Holger Steidele

Die Hörübungen im Lehrwerk Schritte


0. Vorgehen

Im Folgenden bespreche ich die Hörmaterialien zu dem Lehrwerk Schritte. Ich konzentriere mich dabei auf die Audiomaterialien, die sich auf die jeweiligen Kursbücher beziehen, und beschränke mich auf die Kursbücher, die ich im Unterricht selber als kurstragend eingesetzt habe: Schritte 1 (2003), Schritte 2 (2004), Schritte 3 (2004), Schritte 4 (2005) und Schritte 5 (2005).

Ich gebe zuerst einen thematischen überblick, gehe dann auf die Aufgabenformen der Hörmaterialien ein und schließe einige kritische Anmerkungen zu Konzeption und Darstellung bezogen auf den Umgang im Unterricht und zu allgemeinen didaktischen und pädagogischen Fragestellungen an.

I. Allgemeines

Jeweils zwei Schritte-Bände bilden eine Einheit mit fortlaufender Kapitelzählung und schließen jeweils mit einer Niveaustufe nach dem Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen ab. Schritte 1 und 2 führen demnach zu Niveau A1, Schritte 3 und 4 zu Niveau A2 und Schritte 5 und 6 zu Niveau B1. Zu jedem Band liegt mindestens eine CD zum Kursbuch vor (Schritte 1), in der Regel sind es jedoch zwei CDs (ab Schritte 2). Daneben gibt es zu jedem Band eine CD für das Arbeitsbuch, das jedem Buch beigefügt ist.

Der wohl auffälligste Unterschied zu anderen weit verbreiteten Lehrwerken für Deutsch als Fremdsprache (z.B. Themen aktuell, Eurolingua, Delfin, Tangram, Optimal, Passwort Deutsch) liegt in den Foto-Hörgeschichten, wobei jeweils zwei Bände Episoden mit denselben Protagonisten bieten. In den ersten beiden Bänden geht es um die Hauptperson Nikolaj Miron aus der Ukraine, der nach München zieht und sich mit der Familie Schneider anfreundet. In den Bänden 3 und 4 geht es um eine vierköpfige deutsche Familie und ein Au-Pair-Mädchen aus Südamerika. Ab Band 5 erfahren wir aus dem Leben des Pizza-Austrägers Nasseer.

Das Lehrwerk Schritte ist konsequent kommunikativ ausgerichtet und lässt sich kurz charakterisieren durch die strikte Vermeidung all dessen, was nicht "alltagssprachlich" ist. Lieder z.B. (mit zwei Ausnahmen, in Band 2, wo zwei Geburtstagslieder präsentiert werden und in Band 3, wo ein Ausschnitt aus Grönemeyers "Currywurst" geboten wird) und literarische Texte finden sich weder in geschriebener noch in gesprochener Form. Explizit landeskundliche Texte fehlen ebenso. Alle Bände basieren vielmehr v.a. auf Dialogtexten und kürzeren Alltagstexten (z.B. Formulare, Anzeigen, Statistiken) und Bildern oder Fotos. Längere Texte erscheinen erst ab Band 5 (z.B. Sachtexte, Briefe). Entsprechend dieser Konzeption sind auch die Themen ausgerichtet. Man vgl. die Kapitelüberschriften in Band 1: "Guten Tag, mein Name ist...", "Meine Familie", "Einkauf", "Meine Wohnung", "Mein Tag", "Freizeit" und "Kinder und Schule". In den folgenden Bänden werden die Themen natürlich komplexer, manche Themen wie Wohnen, Einkaufen, Wetter, Ausbildung und Arbeit (suchen) werden immer wieder aufgegriffen und im Sinne einer konzentrischen Progression neu modelliert.

Die Anordnung der einzelnen Kapitel ist konventionell motiviert: Sie folgt der grammatischen Progression. Das heißt, die Inhalte folgen im Wesentlichen grammatischen Phänomenen, wenn auch in fast jeder Hörgeschichte Strukturen vorkommen, die erst in späteren Lektionen explizit thematisiert werden. Die Hörmaterialien fügen sich diesem gängigen Vorgehen ein.

Anders als in anderen Lehrwerken sind jedoch alle Materialien und Aufgaben außerordentlich übersichtlich aufbereitet. Wenn auch die Grammatik im Hintergrund maßgeblich für die Kapitelanordnung verantwortlich ist, so gewinnt der Lerner doch den Eindruck, als stehe die Wortschatzvermittlung und v.a. der Aufbau der kommunikativen Kompetenz im Vordergrund. Die zahlreichen Hörübungen unterstützen dies sehr stark.

Die Hörtexte selbst sind professionell gesprochen, die Stimmen abwechslungsreich, zumal auch alle Altersgruppen und Sprecher unterschiedlicher Varietäten vertreten sind. Auch ist die Aussprache mit ausländischen Akzenten berücksichtigt. Die Sprechweise ist natürlich und nicht, wie in zahlreichen anderen Lehrwerken, überdeutlich; das Sprechtempo ist gut an die Situationen angepasst, wobei im Laufe der Bände der Schwierigkeitsgrad deutlich zunimmt.

II. Aufgabentypologie der Hörübungen

Alle Hörübungen lassen sich einer der Übungsformen zuordnen, die in der Tabelle aufgeführt sind. Dabei ist ihr quantitatives Vorkommen berücksichtigt. Mehrteilige Übungen sind zu einer zusammengefasst, so dass die Anzahl der Übungen nicht der Anzahl der Tracks auf den CDs entspricht.

Schritte 1

Schritte 2

Schritte 3

Schritte 4

Schritte 5

a) Foto-Hörgeschichten

7

7

7

7

7

b) Zuordnungsübungen

9

8

6

6

10

c) Beispieldialoge

19

14

7

9

3

d) Kontrollübungen

5

7

3

4

5

e) Ergänzungsübungen

12

10

9

11

9

f) Ankreuzübungen

9

6

9

5

15

g) Freies Hören

2

2

2

5

8

h) Nachsprechübungen

3

1

-

-

-

i) Wörter identifizieren

-

-

-

-

1

j) keine Sprache

-

-

-

1

-

Hörübungen insgesamt

66

54

44

48

58

Die bereits erwähnten Foto-Hörgeschichten basieren auf Bildmaterial im Kursbuch. Die Fotos werden auf jeweils einer Doppelseite präsentiert. In den ersten zwei Bänden schwankt die Anzahl der Fotos zwischen 7 und 11, ab Band 3 sind es stets 8 Fotos. Die Fotogeschichten bringen sprachliche und inhaltliche Informationen darüber, was die einzelnen Kapitel behandeln. Einzelne Aspekte den Wortschatz und neue Grammatik betreffend werden dann in nachfolgenden Übungen herausgegriffen. Ziel der Fotogeschichten ist es, eine kurze Geschichte zu einem bestimmten Thema – z.B. ein Vorstellungsgespräch – zu hören und die Dialoge über die Fotos, die jeweils für einen Abschnitt stehen, dessen Anfang durch einen Foto-Klick markiert ist, nachzuvollziehen. Es ist sozusagen ein Einstieg in ein Thema, vorentlastet durch weitere Übungen auf der ersten Doppelseite des Kapitels. Fragen zu den gehörten Fotogeschichten, auf die die Antworten teilweise allein aufgrund der Bilder zu erschließen oder zumindest zu erahnen sind, runden diese Einheiten ab. Die Dialoge in diesen Fotogeschichten werden zunehmend komplexer, insgesamt sind die Autoren aber von Anbeginn bemüht, authentische Situationen und authentische Sprache zum Ausdruck zu bringen. Dies wird z.B. deutlich, wenn in nachfolgenden Übungen einzelne Sätze aus der Fotogeschichte wieder aufgegriffen werden; im Gegensatz zu den Hörgeschichten werden dann nämlich diese Sätze, die vorher in "normalerem" Sprechtempo präsentiert wurden, deutlicher und somit weniger authentisch wiederholt. In Track 8 des 3. Bandes beispielsweise sagt Simon in der Fotogeschichte "andersrum", in Track 9 in der expliziten Hörübung sagt er "andersherum".

Abgesehen von den Foto-Hörgeschichten sind alle anderen Hörübungen Kurzübungen. Die Zuordnungsübungen sind in allen Schritte-Bänden vergleichbar oft vertreten. Z.B. werden Bilder im Kursbuch und ein abgedruckter Dialog präsentiert. Eine typische Aufgabe lautet dann: "Welches Bild passt zu welchem Gespräch?" Oder es werden Zahlen (in Zahlen und in ausgeschriebener Form) im Kursbuch präsentiert und der Hörauftrag lautet: "Hören Sie und ordnen Sie zu." In der Regel sind die Informationen des Hörtextes nicht notwendig für die Lösung der Aufgabe: der Text oder das Bild liefern bereits den Schlüssel.

Die Beispieldialoge (in den Lehrerhandbüchern heißen sie "Modelldialoge") stellen in den ersten beiden Bänden die häufigste Hörübungsform dar. Gemeint sind hiermit Dialoge, die exakt im Kursbuch abgedruckt sind. Die Lerner können mit- oder nachlesen. Unter den Dialogen finden sich dann stets "Varianten", d.h. andere Ausdrücke, die statt der Ausdrücke in den Dialogen eingesetzt werden können. Die Dialoge können und sollen also nach der Hörübung modelliert werden.
Unter Kontrollübungen sind hier Übungen zu verstehen, bei denen die Lerner zunächst eine Aufgabe im Kursbuch lösen sollen (z.B. Sätze ordnen, Wörter zuordnen), und anschließend die vorgenommenen Antworten durch den Hörtext kontrollieren können.

Bei den Ergänzungsübungen sind zwei Formen zu unterscheiden: In der Regel ist ein Dialog im Kursbuch abgedruckt und zu ergänzende Wörter sind explizit aufgeführt. Im Hörtext wird der Dialog vollständig gesprochen und die Lerner können den Text ergänzen. In seltenen Fällen sind die zu ergänzenden Wörter nicht vorgegeben und nur dem Hörtext zu entnehmen. Im Standardfall fallen also die Ergänzungsübungen mit den Kontrollübungen zusammen, mit dem Unterschied, dass in den Ergänzungsübungen Wörter oder grammatische Einheiten in einen Text eingefügt werden sollen und keine Reihenfolgen etc. vorzunehmen sind.

Die Ankreuzübungen bestehen in der Regel darin, Gehörtes von Nicht-Gehörtem zu unterscheiden bzw. mit Gelesenem abzugleichen. Dementsprechend sollen vorgegebene Sätze im Kursbuch beim Hören daraufhin überprüft werden, ob sie wörtlich oder inhaltlich "richtig" oder "falsch" sind. Andere Möglichkeiten bestehen darin, zu entscheiden, welche Personen etwas sagen oder (z.B. in Band 5), welche Personen freundlich oder unfreundlich sind. Die Ankreuzübungen sind besonders zahlreich in Band 5 vertreten.

Mit dem Aufgabentyp Freies Hören ist gemeint, dass das Kursbuch keine Vorgabe darüber macht, was im Hörtext im Detail zu erwarten ist. Dabei können im Hörtext auch nichtsprachliche Elemente (z.B. Geschirrklappern) vorkommen, die vom Lerner dann zu versprachlichen sind. Ob Notizen gemacht werden sollen oder ein Weg auf dem Stadtplan eingezeichnet – in jedem Fall sind keine Lücken zu schließen, sondern Informationen neu zu erschließen. In den Bänden 4 und 5 sind diese Übungsformen am häufigsten anzutreffen.

Nachsprechübungen sind nur in den ersten beiden Bänden vorhanden; dabei geht es darum, Zahlen oder Buchstaben nachzusprechen oder in Band 2 um das Mitsingen zweier Geburtstagslieder. Alle weiteren Übungsformen sind aufgrund ihrer Marginalität zu vernachlässigen (z.B. die Präsentation von Klingeltönen in Band 4).

Insgesamt können wir also sieben Aufgabentypen unterscheiden, die in allen Schritte-Bänden vorkommen. Die Beispieldialoge nehmen mit zunehmender Progression ab, die Ankreuzübungen und die freien Hörübungen steigen ab Band 4 bzw. 5 stark an. Alle anderen Formen bleiben mehr oder weniger konstant in allen Bänden vertreten.

III. Kritik

Das Lehrwerk Schritte unternimmt mit den Foto-Hörgeschichten als einziges der mir bekannten DaF-Lehrwerke erstmals den Versuch, längeren und inhaltlich verknüpften Hörtexten (v.a. Dialogen) einen zentralen und damit größeren Platz im Pantheon der Hörverstehensübungen einzuräumen. Aus Erfahrung weiß ich, dass Kurzdialoge alleine nicht sehr hilfreich sind, ein Hörverstehen und ein semantisches Verstehen zu entwickeln, da die kontextuelle Situierung zu reduziert ist. Sinnvoll ist auch die Vorgehensweise im Buch, weitere Hörübungen, aber natürlich auch Lese-, Sprech- und Schreibübungen an die Fotogeschichten anzubinden und somit die verschiedenen Fertigkeiten in Kombination und, das ist wichtig, im inhaltlichen Zusammenhang zu behandeln. Als sehr günstig hat es sich erwiesen, die Geschichten auch nach dem Abschluss einer Lektion noch einmal zu hören und mit anderen Aufgabenstellungen zu bearbeiten. Die Foto-Hörgeschichten bieten darüber hinaus – und auch weit über die "praktischen Tipps" der Lehrerhandbücher hinaus – gute Möglichkeiten, weitere Übungen anzuschließen, z.B. Ausspracheübungen. Generell sollten ja alle Hörtexte in mehreren Durchgängen bearbeitet werden, um die Konzentration auf die Inhaltsseite von der Konzentration auf die Ausdrucksseite zu trennen (vgl. dazu Tschirner 2005: 23). Die Ausbaufähigkeit der Hörgeschichten setzt allerdings routinierte Lehrer voraus, die um die Ergänzungsnotwendigkeit weiterer Hörübungen und generell jeglichen Lehrbuchmaterials wissen.

Insgesamt ist es natürlich unter kommunikativem Gesichtspunkt immer sinnvoll, Hörübungen mit anderen Übungsformen zu verbinden. Wenn im Folgenden dennoch einige kritische Anmerkungen zu den Hörübungen aufgeführt werden, lasse ich bewusst außer Acht, dass die einzelnen Hörübungen auch Sprechanlässe sind und konzentriere mich auf das Lernen der Fertigkeit Hören.

Wie bereits oben in I. gesagt, ist das Lehrwerk insgesamt strikt kommunikativ ausgerichtet. Das heißt nicht nur, dass andere, "nichtkommunikative" Textsorten ausgespart werden, sondern auch, dass mit allen präsentierten Texten etwas "gemacht" (v.a. gesprochen) werden soll; kein Text mit Ausnahme der Foto-Hörgeschichten, die ja nur zum Teil "befragt" werden, steht für sich allein, z.B. als bloßer Hörtext. In Hörmaterialien zu anderen Lehrwerken ist dies teilweise anders, man vergleiche z.B. Themen aktuell 1 oder 2, wo am Ende jedes Kapitels ein Dialog oder Monolog aufgeführt ist, der als Hörtext an sich präsentiert wird, ohne Fragen zum Text. Sprache ist ja mehr als lediglich Informationsaustausch, und daher scheint es mir angebracht, wenn die Lerner auch die Gelegenheit bekommen, "nur" zuhören zu können. Es wäre nun bei Schritte ein nicht unerhebliches Manko, wenn die Fotogeschichten fehlen würden, denn die sieben Geschichten pro Band sind der einzige Platz, wo wenigstens teilweise bloßes Hören geübt werden kann und auch geübt werden sollte.

Hören lernt man nur durch Hören, so wie man Sprechen nur durch Sprechen und Schreiben nur durch Schreiben lernt. Diese banale Erfahrung allein lässt einen fragen, warum nur ganz wenige Hörübungen in Schritte unabhängig von Geschriebenem angeboten werden. Wenn wie in den meisten Ergänzungsübungen Wörter oder Strukturen in geschriebener Form vorgegeben werden und lediglich im Hörtext wieder erkannt werden sollen, dann stellt sich automatisch die Frage nach dem Nutzen für das Hörenlernen der Lerner, der über ein kurzfristiges Speichern im Kurzzeitgedächtnis hinausgeht. Hören kann man m.E. nicht lernen, indem man etwas liest und dann das Gleiche sofort danach hört.

In den Beispieldialogen werden bestimmte sprachliche Strukturen (inklusive neuen grammatischen Ausdrucksmitteln) angeboten, die anschließend anhand des geschriebenen Dialoges zu eigenen Dialogen umgesetzt werden sollen. Allerdings wird durch die geschriebenen Vorgaben oft kein kreativer Freiraum eröffnet, der von den grammatischen Strukturen abweicht. Noch wichtiger ist mir aber der Eindruck, dass der Hörtext an sich in den Beispieldialogen lediglich eine Illustration darstellt. Nach den Lehrerhandbüchern sollen v.a. Muster eingeübt werden. Dagegen ist nichts zu sagen, nur ist m.E. der Lerneffekt für das Hören sehr begrenzt. Bei den Zuordnungs-, Kontroll- und Ankreuzübungen liegen ebenfalls von vornherein Lese-Hör-Übungen vor, die nicht das Ziel haben können, Hörverstehen isoliert zu trainieren. Werden schließlich wie beispielsweise in Band 5 (S.44) Bilder vorgegeben (Musiknoten, Tischtennisplatte, Baumschule an der Straße), die den kurzen Hörtexten zugeordnet werden können, ohne dass ein einziges Wort verstanden werden muss – weil die Hintergrundgeräusche alles verraten –, dann kann nur noch von einer Infantilisierung gesprochen werden, auch wenn der präsentierte Hörtext für die nachfolgende Aufgabe noch einmal herangezogen wird. Bei den wenigen Ergänzungsübungen ohne Lösungsvorgaben wird der Lerneffekt zudem dadurch in Frage gestellt, dass unter oder neben der Höraufgabe im "Grammatikspot" (durch einen blauen Punkt hervorgehobene Grammatikverweise) die zu hörenden Elemente wörtlich wiederholt sind.

Hinsichtlich der Kurzübungen (und zum Teil auch hinsichtlich der Fotogeschichten) ist somit eine starke Orientierung an gängigen Deutsch-Sprachprüfungen festzustellen, was auch das erklärte Ziel der Autoren ist: die Vorbereitung auf die Prüfung Start Deutsch 1z (nach Band 2), Start Deutsch 2z (nach Band 4) und Zertifikat Deutsch (nach Band 6). Dies liegt derzeit im Trend, und es verwundert daher nicht, dass die hier beschriebenen Aufgabentypen in Schritte auch in Hörmaterialien anderer Lehrwerke mehr oder minder vertreten sind. Natürlich ist es löblich, wenn die Lehrbücher auch auf diverse Prüfungen vorbereiten, nur sollten sich die Übungen – und insbesondere die Hörübungen – nicht darin erschöpfen. Daher finde ich es bedauerlich, dass Aufgaben des Typs Freies Hören in den ersten drei Schritte-Bänden so gut wie gar nicht vertreten sind. Gerade mit diesen Übungen kann man Hören durch Hören lernen.

Die Foto-Hörgeschichten habe ich bereits als das Besondere an der Buchkonzeption hervorgehoben. Zwei Dinge vermisse ich jedoch: Einmal didaktisierte Phonetikübungen zu diesen Texten. Gerade für Lehrer, die Deutsch nicht als Muttersprache haben oder Muttersprachler, die aus Zeitgründen keine eigenen zusätzlichen Übungen extrahieren, wären hier Hilfen angebracht gewesen, zumal auch der Phonetik-Bereich im Arbeitsbuch hinsichtlich des Umfangs ungleichmäßig ausfällt (vgl. die Häufigkeit der in den Arbeitsbüchern explizit gekennzeichneten Phonetikübungen in der Reihenfolge Schritte 1 bis 5: 22; 12; 30; 23; 26). Der zweite Punkt betrifft Sprachvarietäten, auf deren Wichtigkeit für den Sprachunterricht ich an anderer Stelle (Steidele 2005) hingewiesen habe. Die Fotogeschichten bieten hier Ansätze (vgl. II oben), aber sie hätten den idealen Rahmen bereitgestellt, auf Varietäten des Deutschen in systematischer Weise einzugehen. Die wenigen dialektal gefärbten oder mit ausländischem Akzent gesprochenen Hörtexte in den Kurzübungen (beginnend mit den regionalen Begrüßungsformeln im Arbeitsbuch von Band 1) sind so beiläufig platziert, dass man als Lehrer nicht umhinkommt, eigene Materialien parallel einzusetzen, ohne dabei die vorliegenden Hörmaterialien berücksichtigen zu können.

Das führt zu einem weiteren Punkt: der Kreativität des Lehrers. Lehrwerke und die dazugehörigen Hörmaterialien stellen stets einen Kompromiss dar. Einerseits gilt es, den Anforderungen an etwaige Sprachprüfungen gerecht zu werden und einen darauf ausgerichteten Wortschatz und bestimmte grammatische Phänomene zu vermitteln, andererseits kann immer nur ein Ausschnitt aus dem großen Bereich "Sprache" ausgewählt und dargestellt werden. Lehrbücher sind nach wie vor beliebt, denn sie geben dem Lerner Sicherheit, Fortschritte (sichtbar) zu machen, und der Lehrer kann sich auf eine vorgedachte Progression verlassen. Er sollte sich jedoch nicht sklavisch auf vorgegebene Schemata beschränken. Man "darf" Übungsformen modifizieren und durch andere Materialien ergänzen! Im Bereich von Hörmaterialien sei beispielsweise auf die Sammlung von Kurzgeschichten, die von deutschen Muttersprachlern vorgelesen werden (Hyun 2006) oder das Hörspiel "Keine Panik!" (Raths 1997) verwiesen, das gerade als Unterrichtsergänzung konzipiert worden zu sein scheint.

Aber wie groß auch immer der zusätzliche Aufwand sein mag, den ein Lehrer zu betreiben gewillt ist, Voraussetzung für einen kurstragenden Einsatz eines Lehrbuchs und seiner Audiomaterialien ist, dass sie vor allem inhaltlich abwechslungsreich und vielfältig und somit nicht langweilig sind. Für das Lehrwerk Schritte gilt bei aller Kritik, die hier in Bezug auf die Hörmaterialien der Kursbücher vorgenommen wurde, dass es den Anforderungen, die wir heute an ein Lehrwerk für einen modernen – kommunikativ ausgerichteten – Fremdsprachenunterricht stellen, in höchstem Maße gerecht wird. Trotz des in allen Bänden gleichen Aufbaus der Kapitel und trotz vereinzelter Mängel hinsichtlich der Hörübungen liegt mit Schritte nach meiner Erfahrung ein Lehrwerk vor, das übersichtlich gegliedert ist, über vielfältige – der konzentrischen Progression folgenden – Übungsformen, authentische Dialoge und anregende Alltagssituationen verfügt, und das nicht zuletzt wegen seiner Foto-Hörgeschichten sehr fruchtbringend im Unterricht eingesetzt werden kann – und ein DaF-Lehrbuch-Bestseller zu werden verspricht. Und einen Vergleich mit anderen Lehrwerken und deren Hörübungen braucht Schritte nicht zu scheuen.

Besprochene Lehrwerke

Andere Lehrwerke

Literaturverweise


Copyright © 2006 by Holger Steidele


DaF-Szene Korea Nr. 23

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