Das Lehrwerk Tangram aus dem Hueber-Verlag darf mittlerweile als Standardlehrwerk auf dem Gebiet für Deutsch als Fremdsprache gelten. Es erfreut sich großer Beliebtheit bei Sprachkursen, die gezielt auf eine Prüfung hin arbeiten, etwa an verschiedenen Universitäten oder auch am hiesigen Goethe-Institut. Da es dem Selbstverständnis nach "dem Globallernziel 'kommunikative Kompetenz' und der Leitidee eines kommunikativen Unterrichts verpflichtet" ist (Tangram 1A, S. III), scheint es sich für einen muttersprachlichen Konversationsunterricht geradezu anzubieten.
Zwar wird schon seit 2004 mit Tangram Aktuell ein Nachfolger aufgebaut, der Tangram dereinst voraussichtlich ablösen wird, wenn alle Bände vorliegen. Bis es aber soweit ist, scheint der Verlag die Unterstützung des ursprünglichen Tangram-Lehrwerks nicht aufzugeben. Auf der Hueber-Homepage (www.hueber.de) erscheinen zum Beispiel immer noch neue Spiele, Einstufungstest, Texte zur Landeskunde und andere Ergänzungen zum freien Herunterladen. Für unsereins in Korea ist das ursprüngliche Tangram-Lehrwerk vielleicht derzeit noch die bessere Wahl, weil es hierzu (genauer zum Halbband 1A, KB und AB) ein Deutsch-Koreanisches Glossar gibt.
Die erste Tangram-Auflage stammt von 1998; so sind in älteren Ausgaben noch die D-Mark sowie das World Trade Center zu finden (was in meinen Kursen stets für einen kleinen Aufmerksamkeitsschub gesorgt hat), aber das wurde in Neuauflagen schnell korrigiert. Die letzten Auflagen stammen von 2005, und es ist fraglich, ob es noch weitere geben wird, denn voraussichtlich werden noch dieses Jahr die letzten Bände des Nachfolgewerks Tangram aktuell erscheinen. Die wichtigste Neuerung beim Nachfolgewerk ist, dass die neue Aufteilung in drei Bände (bzw. in sechs Halbbände) genauer auf die Erfordernisse für die neueren Prüfungen Start Deutsch 1 und Start Deutsch 2 abgestimmt ist. An der Grundkonzeption "kommunikative Kompetenz" hat sich nichts geändert.
Meine Motivation zum Einsatz dieses Lehrwerks wurzelt ursprünglich darin, dass es mir so in einem Ferien-Intensivkurs vorgegeben war. Aus Synergiegründen setzte ich es dann auch in einem anderen Kurs ein, und seitdem verwende ich es in meinen Kursen regelmäßig. Insgesamt habe ich es schon in sieben verschiedenen Kursen verwendet, jeweils mit mehr oder weniger Erfolg. Da ich dabei fortlaufend mit verschiedenen Möglichkeiten experimentierte, das Material sinnvoll einzusetzen, bietet es sich an, das in einer Art Versuchsbericht zusammenzufassen.
Die zu überprüfende Hypothese ist schnell formuliert: Lässt sich und wenn ja,
wie lässt sich das Lehrwerk Tangram sinnvoll im koreanischen Deutschunterricht
einsetzen?
Die gegenläufige Nullhypothese läuft darauf hinaus, dass es null Sinn macht,
Tangram zu verwenden.
Das Lehrwerk Tangram gliedert sich in jedem Teilband in ein buntes Kursbuch (im Folgenden kurz KB) und ein schwarz-weißes Arbeitsbuch (AB); zu beiden Teilen gibt es CDs mit Hörtexten. Die Lehrerausgabe "Lehrerbuch" enthält neben den Hörtext-Transkriptionen, Lösungsschlüssel für das AB, einer Wortliste und einer übersicht über die Grammatik außerdem schwarz-weiße Kopiervorlagen und, quasi als Hauptfeature, detaillierte Didaktisierungen über das Material aus dem KB. Weiter gibt es zu jedem Teilband ein eigenes schwarz-weißes Übungsheft. Zusätzlich sind, wie schon erwähnt, über die Verlagshomepage zahlreiche (meist bunte) Ergänzungen frei (und legal kopierbar) erhältlich.
Das Lehrwerk Tangram ist in zwei Bände (1 und 2) bzw. vier Halbbände (1A, 1B, 2A und 2B) aufgeteilt. Als Erweiterung kam später der (separate) Teilband Z hinzu, der speziell auf die Prüfung Zertifikat Deutsch (ZD) vorbereiten soll. Tangram zielt also darauf ab, Lernende von Null auf das Niveau der Prüfung ZD zu bringen. Ausgehend von den offiziellen Anforderungen für das Bestehen des ZD, die mit 440 bis 520 Unterrichtseinheiten à 45 Minuten veranschlagt werden, lässt sich ein durchschnittlicher Aufwand von 110 bis 130 Stunden pro Halbband (ohne Tangram Z) errechnen, was sich bei einer Unterrichtsdauer von 50 Minuten (wie in meinen Kursen) mathematisch auf 99 bis 117 Stunden verkürzt. Jeder Halbband enthält sechs Lektionen, das ergibt etwa 16 bis 20 Unterrichtseinheiten pro Lektion (wobei die letzte Lektion immer der Wiederholung dient). In einem 80-stündigen Intensivkurs kommt man es also, wenn man das Tempo anzieht, knapp bis zur letzten Lektion. In einem regulären Semesterkurs von drei Unterrichtsstunden pro Woche schafft man vielleicht einen Viertelband.
Inhaltlich richtet sich das Lehrwerk an junge Erwachsene; so wird durchgängig "per Sie" gesprochen, und die Themen betreffen unter anderem das Studentenleben. In einer Oberschule würde ich es nicht einsetzen, aber an einer Universität scheint es zu passen.
Um das Lernziel "kommunikative Kompetenz" zu erreichen, fordern die Sprachübungen im KB und AB "die Lernenden zur kreativen Auseinandersetzung mit den Inhalten der Sprache heraus" (1A, III). Das verlangt von ihnen unter anderem die "Herausarbeitung von neuem Wortschatz und neuen Strukturen nach dem Prinzip der gelenkten Selbstentdeckung" sowie die "freie Anwendung mit teilnehmerorientierten Aufgabenstellungen in Rollenspielen oder Gesprächen" (1A, III). Es ist also für eine motivierte, aktive, leistungsbereite Lernergruppe gemacht. Ein weiterer Grund, auf dieses Lehrwerk in einer Oberschule besser zu verzichten.
In meinem Unterricht kamen bisher nur die Halbbände Tangram 1A und 1B zum Einsatz, also weder 2A oder 2B noch der Halbband Z noch das neuere Tangram aktuell. Deswegen beziehe ich mich im Nachfolgenden auch nur auf die Teilbände 1A und 1B.
Ich will meine Darstellung auf vier besonders typische Beispiele beschränken. In
chronologischer Reihenfolge sind dies:
Kurs 1: Yonsei-Universität (Seoul), Ferien-Intensivkurs, 6 fortgeschrittene
Studenten (1-3 Jahre Deutsch), Tangram 1B. Das Niveau der Studenten lag
teilweise deutlich darüber, das Material und die Aufgabenstellungen bereiteten
den Kursteilnehmern also keine größeren Schwierigkeiten. Keine einheitliche
Gruppe, verschiedene Interessen bei den Lernenden, einige wollten z.B. in
Deutschland studieren. Sie kamen von verschiedenen Universitäten, in einem Fall
sogar von einer Oberschule. Der Kurs war nicht billig, es kamen also nur solche,
die es auch wirklich wollten. Insgesamt 40 Unterrichtsstunden
grammatikzentrierten Unterricht bei einem koreanischen Deutschlehrer mit dem AB,
AB-Hörtexten und dem Grammatikteil, und 40 Stunden eher kommunikativem
Unterricht bei mir mit dem KB und KB- Hörtexten, den Kopiervorlagen und dem
Übungsheft, jeweils wechselweise 2 Stunden. Dabei konnte der Halbband 1B (mit
Auslassungen) beinahe bis zum Ende durchgearbeitet werden.
Kurs 2: German School of Music Weimar, Gangnam-Universität (Yongin, Gyeonggi-do),
Ferien-Intensivkurs, 8 fortgeschrittene Anfänger (knapp 1 Jahr), zunächst
Tangram 1A, später 1B. Das Niveau der Studenten lag in Einzelfällen darüber,
teilweise aber auch darunter, obwohl alle seit etwa einem Jahr gemeinsam Deutsch
lernten. Die "Weimar"-Studenten lernen im Prinzip alle mit dem Ziel, das
Zertifikat Deutsch abzulegen, und darüber hinaus, weil sie an der Uni
Musikunterricht auf Deutsch bekommen, optional ein Jahr in Deutschland studieren
können und später neben dem koreanischen einen deutschen Universitätsabschluss
erhalten (können). Dieser Kurs war für die Studenten kostenlos, quasi ein
Service im sonst eher sehr teuren Studium. Insgesamt 80 Unterrichtsstunden
hatten die Studenten bei mir, wobei alle Elemente des Lehrwerks zum Einsatz
kamen.
Kurs 3: Privatunterricht mit einer lerneifrigen Oberschülerin (1 Jahr Deutsch an
einer Fremdsprachenoberschule), Tangram 1A. Vergleichsweise hoher Grad an
Aufmerksamkeit und Eigeninitiative, sehr untypisch für eine
High-School-Schülerin. Das Niveau konnte der Lernenden genau angepasst werden.
Ihr Ziel war es, später in Deutschland zu studieren. Mehrere Sitzungen à 3
Unterrichtsstunden, mit dem Einsatz sämtlicher Elemente des Lehrwerks.
Kurs 4: Gyeonggi-Universität (Suwon, Gyeonggi-do), regulärer Deutschkurs für
knapp 60 Anfänger ohne Vorkenntnisse, Tangram 1A. Die vielen Lernenden teilten
sich in zwei Kurse auf, was individuelles Eingehen auf Schwierigkeiten beinahe
unmöglich machte. Größtenteils Germanistikstudenten, aber auch viele, die
allgemein an einer weiteren Fremdsprache interessiert waren. 3
Unterrichtseinheiten pro Woche, mit dem selektiven Einsatz aller
Tangram-Elemente.
In der Reihenfolge des Erkenntnisgewinns (weniger <–> mehr):
Kurs 3 (Tangram 1A): Aufgrund des intensiven Arbeitsklimas (Privataudienz) und
der hohen Leistungsbereitschaft der Lernenden klappte der Einsatz sämtlicher
Mittel reibungslos, egal, worum es sich handelte: Lese- oder Hörtexte,
Dialogvorlagen, Schreib- und Sprechübungen, Grammatikregeln, Wortschatzaufgaben,
Bild- und Diagrammbeschreibungen usw. Man konnte fast kreuz und quer durch das
Lehrwerk navigieren. (Möglicherweise wurden so aber Stellen, die problematisch
gewesen wären, einfach weggelassen.)
In dieser Konstellation konnte also das Lehrmaterial in seiner ganzen Fülle
eingesetzt werden. Sogar befremdlich-belustigende Elemente wie das unvermutete
Auftauchen der D-Mark oder die manchmal eher peinlichen Gesangseinlagen auf den
CDs weckten das Interesse, also Dinge, von denen man in einem wohlorganisierten
Unterricht allenfalls sparsam Gebrauch machen würde. Hier offenbarte sich die
Stärke von Tangram, die große Bandbreite an Themen und die fantasievollen
Aufgabenstellungen, die zum kreativen Umgang mit der Sprache einladen. Zugleich
zeigte sich dadurch, welch große Motivationsleistung eine Lernende von Haus aus
mitbringen muss, um das Tangram-Material voll auskosten zu können. Um ein
Ergebnis gleich vorweg zu nehmen: In keinem anderen Kurs war der Einsatz des
Tangram-Lehrmaterials so einfach und fruchtbar.
(Es muss hinzugefügt werden, dass die Lernende auch über ein relativ hohes
Englischniveau verfügte, sodass alles in Zweifelsfällen noch einmal auf Englisch
erklärt werden konnte.)
Kurs 1 (Tangram 1B): Auch hier war eine hohe Leistungsbereitschaft seitens der Lernenden festzustellen – kein Wunder bei dem Preis. Doch zeigten sie (als vergleichsweise heterogene Gruppe) anfangs eine gewisse Zurückhaltung bei der Mitarbeit, die sich bei den mündlichen Beiträgen, also dem Einüben von Dialogmustern oder der Durchführung von Diskussionsrunden, anfangs hemmend auswirkte. Nachdem man sich gegenseitig etwas kennen gelernt hatte, legten die Lernenden die Scheu aber ab, und fortan klappte die Vermittlung und Einübung den Erwartungen entsprechend. Bis zum Schluss gab es allenfalls noch das kleine Problem, dass die Sitzanordnung im Übungsraum keine Formierung eines Halbkreises zuließ, ein Problem, dem ich an hiesigen Universitäten (im Gegensatz etwa zu Oberschulen) immer wieder begegnet bin. In diesem Fall (kleine Gruppe) störte das aber den Fortschritt des Kurses allenfalls minimal.
Hier befand ich mich bequemerweise nicht in der Rolle, den Lernenden die jeweils relevante Grammatik von Grund auf erklären zu müssen. Natürlich kamen ab und zu Fragen zur Grammatik auf, aber auch ganz andersartige, etwa über den Sinn und Inhalt einer Aufgabenstellung. Aber meist wusste wenigstens einer der Lernenden die Antwort und konnte im Zweifelsfall mit einer koreanischen Erklärung aushelfen, und wenn das nicht möglich war, so befanden sich unter den Lernenden zwei Englisch-Studenten, die auch eine englische Erklärung verstanden. Dennoch wurde hier klar, dass die Erklärungen, die Tangram bietet, oftmals viel zu umständlich und in einer zu schwierigen Sprache formuliert sind.
Als Beispiel seien die im KB und AB regelmäßig auftretenden Grammatikkästen zum Selbstausfüllen genannt. Diese Regeln sind dem eigenen Anspruch nach "im Sinne einer Lernergrammatik didaktisch reduziert" und "beziehen sich auf den jeweils erreichten Sprachstand" (Tangram 1A, S. IV). Es zeigte sich aber meist, dass die dort verwendeten Wörter nur unzureichend verstanden werden konnten und dass die Regeln oftmals immer noch zu kompliziert formuliert waren. Die Lernenden hatten sehr viel mehr davon, wenn man die Regeln an ein paar schnell an die Tafel geschriebenen Beispielen demonstrierte (anstatt formulierte) und sie diese selbst entdecken ließ. Eine abstrakte Formulierung merkt sich niemand, konkrete Beispiele bleiben viel eher haften. (Fairerweise muss man zugeben, dass Tangram sich genau dieses Prinzip zu eigen gemacht hat, aber es ist dann oft noch zu kompliziert verpackt.)
Noch eine weitere Erkenntnis ließ sich hier gewinnen: Das eigentliche
Tangram-Lehrbuch (also KB und AB), das sich die Lerner ja auch selbst
anschaffen, ist nur unter Hinzunahme des Übungsheftes, das man erst zusätzlich
bestellen muss, hierzulande von Gewinn. Das Lehrbuch selbst bietet zu wenig an
einfach gestricktem Übungsmaterial. Die in ihren Möglichkeitsbereichen sehr
offen gehaltenen Selbstentdeckungs- und Gruppenübungen aus dem Lehrbuch kommen
in Korea, wo man in der Schule nur Stillsitzen und Zuhören anstatt kreative und
aktive Mitarbeit lernt, nicht so gut an, hier braucht man erst einmal enger
umschriebene Übungsplätze, bevor man sich aufs offenere Feld wagt. Genau dies
findet sich im Übungsheft: Zu jeder Lektion des KB und AB, zu jedem Abschnitt,
zu jedem winzigen Grammatikschrittchen gibt es eine, oft mehrere Übungen, meist
ein Lückentext mit einem genau definierten Pool an Antwortmöglichkeiten.
Meine Studenten fanden sich hier meist schnell zurecht. Die Aufgabenstellungen
musste man nicht umständlich erklären, sie ergab sich in der Regel von selbst,
wenn man die ersten paar Aufgaben gemeinsam besprach. Nach einigen solcher
Aufgaben hatten sie meist schon begriffen, wie eine bestimmte grammatische Regel
richtig (und falsch) anzuwenden ist. Sie konnten die Regel nicht (auf Deutsch)
formulieren, aber anwenden. Kurz: Das Übungsheft war Gold wert. Erst die
Hinzunahme des Übungsheftes rechtfertigte (für mich) den Einsatz von Tangram.
Kurs 2 (Tangram 1A/B): Diese vergleichsweise homogene Gruppe lernte seit einem Jahr gemeinsam Deutsch, dennoch waren die Leistungsunterschiede beträchtlich. Die Motivation ließ weitgehend zu wünschen übrig, vielleicht weil der Kurs die Studierenden nichts kostete, aber auch, weil sie sich offensichtlich die meiste Zeit geistig in den Ferien aufhielten. Zudem befanden sich vier ihrer Kommilitonen gerade zur Fortbildung in Deutschland, wodurch die ansonsten geschlossene Klassenstruktur von Anfang an aufgebrochen war. Dies nahmen die Lernenden offenbar zum Anlass, selbst auch nur die Hälfte der Zeit zum Unterricht zu erscheinen, was den Fortschritt erheblich behinderte.
Mit den offenen und komplexen Aufgabenstellungen aus dem KB und AB kamen sie nur schwer zurecht, was zumindest teilweise auch mangelnder Motivation und Konzentration zuzuschreiben war. Andererseits schien die Unlust bei den Studierenden durch derartige Misserfolgserfahrungen nur verstärkt zu werden. Eine beliebte Reaktion, insbesondere bei Gruppenübungen, war das (viel zu schnelle) Verfallen in Gekicher und koreanischer Plauderei, in denen man sich auch gerne die typischen koreanischen Nettigkeiten (wie z.B. sich gegenseitig schlagen) austauschte.
Hier erwies sich erneut das Übungsheft als Erlösung aus der Qual, diesmal als das Lockmittel, um die Studenten doch noch auf den guten Pfad der Lerntugend zurück zu führen. Anders als in Deutschland lassen sich koreanische Lernende durch das Vorlegen eines Aufgabenzettels bekanntlich leicht disziplinieren. Wichtig war dabei, das Lösen der Aufgaben unterschiedlich zu gestalten: mal schriftlich jeder für sich, mal in Kleingruppen, mal als Hausaufgabe und mal rein mündlich, wobei jeder eine eigene Aufgabe vorträgt oder man gleich alle Aufgaben im Plenum bespricht oder wie auch immer. Die einfach gestrickten Aufgaben ließen sich meist sehr flexibel handhaben. Zusätzlich wurde gelegentlich das Hör- und Leseverständnis geübt, wenn die Studierenden den entsprechenden grammatischen Aspekt bereits verstanden hatten.
Nachdem man sich besser kennen gelernt hatte (auch das ist hierzulande ja so wichtig), die Lernenden sich auf die Übungen eingestellt hatten und auch, wie ich vermute, angespornt durch die Erfolgserlebnisse in den verschiedenen Übungen wurden sie der dortigen eingeschränkten Sprachumgebung und der eintönigen Leistungsanforderungen überdrüssig und begannen, von sich aus mehr sprachliche Gestaltungsmöglichkeit zu verlangen.
Andererseits zeigte sich auch hier bereits ein erster Riss im Bild des Übungsheftes als Allheilmittel. Einzelne Teilnehmer dieses Kurses waren mit dem Sprachniveau der Übungen offenbar dermaßen überfordert, dass sie es nach kurzer Zeit leider vorzogen, zuhause zu bleiben (was ich leider erst zu spät realisierte). Auch das Übungsheft ist also kein Selbstläufer. In ungeschickten Händen kann es mehr schaden als nützen.
Kurs 4 (Tangram 1A): Hier war eine frische Motivation vorhanden, wie man sie bei Anfängern erwarten kann. Die Studenten waren aber größtenteils "Frischlinge" (also freshmen), die anfangs weder den Lehrkörper noch die Uni noch sich gegenseitig kannten. Die ersten Unterrichtsstunden sahen sich also mit der Realität der Akklimatisierung konfrontiert. Dazu werden immer diverse Kennlernspielchen veranstaltet, grundlegende Dialogfloskeln spielerisch eingeübt und eventuell wird das eine oder andere Lied gesungen.
Der Einstieg mit Tangram gestaltete sich holprig: Während die einen anfingen, sich mit den immer gleichen Variationen von "Guten Tag! – Wie ist Ihr Name? – Wie geht es Ihnen? – Auf Wiedersehen!" zu langweilen, konnten andere die Grundstruktur elementarer Sätze wie "Ich heiße Thomas." immer noch nicht anwenden, geschweige denn nachvollziehen. Hilfreich war hier (bei den Lernschwächeren) allein das sture Einüben derartiger Sprachstrukturen, also Nachsprechen und Auswendiglernen. Dabei ließen sich die Anfangslektionen aus ordinären koreanischen Lehrbüchern für die Oberschule besser verwenden als Tangram.
A propos, bei Tangram erwies sich leider die Themenauswahl, die am Leben junger Erwachsener orientiert ist, als besonders störend. Als solches verwendet das Lehrwerk von Beginn an die Sie-Form, was meiner Erfahrung nach zunächst mehr verwirrt als nützt. Ich habe in meinem Unterricht an der Oberschule das "Sie" immer erst verwendet, nachdem die Schülerinnen und Schüler den Umgang mit dem Plural-Pronomen sowie die Großschreibung im Satz einigermaßen im Griff hatten (bzw. wussten, dass es da verwirrend werden kann). An die deutsche Plural-Verwendung sowie die Groß- und Kleinschreibung müssen sich Koreaner ja erst gewöhnen, wo das Koreanisch derartige strikte Trennungen nicht kennt. Jetzt wurden sie erst mit der Ausnahme konfrontiert ("Sie (=du) haben"), dann mit der Regel ("sie haben"), was einige, besonders die Schwächeren, dazu verführte, alles durcheinander zu werfen – ohne, dass sie sich dessen bewusst waren. So müssen viele gleich zu Anfang eine Hürde überwinden, die ihnen unnötigerweise in den Weg gestellt wurde. Und so sah ich das Unglück kommen und steuerte doch geradewegs drauf zu: Schien das "Sie haben" anfangs gut zu sitzen, warfen viele Studenten alles wieder durcheinander, als die Plural-Pronomina an der Reihe waren, und ich musste wieder von vorne beginnen.
Weiter ist die Themenauswahl von Tangram nicht nur am Leben von Studierenden, sondern von jungen Erwachsenen allgemein orientiert. So wird gleich in der ersten Lektion die Frage nach dem Beruf eingeführt, zusammen mit einer breiten Auswahl an überflüssigerweise zu lernenden Berufsbezeichnungen wie Flugbegleiter(in), Ingenieur(in), Friseur(in), Kellner(in) und Reiseleiter(in). Den talentierteren Studenten schien das keine Mühe zu bereiten, aber lernschwache Kommilitonen wurden hier gleich abgehängt – nicht zuletzt deswegen, weil sie sich die (berechtigte) Frage stellten, was denn am "Reiseleiter" so wichtig ist, das man ihn gleich zu Anfang lernen muss.
Leider ist hier auch das Übungsheft keine große Hilfe, die Übungen der ersten Lektion sind durchzogen von Dialogen wie "Was sind Sie von Beruf? – Ich bin Flugbegleiter." Auch die zweite Lektion verschafft keine Erleichterung, geht es doch thematisch zunächst darum, Formulare auszufüllen, was mit Wörtern wie "Familienstand: geschieden" und "Staatsangehörigkeit" daher kommt. Erst ab etwa dem zweiten Drittel mit den Übungen zur Präsenskonjugation kommen die wirklich interessanten Themen wie "Würstchen essen" und "Bier trinken", die den Spaß an der Sprache am Leben erhalten.
Grundsätzlich einmal darf die Versuchshypothese, dass Tangram sinnvoll im koreanischen Deutschunterricht eingesetzt werden kann, als bestätigt gelten. (Was niemanden überraschen sollte.) Was aber sind die Möglichkeiten und Grenzen im Einsatz von Tangram?
Zunächst zu den Grenzen. Am auffälligsten war, dass Tangram im Unterricht für absolute Anfänger mehr schadet als nützt, weil es thematisch wie strukturell die falschen Prioritäten setzt – Stichwort "Flugbegleiterin" und "Reiseleiter". Das ist so weit weg von der Lebenswelt der Studierenden entfernt, es blockiert rare Ressourcen und bremst die anfängliche Motivation gefährlich aus. Eine erste übersicht über verschiedene Studienfächer wäre hier weitaus sinnvoller. Für den Einstieg hierzulande gibt es besseres Material, etwa auch der auf der Verlagshomepage empfohlene Vorkurs Erste Schritte.
Erst ab einem gewissen Niveau sind viele Lernende fit für Tangram. So steht hinter den Aufgaben aus dem KB und AB z.B. die Tangram-Philosophie: "Der Schwierigkeitsgrad wird nicht so sehr durch den Text selbst bestimmt, sondern durch die Aufgabenstellung" (Tangram 1A, S. 6). Das gilt so allgemein nicht für Lernende in Korea. Hier sind sie seit der Schulzeit daran gewöhnt, dass die Lehrperson ihnen nur Brocken vorlegt, die sie gleich schlucken und verdauen können, ohne selbst kauen zu müssen. So haben viele nie stabile Zähne entwickelt, mit denen sie sich selbständig durchbeißen könnten. Tangram aber setzt vielfach aufs Selberkauen als Lernweg, doch das müssen viele Lernende hierzulande erst noch lernen.
Weiter sind die Lektionen aus dem KB und AB für vergleichsweise gering Motivierte auch auf höherem Sprachniveau nicht zu meistern, weil die offenen und komplexen Aufgaben und Übungen, wie schon mehrfach festgestellt, ein hohes Maß an aktiver Eigenleistung verlangen, die viele Lernende nicht aufbringen. Tangram operiert mit zu vielen Freiheitsgraden, die gering motivierte Lernende paradoxerweise eher lähmen als bewegen: man wagt weder einen Schritt vor (d.h. Antwortversuch) noch zurück (also eine Frage an die Lehrperson stellen). Derartige Misserfolgserfahrungen verstärken nur die Unlust bei den Lernenden – den Teufelskreis aus Misserfolg und Unlust kann das Tangram "Lehrerbuch" allein nicht durchbrechen.
So komme ich zu den Möglichkeiten: Hier hilft das separate Übungsheft. Es ist viel geradliniger strukturiert als KB und AB und stiftet kaum Verwirrung. Wenn man die dortigen Übungen selbst mit demonstrativen Erklärungen der entsprechenden Grammatik anreichert und flexibel gestaltet, kann man es nahezu autonom, losgelöst vom eigentlichen Lehrbuch, verwenden. Viele dortige Übungen eignen sich als Basis für weiterführende Minidialoge mit den Lernenden. So lassen sich dann auch eher Unlustige zu Lernleistungen bewegen, wenn man sie direkt anspricht, denn niemand widersetzt sich hierzulande offen einer Lehrperson. Was die Lernenden dabei natürlich nicht lernen ist, selbständig zu lernen. Hier kann man aber darauf vertrauen, dass einigen (nicht nur der Lehrperson) das sture Einüben sprachlicher Strukturen irgendwann zu langweilig wird, und so sollte man die Lernenden behutsam an die interessanter und (wortwörtlich und metaphorisch) viel bunter gestalteten Aufgaben aus dem eigentlichen Lehrbuch gewöhnen. Wenn man dann die Interessantheit der Übungen grob der Motivationskurve der Lernenden anpasst, kommt man meiner Erfahrung nach auch mit anfangs weniger motivierten Lernenden halbwegs erfolgreich zurecht.
Schließlich: Wer gleich ein hoch motiviertes Lernteam unterrichtet, kann sich weitgehend auf die Aufgaben und Übungen aus dem KB und AB verlassen, wenn man auch bei Erklärungen ab und zu selbst kreativ werden muss. Lerneifrige Studierende werden so auch das Selberlernen lernen, wenn sie sich dieser Fähigkeiten noch nicht bewusst sind. Dann kann man die ganze Stärke von Tangram ausspielen: Gruppenarbeit, Rollenspiele, Diskussionsrunden, die Fülle an authentischen Texten und Hörbeiträgen etc. Dafür werden die Lernenden mit einem umfassenden Sprachprogramm belohnt, das fast alle Nuancen der Sprache abdeckt und (außer vielleicht den verbreiteteren Schimpfwörtern) kaum Wünsche offen lässt.
Das A und O beim Einsatzerfolg von Tangram ist der Motivationsstand der Lernenden. Tangram wurde ganz offensichtlich für Kurse mit beinahe unendlicher Motivationskapazität konzipiert. Es bietet viel, verlangt aber auch entsprechend. Wer den Luxus genießt, einen solchen Kurs unterrichten zu dürfen, darf sich auch die Bequemlichkeit gönnen, sich ganz auf dieses Lehrwerk zu verlassen. Für Anfängerkurse würde ich allerdings andere Werke vorziehen.
Hierzulande wird ein Kurs vermutlich einige Schwierigkeiten mit den Aufgaben und
Übungen des Lehrwerks haben. Das übungsheft bietet sich deshalb immer als gute
Ergänzung an, auf das man mal mehr, mal weniger zurückgreifen kann.
Andererseits: Wo eine hohe Motivation und ausreichendes Können vorhanden sind,
wird die Wahl der Unterrichtsmittel und die Art der didaktischen Aufbereitung
fast belanglos. Ob Tangram dann besser abschneidet als jedes andere Lehrwerk,
kann hier nicht beantwortet werden.
Ina Alke, Rosa-Maria Dallapiazza, Eduard von Jan, Dieter Maenner, Tangram 1A.
Deutsch als Fremdsprache: Lehrerbuch. Max Hueber Verlag, 1998, 2. Aufl. 2002;
ISBN 3-19-011613-X
Jutta Orth-Chambah, Tangram. Deutsch als Fremdsprache: Übungsheft 1A. Max Hueber
Verlag, 2001, 2. Aufl. 2003; ISBN 3-19-191613-X
Rosa-Maria Dallapiazza, Eduard von Jan, Sabine Dinsel, Anja Schumann, Tangram
1B. Deutsch als Fremdsprache: Lehrerbuch. Max Hueber Verlag, 1999, 2. Aufl.
2002; ISBN 3-19-011614-8
Jutta Orth-Chambah, Tangram 1B. Deutsch als Fremdsprache: Übungsheft. Max Hueber
Verlag, 2001; ISBN 3-19-181614-3
Copyright © 2006 by Thomas Kuklinski-Rhee