aber der normale Koreaner, wenn er am Samstag nicht arbeiten muss, lieber ausschläft, war dieser Lastwagen neben einer großen grünen Kippe mit zwei großen grünen Lautsprechern ausgestattet. Und aus diesen erklang, sobald er in eine Wohnstraße einbog, eklatant laute Marschmusik. Ich kann mir an dieser Stelle den Hinweis nicht ersparen, dass Deutsche, die sich über diese Marschmusik beschweren sollten, darauf hingewiesen seien, dass sie als Deutsche quasi selbst daran schuld sind, denn der deutsche Hofkapellmeister Franz Eckert hat diese Musik samt notwendigen Instrumenten 1902 nach Korea gebracht (siehe DaF-Szene Korea Nr. 17).

Wenn nun diese Marschmusik erklang, wurden alle in der Straße wach, und aus jedem Haus, aus jeder Wohnung, aus jeder Familie, wurden ein oder zwei Abgeordnete herausgeschickt, um die leeren Glas- oder Plastikflaschen, Folien und Papiermüll abzugeben. Dann gesellte man sich um den Lastwagen. Bedienstete der Bezirks-Müll-Verwaltung hielten große Plastiksäcke auf, und in diese warf man, nach Material getrennt, seinen Recycling-Müll.

Meine Frau schläft am Samstag gern länger, und so fiel die Wahl des Müll-Delegierten auf mich. Ich schlafe am Samstag zwar auch gern länger, aber in Korea haben die Frauen das Sagen. War ich vorher in meiner Straße vielleicht noch nicht so bekannt, wurde ich es von da ab, denn ich bin der einzige Niedersachse, der einzige Deutsche, der einzige Europäer UND überhaupt der einzige Ausländer hier. Und nun war ich der einzige männliche Ausländer, der am Samstagmorgen um 6.45 leere Flaschen in die Säcke warf. Jede Flasche war für die Mitbewohner meiner Straße übrigens ein Stück Landeskunde, denn nun wussten sie, was ein Deutscher in der Woche so trinkt. (Nach Partys mit Freunden habe ich es irgendwann vorgezogen, die leeren Flaschen in meine Uni mitzunehmen und dort in den Müll zu werfen).

So, und jetzt komme ich wirklich zur Geschichte, die aber eigentlich ganz kurz ist: Nach etwa einem Monat trat eine ältere Dame, die ich inzwischen von den vergangen Samstagen vom Sehen her kannte, an mich heran, und sagte mir in nahezu perfektem Deutsch „Guten Morgen. Sie kennen das natürlich sehr gut!“ Ich habe gleich gewusst, was sie meinte! Sie, lieber Leser, auch? Wenn Sie den Text oben genau gelesen haben, werden Sie auch sofort die richtige Reihe von Schlüsselwörtern herunterrattern:

ordentlicher Ausländer = Deutscher = die machen immer Mülltrennung

Ein Koreaner oder eine Koreanerin würden diese Schlüsselwörter etwas abgewandelt formulieren: ordentlicher Ausländer = Deutscher = der die das des dem den ich liebe dich = Mülltrennung

So ist es! Die ältere Dame hatte in ihrer Jugend einige Jahre auf der Oberschule Deutsch gelernt, es seitdem aber nie mehr verwenden, und nun, Dank sei der deutsch-stämmigen Seouler Mülltrennung, endlich anwenden können.

Den grünen Lastwagen mit der Marschmusik gibt es nicht mehr. Nicht „... leider nicht mehr“! Denn ich schlafe gern am Samstag aus. Heute gibt es die grünen Netze, die man schon am Freitagabend einfach vor die Tür legen kann. Die ältere Dame sehe ich aber hie und da, und dann halten wir den klassischen Dialog aus Lektion 1 ab: „Guten Tag!“ „Guten Tag!“ „Wie geht es Ihnen?“ „Danke, gut, und Ihnen?“ „Danke, auch gut!“ „Auf Wiedersehen!“ „Auf Wiedersehen!“


Copyright © 2006 by Michael Menke


DaF-Szene Korea Nr. 24

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