Hans Jürgen Müller

Sind Pressetexte angemessene Quellen für DaF-Lehrwerke?
Das Lehrwerk Tangram

Dallapiazza, Rosa M.; Jan, Eduard von; Schönherr, Til; u.a.: Tangram. Vierbändige Ausgabe. Max-Hueber-Verlag, Ismaning


Tangram ist ein Lehrwerk, das seit Ende der 1990er Jahre im Verlag Hueber erscheint. Mir liegt eine vierbändige Ausgabe vor, die ich seit eineinhalb Jahren im Unterricht in der zweiten und dritten Klassenstufe einsetze. In der Unterrichtspraxis hat sich das Werk von Anfang an bewährt, auch wenn es für die Studenten meiner Klassenstufen ein wenig zu schwierig ist. Ich benutze es daher mehr oder weniger als "Steinbruch", das heißt, ich wähle geeignete Texte und Aufgaben aus dem Lehrwerk aus und ergänze sie durch anderweitige Unterrichtsmaterialien. Die offene und flexible Struktur des Lehrwerks kommt diesem Vorgehen entgegen.

Die folgende Kritik bezieht sich nicht auf die didaktische und methodische Konzeption des Lehrwerks, sondern ich möchte nur der Frage nachgehen, inwieweit sich journalistische Textsorten für den Einsatz in DaF-Lehrwerken eignen. Dabei geht es mir weniger um eine streng wissenschaftliche Beweisführung als vielmehr um die Beleuchtung von einigen Problemstellen, die sich im Unterricht gezeigt haben. Ich versuche, diese Probleme mit einer "essayistischen" Darstellung zu illustrieren.

Die Konzeption des Lehrwerk entspricht den Anforderungen des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens für Sprachen. Dazu gehört auch das Bestreben, möglichst authentische Texte im Buch zu präsentieren. Auf diese Weise sind viele Artikel aus Zeitungen und Publikumszeitschriften ins Lehrwerk gekommen. Das Quellenverzeichnis verweist auf Spiegel, Stern, Brigitte, Süddeutsche Zeitung, die ARD und viele andere. Als Textsorten gibt es zum Beispiel Berichte, Features und Service-Informationen. Weitere Elemente im Buch stammen wohl nicht aus der Presse, sie halten sich aber an die professionellen Standards der Medien. Das gilt insbesondere für Fotos und die dazugehörigen Bildunterschriften. Ich komme später noch darauf zurück.

Jedes Lehrwerk ist von der Zeit geprägt, in der es entsteht. Das ist auch hier der Fall. Wir befinden uns offenbar in der Mitte der 1990er Jahre. Es ist die Zeit der Globalisierung und der Standortdebatten. "Neue Märkte" beschäftigten die Fantasien der Börsenexperten. "Flexibilisierung" der Arbeitsverhältnisse, Abbau der Sozialsysteme und Arbeitslosigkeit belasteten auf der anderen Seite die Modernisierungsverlierer, und das waren viele.

Der "sozialstaatliche Kompromiss" der Nachkriegszeit, der zum Beispiel im Werk von Habermas eine theoretische Formulierung gefunden hatte, wurde abgelöst von einem harten Verteilungskampf, in dem die nach wie vor erzielten Zuwächse von einer winzigen Minderheit von Gewinnern abgeschöpft wurden, während die Masse der Bevölkerung leer ausging.

Es gab damals viele Illusionen. Es war den Menschen noch nicht bewusst, das es kein neues Gleichgewicht in der Gesellschaft mehr geben würde, sondern für die Verlierer nur den Abmarsch nach unten. Die bürgerliche Mitte, die bis dahin von den Nachkriegskonjunkturen profitiert hatte, glaubte sich noch sicher. Für die Illusionen sorgten Medienkampagnen im Stil der "Standortdebatten", die unablässig über das Land rollten, und die dem Publikum vorgaukelten, dass, wenn es "der Wirtschaft" gut ginge, dann auch wieder Zuwächse bei den Masseneinkommen möglich würden.

Das alles findet sich durch die Übernahme authentischer Pressetexte im Lehrwerk wieder. Wir finden die idealen Arbeitnehmer, wie sie damals propagiert wurden: flache Hierarchien mit größerer Verantwortung am Arbeitsplatz, aber auch überlange Arbeitszeiten und zunehmend unsicher werdende Beschäftigung. Man sieht den Luxuskonsum der 90er. Aber es ist nicht schwer, die Zeichen zu finden, dass die Bevölkerung unter Stress stand. Wer aufmerksam war, der konnte schon damals "in stillen Nächten hören, wie der Boden unter den Füßen der Mittelklasse ins Rutschen gerät" (Geoffrey Howe). Es war die Zeit der Generation X, die Douglas Coupland definiert hatte als die Generation, die zum ersten Mal seit der Nachkriegszeit den Lebensstandard der Eltern nicht mehr erreicht.

Nicht nur die Texte im Lehrwerk sind authentisch, sondern auch die auftretenden Personen. Hatte man es früher mit gewissermaßen "literarischen" Lehrwerkspersonen zu tun, die dazu erfunden waren, den Lerner durch die Lektionen zu begleiten, so hat man es in Tangram mit realen, authentischen Menschen zu tun.

Wir treffen auf einen bemerkenswert vielfältigen Ausschnitt aus der Bevölkerung: Junge und Alte, Deutsche und Ausländer, Arbeitnehmer und Rentner. Die ganze Bandbreite der sozialen Milieus ist da: vom AIDS-Kranken bis zur Ärztin, die sich für die Dritte Welt engagiert, vom Obdachlosen mit Schäferhund bis zur Oberbürgermeisterin von Frankfurt. überhaupt kommen zahlreiche Personen des öffentlichen Lebens zu Wort, wie zum Beispiel der seinerzeitige Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Hans Olaf Henkel.

Allerdings fällt auf, dass die Personen im Lehrwerk mit wenigen Ausnahmen merkwürdig "flach" bleiben. Man lernt sie nur sehr oberflächlich kennen, sie regen die Imagination nicht an.

Das ist ganz anders als zum Beispiel in den Koreanisch-Lehrwerken, die ich kenne. Da gibt es stets die obligate Liebesgeschichte: Yeong-Min liebt Han-Na. Das sind zwar keine authentischen Personen, aber die ganze Klasse verfolgt fröhlich, wie sich die Geschichte von den zarten Anfängen über verschiedene Klippen bis zum guten Ende entwickelt.

Solche "sympathischen" Figuren vermisst man etwas in Tangram. Sie wirken alle etwas "offiziell", distanziert, kühl. Ich fürchte, dass Tangram das Stereotyp vom effizienten, aber auch ein wenig steifen Deutschen nicht gerade abbauen wird.

Der Grund für diese eigentümliche Distanz zwischen dem Leser und den Personen im Buch dürfte sein, dass die Personen in der Regel nicht selbst zu Wort kommen, sondern gefiltert durch das Medium der Presse. Oft gestattet der Journalist den vorgestellten Menschen nur eine kurze "Sprechblase", im Fernsehjargon "sound bite" genannt. Allenfalls so genannte "Celebrities", wie etwa die Schauspielerin Iris Berben, dürfen etwas mehr sagen.

Eine kurze Erklärung zum Filtermechanismus der Presse: Er besteht aus zwei Teilen, aus den journalistischen Auswahlkriterien und den Darstellungsstandards. Es geht darum, wie Journalisten den Stoff für ihre Artikel auswählen und wie sie ihn dann im Artikel darstellen.

Die Auswahlkriterien lernt jeder angehende Journalist gleich am Anfang seiner Karriere. Stoffe werden wegen ihrer tatsächlichen Wichtigkeit ("harte Themen") oder wegen des Publikumsinteresses ("weiche Themen", englisch human interests) ausgewählt. Stoffe mit Publikumsinteresse beziehen sich auf aktuelle oder lokale Ereignisse, auf Prominente oder Konflikte, Sex, Sport, Unfälle, Tiere etc.

Die Darstellung von Pressetexten ist hoch standardisiert. Der Journalist schreibt keinen Essay, sondern er folgt genauen Regeln. Da gibt es zum Beispiel die fünf W-Fragen: Wer? Was? Wann? Wo? Wie?

Diese Kriterien und Regeln bilden einen Filter, der die Inhalte nicht unberührt lässt. Die Presse ist kein neutraler Vermittler von Botschaften, sondern prägt die Inhalte gemäß ihren spezifischen Arbeitstechniken. Bekannt ist die populäre These Marshall McLuhans: "The medium is the message".

Betrachten wir zunächst einmal die Wirksamkeit der Auswahlkriterien am Lehrwerk. Beispiel ist eine Einstiegsseite in ein neues Kapitel im Kursbuch (nachfolgend kurz KB) 2B, S. 109. Thema: "Gemeinsinn statt Egoismus: Das gibt meinem Leben Sinn!" Es werden sechs Personen mit Bild und einer knappen Bildunterschrift vorgestellt. Die sechs sind zwar alle mit Namen persönlich bezeichnet, aber es wird rasch klar, dass sie sechs "Typen" sind. Sie zählen eigentlich nicht als Persönlichkeit, sondern nur als Repräsentanten bestimmter Lebenskonzepte oder Lebenslagen: die junge Raverin, der Obdachlose, die engagierte Ärztin, die aufstrebende Selbständige, die Esoterikerin und der AIDS-Kranke. Alle fallen irgendwie in den human interest-Bereich, besonders wohl der AIDS-Kranke.

Die sechs kommen mit einem ganz kurzen Statement in der Bildunterschrift zu Wort. Die Statements sind vermutlich nicht von ihnen selber, sondern von einem Bearbeiter formuliert worden. Betrachten wir einmal ein paar Fotos näher.

Von ihrem Schreibtisch lächelt uns Christine Berger entgegen, eine "selbständige Telefon-Trainerin", Kurzhaarfrisur, grauer Blazer. Sie repräsentiert das neue gesellschaftliche Leitbild derjenigen, die ihre Chancen als Kleinstunternehmer suchen. Heute würde man das "Ich-AG" nennen. Sie sagt: "Erfolg im Beruf – das macht einfach Spaß! Mein Kontostand gibt mir ein genaues Feedback".

Spricht in Deutschland wirklich jemand solche Sätze? Ich denke nicht. Das ist reines Redaktions-Deutsch. Einem Profi fließt das in den Computer, während er ganz nebenbei die Volontärin an der Kaffeemaschine beobachtet. So etwas kann man in ein Faltblatt des Arbeitsamtes schreiben. Wir sind an diesen Sprachschutt so gewöhnt, dass er uns da schon gar nicht mehr auffallen würde. In einem Lehrbuch der deutschen Sprache stolpert man aber darüber.

Dabei lächelt die Frau Berger so freundlich hinter ihrem Schreibtisch hervor. Warum lässt man sie nicht in ganz einfachen Worten sagen, was sie uns in ihrer Situation wirklich sagen würde: "Schön, dass Sie vorbeigekommen sind. Hatten Sie eine gute Anfahrt?"

Dann der Sozialfall im Bild darüber, ein Berber von der Straße. Der Obdachlose sieht schlimm aus, aber sein Hund ist ein Prachtkerl. Hund ist immer gut in unserer Presse. "Hund" ist viel besser als "Obdachloser". Ohne den Hund wäre der Obdachlose gar nicht ins Bild gekommen.

Reporter lieben es, wenn Leute in Publikumsbefragungen irgendetwas Unbeholfenes oder Skurriles von sich geben, etwas, was jeder TV-Zuschauer als offensichtlichen Unsinn erkennt. Das gibt dem Zuschauer die Gelegenheit, sich überlegen zu fühlen. Dann kommt in der Regel irgendein medienerfahrener "Experte", der milde lächelnd die Irrtümer berichtigt. Damit befördert man die Vorstellung, dass man die Politik besser den Experten überlässt, die alles besser wissen, während die Bevölkerung mit ihrem beschränkten Gesichtskreis besser bei ihrem Leisten bleibt.

So auch hier. Es wird eine "Schamanin" aus Hamburg vorgestellt. Ihr sound bite: "Ich stelle den Kontakt zu den Geistern her. Von dort bekommen wir Rat und innere Kraft". In Deutschland hält man so etwas wohl für eine Art von "Selbstfindung", ich kenne mich da aber nicht aus. Die koreanischen Studenten wissen, was eine Mudang ist, und finden die Hamburger Schamanin ulkig. Mäßig amüsiert kichern sie ins High Tech-Handy: Schamanismus ist für sie etwas hoffnungslos Rückständiges.

Die Presse gibt durchaus kein vollständiges Bild der Lebenswelt, in der die Bevölkerung zu Hause ist. Im Gegenteil, sie hat viele "blinde Flecken". Um diese zu erkennen, muss man fragen, was in der Presse nicht vorkommt.

Am Anfang dachte ich, es gäbe keine Ausländer im Lehrwerk, aber dann habe ich doch einige gefunden. Zum Beispiel Dr. Fahriborz Baghei (KB 2B, 76). Er ist Gynäkologe. Seval Yildirim ist Medienberaterin und Mohammed Laaguidi Nachrichtentechniker und Gastdozent bei der "Privaten Universität Witten/Herdecke" (KB 2B, 94). Bei genauer Betrachtung stellt man fest: Es sind alles recht vorzeigbare Leute mit interessanten Berufen. Die Kreuzberger Türkin mit Kopftuch kommt dagegen nicht vor.

Gibt es den schlecht integrierten jugendlichen Ausländer von der Rütli-Schule? Es sieht so aus, auf Seite 98 im Arbeitsbuch (nachfolgend AB) 2B ist anscheinend einer: "Ich heiße Ricardo und bin 16 Jahre alt, Ich bin hier in Berlin geboren, auch wenn ich nicht so aussehe." Doch halt – die Mutter ist Japanerin, der Vater Bolivianer. Ricardo spricht drei Sprachen fließend: Deutsch, Spanisch, Japanisch. Nicht gerade einer, vor dem uns das Privatfernsehen immer warnt.

Kleinrentner, prekär Beschäftigte, Arbeitslose, kurz: alles, was man neuerdings die Klasse der "Zurückgebliebenen und Frustrierten" (Edmund Stoiber) nennt, all das ist Tabu, obwohl es sich um einen beträchtlichen Teil der Bevölkerung handelt.

Und übrigens: Kinder habe ich im Lehrwerk auch nicht gefunden. Das ist auch nicht gut möglich, denn die Leute, die hier dargestellt werden, arbeiten von morgens bis abends und können sich Kinder gar nicht leisten.

Jetzt höre ich den Leser sagen: Es ist ein Leichtes, Dinge zu finden, die in einem Werk nicht vorkommen, mit dieser Methode kann man ja alles in Grund und Boden kritisieren. Das stimmt natürlich, aber hier geht es nicht darum, willkürlich Fehlrepräsentanzen zu finden, sondern der Punkt ist, dass man systematische Ungleichgewichte bei der Darstellung der Lebenswelt erhält, wenn man sich auf Pressetexte als vermeintlich authentische Quellen einlässt. Man teilt dann gewissermaßen die Blindheiten, aber auch die Stereotypen der Presse und reicht sie auch noch gleich an die Lerner weiter.

Diese systematischen Ungleichgewichte rühren von der Filterfunktion der Presse her. Ein Lehrbuchbearbeiter muss diese Verzerrungen kennen und durch andere Textsorten balancieren. Aber wenn man wirklich authentisch über das Leben der Deutschen berichten will, dann ist es am Besten, man lässt sie selbst zu Wort kommen.

Nun zu den Darstellungsstandards. Welche Folgen ergeben sich aus der standardisierten Form der Presseartikel im Lehrwerk?

Nehmen wir als Beispiel den Artikel über Nebenjobs im KB 2B, S. 90. Der Titel lautet: "Arbeiten bis zum Umfallen? Der Trend zum Nebenjob".

In den einleitenden Sätzen lernen wir eine junge Frau mit einem beeindruckenden Arbeitspensum kennen. "Endlich 16.30 Uhr. Feierabend. Wenn sich die Kollegen auf Familie, Hobbys oder aufs Faulenzen freuen, geht für Bauzeichnerin Stefanie Richter (27) der Stress erst richtig los: rein ins Auto, Tochter Marlies (5) vom Ganztagskindergarten abholen und zur Oma bringen. Sie braucht genau 90 Minuten, jeder Schritt ist bis auf die Sekunde durchgeplant. Um Punkt 18 Uhr beginnt die zweite Hälfte ihres Arbeitstages: In einer Konditorei verkauft sie an vier Abenden bis 20 Uhr Torten. Danach kümmert sie sich um Rechnungen und Bestellungen".

Damit beendet der Autor des Artikels den Auftritt von Frau Richter. Sie hat weiter nichts zu sagen, denn das Wort übernimmt sogleich ein als "Wirtschafts-Spezialist" vorgestellter Professor von der Universität Bayreuth. Er erklärt uns die Vorteile der Doppel-Jobber: Manche bessern damit den zu geringen Verdienst ihres Hauptjobs auf. Andere wollen sich Extra-Wünsche erfüllen, "zum Beispiel ein Traumauto". Wieder andere suchen einen "Ausgleich zum Hauptberuf". Die Arbeitgeber würden auch "hoch qualifizierte Kräfte" suchen.

Das sind die Kernaussagen des Artikels, der es insgesamt als etwas durchaus "Normales" darstellt, dass Arbeitnehmer heutzutage in mehreren Jobs arbeiten. Die Botschaft lautet: Nebenjobs liegen "im Trend".

Der soziale Hintergrund des Artikels dürfte sein, dass die Arbeitnehmer die Verlierer im gesellschaftlichen Verteilungskampf der 1990er Jahre waren. Die Lohnquote, d.h. der Anteil der Arbeitnehmer-Entgelte am Volkseinkommen, sank. Es gab weniger zu verteilen für die Bezieher von Masseneinkommen. Die Antwort der Interessengemeinschaft aus Wirtschaft, Politik, Medien und Wissenschaft an die Arbeitnehmer war: "Wenn ihr nicht mehr genug verdient, dann müsst ihr eben mehr arbeiten". Da die Botschaft in dieser Form aber Anstoß erregt hätte, tat man eben so – wie man es am vorliegenden Artikel studieren kann –, als ob es der eigene Wunsch der Arbeitnehmer sei, mehr zu arbeiten. Als ob der Nebenjob der neueste Mode-Trend sei.

Man muss kein Philologe sein und es bedarf auch keiner hermeneutischen subtilitas intelligendi, um die manipulativen Absichten des Artikels zu erkennen. Es ist leicht. Die PR-Strategen streben heute danach, "Begriffe zu besetzen". Das heißt, es kommt in der allgemeinen Publikumspresse viel weniger darauf an, dem Gang der Argumente zu folgen, als vielmehr darauf zu hören, in welchem Zusammenhang bestimmte Begriffe auftauchen.

Hier ist eine Übungsaufgabe für den Leser: Im vorliegenden Artikel werden die Normal-Arbeitenden und die Doppel-Jobber in folgenden Zusammenhängen genannt. Interpretieren Sie.

Normal-Arbeiter: Faulenzen

Doppel-Jobber: Trend, hoch qualifizierte Kräfte

Typisch ist der Aufbau des Tangram-Artikels insofern, als die Kernaussage des Berichts durch scheinbar kritische Einwürfe des Autors "eingerahmt" wird. Jeweils an den Anfang und an das Ende der Kerninformationen werden ein oder zwei Sätze gesetzt, die den Eindruck kritischer Stellungnahme vermitteln sollen. So ist der Titel: "Arbeiten bis zum Umfallen?", immerhin mit einem Fragezeichen versehen. Und im Schlusssatz teilt der Journalist mit, dass es durchaus auch Bedenklichkeiten gebe: "Die Doppeljobber müssen aufpassen: Wer zu viel arbeitet und in seinem eigentlichen Beruf nicht mehr genug Leistung erbringt oder gar vor Müdigkeit einschläft, bekommt natürlich ärger."

Journalisten bevorzugen diese "Sandwich-Struktur", wenn sie eine Botschaft transportieren wollen, die etwas Skandalöses enthält oder bei der sie Widerstände im Publikum vermuten. Die scheinkritischen Bemerkungen im Vor- und Abspann dienen nur dazu, die Kerninformationen zu "verpacken" und innere Widerstände der Leser erst einmal zu überwinden.

Diese Struktur kannte man früher nur von der Bild-Zeitung. Da wurde fantasievoll ausgemalt, wie der irre Serien-Mörder die Leiche beseitigte und nur am Anfang und am Ende des Artikels salvierte sich der Schreiber, indem er die feige und blutige Mordtat verurteilte. Von der Bild-Zeitung ist diese Technik längst in unsere Mainstream-Medien eingesickert.

Im Anschluss an den Text kommen Aufgaben für die Lerner. Es werden Statements präsentiert, die die Motive der Doppel-Jobber noch einmal zusammenfassen. Sie zeichnen ein beschönigendes Bild von ihrer Situation.

"Jürgen Kocher hat einfach bei seiner Tankstelle gefragt, ob die nicht eine Aushilfe brauchen. Jetzt braucht er sich um die Finanzierung seiner Weltreise keine Sorgen mehr zu machen". Ist es wirklich möglich, mit einem Tankstellen-Job eine Weltreise zu finanzieren? Ich fürchte, die koreanischen Studenten werden fantastische Vorstellungen von den deutschen Tankstellen entwickeln.

"Silke Behrens fehlte einfach was, sie brauchte einen Ausgleich". Im Hauptberuf ist sie Bürokauffrau, im Nebenjob arbeitet sie bei einer Wach-Firma. Den Rollenwechsel akzentuiert sie stilistisch dadurch, dass sie als Security-Frau einen Nasenring trägt. Aber abgesehen davon: Ich verstehe nicht, wie ein Nebenjob "Ausgleich" zum Hauptjob sein kann. Mehrarbeit als Ausgleich zu Arbeit?

Der nächste ist Gärtner. Abends legt er die Schürze ab und bindet sich rasch eine Krawatte um. "Jochen Freund braucht keine langen Vorbereitungen für seine Volkshochschulkurse. Das Unterrichten macht ihm Spaß, und das Extra-Geld kann er auch gut brauchen." Von dem zugehörigen Foto erhält man den Eindruck, dass der fixe Kollege ‚ohne lange Vorbereitungen’ womöglich DaF-Kurse leitet.

überhaupt ist festzustellen, dass Situationen aus dem modernen Arbeitsalltag das Lehrwerk stark prägen. Dagegen ist zunächst gar nichts einzuwenden, denn schließlich dürften junge Erwachsene die Hauptzielgruppe sein. Deren Interessen sind nun einmal Themen wie Bewerbung, Arbeitsplatz, berufliche Tätigkeiten etc.

Es fällt aber auf, dass das Denken und Handeln der Deutschen im Buch überaus stark von der Arbeit absorbiert zu sein scheint und sich unter anderem darum dreht, wie man den Anforderungen am Arbeitsplatz gerecht wird, die als solche außerhalb der Kritik stehen.

Eine lange Reihe von Personalleitern gibt Service-Informationen, wie man sich richtig verhält. Die Lerner sollen mitdenken: "Wer hat die besten Chancen? Ergänzen Sie die Aussagen der Chefs" (AB 2B, 106). Es zählen Flexibilität, Sprachkenntnisse, Auslandsaufenthalte. Nicht alles ist tunlich: "wenn man ein Jahr nach Goa geht und sich dort an den Strand legt, ist das natürlich zu wenig" (AB 2B, 88).

Der deutsche Arbeitsalltag scheint im übrigen nicht besonders erfreulich zu sein.

Im AB 2A, 39, wird eine Hotelchefin vorgestellt, die ihren Arbeitsplatz beschreibt. Ihre wichtigste Aufgabe ist es anscheinend, unfähige Mitarbeiter zu entlassen: "Ich muss alles unter Kontrolle haben: zuerst das Personal. Wir haben gute Leute, aber trotzdem muss ich sie ständig kontrollieren. Wenn jemand nicht gut ist, muss ich ihn entlassen. Dann das Gebäude. Wenn etwas nicht in Ordnung ist, muss ich es reparieren lassen. Und natürlich die Gäste."

Und so weiter. Vermutlich ist es ein Glück für die Gäste, dass sie erst an letzter Stelle in den Wahrnehmungsbereich der Chefin geraten. Unwillkürlich stellt man sich den Frühstücksraum vor, wenn die Chefin hindurcheilt. Verstummen die Gespräche? Blicken die Gäste geflissentlich ins Marmeladentöpfchen? Sie muss alles kontrollieren.

Dann ist da das Zimmermädchen, das unter der Arbeitsbelastung und der geringen Anerkennung leidet. "Wir Zimmermädchen sollen überall sein und alles erledigen", aber "an uns Zimmermädchen denkt kaum jemand". Sie sucht Trost bei ihrem Mann. "Reg dich nicht auf", sagt der. "Ihr seid auch ein Teil des Hotels. Wenn man euch nicht bemerkt, macht ihr eure Arbeit gut".

Wahrscheinlich lässt er dabei nicht einmal den Fernsehapparat aus dem Blick. Man erwartet natürlich nicht, dass der Ehemann Lösungen für das Problem der heutigen Arbeitsbelastung bereithält, aber wäre es nicht netter gewesen, wenn er gesagt hätte: "Jetzt mache ich uns erst mal einen schönen Tee, und dann sehen wir weiter. Vielleicht findet sich eine andere Stelle". Irgendwas in dieser Richtung jedenfalls. Er würde dann selbst für uns und für die Studenten als empathiefähige Person erkennbar.

Es ist, als ob die meisten Personen im Buch von einer Werbeagentur erdacht worden wären, die den Auftrag hatte, typische Situationen moderner Arbeitnehmer zu illustrieren: professionell gemacht, aber auch ein bisschen kühl und ohne Anregung für Fantasie und innere Anteilnahme.

Es gibt aber auch Ausnahmen. Iris Berben begründet im KB 2B, 82 , warum sie gerne unsterblich wäre. Sie ist damit eine der wenigen, die den Horizont der stets vernünftigen und disziplinierten Deutschen überschreiten dürfen: "Wie wunderbar das wäre, wenn ich immer weiter schauen könnte".

Ein anderer ist Hans Olaf Henkel, der Präsident des BDI von 1995 bis 2000 (KB 2B, 79f). Er schließt die Augen und träumt. Da sieht er ... Charlie Parker, den schwarzen Jazzer. Mit Saxofon. Dann hört er ein Geräusch: "ein Klopfen an der Tür. Er ist es selbst. Er drückt mir ein Saxofon in die Hand und sagt: Spiel es, hol alles aus ihm raus. Ich umarme mein Idol."

Der Industriepräsident am Saxofon. Er wirkt zwar etwas drollig, wie er da den Blues aus sich rausholt, "denn irgendwie habe ich ihn auch, ich spüre es". Aber er ist tatsächlich eine der wenigen Personen im Buch, die uns plastisch und mit menschlicher Tiefe entgegentreten.

Das heißt – wenn ich es mir genau überlege, beschleichen mich Zweifel, ob es mir zusteht, den Herrn Präsidenten des Bundesverbands der Deutschen Industrie als "drollig" zu bezeichnen. Nein. Drollig ist Herr Henkel nur im Lehrwerk Tangram. In der Wirklichkeit ist er es selbstverständlich nicht!


Copyright © 2006 by Hans Jürgen Müller


DaF-Szene Korea Nr. 23

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