Heike Wildemann

Unterrichten mithilfe 'falscher Freunde'

Heringer, Hans Jürgen: Fehlerlexikon - Deutsch als Fremdsprache. Aus Fehlern lernen: Beispiele und Diagnosen. Cornelsen Verlag, 2001, 310 Seiten, einige Abbildungen, ISBN 3-464-20911-3


Die Arbeit mit Fehlern im Unterricht schätze ich und finde sie wichtig. Dabei ist meiner Ansicht nach ein wichtiges Element, die Aufmerksamkeit und Sorgfalt für selbst produzierte Texte bei den LernerInnen zu erhöhen. Die Übungsformen, die ich bis jetzt benutzt habe, stammen dabei meist aus der eigenen Ideenkiste, und so weckte Das Fehlerlexikon Deutsch als Fremdsprache von Hans Jürgen Heringer (Cornelsen, 2001) mein Interesse.

Der Untertitel besagt: Aus Fehlern lernen: Beispiele und Diagnosen. Und das ist es auch, was den Großteil des Buches füllt: Eine Sammlung der häufigsten Fehler, die bei den häufigst benutzten deutschen Wörtern von DeutschlernerInnen aus dem Ausland gemacht werden.

In einem Projekt der Universität Augsburg ist hier ein Korpus zusammengetragen, bearbeitet und aufbereitet worden, der u.a. auf Fehlersammlungen aus der Arbeit von Goethe-Instituten weltweit zurückgreift.

Man findet, alphabetisch geordnet, auf 230 Seiten die erwiesenermaßen 'gemeinsten' Fallstricke auf dem Weg zum Erlernen des Deutschen: Wörter, die mit fehlerträchtiger Grammatik zu verknüpfen sind, Internationalismen, bei denen Interferenz droht, Wörter, die in verwirrender Bandbreite und unübersichtlichen Varianten existieren, konkurrierende Ausdrücke, die schwer voneinander abzugrenzen sind.

Nun, mit solchen wohlbekannten 'Monstern', besonders der Untergattung dificilia koreanensis ringen tapfere Deutschlektoren jeden Tag. Kann ihnen ein Fehlerlexikon helfen, das die typischen Fehler beim Lernen, ausgehend von diversen Ausgangssprachen, mischt und alphabetisch präsentiert: "ab_holen, abends, aber..." ?

Der Autor stellt sich vor, dass Studenten z.B. in diesem Buch schmökern und Fehler "auf Vorrat" (Zitat S. 4) vermeiden lernen, indem sie die exakte Fehlerdiagnose und Korrektur, jeweils mit Fachausdrücken erläutert und mit weiteren (übrigens anschaulichen) Beispielen versehen, lesen.

Von diesem Ansatz konnte der Autor mich nicht überzeugen. Auch eine von mir zu Rate gezogene Testperson, in ihrem Lernfortschritt etwa auf Zertifikat-Deutsch-Niveau, befand über den Lexikonteil: "Das ist alles viel zu schwierig für mich".

Und, wie ich hinzufügen möchte: Trocken präsentiert, für Nichtspezialisten unter Umständen erschlagend.

Das Buch verfügt allerdings noch über einen zweiten Teil, der auf knapp 70 Seiten eine systematisch erklärende Grammatik enthält, die aus all diesen Fehlern im positiven Umkehrschluss destilliert wurde. Hier sehe ich für Lehrer und Lerner einen vielversprechenderen Ansatz. Mit der Liste mehrdeutiger Funktionswörter z.B. könnte ich mir vorstellen, zum aktuellen Unterricht passende kontrastierende Übungsaufgaben zu entwickeln, zumal auch die gegebenen Beispiele durchwegs klar und einfach sind. Auch sehe ich die Möglichkeit, in der Unterrichtsvorbereitung hier für spezielle Hinweise nachzuschlagen.

Für nicht spezialisierte Studenten selbst ist allerdings auch dieses Kapitel vermutlich nur auszugsweise nutzbar. Sicher haben die Autoren ihr Sprachniveau mit Bedacht gewählt, schließen aber um den Preis professioneller Benennungen viele Benutzer aus. Als selbsterklärendes Beispiel diene hier der erste Satz von Grammatikpunkt 65 (S. 295):

"In deutschen Nominalgruppen kongruieren die Artikelmorpheme, die Adjektivmorpheme und die Nomenmorpheme in Numerus und Kasus, außerdem kongruieren das Artikelmorphem und das Adjektivmorphem im Genus mit dem Nomen."

"Eine kluge Frau, ein kluger Mann, alle klugen Frauen": Ach ja, das Problem kennen wir, aber inwieweit gibt diese Erläuterung nun einem suchenden Studenten praktische Hilfe? Das Angebot dieses Buches beschränkt sich auf verstandesmäßiges Erfassen grammatischer Regeln.

Zusammenfassend: Dieses Buch ist eine wissenschaftliche Arbeit und kann für die praktische Unterrichtsgestaltung nur bedingt empfohlen werden. Für Lerner auf Mittelstufen- und DSE-Niveau enthält es z.T. recht erhellende Hinweise, die aber didaktisch nicht aufbereitet wurden.

Ich werde nun also weiter mit meiner bewährten Fehlerarbeit im Unterricht fortfahren: z.B.

Ein Standardwerk über die praktische Arbeit mit Fehlern im DaF-Unterricht bleibt weiterhin zu schreiben...


Copyright © 2006 by Heike Wildemann


DaF-Szene Korea Nr. 23

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