Andrea König

Ohne schlechtes Gewissen frontal unterrichten

Herbert Gudjons: Frontalunterricht – neu entdeckt: Integration in offene Unterrichtsformen, Klinkhardt, 2003


Frontalunterricht als stundenlange Ein-Weg-Kommunikation ist out. Frontalunterricht als eine Sozialform im Unterricht ist unabdingbar und effektiv. Gut gemachter Frontalunterricht allemal!

Gudjons’ Bücher gehören wohl in eine jede gute Bibliothek für angehende als auch gestandene Pädagogen, denn der Hamburger Erziehungswissenschaftler versteht es, unterhaltsam und fundiert, pädagogisches Wissen zu vermitteln und Anregungen für einen lebendigen, abwechslungsreichen und durchdachten Unterricht zu geben.

Obwohl nicht in erster Linie für den Sprachunterricht – und schon gar nicht für den DaF-Unterricht im Ausland – geschrieben, und auch mehr mit Blick auf Schüler verschiedener Altersklassen als auf Studenten, sei hier Gudjons’ Buch über den Frontalunterricht besprochen; handelt es sich doch um eine kurzweilige und allgemein bildende Lektüre.

Eine der Stärken Gudjons’ ist ganz klar die kurzweilige Sichtung der vorhandenen Fachliteratur und der gegenwärtigen Diskurse in der Didaktik. Viele aktuelle Problemstellungen in Didaktik und Methodik und im Unterrichten werden reflektiert und mit dem Schwerpunkt Frontalunterricht verbunden. Gudjons stellt kurz einordnend mehr und weniger namhafte Vertreter und Diskussionen vor und zitiert gekonnt, ohne den eigenen Text zu zerreißen oder auf Fußnotenmonster auszuweichen. Somit ist das Buch ein sehr guter Wegweiser durch die allgemeine Didaktik.

Beginnend mit dem Kapitel "Vom mittelalterlichen Haufen zum modernen Klassenunterricht" nimmt Gudjons den Leser zunächst auf einem Streifzug durch die (europäische) Geschichte des Unterrichtens mit.

Im zweiten Kapitel listet der Autor zehn Argumente gegen den Frontalunterricht, um im dritten Kapitel Antworten zu finden auf die Frage "Warum ist Frontalunterricht so schön?". Hier nennt Gudjons Vorteile und didaktische Funktionen dieser Unterrichtsform.

Wer mehr auf praxisorientierte Betrachtungen aus ist, kann vor allem im vierten Kapitel "Guter Frontalunterricht: Methodische Möglichkeiten" und im fünften "Guter Frontalunterricht: Raumregie, Körpersprache und Interaktion" fündig werden.

Allemal bekommt jeder und jede hier Tipps und Denkanstöße für den eigenen Unterricht.

Gudjons will vor allem gegen das schlechte Gewissen, das viele Lehrer beim frontalen Unterrichten plagt, angehen. Dem Negativum Frontalunterricht setzt er eine neue Sichtweise und eine andere Definition entgegen und füllt diese so oft beschimpfte Form des Unterrichtens mit neuen Ideen.

Obwohl Gudjons durchaus Kritik an der gängigen Unterrichtspraxis übt, hat er auch Lob über. Er reiht sich nicht in allgemeine Klagegesänge gegen den Frontalunterricht, sondern übt konstruktive Kritik, legt Schwachstellen offen, hält den Finger auf die Wunde – und verordnet keine bittere Medizin, sondern gibt leicht nachvollziehbare Beispiele und hilfreiche Ratschläge. Hier wird nicht das Rad neu erfunden, vielmehr geht es um effektive Neudefinierung und Nachbesserung. Gudjons geht es nicht darum, den oftmals schlecht gemachten Frontalunterricht lediglich zu rechtfertigen oder anderen Lehrmethoden vorzuziehen. Er sieht stattdessen dessen wichtige und feste Funktion im Zusammenspiel der unterschiedlichen Sozialformen eines gut durchdachten und strukturierten Unterrichts. Schnell wird herausgestellt, dass Frontalunterricht nicht als ein Gesamtkonzept begriffen, sondern als eine der Sozialformen des Unterrichts betrachtet werden muss und neben den Sozialformen Gruppenarbeit, Partnerarbeit und Einzelarbeit als unverzichtbar gilt.

Im vierten und fünften Kapitel werden Tipps für einen gut gestalteten Frontalunterricht gegeben oder besser gesagt: für die Unterrichtsphasen, die frontal gehalten werden. Themen sind z.B. die Sitzanordnung der Schüler, die Position der Lehrkraft im Raum, Körpersprache von Blickkontakt bis Körperhaltung etc. Klingt vielleicht banal, wird aber von Gudjons mit Beispielen, Diagrammen, Skizzen und Fotos anschaulich und auch für alte Hasen interessant vermittelt.

Sehr aufschlussreich ist z.B. das Aufzeigen der Parallele zwischen Klassenraum und Theaterbühne, wenn es um das Agieren im Raum und die Gewichtung und Wirkung des Stimmeinsatzes des Lehrers geht.

Konkrete Tipps sind u.a., dass der Lehrer während des Tafelanschriebs grundsätzlich nicht sprechen soll, denn "schweigt die Lehrkraft während oder nach dem Tafelanschrieb und wendet sich mit offenem Blick ohne Worte der Klasse zu, entsteht symbolisch ein Kommunikationskreis, bei dem sich ein verstärkter Kontakt zwischen Tafel (Sender) und Schüler (Empfänger) ergibt, der durch den Körper der Lehrkraft (=verstärkender Blick auf Schüler und Schülerinnen) unterstützt wird." (229).

Zu vermeiden hingegen ist ein Sich-anschleichen von hinten gerade bei pubertierenden Jugendlichen, die auf Körpernähe sehr empfindlich reagieren können.

Weiter geht es zu günstigen Positionen des Lehrers im Klassenraum bei verschiedenen Unterrichts- bzw. Gesprächssituationen: das freie Stehen in der Nähe des Lehrertisches, wobei die ganze Körperlänge zu sehen sein sollte (228), außerdem "muss die Lage des Fensters bedacht werden", damit die Schüler nicht etwa bei längeren Vorträgen oder wichtigen Mitteilungen gegen das Licht schauen müssen. (220)

Oder haben Sie sich schon Gedanken darüber gemacht, inwiefern das Prinzip des Goldenen Schnitts aus der darstellenden Kunst im Klassenraum für die Positionierung des Lehrers eine Rolle spielen könnte?

Bei all den Ratschlägen zum bewussten Einsatz von Körper und Stimme im Raum wird aber ausdrücklich angemerkt, dass die Originalität der Lehrpersönlichkeit keiner Künstlichkeit geopfert werden darf. (230).

Interessante Ausführungen werden über Interaktion insbesondere subjektive Theorien in der Interaktion gemacht. (232ff)

Hier fand ich ein Problem behandelt, mit dem sich jeder Lehrer im interkulturellen und kulturübergreifenden Unterrichten auseinandersetzen sollte. Es geht um subjektive Theorien der Lehrkräfte über ihre Schüler. Jene setzen sich zusammen aus Theoriebausteinen aus dem Studium, Gelesenem, aus Berufserfahrung, persönlichen Gedanken, eigenen Konstruktionen. Eine Folge ist, dass wir plausible Erklärungen für Unterrichtsgeschehen suchen und schlussfolgernd versuchen, den Vorgängen eine innere Logik zu geben, die uns dann wiederum zu bestimmten Handlungsmustern führt. "Auffällig ist, dass Schüler und Schülerinnen, die unserem Idealbild entsprechen, mehr gefördert werden als andere." (233u.)

Interessant in diesem Zusammenhang ist der "Pygmalion-Effekt", dem zufolge unsere Erwartungen an einzelne Schüler oder Klassen Auswirkungen auf die tatsächliche Interaktion haben (234): favorisierte Schüler erfahren positive Zuwendung, schlechte werden oftmals abgestempelt; bei andauernder "voreingenommener" Behandlung konnte eines nachgewiesen werden: gute Schüler werden besser, schlechte bleiben schlecht, d.h. die Leistung und das Verhalten des Schülers nähert sich den Erwartungen des Lehrers an.

Besonders gefährlich: Lehrer, die anfällig sind für negative Erwartungseffekte und sich entweder reaktiv verhalten, indem sie die betreffenden Schüler mehr oder weniger übergehen bzw. diese aktiv durch Vorführen der Schwächen behelligen.

Haben Sie schon einmal darauf geachtet, ob Sie Jungs oder Mädchen, bessere oder schwächere, ruhige oder aufgeweckte, sympathische oder unsympathische, vorn, mittig, hinten sitzende Schüler häufiger dran nehmen? Oder Schüler mit leicht zu merkenden Namen eher als die mit schwierige Namen?

Abschließend zu diesem Thema lässt sich feststellen, dass auf längere Sicht, gute Lernleistungen der gesamten Klasse grundsätzlich von der "Lehrersprache" abhängig sind. Es gilt (und das explizit für den DaF-Lehrer) ein "Vermeiden unnötiger Fremdwörter [es sei denn es handelt sich um helfende Anglizismen oder Internationalismen; a.k.], klare Fragen, die Auswahl geeigneter Beispiele, Ansprechen der Schüler auf ihre Lernschwierigkeiten, die Anordnung des Stoffes, das Anknüpfen an die Lerngeschichte der Schüler". (236)

Ein weiterer Punkt, auf den ich näher eingehen möchte, ist das Thema Rituale im Unterricht. (242) Nach kurzer Gegenüberstellung der Pro- und Kontraargumente ergreift Gudjons eindeutig Partei für Rituale sei es als Wochen- oder Schuljahreseinstieg oder am jeweiligen Ende von Einheiten oder in tageszeitlich bedingten Unterrichtssituationen.

"Regelmäßig wiederkehrende Formen schaffen Klarheit, geben Sicherheit, ... sind von großem Wert für Gemeinschaftsbildung in der Klasse." (246) Rituale "stiften das Gefühl der Zusammengehörigkeit und Identität". (248)

Wie wäre es mit einem Feedback per Daumenprobe am Stundenende?

Ein interessanter Vorschlag um nach lauten Phasen bei Gruppearbeit für Ruhe zu sorgen:

"Lehrkraft hebt die rechte Hand. Von jetzt ab hat jeder noch einige Minuten Zeit, Seitengespräche zu Ende zu bringen... Erst wenn der Schüler bereit ist zu schweigen, hebt er ebenfalls die rechte Hand. ... Nacheinander heben alle die Hand, bis Ruhe eingetreten ist. Die Zeit, die dieses Ritual kostet, wird aufgewogen durch die authentische Bereitschaft zu Ruhe und Konzentration." (246)

Statt der Lehrerstimme könnte man auch andere akustische Signale (z.B. mit Instrumenten, Klangkörpern) setzen für bestimmte Situationen, Ende der Partner- oder Gruppenarbeit, Buch aufschlagen, zur Ruhe kommen, Stundenbeginn etc. – was auch die "ohnehin überbeanspruchte Stimme der Lehrkraft" schont.

Im fünften Kapitel behandelt Gudjons auch das Thema Persönlichkeit der Lehrkraft und der Stil des Frontalunterrichtes. Dies ist völlig unabhängig von Schulsystem, Altersgruppe der Lerner, Kursformen und –inhalten. Es geht um vier Grundtendenzen der Persönlichkeit des Lehrers in der Beziehung zur Klasse: Distanz vs. Nähe und System, Ordnung und Dauer vs. Sehnsucht nach Freiheit und Spontaneität, kurz charakterisiert durch "Bleibt mir bloß vom Leib!" vs. "Habt mich lieb!" bzw. "Wohin kämen wir, wenn ..." vs. "Jede Stunde ein Gag".

In der Regel verfügt jede Lehrkraft über alle vier Tendenzen, aber sie sind unterschiedlich ausgeprägt vom "Distanzmenschen" bis zum "Ordnungsfanatiker". Dabei sollte es auf eine grundsätzliche Ausgewogenheit ankommen. "Guter Frontalunterricht zeichnet sich dadurch aus, dass die Lehrkraft ihre überdominanten Tendenzen kontrolliert und ihre unterentwickelten gezielt bearbeitet und verstärkt." (250)

Die Charakterisierung der vier Grundtendenzen regt zur Selbstreflektion und kritischen Betrachtung der eigenen Lehrpräsenz an. Welcher Typ bin ich, wo liegen meine Stärken und Schwächen?

Im letzten Kapitel formuliert Gudjons dann noch einmal die "Perspektive: Frontalunterricht in offene Unterrichtsformen integrieren". "Viel wäre schon erreicht, wenn sich allein das quantitative Verhältnis von Frontalunterricht und offenen Unterrichtsformen verändern [...] (und) wenn der Frontalunterricht endlich nach neuesten Standards praktisch gestaltet würde." (255)

Abschließend seien die Situationen benannt, in denen frontales Unterrichten sinnvoll und nicht austauschbar ist; diese Funktionen des Frontalunterrichts sind (265f):

Frontalunterricht – neu entdeckt ist lesenswerte Lektüre, ein Buch, das zeigt, wie guter Unterricht aussehen kann. Es werden neue Wege aufgezeigt und alt Bewährtes manchmal zu Unrecht Kritisiertes aufgewertet und mit neuen Ideen gefüllt.

Gudjons zeigt sich auch mit diesem Buch als ein Didaktiker, der Theorien und Praxis gekonnt miteinander verbindet und Lehrern gute Anregungen für die Optimierung des eigenen Unterrichts in die Hand gibt.


Copyright © 2006 by Andrea König


DaF-Szene Korea Nr. 23

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