Stefan Carl

Ausgerechnet Korea


Wenn du reisen willst, verlange von der Gegend, in die du reist, alles: schöne Natur, den Komfort der Großstadt, kunstgeschichtliche Altertümer, billige Preise, Meer, Gebirge – also: vorn die Ostsee und hinten die Leipziger Straße.
(Kurt Tucholsky: "Die Kunst, falsch zu reisen")

I

Zu meinen ersten Eindrücken, die mich kurz nach meiner Ankunft in Südkorea in Erstaunen versetzten, gehörte der Blick auf eine Freizeitbeschäftigung einiger Koreaner, die sich in einer Art Wüstenlandschaft am Rande einer Autobahn zwischen Incheon und Seoul abspielte und etwas zu viel Staub aufwirbelte. Meine hilfsbereite Kollegin hatte mich gerade vom Flughafen abgeholt und saß – gewissermaßen als begleitendes Lexikon – neben mir im Bus, auch um mir meine permanente Ratlosigkeit zu nehmen. Was die Menschen da machen, wollte ich von ihr wissen. Golf spielen, sehr populär hier, bekam ich als Antwort zu hören. Noch größeres Staunen. Ich vermisste irgendetwas Grünes auf dem Gelände, ein paar Bäume oder Sträucher, ein Stück Rasen oder wenigstens ein paar Büschel Gras. Stattdessen lag da nur Sand, durch den die Koreaner stapften und dabei ihre liebe Mühe hatten, die abgeschlagenen Golfbälle zu finden.

Später, bei der Einfahrt in Seoul, breitete sich das Steinmeer der Stadt aus: nicht enden wollende Straßenzüge, in Beton gegossene übergangslose Wohn-Arbeits-Vergnügungs-Viertel und an den Dächern und Hauswänden eine Flut von Reklametafeln, die jeden genaueren Blick auf die hässlichen Fassaden zu kaschieren versuchen. Das äußere Bild ändert sich schlagartig, sobald man ein Gebäude betritt. Kaum ein Café oder Geschäft, das nicht eine gewisse Eleganz ausstrahlt. Oft ist die Inneneinrichtung geschmackvoll und tröstet so über die schlecht gelaunte Stadtarchitektur hinweg.

Wie hart um die Gestaltung des öffentlichen Raums gerungen wird, zeigt auch das Beispiel des Cheonggyechon Kanals in Seoul. Ursprünglich gab es an dieser Stelle einen richtigen Fluss, der wohl im Zuge der wirtschaftlichen Aufholjagd Südkoreas zum Teil trockengelegt und von einem Highway überbaut wurde. Aber auch hier findet ein Umdenken statt. Natur und Erholung nehmen ansatzweise wieder einen höheren Stellenwert ein.

II

Seoul ist eine lichte Stadt. Die Reklametafeln erstrahlen bereits bei einsetzender Abenddämmerung und illuminieren das bis dahin vorherrschende Grau und tauchen es in buntes Licht. Auf den Straßen und in den Vierteln, in denen es nie dunkel wird und wo es keinen Unterschied macht, ob es Tag oder Nacht ist, weil es weder Ladenschlusszeiten noch geregelte Arbeitszeiten nach mitteleuropäischem Verständnis gibt, zeigt die Stadt unverstellt ihr Antlitz.

Irritierend sind nicht die Menschenmassen an sich, die sich auf den Bürgersteigen gegenseitig den Weg versperren, sondern die Hingabe, mit der allerorten und allzeit konsumiert wird. Der kleinste gemeinsame Nenner sind ein gutes Essen und ein gemeinsamer Bummel durch die Einkaufszentren, wenn man sich verabredet. Dabei kümmert sich niemand um die Uhrzeit, weil man sowieso zu spät kommt. Dann benutzt man sein Handy, ein unverzichtbares Werkzeug, mit dem das Leben erst lebenswert wird – und telefoniert in sehr vielen Fällen nur, um Termine zu verschieben oder sich für eine zu erwartende Verspätung vorab zu entschuldigen.

III

Gern würde ich auch ein richtiges Problem beschreiben. über eitel Sonnenschein will schließlich niemand etwas lesen. Am Anfang bemühte ich mich ganz ernsthaft, irgendeine Schwierigkeit zu finden, die ich unbedingt erwähnen sollte. Als mir absolut nichts einfiel, dachte ich an dieses Zitat, dass ich über die Anpassungsschwierigkeiten eines Ausländers in China gehört hatte und das sinngemäß wie folgt lautete:
"Bist du eine Woche hier, möchtest du ein ganzes Buch darüber schreiben. Bist du einen Monat hier, möchtest du eine Kurzgeschichte schreiben. Bist du aber ein Jahr hier, dann fängst du an zu schweigen."

Die Anpassung an hiesige Um- und Zustände vollzieht sich so rasch. Und wie viele Dinge werden auf einmal so schnell selbstverständlich, dass man sie nicht mehr als etwas Besonderes wahrnimmt. Interessanter ist deshalb die Frage, wie lange man hier sein muss, ohne das Maß an täglicher Neugier zu verlieren.

IV

Wie kommt man eigentlich dazu, ausgerechnet in Südkorea leben und arbeiten zu wollen. Komischerweise bekam ich diesen Satz (als verstellte Frage) in den ersten Wochen nicht von Koreanern zu hören, sondern von Deutschen, die selbst schon einige Jahre in Südkorea leben und wohl selbst immer noch nach einer Antwort darauf zu suchen scheinen. Dabei ist die Frage umso einfacher zu beantworten, je länger man hier lebt. Die Tage hören nie auf, an denen es etwas Neues zu entdecken gibt.


Copyright © 2006 by Stefan Carl


DaF-Szene Korea Nr. 23

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