Andrea König

Welcher Eisverkäufer in Berlin spricht schon fließend Koreanisch!?


Treiben lassen. überraschen lassen. Sehen, hören, riechen. Kennen lernen. Warm werden. Verstehen wollen. Erleben. Leben spüren. Stundenlange Spaziergänge in einer unbekannten Stadt, die ein Zuhause auf Zeit werden soll. Alles offen. Offen für alles. Ziemlich unvorbereitet. Unvoreingenommen, aber auch ohne große Erwartungen. Verlaufen gibt es nicht. Nicht im negativen Sinne. Verlaufen wird ein Unvorhergesehenem Begegnen. Alles neu, alles anders. Dem Fremden ist eigen, vor zu vielen neuen, überwältigenden Eindrücken zum Selbstschutz das Bekannte im Unbekannten zu suchen. Bevor dich das Unbekannte, Ungewohnte erschreckt, abstößt, überwältigt, suchst du das Greifbare, Verständliche, das Schöne, das Gute.

Treiben lassen. Vorbei an spiegelnden Wolkenkratzern, imposanten Beton-Stahl-Glas-Konstruktionen, nicht hierher gehörend scheinenden Klassizismus- und Romanik-Imitaten. Treiben lassen. Durch engste Gässchen, unegale Treppchen rauf und runter, entlang an fensterlosen Mauern, hinter denen das private koreanische Leben abläuft. Immer mittendrin, immer außen vor.

Treiben lassen. Schlendern durch Parks und Gärten. Grüne Oasen. Bänke. Sonnige Plätze. Schattige Plätze. Auch hier meist reges Treiben, aber hin und wieder auch Ruhe fernab des Trubels.

Auf der Suche nach Koreanischem. Alles ist natürlich Korea, aber weniges scheint alt. Altes? Wenn, dann eher im Sinne von „verlottert, vergammelt“, nicht wirklich alt. Die wenigen Punkte in der Stadt, die koreanische Geschichte widerspiegeln, sind neu, fast steril, wirken künstlich, museal.

Unbewusst Bekanntes suchen. Neben Universalem auch das Eigene. Nicht nur das Deutsche, selbst das Europäische, ja, Westliches schlechthin wird zum Eigenen. Allianz, Paris Baguette, Starbucks.

Sehen, riechen, hören. Viele Geräusche und Klänge ungewohnt. Seit ein paar Wochen umgeben von fremden Sprachen. Das Koreanische völlig ungewohnt, dringt nicht nur unverstanden ein, manche Laute fast abstoßend. Im universitären Alltag omnipräsentes Englisch. Selbst das noch ungewohnt. Nach einer Weile dessen überdrüssig wird jeder des Deutschen Mächtige willkommener Anker.

Korea House, unvermutet drauf gestoßen. Wegweiser zum Namsan Hanok Village. Nehme ich auch noch mit. Neues altes Korea festgehalten. Belebt von modernen Koreanern. Langes Umherstreifen. Hunderte Fotos. Ermüdungserscheinungen. Ein Park. Ein monumentales Denkmal. Eine Insel der Ruhe in dieser überwältigenden Stadt der Gegensätze. Für heute zu viele Bilder, Klänge, Gerüche.

Am Rande ein kleines Eismobil. Eis auf Rädern. Italien lässt grüßen! Hangul und Englisch auf den Schildern. „Vanilla, please!“ Beim Bezahlen kullern im Portemonnaie Won und noch ein paar Euro-Stücke durcheinander. „One moment, please, or may I pay with Euros?” war nicht wirklich ernst gemeint. „O, Euro is fine!“ – „Hm, no German coin.” – „Oh, Sie sind Deutsche? Was machen Sie denn hier?“ – „I’m a German teacher.“ – „Sprechen Sie auch Deutsch???“ Natürlich spreche ich Deutsch. Hab ich grad auf eine deutsche Frage auf Englisch geantwortet? „Natürlich! Aber warum sprechen SIE denn Deutsch?“ – „Ist doch eine wunderschöne Sprache!“ – „Und wo haben Sie Deutsch gelernt?“ – „Selbst beigebracht. Ich liebe Sprachen. Hier, Ihr Eis. Lassen Sie es sich schmecken! Tschüs oder Ciao.“ – „Danke. Schönen Tag noch!“ Das Verständliche manchmal unbegreiflich.


Copyright © 2006 by Andrea König


DaF-Szene Korea Nr. 24

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