Das Büro im obersten Stock eröffnet prächtige Blicke auf den Hafen und den Busan Tower, eine etwas kleinere Ausgabe des Turms auf dem Namsan in Seoul, gleich unten läuft eine der großen Verkehrsachsen zum Bahnhof. Neben dem schweren Ledersofa steht eine Bundesflagge, von oben lächelt etwas verkniffen der Bundespräsident. Im Vorzimmer erklärt Frau Jin geduldig einem Anrufer auf Deutsch, was er für einen Visumantrag alles mitbringen muss. Wir sind in den Räumen des Honorarkonsuls der Bundesrepublik Deutschland und des Goethe-Zentrums in Busan.
„Der Honorarkonsul“ Frau Kim Jung-Soon führt uns nicht ohne einen gewissen Stolz durch ihr erst im Mai dieses Jahres eröffnetes „German Building“: Im 6. und 7. Stock sind jeweils zwei mit aller modernen Technik ausgerüstete Unterrichtsräume untergebracht, das Stockwerk darunter ist für größere Versammlungen gedacht, natürlich mit kompletter Bestuhlung und Projektor. Außerdem ist eine Bibliothek im Aufbau, die Getränkeautomaten sind aufgestellt, es fehlen eigentlich nur noch die Liegestühle auf der Dachterrasse. Kim Jung-Soon ist aber nicht nur die deutsche Honorarkonsulin und Direktorin des Goethe-Zentrums, sondern auch Inhaberin eines mittelständischen Unternehmens. Und so ist es tatsächlich ihr Gebäude, das sie nach ihren Vorstellungen in Auftrag gegeben hat. Und dazu gehörte eben nicht nur die Unterbringung der deutschen Vertretung, sondern auch die Wiedereröffnung eines deutsches Sprach- und Kulturzentrums in Busan – ein durchaus mutiges und bemerkenswertes Bekenntnis zur deutschen Sprache. Auf die Frage, warum sie in die – vorsichtig ausgedrückt – im Moment nicht übermäßig boomende Fremdsprache Deutsch investiert, antwortet sie ohne zu zögern: „Ich habe so viel von Deutschland profitiert und so viele gute Erfahrungen gemacht, da möchte ich Deutschland etwas zurückgeben.“
Honorarkonsulin Kim Jung-soon (Foto: Kim Jung-Soon)
Gut 40 Jahre sind es nun her, dass sich die damals ganz junge Kim Jung-Soon auf eine Zeitungsannonce meldete, in der Krankenschwestern für Deutschland gesucht wurden. Sie wollte sowieso gerne einmal ins Ausland und von den Deutschen hatte sie nur Gutes – die bekannten Tugenden eben – gelesen und gehört. Außerdem konnte sie etwas Deutsch von der Oberschule und nicht zuletzt war sie gerade durch die Aufnahmeprüfung für die Krankenpfleger-Ausbildung gefallen – keine schlechten Voraussetzungen also, sich auf das Abenteuer Deutschland einzulassen. Ende Oktober 1966 fing sie an der Uniklinik in Bonn an. Und was sie dort zu sehen bekam, hat einen bleibenden Eindruck gemacht: Die Patienten aßen alles auf und blieben nur ungern im Bett, ihre deutschen Kolleginnen putzten nicht nur ausgiebig, sondern auch mit System und streng nach Plan. Einmal pro Woche bekam sie anfangs Deutschunterricht von der „Frau Oberin“, danach besuchte sie vor den Nachtschichten Sprachkurse an der Bonner Universität.
Eigentlich wollte sie ja in Deutschland eine richtige Ausbildung zur Krankenschwester machen, doch nach zwei Jahren Lehre und insgesamt fünf Jahren Deutschland drängte die Familie sie, wieder nach Korea zu kommen. Ein Ausbildungsplatz an der Katholischen Universität in Busan war auch schon organisiert, und so willigte Kim Jung-Soon schließlich ein. Doch sie kam nur vorübergehend von Deutschland los: Bald nach ihrem Abschluss suchte die Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) – Südkorea wurde damals noch als Entwicklungsland eingestuft – für ein Projekt eine deutschsprachige Sekretärin, und so hängte die junge Krankenschwester ihren Beruf auch schon wieder an den Nagel. Nachdem die Projekte Ende der 1970er Jahre ausgelaufen waren, heuerte sie bei einem Hamburger Schiffsausrüster an. Wegen diverser Steuer- und Finanzprobleme musste sich die Firma jedoch aus Korea zurück ziehen, eine Gelegenheit für Kim Jung-Soon und ihren Mann, die Vertretung in Korea zu übernehmen. 1984 konnten sie sogar eine eigene Produktion in Busan eröffnen. Die Hamburger Firma gibt es heute schon lange nicht mehr, doch das Unternehmen in Busan heißt immer noch fast ganz deutsch „Daemmstoff Industrie Korea Ltd.“. Damit war das Fundament für die wirtschaftliche Unabhängigkeit gelegt. Nach dem Tod ihres Mannes 1996 wurde sie alleinige Firmeninhaberin.
Ende 2003 starb der deutsche Honorarkonsul in Busan, wodurch nicht nur der Posten vakant, sondern auch das von diesem gegründete und geleitete Goethe-Zentrum als Institution aufgelöst wurde. Den Posten hätten erwartungsgemäß auch andere gerne übernommen, doch der deutsche Botschafter Geier entschied sich für Kim Jung-Soon und ernannte sie im Oktober 2004 zur neuen Honorarkonsulin. Der Bau des „German Building“ konnte beginnen, und es war für Kim Jung-soon von vorneherein klar, dass das Goethe-Zentrum wieder entstehen sollte. Das Maifest in Busan stellte gleichzeitig die Eröffnung des Zentrums dar, der Kursbetrieb läuft seit Juli. Ihre Verbundenheit mit Deutschland drückt sich aber nicht nur in ihrer Tätigkeit als Unternehmerin und ihren öffentlichen Engagements aus, sondern auch in der Tatsache, dass vier ihrer sechs Töchter in Deutschland studiert oder eine Ausbildung gemacht haben bzw. eine noch zur Schule geht.

Assistentin Jin Hyon-suk (Foto: Jin Hyon-suk)
Für ein Studium in Deutschland ist die Tochter von Jin Hyon-suk, der Assistentin von Frau Kim, jetzt noch zu klein, aber auch später wird es sie wohl eher in die asiatischen Nachbarländer ziehen. Das glaubt zumindest die Mutter, denn ihre Tochter lernt mit Begeisterung Japanisch und Chinesisch. Frau Jin selbst kam nach vier Jahren Germanistikstudium in Busan – sie gehörte zu den Jahrgangsbesten – 1984 als Sekretärin zum damaligen deutschen Honorarkonsul. Eigentlich wollte sie ja Deutschlehrerin werden und hätte in den „goldenen“ Achtzigern auch problemlos etwas gefunden, doch die Arbeit im Konsulat habe ihr solchen Spaß gemacht, dass sie nicht wieder weg wollte. Und obwohl sie nie in Deutschland studiert oder längere Zeit gelebt hat, hat sie keinerlei Probleme, den Deutschen zu helfen, die mit ihr am Telefon nicht immer Hochdeutsch und ähnlich schnell sprechen, als wären sie in der Heimat auf dem Rathaus. Aber meistens braucht sie ohnehin nur ein paar Schlüsselwörter – „Pass verlängern“, „Visum beantragen“, „heiraten“, da es ja ohnehin fast immer dieselbe Prozedur ist. Doch mittlerweile kommt sie gar nicht mehr so viel dazu, ihre Fähigkeiten anzuwenden. Während früher rund 200 Deutsche in Busan gelebt hätten, jedes bessere Hotel einen deutschen Stammtisch und sie etwa zwischen fünf und zehn Besuche oder Anrufe pro Tag gehabt habe, seien es heute nur noch etwa 80, ein Stammtisch und im Normalfall unter fünf Kontakte pro Tag. Nach ihrem Rezept zum Deutschlernen gefragt, meint sie nur, sie habe – neben etwas Konversationsunterricht mit einem deutschen Professor in Busan – immer viel gelesen, Sätze auswendig gelernt und schließlich Mut zum Sprechen entwickelt.
Unabhängig voneinander nach ihrem wichtigsten Grund gefragt, warum junge Koreaner heute Deutsch lernen sollten, sind sich die Damen vollkommen einig: Deutschland ist für sie das größte und wichtigste Land in Europa – und nicht zuletzt eine ideale Basis, um noch mehr von Europa zu sehen und weitere europäische Sprachen und Kulturen kennen zu lernen.
Copyright © 2006 by Martin Praxenthaler