Der Gemeinsame Europäische Referenzrahmen soll europaweit die Lehrplanarbeit, Lehrwerk- und Prüfungsentwicklung und den Unterricht vereinheitlichen. Damit soll es möglich werden, Lernerniveaus besser zu bestimmen und Sprachzertifikate in verschiedenen Ländern vergleichbar zu machen.
Die Orientierung am Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen macht es einfacher, die Zielgruppe der Übungsgrammatik Sequenzen zu bestimmen. Sequenzen ist für Lerner der Stufen A1, A2 und B1 gedacht. Diese Stufen schließen mit den Prüfungen Start Deutsch 1 und 2 bzw. mit dem Zertifikat Deutsch ab. Die Lerner können sich mit dem Buch gezielt auf die jeweilige Prüfung vorbereiten, indem sie abschnittsweise die dafür notwendige Grammatik trainieren und – wenn sie ohne Lehrer arbeiten – ihre Ergebnisse mit den Lösungen im beiliegenden Lösungsschlüssel vergleichen. Sequenzen bringt also, wie der Name wohl sagen will, Grammatik in einzelnen Abschnitten oder Folgen. Und das nicht nach einer Wortarten- oder Satzbau-Systematik, wie in vielen anderen Grammatiken, sondern danach, was Lerner beim Spracherwerb schrittweise an Grammatik brauchen oder was sie selbst wiederholen wollen, denn die Sequenzen können auch unabhängig voneinander behandelt werden. Es gibt 8 Sequenzen für das Niveau A1, weitere 14 für das Niveau A2 und 16 für das Niveau B1, also insgesamt 38 Sequenzen.
Allerdings eignet sich Sequenzen nur für Lerner, die die Grammatik bereits gelernt haben. Sequenzen ist ein Grammatiktrainer, die ersten Schritte muss der Lerner auf jeden Fall woanders gemacht haben. Es ist kein Lehrbuch, sondern ein Hilfsmittel bei der direkten Vorbereitung vor Prüfungen, sollte also insbesondere der Wiederholung dienen.
Jede Sequenz ist gleich aufgebaut. Sie umfasst jeweils 4 Seiten. Aufhänger sind ganzseitige, bebilderte, relativ lange "Geschichten aus dem Leben" von Deutschen, in Form von Lese- bzw. Hörtexten (28 der 38 Texte sind auf der mitgelieferten CD zu finden). In diesen Einstiegstexten trifft man vornehmlich auf deutsche Ich-Erzähler oder Dialogpartner – und die zu übenden Grammatikformen. Die Texte sind kreativ, optisch variantenreich und ansprechend gestaltet. Die Zeilen sind praktischerweise durchnummeriert, was eine Arbeit an den teilweise sehr langen Texten erleichtern wird. Ein weiterer Pluspunkt ist die sehr gute Bebilderung, besonders die Fotos geben einen sehr guten Eindruck von Personen, Situationen und von den Personen oder Dingen, um die es in den Texten geht.
Im Anschluss an den Einstiegstext werden Fragen zum Text gestellt. überraschend: Keine inhaltlichen Kontrollfragen, keine Grammatikfragen, sondern Fragen nach subjektiven Einschätzungen und Eindrücken des Lesers zu den Personen, die über ihr Leben oder ihren Alltag erzählen. Die meisten sprechen über ihren Beruf. Es gibt den Kaufhausdetektiv, die Psychologin, den Kneipenbesitzer, den Zehnkämpfer, die Köchin, den Fußballspieler, aber auch den Tramper, die Unzufriedene und Miriam mit ihren Männergeschichten. Der Lerner wird ermutigt, Spekulationen über die Personen oder den Ausgang der Geschichten anzustellen. Die ersten Aufgaben einer Sequenz lauten etwa: "Was soll Oliver machen? Geben Sie ihm einen Rat." (S. 79), "Was glauben Sie, was ist für Miriam am wichtigsten?" (S. 83), "Wie sieht der Detektiv aus? Was glauben Sie?" (S. 119). Die Fragen "Was glauben/meinen/denken Sie?" oder "Wie finden Sie das?" kommen in jeder Lektion vor und eine Antwort wird per Multiple-Choice-Auswahl vorgegeben – mit einer Leerstelle zum Einsetzen eines eigenen Vorschlags – für den phantasievolleren Lerner. Auf oben genannte Frage nach dem Aussehen des Detektivs sind folgende Antworten möglich:
O Schnurrbart
O karierte Jacke
O grüne Augen
O .........................
Die Fragen haben offensichtlich noch nicht das Ziel, die Grammatik zu üben. Meistens taucht das Grammatikthema dann in der zweiten oder dritten Übung auf dieser Seite auf, wird aber noch nicht explizit thematisiert. Bei dem pensionierten Kaufhausdetektiv Willi geht es um das Perfekt. Um immer noch bei dem Detektiv Willi zu bleiben – die nächste Aufgabe lautet: "War Willi ein guter Detektiv? Was ist Ihre Meinung?" Antwortmöglichkeiten sind:
O Ja, denn er hat die Menschen genau beobachtet.
O Nein, er wollte niemand erwischen.
O Dieser Beruf war für ihn unangenehm.
O Er hat seinen Beruf geliebt.
O ...........................................................
Bei koreanischen Studenten stießen diese Aufgaben zunächst einmal auf ein wenig Unverständnis. Wir wollten doch die Grammatik wiederholen! Der Drang nach Brauchbarkeit und Abfragbarkeit und Regeln ist immer wieder stark zu spüren. Man sollte diese Übungen am Anfang der Sequenzen jedoch als Lexikübung verstehen. Grammatik ist doch nur die halbe Miete. Und ein bisschen Kreativität kann bekanntlich beim Sprachen Lernen und Kommunizieren nicht schaden.
Den Spekulationsaufgaben folgt noch auf der zweiten Seite der Sequenz das "Grammatikprogramm". Hier wird direkt am Text gearbeitet. Es gibt ein bis vier Fragen bzw. Aufgaben zur Grammatik im Text. Unterstreichungen, Markierungen und Systematisierungen sind gefragt. Und hier wird klar, dass die Lerner das Phänomen schon kennen müssen. Es wird auch auf Vorwissen zurückgegriffen, wenn gefragt wird: "Welche anderen Präpositionen/Wechselpräpositionen/Modalverben kennen Sie noch?" (S. 123) Und es wird öfter zu induktiver Regelfindung ermutigt: "Wo steht das Verb? Wie ist die Regel?" (S. 99 u.a.).
Dieser Thematisierung des zu wiederholenden Grammatikthemas schließen sich auf den nächsten zwei Seiten im Schnitt 5-6 Übungen an. Sie leiten teilweise zu einem zweiten Text der Sequenz über, der eine Weiterführung des Themas ist und bei dem die gelernten Strukturen in komplexerer Form verwendet werden sollen.
Neben Grammatik gibt es aber auch explizite Wortschatzübungen. Insgesamt sind die Übungen abwechslungsreich und es gibt keine stupiden pattern drills.
Und dann ist da noch Flynn! "Unser" Flynn. Eine gezeichnete Figur, von der wir aber nur 5 verschiedene Porträts sehen. Flynn ist ein blonder, sportlicher Typ, der vom Vorwort an bis zum Glossar durch das Buch führt. Er taucht in verschiedenen Outfits auf, die aber nicht eindeutig bestimmten Sprechabsichten zuzuordnen sind. Wir haben versucht, ein System in den Farbwahl für r die Sprechblasen und den fünf verschiedenen Outfits zu finden – leider ohne Erfolg.
Flynn will kein Lehrer sein, sondern Ratgeber und Kumpel, er will motivieren, ermutigen, anregen, helfen. Und er gibt Tipps aus eigener Erfahrung, denn schließlich hat er selbst mal Deutsch gelernt. So sagt er in seinen Sprechblasen einmal was zu Grammatikregeln und macht ein andermal auf die Pragmatik aufmerksam (wann "du" und wann "Sie", S. 63). Flynn gibt auch Tipps, wie mit dem Buch umzugehen ist, so z.B. am Anfang: "Jetzt kommen ein paar Übungen. Ihr müsst nicht alle machen ...". (S. 15) Und er fungiert manchmal als Vermittler zwischen Autoren und Leser, etwa: "Jetzt kommt der Plural, und die Autoren wollten es ziemlich genau machen." (S. 23) oder (siehe folgende Abbildung): "Jetzt kommt was: der Dativ! ... ist halb so schlimm! Die Autoren helfen euch!" (S. 47).
Meist sind seine kumpelhaften Ratschläge ganz nützlich, denn sie geben Hinweise auf Vereinfachungen oder Methoden. Man muss sich allerdings fragen, ob die Lerner gerade auf den Stufen A1 und A2 Flynn wirklich immer verstehen. Etwa in der ersten Sequenz: "Stellt euch die Person in eurer Fantasie vor." (S. 7) oder in Sequenz 5 "Jetzt kommt der Plural, und die Autoren wollten es möglichst genau machen. Es sieht aus wie ein Computerprogramm, aber ihr kriegt ein paar gute Regeln." (S.23)
Einen typischen Lerntipp gibt er in Sequenz 2 zum Genus und bestimmten Artikel. Denjenigen, die diese Strategie noch nicht kennen, schlägt er vor, die Substantive und ihre bestimmten Artikel mittels Farben zu lernen: "der Vogel" ist blau, "das Gesicht" ist grün, "die Blume" ist gelb. Entsprechend soll man die Substantive markieren oder in eine farbige Box eintragen. Dieses an sich so gute System wird dann leider in einer Übung wieder durcheinander gebracht: In einer Box (S.13) stehen drei Substantive verschiedener Genera, denen man den farbig markierten Artikel zuordnen soll. Soweit so gut. Leider stehen aber das Messer, die Gabel und der Löffel alle zusammen auf blauem, also "männlichem" Grund. Woran soll sich das Lernerhirn da halten, wenn es um das Erinnern geht? Aber abgesehen davon ist Flynn insgesamt schon ein recht netter Bursche.
Nun wollen wir noch einmal etwas näher auf die Einstiegstexte eingehen. Sie werden unglaublich langsam und geradezu theatralisch überartikuliert von ausschließlich standardsprachlichen, dialektfreien Sprechern gesprochen. Selbst der Schweizer Kellner im ICE 2005 Basel-Hamburg/Altona grüßt und verabschiedet sich lediglich mit Schweizerdeutsch. Der Text der Sequenz 30 (S. 122), der allerdings nur als Lesetext und nicht als Hörtext existiert, beginnt mit "Griaß di! Kumm, hock di her. Gei, heit is schee! Ah, du verstehst mich ned? Komm, setz dich zu mir. Schön ist es hier, oder?". Ansonsten kommt Dialekt nur einmal noch in Form eines norddeutschen "Moin! Moin!" vor.
Hört man sich alle Texte hintereinander an, bekommt man ein recht deprimierendes Deutschlandbild. Lauter frustrierte oder bemitleidenswerte Leute: Ein junger Mann lebt allein, hat keine Familie. Aber einmal im Jahr, ha!, im Sommer, da kümmert er sich um Hund, Katze und Vogel von Onkel, Tante und Nachbarn! (Und der Text trägt auch noch den Titel "Meine Tiere und ich"!) Eine Sekretärin schuftet sich den ganzen Tag für den Chef ab und am Ende war alles umsonst. Eine unentschlossene Person will weg oder nicht weg oder doch weg. Der verkappte Fußballstar war zu oft in Kneipen. Der Nachbar vom Lotteriegewinner Ernst Neumann hat zu Hause Probleme, viele Probleme. Ernst hat nur sein Auto (das er eben in der Lotterie gewonnen hat) und das macht keine Probleme. Eine Hotelfachfrau will nach Feierabend endlich ihre Ruhe haben nach all der aufgesetzten höflichen Freundlichkeit an der Rezeption. Der Zugkellner hat den ganzen Tag Mega-Stress. Dem Programmierer stürzt in der Präsentation das Programm ab, weil die Technik nicht funktioniert. Die Köchin muss sich den ganzen Tag vom Küchenchef rumkommandieren lassen. Der Hilfsarbeiter auf dem Bau hat furchtbare Angst auf Dächer zu steigen, er ist nämlich nicht schwindelfrei. Ein interviewter Azubi macht einen ganz genervten Eindruck, die Interviewerin auch. (Dies ist der schlimmste Hörtext! Sequenz 17). Lisa macht per E-Mail mit Oliver Schluss, weil der immer zu spät kommt und schlechte Ausreden hat. Ein Nachtwächter trifft nie Menschen. Eine junge Frau wird ständig von ihrer jüngeren Schwester gestört. Ein Tramper findet trampen gut, aber der Text endet "nur einmal war’s unangenehm, aber das erzähle ich lieber nicht...". Der nette Kneipier mit der gut laufenden Kneipe bleibt nach Ladenschluss allein. Der begabte Reporter findet einfach keine Story. Die Unzufriedene ist hat nur Pech im Leben, nichts klappt. Der Radiomoderator, ein leidenschaftlicher Radfahrer, muss den Hörern seiner Sendung "Autofahrer unterwegs" tagtäglich was vormachen. Eine Arbeitslose – na klar, die ist auch nicht glücklich und sieht auch keine Perspektive. Ja, wenn sie ein Mann wäre! (Sie ahnen, es ist die Lektion zum Konjunktiv II.) Nicht mal das Märchen für die Präteritum-Sequenz mit Prinzessin und Dummkopf geht gut aus. Wenigstens wird in der letzten Sequenz in einem Interview eine vergleichsweise erfrischende, pensionierte Lehrerin vorgestellt, voll Lebensdrang und Engagement. OK, das Leben ist kein Zuckerteller, aber muss denn in der Mehrzahl der Texte was Negatives eingebaut sein, selbst wenn es am Schluss meist noch einen Lichtblick gibt? Alle Texte hintereinander gehört (aber das macht man wahrscheinlich sowieso nur, wenn man eine Rezension schreiben muss), fragt man sich, warum die Selbstmordrate der Deutschen nicht höher liegt.
Ein weiterer Kritikpunkt an den Texten ist das geringe Vorkommen der zu übenden Grammatik. Während man aus vielen Lehrbüchern gekünstelte Text kennt, die von dem anzugehenden Grammatikthema geradezu überquellen, haben Texte in Sequenzen teilweise arg wenige Beispiele. Läse man einige Texte, ohne sich das Thema der Lektion anzuschauen, ließe sich nicht herausfinden, was geübt werden soll. Im Text zu den trennbaren Verben kommen auf 36 Sätze 10 trennbare Verben bzw. eigentlich nur vier: anrufen, ansprechen, weggehen und ansehen in verschiedenen Formen. Allerdings finden sich dann in den Übungen viele andere Beispiele.
Ja, wir wissen, DAS perfekte Lehrwerk gibt es nicht. Sequenzen hat eben auch seine Schwächen, aber auch viele gute Seiten. Zum Schluss seien noch einige bisher nicht erwähnte Pluspunkte dieses Buches genannt:
Im Anhang gibt es einen einfachen, kurz gehaltenen übersichtlichen Grammatikteil, die "Kleine Grammatik-Hilfe" zu jeder Sequenz. Ohne komplizierte Germanisten-Deutsch-Erklärungen, sondern anhand kurzer Sätze, einfacher übersichten und guter Beispielsätze werden hier die Regeln noch einmal dargestellt.
Die deutsch-englischen Wörterlisten im Glossar sind nach Sequenzen geordnet und ermöglichen so eine schnelle Orientierung beim Nachschlagen unbekannter Wörter. Dabei ist darauf geachtet worden, dass es eine situationseingebettete Übersetzung gibt: "Wie schön!" wird also nicht mit "How nice!", sondern der Situation im Text entsprechend mit "Great! Good to see you!” übersetzt. (Sequenz 4, Glossar S. 191)
Clever ist, wie das Problem mit dem Duzen und Siezen gelöst wird: Die Arbeitsanweisungen sind durchweg in der Sie-From, aber Flynn duzt die Leser, bzw. er "ihrzt" sie.
Positiv zu bewerten ist weiterhin der Einbezug der Muttersprache der Lerner. So wird im "Grammatikprogramm" in vielen Sequenzen gefragt: "Wie heißt das in Ihrer Muttersprache?" oder "Gibt es das in Ihrer Sprache?" (z.B. den unbestimmten Artikel, Sequenz 12, S. 51)
Sequenzen hat ein ansprechendes Layout. Die Aufmachung ist übersichtlich und lernerfreundlich, die Abschnitte für die drei Niveaustufen sind farblich voneinander abgesetzt.
In den Einstiegstexten und durch Flynn erfährt der Lerner jede Menge lebendiges, natürliches Alltagsdeutsch mit Satzabbrüchen, Interjektionen und elliptischen Sätzen.
Für Lehrende bietet Sequenzen einen reichen Pool an Texten, trotz der erwähnten Schwachpunkte. Selten sind in einem Anfängerlehrbuch so viele längere, abwechslungsreiche Text beieinander zu finden.
Insgesamt bekommen Lerner und Lehrer ein gutes, modernes Lehrwerk in die Hand, das flexibel einsetzbar ist.
Copyright © 2006 by Birke Dockhorn / Andrea König