Birke Dockhorn

Schritte zur Internationalität
Das Lehrbuch Schritte international 1 im Vergleich zu Schritte 1

Niebisch, D.; Penning-Hiemstra, S.; Specht, F.; Bovermann, M.; Reinmann, M.: Schritte international 1. Kursbuch + Arbeitsbuch. Max Hueber Verlag, Ismaning, 2006.


Die Beliebtheit des Lehrbuchs Schritte scheint, zumindest in meinem Umfeld, in letzter Zeit nicht aufzuhalten. Alle, die sich entschließen, damit zu arbeiten – und auch ich – finden nur lobende Worte über die Modernität des neuen Lehrwerks, über seine gut durchdachte Progression und Binnendifferenzierung und über die guten Ideen der Autoren zur Auflockerung des Unterrichts, die man teils in den Lektionen selbst findet, teils im Lehrerhandbuch. Einziger Wermutstropfen: die Zielgruppe sind "Lerner, die einen längeren Aufenthalt in einem deutschsprachigen Land planen oder bereits in einem deutschsprachigen Land leben". Der Fokus liegt also auf Deutschland von innen und nimmt mit teilweise recht speziellen landeskundlichen Informationen sowie Projekten "Bezug auf den deutschsprachigen Alltag (Foto-Hörgeschichte, Familie, Beruf, Ämter ...)".

Nun wurde Schritte international entwickelt, "für Lerner, die die deutschsprachigen Länder bisher nur "von außen“ kennen". Die Homepage verspricht außerdem, dass Schritte international "für eher jüngere Lerner" geeignet sei, "die meist schon eine andere Fremdsprache gelernt haben", dass es sich auf Themen konzentriert, die "vornehmlich jüngere, eher gebildete TN ansprechen" und den deutschsprachigen "Alltag aus distanzierterer Sicht (Foto-Hörgeschichte, Zwischenspiele)" betrachten. Es berücksichtigt die "Lernbedingungen einer Gruppe mit dem sprachlich und kulturell selben Hintergrund" und hat eine "Binnendifferenzierung, die auch die besonders guten Lerner berücksichtigt".

Das klang gut, als ich am Anfang dieses Semesters in einem meiner Kurse wieder einmal vor der Frage stand, welches Lehrbuch denn wohl dafür geeignet wäre. Nun, nach den ersten Erfahrungen sowohl mit Schritte als auch mit Schritte international 1, möchte ich an dieser Stelle einmal einen Vergleich zwischen den beiden Lehrwerken ziehen. Was ist bei Schritte international 1 im Vergleich zu Schritte 1 neu, anders und vielleicht auch besser? Und was ist daran international?

Das Grundkonzept der beiden Lehrbücher ist gleich, was denen, die bereits mit Schritte gearbeitet haben, die Arbeit wesentlich erleichtern wird, denn bereits vorbereitetes Material kann wieder verwendet werden, man muss es u.U. nur ein bisschen anpassen. Es gibt zur Einführung eine Fotogeschichte, aus der dann in den Teilen A-C Zitate als Aufhänger für die jeweilige Grammatik oder den Wortschatz dienen. Teil D und E sowie das Arbeitsbuch bieten ergänzendes Material und Übungen zum Thema. Die Themen der Lektionen sind denen in Schritte 1 (ab jetzt einfach Schritte) sehr ähnlich, in Schritte international 1 (ab jetzt einfach Schritte international) lauten sie: "Guten Tag, mein Name ist...“, "Familie und Freunde“, "Essen und Trinken“, "Meine Wohnung“, "Mein Tag“, "Freizeit“ und "Lernen – ein Leben lang“. Sogar die einzelnen Farben der Lektionen sowie das Prinzip der harmonischen Abstimmung der Fotogeschichten-Bilder auf diese Farben sind geblieben – ich habe vor allem das besonders auffällige Pink der Lektion 3 wieder erkannt. Aber: Pink wird hier nicht von der Frau mit den Fan-Fit-Getränken im Supermarkt getragen, sondern von Timo und Corinna, zwei Protagonisten aus der Fotogeschichte von Schritte international. Und Timo ist außerdem nicht im Supermarkt, sondern auf dem Markt.

Die Fotogeschichte ist also komplett anders. Ausländer in Deutschland ist Timo aus Finnland, der einen Deutschkurs in München besucht und deshalb vorübergehend bei seinem Freund, dem Schreiner Anton wohnt. Dessen Freundin Corinna ist Maskenbildnerin und wohnt nicht mit bei Anton, sondern allein.

Timo, Corinna und Anton, die Personen der Fotogeschichte aus Schritte international (Lektion 2, S. 18)

Sie kommt aus Wien und sorgt mit einigen eingestreuten österreichischen Wörtern und Wendungen immer mal wieder für österreichisches Lokalkolorit. Sie sorgt auch dafür, dass regionale Aussprache- und Wortschatzbesonderheiten des Deutschen (und daraus resultierende Missverständnisse) thematisiert werden. Die passende Frau für Timo ist die Tierärztin Anja. Kurzum, eine bunte Mischung aus jungen Leuten ähnlichen Alters (24-26 Jahre), unterschiedlicher Herkunft und Ausbildung, die junge Lerner ansprechen soll. Und es gibt auch noch Koko, dessen papageienhaftes Wesen (natürlich, er ist ja Antons Papagei!) besonders in der ersten Lektion der tragende Teil der Geschichte ist, als er dem frisch eingezogenen Timo -zig Mal erklärt, dass er Koko sei. Eine wesentliche Verbesserung gegenüber Schritte ist hier übrigens, dass zu jedem Foto ein extra Track auf der CD gehört, was es leichter macht, den Text zu einzelnen Fotos noch einmal anzuhören ohne lange suchen zu müssen.

Beim Aufbau der Lektionen kam es mir so vor, als hätten die Autoren – die alle bereits bei Schritte mitgearbeitet haben, außer der neu ins Team gekommenen Daniela Niebisch – noch einmal Feedback im Umgang mit dem Lehrbuch berücksichtigt. Teilweise wurde die Anordnung des Lernstoffs verändert, teilweise wurden kommunikative Übungen ergänzt oder auch ersetzt. Auffällig ist das z.B. in Lektion 3, wo statt der Anordnung Entscheidungsfrage / unzählbare Menge (Kennen Sie schon fan-fit?) – unbestimmter Artikel und dessen Negation (Das ist doch keine Sahne.) – Plural (Vier Flaschen kosten 7,10 Euro) in Schritte international der Weg vom unbestimmten Artikel (Das ist doch kein Apfel, oder?) über den Plural (Erdäpfel sind Kartoffeln!) hin zur Entscheidungsfrage (Haben Sie Äpfel?) nach Dingen im Plural und nach unbestimmten Mengen führt.

In der Lektion 5 wurde die Aktivität C4 dahingehend verändert, dass die Lerner zunächst aufschreiben sollen, was sie an zwei Tagen so alles machen, um sich dann zu fragen "Was machst du am Freitag?". Diese Aktivität ist variantenreicher als "Wann gehen Sie am Montag ins Bett? - Um 11 Uhr. – Und wann stehen Sie auf?", wo es reicht, nur mit der Uhrzeit zu antworten.

Wenn es um Übungen geht, ist natürlich das bei Schritte international ebenfalls integrierte Arbeitsbuch zu erwähnen. Eine wichtige Neuerung ist hier, dass die Wortlisten des Lernwortschatzes der Lektion am Ende jeder Lektion (und nicht mehr im Internet) verfügbar sind. Das gefällt mir sehr gut, denn die Erfahrung hat mir gezeigt, dass die ausgedruckten Listen aus dem Internet von den Studierenden gern verlegt werden. Ansonsten ist das Arbeitsbuch bis hin zu den Bildern zumindest in den Teilen A-C jeder Lektion fast genau übernommen. Wenn überhaupt Veränderungen vorgenommen wurden, dann handelt es sich dabei um Veränderungen in der Anordnung einzelner Übungen.

Insgesamt ein wenig anders sieht es dagegen bei den Teilen D und E aus. Gedacht sind sie als Teile, die unabhängig von der Hörgeschichte funktionieren und authentische Alltagssituationen präsentieren. In Schritte international sollen sie Hören, Sprechen, Schreiben und Lesen trainieren und diese Fähigkeiten systematisch erweitern. Vor allem sollen sie hier nicht, wie in Schritte , die Lerner "auf den Alltag außerhalb des Klassenraums vorbereiten" bzw. setzen diese Kenntnisse auch nicht voraus. Und so wurden zwar landeskundlich durchaus interessante, aber sehr spezielle Situationen wie das Deutschlandquiz der Lektion 2 (meine Studierenden konnten die Städte einfach nicht den Fotos zuordnen) durch andere Dinge ersetzt, in diesem Fall einem weiteren Spiel zur Vorstellung von Personen. Gleiches gilt für Situationen wie den Anruf auf eine Verkaufsanzeige (ersetzt durch einen Lesetext zum Thema Sternzeichen und und Wohnungen) oder das Einkaufen von Lebensmitteln in Deutschland (statt dessen: Mein Lieblingsessen). Auch im Arbeitsbuch wurden diese Teile am stärksten überarbeitet, beispielsweise findet man in Lektion 4 statt der deutschen Wohnungsanzeigen nun in Schritte international den Lesetext "Mein Traumhaus", der vorher nur bei den Zusatzmaterialien zu finden war. Insgesamt liegt bei der Landeskunde der Teile D und E ein stärkerer Fokus auf interkultureller statt faktischer Landeskunde. So findet man nun im Teil E der Lektion 2 statt Fragen zur Geographie eine Illustration verschiedener Möglichkeiten des Verhaltens bei der Begrüßung (sich verbeugen, sich umarmen, einen Handkuss geben u.a.) mit der Frage "Wie begrüßen sich die Menschen in den deutschsprachigen Ländern? Was ist normal?". Und es werden auch mögliche Fehler bei der Vorstellung (* "Mein Name ist Herr Bond.") angesprochen, die zumindest bei Deutschlernern in Korea durchaus auftreten und daher thematisiert werden müssen.

Die Funktion der Vermittlung von landeskundlichen Fakten übernimmt in Schritte international oft ein "Zwischenspiel", das jeweils am Ende einer Lektion steht und bei dem es auf einer Doppelseite spielerisch um Informationen über Deutschland, österreich und die Schweiz geht. Das passiert mal in der Form eines Liedes, mal in Form eines Quiz mit zu suchendem Lösungswort, oder es wird auch mal eine Art "Projekt" durchgeführt, bei dem die Lerner aufgrund gegebener Informationen einen Plan für eine Berlin-Besucherin zusammenstellen sollen. Schön finde ich auch eine Sammlung von Ausrufen mit der dazugehörigen Mimik, bei der versucht wird, die Betonung und Verwendung der Interjektionen nahe zubringen.

International an Schritte international ist also vor allem, dass es kulturelle Unterschiede zwischen den deutschsprachigen Ländern selbst stärker thematisiert und interkulturell interessante Themen mehr in den Mittelpunkt rückt. Soweit Lerner jedoch zum Vergleich mit der eigenen Kultur angeregt werden sollen, bleibt eine direkte Gegenüberstellung dem Lehrenden überlassen. Anregungen dafür, sich beim Deutschlernen auch der eigenen Sprache und Kultur bewusst zu werden, bestehen jedenfalls im Wesentlichen in der sprachlichen Kontrastierung. Die Erörterung vieler solcher kulturvergleichenden Fragen ist natürlich sprachlich auf diesem Niveau einfach noch nicht möglich, manche können aber im Unterricht durchaus beim Bezug zur persönlichen Lebenswelt der Lerner auftauchen und sollten dort selbstverständlich auch besprochen werden (Warum kann der Eingangsbereich in koreanischen Wohnungen oft nicht Flur genannt werden? Zieht man sich in Deutschland auch immer die Schuhe aus, wenn man die Wohnung betritt?).

Dass Schritte international eher für homogene Gruppen gedacht ist, kann man übrigens auch daran erkennen, dass die Lerner sich manchmal über die Fotogeschichte offiziell in ihrer Sprache unterhalten "sollen" – was zumindest meine koreanischen Lerner ein wenig verwirrt hat. Trotzdem scheint Schritte international sehr gut für homogene Lernergruppen in zielsprachenfernen Ländern geeignet zu sein. Dass es besser als Schritte geeignet ist, kann ich jedoch nicht bestätigen. Die Arbeit mit Schritte international funktioniert genauso gut wie die mit Schritte , und die Lerner werden meiner Meinung nach von beiden Lehrwerken sehr gut angesprochen.

Ob man sich also für die Arbeit mit Schritte international entscheiden möchte, wird letztlich von anderen Faktoren abhängen. Eine Rolle mag spielen, ob man in einen Kurs bei Null anfängt, ob man auf einem höheren Niveau einsetzt. Und wie weit man voraussichtlich kommen will. Von Schritte international liegen nämlich erst die ersten beiden Bände vor, Band 3 soll im September 2006 erscheinen, die anderen Bände alle nacheinander im Verlauf des nächsten Jahres. Wenn das nicht wichtig für die Entscheidung ist, dann vielleicht die Fotogeschichte selbst – je nachdem, ob man die Geschichte mit der Familie sympathischer findet oder die (gehobene) Lebenswelt der jungen Leute. Wenn man noch nichts in Schritte investiert hat (z.B. für die Plakate zur Fotogeschichte), dann lohnt sich aber der Schritt zu mehr Interkulturalität und Internationalität auf jeden Fall.


Copyright © 2006 by Birke Dockhorn


DaF-Szene Korea Nr. 23

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