Armin Kohz

Wo sind sie geblieben?


Aussagekräftige Erhebungen darüber, in welchen Berufen Germanistikstudenten nach ihrem Studium unterkommen, sind mir nicht bekannt. Die meisten koreanischen Universitäten haben wohl auch keine gut organisierten Alumni-Vereinigungen, über die entsprechende Informationen zu erhalten wären.

Der folgende kurze Bericht beruht daher ausschließlich auf persönlichen Erfahrungen und Informationen von einigen meiner ehemaligen Studenten, zu denen ich noch regelmäßigen Kontakt habe.

Ich bin immer wieder erstaunt über die große Bandbreite von Berufen, in denen meine Studenten erfolgreich arbeiten. Eine von ihnen ist seit Jahren Chef-Ansagerin beim koreanischen Fernsehen KBS. Inzwischen tritt sie in einer der bei Koreanern so beliebten Komödienschauen auf. Ein anderer arbeitet ebenfalls beim Fernsehen, und zwar als Textschreiber für eine Antiquitätensendung, einer leitet eine Agentur für Dokumentarfilme. Wieder andere sind in der Firma Samsung oder anderen koreanischen Wirtschaftsunternehmen untergekommen. Einen, er arbeitet inzwischen bei Mercedes, traf ich bei BMW, einer ist Pastor, ein anderer Berufsoffizier. Einige sind Bankangestellte, eine ist Stewardess bei Dubai Airlines, eine sogar Deutschlehrerin an einer Mädchenoberschule. In all diesen und vielen anderen Fällen – mit Ausnahme der Deutschlehrerin und eventuell noch der Stewardess – war aber das Germanistikstudium weder eine Voraussetzung noch überhaupt von nennenswerter Bedeutung für eine erfolgreiche Bewerbung bzw. einen erfolgreichen Berufseinstieg. Entscheidend waren vielmehr im Wesentlichen deren Persönlichkeit und besondere Qualifikationen.

Im Goethe-Institut traf ich vor einiger Zeit eine ehemalige, sehr gut Deutsch sprechende Studentin von mir, die dort als Praktikantin arbeitete. Zu einer Festanstellung hat es zwar nicht geführt, aber das war wohl von vornherein auch nicht geplant. Dies führt mich zum Thema Praktikum und dessen Bedeutung als eine den Berufseinstieg vorbereitende und erleichternde Zusatzqualifikation. In den letzten beiden Jahren habe ich z. B. drei meiner Studenten ein Praktikum bei Siemens Korea vermittelt. Der erste ist nach einer anschließenden kurzen Probezeit  fest angestellt, einer Studentin ist der Vertrag ebenfalls für eine Probezeit zunächst um ein halbes Jahr verlängert worden. Der dritte befindet sich noch im vierten Monat des sechsmonatigen Praktikums. Ich muss hierzu aber betonen, dass die Deutschkenntnisse der drei als wirklich gut zu bezeichnen sind, weil sie längere Zeit in Deutschland gelebt haben. Zwei von ihnen hatten ihr Germanistikstudium noch durch Wirtschaftstudien ergänzt. Ich muss allerdings auch erwähnen, dass ohne mein persönliches Engagement – dazu gehörten die Entwürfe und Korrekturen der Bewerbungen ebenso wie zahlreiche Telefonate und persönliche Gespräche mit der Firmenleitung, teilweise auch nach den Anstellungen – den Studenten wohl kaum diese Möglichkeiten eröffnet worden wären.

Zu den Aufgaben der Studenten in der Firma Siemens gehören auch gelegentliche Telefonate nach Deutschland, die sie auf  Deutsch führen müssen, und übersetzungen von Dokumenten aus dem Koreanischen ins Deutsche oder umgekehrt. Selbstverständlich sind die Kommunikationssprachen bei Siemens Korea, wie auch in anderen deutschen Firmen in Korea, Koreanisch und Englisch. Der Bedarf an Mitarbeiten mit guten Deutschkenntnissen ist aber zweifellos nicht nur vorhanden, sondern sehr viel größer als häufig angenommen. Dies gilt natürlich erst recht für internationale koreanische Unternehmen.

Gute Deutschkenntnisse koreanischer Studenten (die Betonung liegt hier auf ‚gute’) können aber auch in anderen Bereichen nicht nur sehr nützlich sein, sie sind teilweise sogar eine Voraussetzung für eine erfolgreiche Bewerbung und die Ausübung einer bestimmten Tätigkeit. Ein ehemaliger Student von mir war mehrere Jahre in der koreanischen Tourismusbranche in einer Organisation am Flughafen Incheon angestellt. Er war schon während des Studiums sehr engagiert und hatte in Eigeninitiative ständig an der Verbesserung seiner Deutschkenntnisse gearbeitet, sodass ich mit ihm immer problemlos auf Deutsch kommunizieren konnte. Inzwischen hat man ihn nach Frankfurt versetzt. In einer dortigen koreanischen Organisation ist es seine Aufgabe, Korea den Deutschen näher zu bringen und Werbung für sein Land zu betreiben.

Dass man mit Deutsch in Korea (respektive mit Deutsch als Koreaner in einer Firma, Organisation oder Institution in Deutschland oder den anderen deutschsprachigen Ländern) etwas anfangen kann, steht für mich trotz vieler Unkenrufe völlig außer Frage. So ist es ein Ziel meines Unterrichts und auch meiner außeruniversitärer Aktivitäten, den Studenten dies zu beweisen. Die eigentlichen Fragen für Deutschabteilungen an koreanischen Universitäten, aber etwa auch für das Goethe-Institut in Seoul, sind vielmehr, wie man bei Schülern und Studenten wieder größeres Interesses an der deutschen Sprache wecken, ihnen Perspektiven aufzeigen und wie man Deutsch unterrichten kann und soll, sodass verwertbare Ergebnisse herauskommen. Sich darüber Gedanken zu machen, ist aber vielen zu mühsam, und einige Deutschabteilungen (und ihre Universitäten) lassen sich zu diesen Themen selbst dann noch nichts Sinnvolles einfallen, wenn sie wegen mangelnder Studentenzahlen unmittelbar von Schließungen bedroht sind.


Copyright © 2006 by Armin Kohz


DaF-Szene Korea Nr. 24

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