Gibt es weltanschauliche Tendenzen in Unterrichtsmaterialien für Deutsch als Fremdsprache? Auf diese Frage soll in dem vorliegenden Beitrag eine Antwort gefunden werden.
Zunächst zu den Begriffen. Als weltanschaulich werden in diesem Artikel Themenbereiche verstanden, zu denen es bestimmte Vorstellungen oder Ideen gibt. Diese wiederum sind nicht einheitlich, sondern es gibt kontroverse Meinungen über sie. Solche Themenbereiche sind z.B. Wirtschaft, Gesellschaft, Religion, Kultur oder nationale Identität. Weltanschauliche Tendenzen liegen dann vor, wenn solche kontroverse Meinungen unterschiedlich gewichtet werden, wenn eine Meinung oder die eine Meinung vertretende Person eher positiv oder eher negativ gezeichnet wird, wenn bestimmte Standpunkte weggelassen werden. Da es sich hier um didaktisches Material handelt, zählen auch die Arbeitsaufträge zum untersuchten Gegenstand. Sind Fragen lenkend oder werden in Aufgaben pejorative Formulierungen verwendet, ist auch dies weltanschaulich tendenziös. Die Definition von DaF-Materialien ist hier weit gefasst. Jedes gedruckte oder audiovisuelle Medium, das didaktisiert ist und das dem DaF-Unterricht dienen kann, zählt dazu. Aus einer Vielzahl von Lehrwerken werden für den vorliegenden Artikel einige ausgewählt. Für das Thema werden exemplarische Fälle aus häufig verwendeten Lehrbüchern untersucht: Tangram und Themen vom Hueber Verlag, Eurolingua vom Cornelsen Verlag. Zudem werden ein Landeskundebogen und ein Themenheft des Goethe-Instituts betrachtet.
Weltanschauliches im DaF-Unterricht? Dazu noch eventuell tendenziös? Bei Unterrichtsthemen wie den Zahlen, dem Einkaufen, der Begrüßung, der Wohnungssuche?
Wohnungssuche? Betrachten wir dieses Thema einmal näher am Beispiel des Lehrbuches Tangram.
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Die Verteilung der Rollen in Gut und Böse bedarf keiner Erläuterung. Im Lehrbuch gibt es zu diesem Thema kein ergänzendes oder differenzierendes Beispiel, etwa von säumigen Mietern oder einem freundlichen Vermieter. Der Lerner wird mit diesem negativen Fall eines unverschämten Vermieters allein gelassen. Die an den Text anschließende dritte Frage ist lenkend und ohne triftigen Grund geschlossen: Als Antwort ist nur Ja oder Nein möglich. Nicht einengend und didaktisch wesentlich besser wäre eine W-Frage, z.B.: Welche Fragen wurden Ihnen bei der Wohnungssuche gestellt?
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Besonders in den Zeilen 9 bis 12, 18 bis 23 und 28 bis 30 wird die Sicht des Unternehmers deutlich: Der Einzelne hat ein funktionierendes Rad im Getriebe der Firma zu sein. Seine Existenz und Qualität als Mensch ist unerheblich. Es zählt nur das Erreichen der Firmenziele: Erzielung von Profit und reibungsloses Funktionieren aller.
Zur Didaktisierung. Die erste Frage unter "2. Was meinen Sie?" ist geschlossen. Die Antworten der Deutschlerner werden vermutlich nicht stark voneinander abweichen und erfordern auch keine große Mühe beim Nachdenken und Formulieren.

Auch hier fehlt ein Beispiel, das der Person gegenübergestellt wird. Z.B. von einem humanen und der Belegschaft gegenüber verantwortungsbewussten Unternehmer. Wer wird nach dem Lesen des Textes dem Fabrikdirektor gegenüber nicht negativ eingenommen sein? Welche Leser werden hier nicht verallgemeinern und damit Fabrikdirektoren in ihrer Gesamtheit als kalte Rationalisierer und Kapitalisten ansehen?
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Fünf der sieben Jugendlichen (A, D bis G) äußern sich deutlich gegen Weihnachten, z.T. feindselig. Als Hauptkritikpunkte lassen sich zusammenfassen:
- an Weihnachten gibt es nur eine aufgesetzte und gespielte familiäre Idylle
- Weihnachten ist ein inhaltsleeres Fest
Die zwei eher positiven Äußerungen (B und C) beziehen sich auf die materiellen Aspekte von Weihnachten und auf Weihnachten als Familienfeier. Die religiöse Dimension des Weihnachtsfestes wird von den Jugendlichen negiert oder gar nicht erst angesprochen.
Sind diese Antworten repräsentativ für Jugendliche in Deutschland?
Für das junge Alter der Befragten – die Jugendlichen sind vermutlich zwischen 10 und 16 Jahre alt – sind relativ viele abgeklärte und beinahe altkluge Meinungen zur Aufgesetztheit und Oberflächlichkeit des Festes dabei. Es erinnert ein wenig an die Ablehnung des Muttertags durch 40jährige Schwiegersöhne: "Das ganze Jahr ärger und mangelnder Respekt, und an einem Tag im Jahr eine Show und dann soll alles gut sein."
Zur Religion. Sicherlich hat für viele Jugendliche die christliche Bedeutung von Weihnachten abgenommen. Ein solches Umfrageergebnis ist in seiner säkularen Deutlichkeit trotzdem vermutlich eher für Großstädte wie Berlin oder die neuen Bundesländer repräsentativ. Im evangelischen Calw oder im katholischen Passau z.B. hätte man wahrscheinlich auch religiös geprägte Aussagen erhalten.
Didaktisch jedenfalls ist das Weglassen religiöser Äußerungen nicht klug. Man hätte eine Position mehr zur Identifikation bzw. Ablehnung der Lerner. Und wenn die Kursteilnehmer sprachlich gut genug sind, ist hier ein Transfer möglich: eine Diskussion im Erfahrungshorizont der Lerner. Z.B. darüber, welche Bedeutung landestypische religiöse Feiertage für sie persönlich haben: "Was bedeutet Buddhas Geburtstag für Sie/euch in Korea?"
Die Interview-Aussagen wirken – durch die Wiedergabe der direkten Rede, die auch Jugendsprache enthält – vermutlich sehr authentisch auf die Deutschlerner. Es ist zu vermuten, dass viele von ihnen nach der Lektüre glauben, dass Weihnachten in Deutschland ein bei Jugendlichen eher unbeliebtes Fest ist, das diesen nicht mehr viel bedeutet und das sie oft als verlogen ansehen.
Bei manchen DaF-Materialien fällt auf, dass bestimmte Personen oder Personengruppen viel häufiger vorkommen als es ihrem Anteil in der Bevölkerung entspricht. Auch das Verhalten bestimmter Personen ist z.T. eher ungewöhnlich. Möglicherweise führt dies zu falschen Rückschlüssen der ausländischen Deutschlerner auf die deutsche Gesellschaft. So gibt es überproportional viele WG-Bewohner, Personen mit alternativen Lebensformen und Zivildienstleistende. Auch Personen aus Subkulturen kommen häufig vor, z.B. ein Punker, dem vom Arbeitsamt das Arbeitslosengeld wegen seines Aussehens verweigert wird – und der sein äußeres trotzdem beibehält. In einem anderen Fall hat ein Mädchen zu Hause beim Frühstück seine Schuhe auf dem Tisch. Andere Personengruppen wiederum sind praktisch inexistent in den Lehrwerken – z.B. Wehrdienstleistende oder Geistliche.
V.a. bei den audiovisuellen Medien fällt auch auf, dass in den vergangenen Jahren Events, die hip und trendy sind, zunehmen und die offensichtlich piefigen und muffigen traditionellen Feste ablösen. Love Parade und Karneval der Kulturen statt Ostern und Fasnacht.
Zur Musik. Untersuchen wir in den Unterrichtsmaterialien Lieder und Interpreten auf ideologischen Gehalt, fällt auf, dass es neben unideologischen Liedern einige Lieder mit weltanschaulicher Ausrichtung gibt. In "Wozu sind Kriege da?" von Udo Lindenberg, der mit Liedern mehrfach in Lehrwerken erscheint, heißt es u.a.:
"…Viel Geld für die wenigen Bonzen
die Panzer und Raketen bau'n
und dann Gold und Brillianten kaufen
für ihre eleganten Frau'n
oder geht`s da nebenbei auch um so religiösen Mist…" (Auszug aus Themen 3, S.
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Weitere Beispiele sind im vom Goethe-Institut in Zusammenarbeit mit der Antifa herausgegebenen Heft Jugend gegen Rechts zu finden. Die sehr gute Idee der Didaktisierung von Völkerfreundschaft und Kampf gegen Rechtsradikalismus wurde hier umgesetzt mit einem Themenheft, in dem jugendliche Rock- und Punkbands vorgestellt und einige ihrer Lieder abgedruckt werden. Die Texte zeugen von politischem Engagement, das manchmal aber ein wenig weit geht, z.B. dann, wenn Deutschland pauschal für fremdenfeindliche Fälle kritisiert wird oder sich die Textschreiber in der Ausdrucksweise vergreifen. So heißt es in der letzten Strophe von "Deutschland … fall nicht wieder!" von der Gruppe "Last Try": "…Deutschland, Deutschland, geh doch unter, so ein Deutschland will ich nicht!"
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Etwas zweifelhaft ist hier die Zusammenarbeit des Goethe-Instituts mit der Antifa zu sehen. Schon lange hat die Antifa ein ambivalentes Verhältnis zur Gewalt. Der Begriff "Antifaschismus" wird von zahlreichen Antifa-Gruppen sehr weit gefasst. So gehören zu ihrem "Kampf gegen Faschismus" auch Aktionen gegen Studentenverbindungen oder gegen die Bundeswehr. U.a. werden Gelöbnisse von Rekruten seit Jahren von Antifa-Anhängern gestört – nicht nur verbal.
Ideologische Einseitigkeit in Unterrichtsmaterialien zeigt sich nicht nur daran, was und wie dargestellt wird. Sondern auch daran, was fehlt.
Es fehlt in den meisten Lehrwerken eine positive Identifikation mit dem deutschsprachigen Kulturraum. Viele Bücher wirken eigentümlich kühl und distanziert unserem Kulturraum gegenüber. Wenn man die ein oder andere Landkarte und die Sprache austauschen würde, könnten zahlreiche Bücher auch Dänisch-, Französisch- oder Polnisch-Lehrbücher sein. Schon der Einband ist häufig austauschbar: Photos gesichtsloser Innenstädte, schlendernde Jugendliche. Innen sieht es wenig anders aus. Wer Bilder vom Prater, vom Kölner Dom oder vom Vierwaldstättersee erwartet, wird i.d.R. enttäuscht.
Teilweise wird Identifikation mit dem eigenen Land oder nationale Identität geradezu abgestritten oder mit negativen Untertönen versehen, zumal wenn es um Deutschland geht. Ein Beispiel:
"Was heißt hier deutsch?
Die Deutschen stammen von mindestens fünf sehr unterschiedlichen germanischen Stämmen ab – Franken, Sachsen, Alemannen, Lothringer und Bayern. Die Preußen, Inbegriff deutscher Zucht und Ordnung, sind keine Germanen, sondern ein baltisches Volk, also eigentlich Ausländer. Wer Deutscher ist, lässt sich also nicht so genau sagen.
Ein Viertel aller "deutschen" Wörter kommt aus anderen Sprachen. Das Auto ist zwar eine deutsche Erfindung, das Wort "Automobil" ist aber halb Latein, halb Griechisch. …"
(Auszug aus Eurolingua 3, S. 105)
Ein weiterer Punkt: Die große Verbreitung und damit die Internationalität der deutschen Sprache wird in den DaF-Materialien fast gar nicht berücksichtigt. Eine Karte, auf der die deutschsprachigen Gebiete Europas abgebildet sind? Informationen zu deutschsprachigen Minderheiten außerhalb von D-A-CH? Die Erwähnung, dass im Elsass mehrere 100.000, in Ost- und Südosteuropa ebenfalls mehrere 100.000, in Südtirol ca. 300.000, in Süd- und Nordamerika mehrere Millionen Menschen zu diesen Minderheiten gehören? Fehlanzeige.
Auch andere Möglichkeiten, die deutsche Sprache und Deutschland positiv oder wenigstens angemessen darzustellen, werden vertan. Die gerade in Ostasien – auch unter jungen Leuten – beliebten Volkslieder wie "Lorelei" oder "Heideröslein" gibt es in kaum einem Lehrwerk. Warum ist auch nirgends ein Abdruck der deutschen Nationalhymne zu finden?
Wie in dem Beitrag deutlich geworden sein dürfte, ist den Lehrbuchautoren doch sonst sehr an der Vermittlung eines modernen Deutschlandbildes gelegen. Mit dem "Lied der Deutschen" könnte gezeigt werden, dass der Text mit seinem "Einigkeit und Recht und Freiheit" der mit Abstand modernste aller bekannteren Nationalhymnen ist – Grundgesetz-kompatibel, friedlich, demokratisch. Ein weiterer Vorteil, v.a. beim Anhören oder Singen der Hymne: Der Wiedererkennungseffekt dürfte für die meisten Deutschlerner relativ groß sein. Bei Olympischen Spielen und Fußballturnieren wird das "Lied der Deutschen" oft gespielt.
In diesem Beitrag wurden Beispiele aus verschiedenen weltanschaulich sensiblen Themenbereichen untersucht – aus dem Bereich Wirtschaft und Soziales die Wohnungssuche und die Rede eines Fabrikdirektors, aus dem Bereich Religion die Meinung von Jugendlichen zu Weihnachten, aus dem Bereich Kultur die Auswahl von Liedtexten.
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass bei weltanschaulichen Themen in DaF-Unterrichtsmaterialien Meinungspluralismus, Repräsentativität der ausgewählten Beispiele und ausgewogene Darstellung nicht immer ausreichend berücksichtigt werden. Manche Lehrwerke enthalten also weltanschaulich tendenziöse Passagen. Arbeitsaufträge sind oft geschlossen und lenkend und engen dadurch den Spielraum für Meinungsäußerung und Kommunikation der Lerner erheblich ein. Die Ausgangsfrage vom Beginn des Artikels muss also mit Ja beantwortet werden.
Weitere Fragen, die allerdings den Rahmen eines Beitrags für die "DaF-Szene Korea" sprengen, schließen sich an. Warum sind DaF-Lehrwerke z.T. tendenziös? Ist den Autoren ihre weltanschauliche Einseitigkeit bewusst? Wie stark werden Vorstellungen der Deutschlerner, z.B. ihr Deutschland-Bild, durch Unterrichtsmaterialien beeinflusst? Und schließlich: Welche Konsequenzen können die Lektoren und DaF-Lehrer aus diesen Ergebnissen für ihren Unterricht ziehen?
Aufderstraße, Hartmut et al.: Themen 3, Kursbuch. Ismaning: Max Hueber Verlag 1986.
Dallapiazza, Rosa-Maria et al.: Tangram 2A. Ismaning: Max Hueber Verlag 2000.
König, Michael; Funk, Hermann: Eurolingua Deutsch 3. Frankfurt: Cornelsen Verlag 1999.
Simon-Pelanda, Hans: Advent und Weihnachten, Landeskundebogen 4. München: Goethe-Institut Inter Nationes 2002.
Waldinger, Karl-Georg: Schüler gegen Rechts. München: Goethe-Institut 1994.
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